„BE AFRAID OF THE ENORMITY OF THE POSSIBLE“. Alfredo Jaar in der „Kunsthalle Barmen“

Eine Neonschrift leuchtet in der dunklen Nacht am Portal der „Kunsthalle Barmen“. Die Worte sind zwar auf Englisch, aber bekannt: „the possible“ – das Mögliche, „the enormity“ – die Ungeheuerlichkeit, „be afraid of“ – Angst haben vor. „Habe Angst vor der Ungeheuerlichkeit des Möglichen!“

„Enormity“ ist im Englischen nicht nur wie im Deutschen relativ neutral auf die Größe oder das Ausmaß einer Sache bezogen, sondern kann auch die morali­sche Ungeheuerlichkeit meinen und ist dann negativ konnotiert. Der neutrale Begriff scheint zunächst zu passen: Das Feld des Mög­lichen ist gewaltig – vielleicht sogar unendlich. Warum sollen wir davor Angst haben? Ist es nicht inspirierend und begeisternd, was alles möglich ist? Doch das Feld des Möglichen birgt zugleich Schreckliches, Katastrophisches, Zerstörerisches. So ruft Jaars Neonbotschaft vielleicht dazu auf, umsichtig mit dem Möglichkeitsfeld umzugehen und nicht alles, was möglich ist, zu verwirklichen, etwa: „Habe Respekt vor dem ungeheuer­lichen Ausmaß des Möglichen!“

Alfredo Jaar (geboren 1956 in Santiago de Chile) ist der Urheber der Installation (vgl. Jaar 2015). Der weltbekannte Installations­künstler hat über siebzig „public interventions“ realisiert. Anlässlich eines Vortrags (lecture event) in der „Kunsthalle Barmen“ gab er Einblicke in seine Methodik und sein installatives Werk. Von Beruf Architekt, betrachtet er sich als Quereinsteiger in die Kunst. Seine Herangehensweise sei stark von der Methodik der Architektur geprägt: „First understand the context, and then act.“ Ein Architekt würde immer zuerst die Umgebung zu verstehen versuchen, bevor er dort ein Haus entwirft. So gehe er, Jaar, auch bei seinen Installationen vor.

Umashiménkana ‒ Wir werden neues Leben hervorbringen (Fukushima, 2013)

In seinem Vortrag beschrieb Jaar mehrere seiner Projekte, begleitet von einer Slideshow mit sehr beeindruckenden Foto­aufnahmen, die zeigten, wie tief er in den Zusammenhang einer Situation eintaucht. Nach dem verheerenden Reaktorunglück in Fukushima 2011 und dem nachfolgenden Tsunámi war er 2013 eingeladen worden, eine Gedenkstätte für die Opfer zu entwerfen. Monatelang durchstreifte er die Umgebung und nahm zahllose Eindrücke auf: die Zerstörungen an den Straßen und Gebäuden, die surreal wirkenden Anhäu­fungen von Trümmern und – am eindringlichsten – die Menschen, die angesichts der Ungeheuerlichkeit (=Enormität!) der Katastrophe verstummt waren. Kleine, in buddhistischer Tradition errichtete Gedenkstätten erinner­ten an die Verstorbenen und Vermissten. Sie erschienen ihm wie ein erster vorsichtiger Schritt, dem Verstummen zu entkommen.

Auf einem dieser Streifzüge stieß er schließlich auf ein großes, zerstörtes Gebäude aus Fertigbeton. Einige Seitenwände waren weggespült worden, durch große Öffnungen konnte man ins Innere blicken: Klassenzimmer, in denen noch die Tafeln hingen! Eine große Anzahl von Schüle­rinnen und Schülern war hier zu Tode gekommen. Die Tafeln ließen Jaar nicht mehr los. Er wusste nun, wie die Ge­denk­stätte gestaltet werden musste.

Mit Erlaubnis der Behörden ließ er die Tafeln abtransportieren. Sie sollten eine zentrale Rolle in der Gedenkstätte spielen. In einer großen dunklen Halle ließ er sie an den Wänden aufhängen. In unregelmäßigen zeitlichen Ab­ständen wurde der japanische Schriftzug „Umashiménkana“ auf sie projiziert, die Anfangszeile eines Gedichtes, das den Menschen damals Hoffnung gab: „Wir werden neues Leben hervorbringen“.

Die Eltern der verstorbenen Schul­kinder hatten darum ge­beten, die Tafeln von den Kreidespuren ihrer Kinder zu reinigen, um Retraumatisierungen zu vermeiden. So kam Jaar auf die Idee, die Schriftzeichen für seine Projektion von gleich­altrigen Schulkindern anfertigen zu lassen. In der Mitte des Raumes gestaltete er ein Quadrat aus durchsichtigen Kunststoffplatten, in das Millionen Stücke farbiger Schulkreide auf­geschichtet wurden. Sie sollten an die Schulkreiden erinnern, die nach dem Tsunami in der Schule überall verstreut lagen.

