Die Lust am Lesen wecken

Fragen der Gestaltung einer Zeitschrift im Zusammenspiel von Kunst und Technik

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Als wir beschlossen, das Layout der Sozialimpulse zu modernisieren, ahnten wir nicht, welches Abenteuer auf uns zukommen würde. Am Anfang standen Rückmeldungen aus der Gruppe derjenigen Leserinnen und Leser, die keinen emotionalen Bezug zu der im Institut und im Netzwerk in den letzten dreißig Jahren geleisteten Arbeit hatten und die Hefte deshalb relativ unbefangen
anschauten. Sie bemängelten, dass die Zeitschrift zwar viele interessante Artikel enthielt, aber nicht einladend oder ansprechend genug war, um sie von sich aus in die Hand zu nehmen und darin zu blättern. Lediglich aufgrund einer persönlichen Empfehlung habe man doch einen Artikel gelesen. Dabei stellte sich dann heraus, dass die Texte meist viel spannender waren als erwartet.

Daraufhin mussten wir uns die Frage stellen: Wie muss eine Zeitschrift mit brisanten Themen und fesselnden Texten aussehen, die zum Blättern einlädt und zum Lesen verführt? Gleichzeitig galt es aber, die gestalterischen Möglichkeiten im Rahmen unserer Ressourcen auszuloten. Ein Vierfarbdruck auf Hochglanzpapier beispielsweise war von vornherein ausgeschlossen.

Zuerst untersuchten wir das Titelblatt. Es ist das Aushängeschild der Zeitschrift. Wir hatten die Vorstellung, es in einen farbigen Kopf-, einen weißen Mittel- und einen farbigen Fußbereich aufzuteilen. Im Mittelbereich sollten die Titel der wesentlichen Artikel übersichtlich aufgeführt werden wie bisher, ohne das Netzwerk-Logo im Hintergrund. Unsere Grafikerin Kathrin Jochum schlug vor, eine Grafik auf die Titelseite zu setzen. Das überzeugte uns ziemlich schnell, denn das weckt Neugier und Interesse und ist nicht sehr aufwändig in der Umsetzung. Die Titelgrafik ist jetzt das erste künstlerische Gestaltungselement, dem Sie künftig begegnen werden. Für uns Redakteure wird es eine bleibende Herausforderung sein, zu den Themenschwerpunkten jeweils eine  passende Grafik zu finden: ein neues Aufgabengebiet bei der Erstellung unserer Zeitschrift.

Wir haben viel Zeit investiert, um eine Form für den Kopfbereich zu finden, haben die unterschiedlichsten Formen ausprobiert und wieder verworfen. Schließlich haben wir uns für eine Trapezform entschieden. Sie hebt die Zeitschrift optisch hervor, ist aber nicht zu aufdringlich oder verspielt. So entsteht insgesamt ein frischeres und moderneres Erscheinungsbild.

Im Fußbereich steht nun der Herausgeber mit Logo. Zwischenzeitlich überlegten wir, ob auch das Logo geändert werden sollte, haben die Frage aber zurückgestellt.

Ein wichtiger Aspekt bei der Gestaltung ist das haptische Erlebnis: Welches Gefühl entsteht, wenn man eine Zeitschrift in die Hand nimmt und das Papier berührt? In der Druckerei Scheufele in Stuttgart, in der die Zeitschrift schon seit vielen Jahren gedruckt wird, ließen wir uns beraten. Wir waren erstaunt, wie viele unterschiedliche Papiersorten es gibt. Grundsätzlich unterscheidet sich Papier in vier Dimensionen: Holzdichte, Farbe, Dicke und Oberfläche (glatter oder rauer). Schnell war klar, dass wir kein glattes Papier haben wollten. Die Rauheit des bisherigen Papiers,  verbunden mit seiner Dicke, vermittelt Wertigkeit. Man fühlt beim Anfassen: das ist kein Wegwerfprodukt.

Der Clou beim bisher verwendeten Papier („Munken Print White 15 white“, 100 g/qm) war, dass es kleine Luftbläschen enthält, weil es künstlich aufgeschäumt wird und somit dicker wirkt, als es ist. Diese Eigenschaft wirkt sich nicht auf das Gewicht eines Heftes aus, bestimmt aber entscheidend das haptische Erleben.

Der einzige Nachteil aus unserer Sicht war die gelbliche Farbe. Hier hätten wir uns ein weißeres Papier mit ansonsten gleichen Eigenschaften gewünscht. Die nun gewählte  Papierart („Magno Natural“, 100 q/qm) ist weißer als das „Munken“, aber nicht ganz so dick. Wir sind gespannt auf das Ergebnis im haptischen Bereich.

Im Innenbereich haben wir die Texte in einen Magazin- und einen Forschungsteil gegliedert.

Der Forschungsteil wird unter Beachtung wissenschaftlicher Kriterien veröffentlicht, mit zitierfähigen Artikeln, die in der Folge eine Rolle im akademischen Diskurs spielen können, auch weil sie in
Verteilern und Bibliotheksverbünden gelistet werden. Der Forschungsteil erscheint weiterhin zweispaltig, wird aber durch Zitate und Infokästen optisch aufgelockert.

Der Magazinteil enthält die Rubriken: Berichte, Zeitgeschehen, Debatte, Bücher und lädt zum Lesen ein. Er wird nun dreispaltig erscheinen, auch hier gliedern Infokästen und Zitatblöcke den Text. Großzügig gestaltete Weißflächen unterstreichen den lesefreundlichen Magazincharakter.

Die Schrift der Zeitschrift haben wir ebenfalls geändert. Die bisher verwendete „Futura“ war Mitte der 1920er Jahre aus dem Bauhausgedanken heraus entwickelt worden. Ihr besonders Kennzeichen ist, dass die Formen, aus denen sich die Buchstaben zusammensetzen, sehr geometrisch sind: es sind praktisch nur Kreise und gerade Linien. Deshalb gehört sie zur Gruppe geometrischer, serifenloser Schriften. Sie wirkt elegant und in ihrem Erscheinungsbild zeitlos modern, wird aber den heutigen Anforderungen an fremdsprachliche Schriftzeichen und Internetnutzung nicht gerecht.

Im Fließtext verwenden wir deshalb jetzt die „Jost“, ebenfalls eine geometrische und serifenlose Schrift, die der „Futura“ sehr ähnlich ist. In den großen Überschriften verwenden wir weiterhin die „Futura“. Eine letzte Neuerung: Der Fließtext wird künftig in Schwarz gedruckt, um die Lesbarkeit zu verbessern. Farbig sind ab jetzt nur noch Überschriften, Infokästen und die Elemente auf der Titelseite.

Man sieht es am Ende dem Produkt nicht an, wie viele Fragen im Bereich zwischen Kunst und Technik bewegt worden sind. Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldungen und sind gespannt, ob unsere gestalterischen Hoffnungen erfüllt wurden.