Corine Pelluchon: Die Durchquerung des Unmöglichen

Im 21. Jahrhundert wird sich angesichts der großen Herausforderungen vieles noch einmal grundlegend ändern. Soll es eine positive Änderung sein, steht uns ein Wandel bevor, der – vielleicht darf man es so in den Zukunftsblick nehmen – noch umfassender sein wird als jener der letzten 250 Jahre, der uns von der Dampfmaschine über die Elektrifizierung und Automatisierung hin in eine digitale und global vernetzte Welt geführt hat. Obwohl das Wohlstandsversprechen, das mit der Entwicklung wachsender Produktion einherging, bisher nur für einen Teil der Menschheit eingelöst wurde, ist ein Weiter-so nicht möglich. Es würde den Weg in den Abgrund des ökologischen Kollapses vollenden und unsere zivilisatorischen Errungenschaften mehr als bedrohen. Sie könnten vollständig verloren gehen und mit ihnen jede Perspektive von Humanität. Die Vorboten einer solchen Welt erleben wir gerade, nachdem wir – am Ende der Geschichte (Francis Fukuyama) angekommen – vermeinten, die Kriege und Konflikte des 20. Jahrhunderts hinter uns lassen zu können.

Der Zusammenbruch jeglicher Zivilisation ist jedoch nicht das einzig mögliche Szenario. Können wir nicht auch Keime eines neuen, anderes verkündenden Zeitalters sehen? Was heute noch  unmöglich scheint, kann morgen erreicht werden. Die Perspektive dabei: „Die Durchquerung des Unmöglichen“, wie der Titel des im September auf Deutsch erschienenen Buches der französischen Philosophin Corine Pelluchon lautet und – so der Untertitel – von der „Hoffnung in Zeiten der Klimakatastrophe“ handelt.

Für den im Deutschen schwierigen Begriff der Hoffnung gibt es im Französischen zwei Wörter mit unterschiedlicher Bedeutung. Vielleicht wäre der bei Pelluchon gemeinte Begriff besser mit „Zuversicht“ zu übersetzen gewesen, bei dem auch im Deutschen die tieferen Schichten von Hoffnung durchklingen können. Gemeint ist jedenfalls nicht ein Optimismus, der trotz aller düsterer Aussicht einen guten Ausgang erhofft. Der Begriff der Hoffnung, wie ihn uns die Autorin nahezubringen versucht, weist vielmehr auf seelische Beobachtungen hin, die jeder Mensch selbst machen kann.

Beschrieben wird, wie wir angesichts eines erlittenen „Horizontverlustes“ auf der Suche nach neuen Möglichkeiten in ein inneres Gebiet von Freiheit gelangen, durch das wir uns der Welt und den  Mitmenschen ganz neu gegenübergestellt finden. Vor dem illusionslosen Ausgangspunkt, der die Möglichkeit des Todes oder des Unterganges in sich trägt, kann ein Handeln neuer Qualität sichtbar werden. Ein Handeln, dem es nicht mehr um ein Herrschen über seine Mitmenschen geht oder um Kontrolle über sich selbst, auch nicht um ein rücksichtsloses Beherrschen der Kräfte der
Natur. – Wiedergeboren werden wir nackt und hilflos. 

Corine Pelluchon verbindet in ihren Darstellungen eigene seelische Erfahrungen mit der gegenwärtigen Weltlage, in der sich die Menschheit insgesamt befindet. Der Horizontverlust
ist ein allgemeiner geworden. Aus der tief ausgeloteten Wahrnehmung ihrer eigenen Innenwelt schöpft sie die Gewissheit einer möglichen Heilung jener Wunden, die uns ein „Entwicklungsmodell von Fortschritt und Wachstum“ und eine „Anthropologie, die auch das Fundament des Neoliberalismus bildet“, geschlagen hat. Im Gegenüberstehen dieser Welt und ihrem drohenden Verlust, eröffnet sich – nach dem Durchgang durch die Verzweiflung und wie durch einen „Sprung Kraft des Absurden“ – ein neuer Horizont der Hoffnung.

Was daraus erwachsen kann, ist ein Gestalten des öffentlichen Raums aus der Vielfalt der Individuen und Gruppen. Verbundenheit, Beziehungen, Austausch sind die aus der „Vitalität der  Hoffnung“ keimenden Qualitäten, durch die mit der „Fähigkeit der Autonomie – als einer desynchronisierenden Kraft – eine nicht pathologische Synchronisation“ erreicht werden kann. Gemeint ist eine Perspektive, in der es nicht gleichgeschalteter Massenbewegungen bedarf, sondern die ein gemeinsames Gestalten einer besseren Welt eröffnet – aus einer aus der Vielfalt gewonnenen gemeinsamen Zukunftsvision. „Die Gesundheit der Demokratie“, so die Konklusion, „hängt von der Hoffnung ab“ (S. 87).

Die neue Epoche, in die wir eintreten, beschreibt Pelluchon als das „Zeitalter des Lebendigen“, in dem die Tiere neben den menschlichen Wesen zu den „anders-als-menschlichen Wesen“  gerechnet werden und in dem die Vernunft nicht auf ein „berechnendes Denken“ reduziert ist, sondern „der Welt zuhört: ihrem Geschrei, ihren Schwierigkeiten und ihren ungeahnten Reichtümern“
(S. 106).

„Dann wird eine neue Art von Fortschritt erahnbar: Dieser entspricht einem Reifungsprozess, der von Veränderungen in der Mentalität, in den Lebenspraktiken, in den wirtschaftlichen Strukturen sowie im Rechtssystem begleitet wird. Er lässt darauf hoffen, dass die Menschheit einen bedeutsamen Schritt macht – ebenso bedeutsam wie jener, der zur Erklärung der Menschenrechte und zur Abschaffung der Sklaverei geführt hat.“ (S. 114)

Mit ihren Ausführungen will Corine Pelluchon auch verdeutlichen, dass es um die Überwindung patriarchaler Muster geht, die unserer in die Krise gekommenen Welt zugrunde liegen. In dem  Schlusskapitel über das „Weibliche“ führt sie die Leserinnen und Leser zu der Notwendigkeit, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander in Verbindung zu bringen – um nicht in die
Gefahr von harten, todbringenden Brüchen zu kommen. Worauf es dabei ankommt, ist eine Kunst: Die Kunst der Metamorphosen.

Corinne Pelluchon

Die Durchquerung des Unmöglichen. Hoffnung in Zeiten der Klimakatastrophe
C.H. Beck, 2023, 159 Seiten, 22,00 €.