Hierzu ist eine Fotostrecke online abrufbar (Jaar 2013). Die Gedenkstätte zeigt, wie Kunst zur Erinnerung und Hoffnung beitragen kann: „Umashiménkana – Wir werden neues Leben hervorbringen.“

Lights In The City (Montreal, 1999)

Ein früheres Projekt befindet sich in Montreal (Kanada). Die Stadtoberen hatten Jaar ein­geladen, eine Gedenkstätte für ein altes Prachtgebäude im Vieux Montréal zu entwerfen. Eine große Kuppel krönt den Bau, der die historische Altstadt weithin sichtbar überragt. Der ehemalige französische Stadtteil besteht teilweise aus Gebäuden aus dem 17. Jahrhundert, die die große Brandkatastrophe von 1642 überstanden haben. Auch das denkmalgeschützte Haus hatte bereits fünf Brände überdauert. Eine Gedenkstätte sollte die Erinne­rung an diese wiederholten Katastrophen bewahren.

Wochenlang erkundete Jaar die Umgebung und mehrere Male musste er unverrichteter Dinge abreisen. Schließlich entdeckte er einen Lebensmitteltransporter, der direkt gegenüber dem Kuppelbau entladen wurde. Dies wunderte ihn, denn nirgendwo war ein Supermarkt oder ein Hotel zu sehen. Er ging der Sache auf den Grund und fand heraus, dass es dort eine Obdachlosenunterkunft gab. Sie war bewusst unauffällig gestaltet, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Jeden Abend schlichen Menschen in das Hostel, um dort zu essen, zu duschen und einen Schlafplatz zu finden.

Jaar war tief betroffen, dass in der reichen Metropole so viele Menschen ohne Obdach leben und sich vor der Öffentlichkeit verbergen mussten. Daraus ent­wickelte er die Idee für seine Installation. Die hohe Kuppel ließ er mit roten Scheinwerfern ausstatten, die sie von innen erleuchteten – als ein weithin sichtbares Symbol für die zahlreichen Brände. Der Clou war jedoch, dass der Schalter für die Kuppelbeleuchtung im Obdachlosen-Hostel gegenüber eingebaut wurde. Jeder Obdachlose, der abends in das Hostel kam, konnte den Schalter betätigen und so die Kuppelbeleuchtung aktivieren. Dadurch wurde die Stadt mit der Wahrnehmung des Obdachlosenproblems „beschenkt“.

Die Aktion gewann an Dynamik, weil immer mehr Bewohner der Unterkunft den Schaltknopf drückten. Weitere Hostels in der Stadt wollten ebenfalls Teil des Projekts werden, bis der Bürgermeister nach ein paar Monaten die Notbremse zog und die Installation abschalten ließ. Alfredo Jaar hatte offensichtlich einen Nerv getroffen.

The Skoghall Konsthall (Skoghall, 2000)

Die folgende Installation stellte für mich einen Höhepunkt des Vortrags dar. Alfredo Jaar war nach Skoghall am Vänernsee in Schweden eingeladen worden. Das frühere Fischerdorf hatte es in relativ kurzer Zeit zu ansehn­lichem Wohlstand gebracht, den es der Holz- und Papier­indu­strie verdankte. Diese beförderte nicht nur das wirtschaftliche Wohlergehen der Mitarbeiter­schaft, sondern hatte auch für Wohnhäuser, Schulen, Kinder­gär­ten und ein Krankenhaus gesorgt.

Während seiner Erkundungs­touren durch die Stadt fiel dem Künstler auf, dass es kein Museum gab. In Gesprächen mit Einwohnern und den Vorständen der Papierfabrik stellte sich heraus, dass wohl niemand ein Museum vermisste.

Für seine Installation erbat sich Alfredo Jaar von den Vorständen der Papierfabrik Holz und Papier aus den lokalen Beständen und baute daraus ein 8 m x 20 m großes Holzhaus mit Papier­wänden. Anschließend lud er lokale Künstler ein, dort ihre Arbeiten auszustellen. Am Eröffnungstag kamen viele Ein­wohner zusammen und be­sichtigten die improvisierte Kunst­halle. Sie schauten sich die ausgestellten Kunstwerke an und kamen miteinander ins Gespräch, während ihre Kinder begeistert bei Bastelaktionen mitmachten, die die Kunstschaffenden vorbereitet hatten.

