Warum gibt es in kapitalistischen Wirtschaften einen Wachstumszwang?

1. Der Beginn des Wirtschaftswachstums und seine Voraussetzungen

Seit ungefähr 200 Jahren ist Wirtschaftswachstum, gemessen als Wachstum des realen BIP pro Kopf, zu einem Dauerzustand moderner Wirtschaften geworden. Das Wachstum begann in England zu Beginn des 19. Jahrhunderts und dehnte sich auf den gesamten europäischen Kontinent, nach Nordamerika und im 20. Jahrhundert auf die ganze Welt aus. Wir haben uns in der langen Zeit so an es gewöhnt, dass ein kurzfristiger Rückgang von Wachstum bereits als Zeichen einer dysfunktionalen Wirtschaft empfunden wird.

Blicken wir weiter zurück in die Geschichte, stellen wir fest, dass es vor dem 18. Jahrhundert nie längere Phasen von Wirtschaftswachstum und schon gar kein Wachstum pro Kopf gab. Zwar gab es vereinzelt Wachstumsphasen, wenn Menschen in neue Gegenden einwanderten oder ein starkes Bevölkerungswachstum zu verzeichnen war. Doch sie dauerten nicht an. Der Normalzustand war eine stationäre Wirtschaft, bei der die Produktion an Gütern und Dienstleistungen pro Kopf mehr oder weniger konstant blieb. Natürlich existieren keine präzisen Zahlen für frühere Jahrhunderte, sodass wir ermitteln könnten, wie hoch das Wachstum beispielsweise im Jahr 1723 war. Wirtschaftshistoriker schätzen das Wachstum früherer Jahrhunderte aufgrund verfügbarer Daten ab. Sie fanden keine Hinweise auf länger anhaltende Wachstumsphasen pro Kopf (Maddison Historical Statistics, o.J.).

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