PLURIVERSUM. Lexikon des Guten Lebens
Ein Buch zu besprechen, dessen fulminante Vorstellungsveranstaltung man miterlebt hat, ist ungewöhnlich: Da mischen sich Eindrücke vom Live-Interview der Moderatorin Sandra Weiss und des Herausgebers Alberto Acosta mit dem online zugeschalteten Mitherausgeber Arturo Escobar und der energiegeladenen musikalischen Begleitung durch Grupo Sal mit den Erinnerungen an die eigene Lektüre.
Aber es ist auch ein ungewöhnliches Buch: Erstmals in Indien 2019 in englischer Sprache veröffentlicht, liegt es nun in Deutsch vor. Ermöglicht haben es vor allem die Initiatorin Elisabeth Voß, Betriebswirtin und Publizistin unter anderem zu solidarischer Ökonomie, sowie der AG SPAK-Verlag. Für den habe sich das Buchprojekt wie ein Zurück zu den eigenen Wurzeln angefühlt. Denn „handeln statt behandelt werden“ sei eine Kernforderung der sozialpolitischen Arbeitskreise der 70er- und 80er-Jahre gewesen, erinnerte sich Hannelore Zimmermann.
Der Buchtitel Pluriversum soll einen Gegensatz zu dem Universum beschreiben, das „wir aus 500 Jahren Kolonialgeschichte kennen“, sagte Arturo Escobar anlässlich der Buchvorstellung in Tübingen. Der emeritierte Professor für Anthropologie an der Universität von North Carolina (USA) ist mit mehreren kolumbianischen Universitäten verbunden. Für Alberto Acosta, ehemaliger
Minister für Energie und Bergbau in Ecuador, bildet das Buch ein „Netzwerk von 80 verschiedenen Visionen ab, das die Welt umspannt“ und skizziert damit eine „Utopie im Aufbruch“. Für die Ökofeministin Ariel Salleh aus Australien ist es wichtig, dass sich der eigenständige Wert nicht-eurozentristischer Kulturen in mehreren Beiträgen ausdrückt. Und Ashish Kothari, unter anderem Ex-Vorstandsmitglied von Greenpeace International, beschrieb in einer Videobotschaft seine Motivation für die Arbeit als Mitherausgeber damit, dass „wir Hoffnung brauchen inmitten der aktuellen Krisen“.
Pluriversum gliedert sich neben einigen einführenden Beiträgen der Herausgeber*innen in drei Teile: zunächst wird die Entwicklung zu den verschiedenen globalen Krisen beleuchtet, im zweiten Teil werden einige reformistische Lösungsvorschläge vorgestellt und diskutiert. Schwerpunkt ist der dritte Teil mit etwa 80 Beiträgen zu praktischen Konzepten und Initiativen, die nach einer ökologisch sinnvollen und sozial gerechten Welt suchen. Das Buch ist mit Recht im Untertitel als Lexikon bezeichnet, denn es bietet eine spannende Sammlung von transformativen Alternativen aus der ganzen Welt, die sich gegen die derzeit vorherrschenden Prozesse der globalisierten Entwicklung stellen. Und die in ihrer Praxis nach Auswegen aus den strukturellen Abhängigkeiten des Kapitalismus und der staatlichen Bevormundung suchen.
Besonders lesenswert sind die verschiedenen Beiträge, weil sie von den Aktivist*innen selbst geschrieben wurden. Das wird stilistisch in oft recht unterschiedlicher Sprache deutlich und damit lebendig. Es sei ihr bei der Übersetzung äußerst wichtig gewesen, möglichst nahe an der Sprache der jeweiligen Autor*in zu bleiben, betonte Elisabeth Voß bei der Buchvorstellung. – Das ist durchwegs gelungen, eine inspirierende Vielfalt!
Kothari, Salleh, Escobar, Demaria, Acosta (Hrsg.):
Pluriversum. Ein Lexikon des Guten Lebens für alle.
AG SPAK Bücher, 2023, 326 Seiten, 15,00 €.
Kostenlose PDF-Datei abrufbar: www.agspak.de/pluriversum