Der Clou war, dass die Installation bereits nach wenigen Tagen von ihm abgebrannt wurde. Dies war von Anfang an geplant gewesen und durch genaue Absprachen mit der Feuerwehr vorbereitet worden. Zum vereinbarten Zeit­punkt versammelten sich viele Menschen, um dem Schauspiel beizuwohnen und mitzuerleben, wie das Papiermuseum in Flam­men aufging. Die spannende Frage war nun: Hatte die Aktion dazu geführt, dass in dem Ort eine Sehnsucht nach einem Museum entstanden war?

Sieben Jahre später (!), so Jaar, ereilte ihn ein Anruf aus Skoghall – er sollte nun, diesmal als Architekt, eine Kunsthalle für die Stadt bauen.

„The Gift“ (2016)

Zum Abschluss seines Vortrags sprach Alfredo Jaar über das Thema der Migration. Er verwies auf die zur Ikone gewordene Fotografie des dreijährigen Aylan Kurdi, dessen Leichnam 2015 an der türkischen Mittelmeerküste angespült worden war (Aylan, o. D.). Das Bild bewegte die Men­schen weltweit. Es regte sie zu Aktionen an, die uns heute noch betroffen machen. Sie ver­anstalteten Die-ins, bei denen die Teilnehmenden so gekleidet waren wie Aylan. Es wurden Murals mit dem Fotomotiv ge­staltet und Sand- oder Beton-Skulpturen nach Aylans Vorbild aufgestellt.

Was uns oft entgeht: Die Welt, gerade im Globalen Süden, achtet offenbar genau darauf, wie wir in Europa mit der Herausforderung durch die Migration umgehen. Dies uns bewußt zu machen, ist Alfredo Jaar vor allem mit Hilfe seiner ausdrucksstarken Fotografien gelungen. Minutiös hat er die Medienresonanz und die Vorgeschichte dieses Fotos recherchiert. Es hat ihn erkennbar tief betroffen gemacht. Für eine Hilfsorganisation entwarf er 2016 „The Gift“, eine blaue Pappschachtel, die beim Öffnen ein Bild des Strandes zeigt, an dem Aylan gefunden wurde. Ein kurzer Text erklärt, wie man sie zerlegt und wieder zusammensetzt, um sie in eine Spendenschachtel zu verwandeln. 10.000 Schachteln wurden allein auf der 47. Ausgabe der Art Basel verschenkt (El Tempestad, 2016).

Das Projekt „Kunsthalle Barmen“ (2024)

Für Menschen, die Wuppertal nicht kennen, mag es sich wie eine beliebige Meldung anhören, dass ein weltberühmter Künstler dort in einer Kunsthalle einen Vortrag hält. Die „Kunsthalle Barmen“ jedoch, in der Jaar seine Lecture hielt, ist ein besonderes Projekt in der Barmer Innenstadt. Es ist vorerst auf drei Jahre termi­niert. Nach jahrelangem Leerstand wollte die Stadt die zu Ehren Kaiser Wilhelms errichtete „Ruhmeshalle“ wieder sinnvoll nutzen lassen. Seit dem 18. Oktober 2024 wird in dem Neorenaissance-Bau nun Kunst präsentiert, mit dem Ziel, die „Begegnung von Stadtgesellschaft, Universität und Kunstszene“ (Bergische Universität 2024) zu fördern.

Im Rahmen dieser ungewöhn­lichen Kooperation zwischen Stadt, Universität und Kultur­szene wurde das neuartige „Kunsthalle LAB“ eingerichtet. Kunststudierende erhalten dort die Möglichkeit, künst­lerische Aktivitäten direkt in der Begegnung mit der Stadtgesellschaft zu entfalten. Prof. Katja Pfeiffer leitet das LAB, unterstützt von der international erfahrenen Kuratorin Isabelle Meiffert als Gastprofessorin (Fach Kunst, 2024). Meiffert war es auch, die Alfredo Jaar für die erste Lecture gewinnen konnte. Weitere Veranstaltungen mit zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern sind geplant. Aktuell ist dort die Ausstellung „Shared Spaces“ zu erleben. Zwei der Installationen (eine Sauna mit integrierter Bar von Baltic Raw Org und ein Brunnen als sozialer Treffpunkt von Raul Walch) laden zur Nutzung durch die Passanten ein und beleben den Platz vor dem Ausstellungsgebäude.

Kunst und Gesellschaft

In der Kunstszene gibt es oft elitäre Tendenzen. Manche Akteure pflegen eine exklusive Fachsprache, die abschreckend wirkt. Leider lassen sich dadurch viele Menschen den Zugang zur Kunst versperren. Alfredo Jaar geht erkennbar anders vor. Er strebt eine dyna­mische Verbindung von Kunst und Gesellschaft an. Seine Installationen, die direkt zu den Menschen sprechen, können soziale Prozesse auslösen. Im besten Fall entsteht ein Impuls, der seine Wirkung aus der Kunst in die Gesellschaft hinein entfaltet.

