Geistesgegenwärtigkeit angesichts deutschen Ungeistes. Gedanken im Anschluss an Manfred Görtemakers „Thomas Mann und die Politik“
So selbstverständlich wie heute die meisten Mitbürgerinnen und Mitbürger „gegen rechts“ sind, war dies in der Weimarer Republik keineswegs. Auf der rechten Seite der Gesellschaft hatte sich ein breites Spektrum an antimodernen, kaisertreuen, antisemitischen, rechtsesoterischen, konservativ-revolutionären, nationalbolschewistischen, ariosophischen, völkischnationalistischen ‚Schwurblern‘, würde man heute sagen, festgesetzt. Sie hofften auf die Stunde X, die Stunde der Rache für die ‘Schmach von Versailles‘ und wünschten sich nichts sehnlicher als das Ende der
ungeliebten Republik. Weite Teile des Bürger- und Großbürgertums sowie des durch die demokratische Revolution von 1918/19 in seinen Rechten stark beschnittenen Adels waren empfänglich
für rechtes Gedankengut.
Natürlich gab es auch Gegenbeispiele. Eines der interessantesten bietet die politische Biographie Thomas Manns. In seinem Buch Thomas Mann und die Politik zeichnet Manfred Görtemakers dessen erstaunliche gedanklich-politische Entwicklung nach: vom „unpolitischen“ Künstlertum der Kaiserzeit über einen „Vernunft-Republikanismus“ in der Weimarer Republik bis zur unbeugsamen
Gegnerschaft gegen den Nationalsozialismus während der unseligen „Tausend Jahre“ unserer Geschichte. Dabei entstammte Thomas Mann einer großbürgerlichen Patrizierfamilie mit selbstverständlich deutschnationaler Gesinnung. Begriffe wie „deutsche Kultur“, „deutscher Geist“ oder „Deutschtum“ waren für ihn keine leeren Floskeln, sondern eine gelebte und intensiv gefühlte
Basis seiner künstlerischen Bildung und Betätigung. Gerade aus dieser Position heraus setzte er sich für die Weimarer Republik und gegen den Ungeist des Nationalsozialismus ein.
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