Eine paradoxe Voraussetzung ist, dass die Auftraggeber selbst an den Künstler herantreten und ihm alle Freiheiten zubilligen müssen. Damit sind die rechtlichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine „freie Kunstaktivität“ gegeben. Das wiederum setzt voraus, dass vor Ort ein Bedürfnis nach einer Jaar-Installation vor­handen gewesen sein muss.

Jaars installatives Œuvre führt vor, dass und wie Kunst heilsam in die Gesellschaft einwirken kann. Es ist sicherlich nicht der einzige Weg, aber ein beeindruckend direkter. Indem er ungewöhnliche Beziehungen zwischen verschie­denen Akteuren schafft, eröffnet er ihnen neue Möglichkeitsräume.

Interessant ist, dass sich auf der Website von Alfredo Jaar Fotos einer Lichtinstallation „Kultur = Kapital“ (Jaar, 2011) in verschiedenen Sprachen finden. Sie steht offensichtlich in einem inneren Zusammenhang mit Joseph Beuys’ ikonischem Spruch „Kunst = Kapital“ (1980). Dies wirft die Frage auf, ob es zwischen beiden eine innere oder gar äußere Beziehung gibt. Könnte Jaars Werk als eigen­ständige Konkretisierung von Beuys’ Zentralkonzepten des „erweiterten Kunstbegriffs“ und der „sozialen Plastik“ aufgefasst werden?

Jaars Arbeiten, zumindest die im Vortrag erwähnten, stehen stark in einem direkten Dialog mit ihrer Umgebung. Dies entspricht der von ihm vorgetragenen Methode: „First understand the context, then act“. Er knüpft konkret an das Vorhandene an und erzeugt im Prozess der Begegnung mit der Installation die Möglichkeit der Transformation. Sie bezieht die Reaktionen der Menschen mit ein, diese sind wie einkalkuliert und erweisen sich als Teil der installativen Dynamik. Ob es am Ende zu einer Transformation der sozialen Beziehungen kommt, bleibt offen. Die Menschen müssen dies wollen und dann selber umsetzen.

Joseph Beuys legte seine Arbeiten nie auf unmittelbare emotionale Resonanzen hin an. Sie wirken eher wie Koans, wie paradoxe Rätsel. Sie machen den Betrachtenden zunächst ratlos und erzeugen so einen Abstand zu ihm, einen Widerstand, den dieser überwinden muss, wenn er sich tiefer mit dem Werk verbinden will. Ihn zu überwinden, löst letztlich eine heilsame Bewusstseinsarbeit aus.

Beide Künstler verbindet die Überzeugung, dass Kunst einen wichtigen Beitrag für gesellschaft­lichen Wandel leisten kann und soll. Josef Beuys’ „Jeder Mensch ist ein Künstler“ (1975) und Alfredo Jaars „Be Afraid Of The Enormity Of The Possible“ treten hierbei in eine produktive Spannung, die einer weiteren Auslotung harrt.

Fußnoten

Aylan (o.D.): Bildersuche auf Ecosia: abgerufen am 8.12.2024 von: https://www.ecosia.org/images?q=ertrunkener+Aylan+am+strand

Bergische Universität (2024): „Kunsthalle Barmen“: Neuer Kunst- und Begegnungsort für Wuppertal, abgerufen am 3.12.2024 von: https://www.uni-wuppertal.de/de/news/detail/kunsthalle-barmen-neuer-kunst-und-begegnungsort-fuer-wuppertal/

Fach Kunst (2024): Eröffnung der neuen Kunsthalle Barmen, 10.10.2024. Abgerufen am 4.12.2024 von: https://www.kunst.uni-wuppertal.de/home/aktuelles/aktuelle-nachrichten/eroeffnung-der-neuen-kunsthalle-barmen

Jaar, Alfredo (2024): Be Afraid Of The Enormity Of The Possible. Abgerufen am 12.12.2024 von: https://alfredojaar.net/projects/2024/shared-spaces/

Jaar, Alfredo (2013): Umashiménkana. Abgerufen am 12.12.2024 von: https://alfredojaar.net/projects/2013/we-shall-bring-forth-new-life/

Jaar, Alfredo (2011): Kultur = Kapital. Abgerufen am 12.12.2024 von: https://alfredojaar.net/projects/2011/culture-capital/

Jaar, Alfredo (2000): The Scoghall Konsthall. Abgerufen am 12.12.2024 von: https://alfredojaar.net/projects/2000/the-skoghall-konsthall/

Jaar, Alfredo (1999): Lights In The City. Abgerufen am 12.12.2024 von: https://alfredojaar.net/projects/1999/lights-in-the-city/

La Tempestad (2016): “El regalo“ de Jaar, 05.06.2016. Abgerufen am 7.12.2024 von: https://www.latempestad.mx/alfredo-jaar-el-regalo/