Sozialimpulse
Dreigliederung des sozialen
Organismus
Die gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit erfordern
durchgreifende Reformen, die der Freiheit und Mündigkeit des
Einzelnen Rechnung tragen: Obrigkeitsstaatliche Lösungen sind heute
nicht mehr tragfähig. Vielmehr muss das kulturelle
Potenzial der Zivilgesellschaft zur vollen Entfaltung
kommen. Wo der einzelne sein Grundrecht wahrnimmt, aus eigenem Urteilsvermögen heraus zu
handeln, dürfen keine Staatbürokratie und keine
politische Mehrheit ihm das verwehren, solange er die Freiheit anderer achtet.
Es steht dem Staat nicht zu, Menschen bestimmte Therapierichtungen oder
pädagogische Angebote zu verordnen. Denn geistige Kultur lebt heute von der Vielfalt unterschiedlicher Initiativen. Selbstverwaltete Einrichtungen in freier Trägerschaft dürfen deshalb in diesem
Bereich keine geduldete Ausnahme bleiben, sondern sollten in jeder Weise gefördert werden. Zugleich müssen die wirtschaftlichen Probleme angepackt werden. In der gegenwärtige Globalisierung
widerspiegelt sich das Zusammenwachsen der Menschen in einem weltweiten Geflecht von Arbeitsteilung und Zusammenarbeit. Dieser
Prozess vollzieht sich aber heute weitgehend in den Formen eines
gnadenlosen Konkurrenzkampfs, auf Kosten sozialer Gerechtigkeit. Der Sozialstaat gerät dadurch unter den Druck einer übermächtigen, nur an der Vermehrung der Kapitalrendite orientierten Ökonomie.
Das Wirtschaftsleben wird jedoch letztlich nur gesunden können, wenn es gelingt, Formen der Zusammenarbeit und des Interessenausgleichs aller Wirtschaftspartner zu entwickeln. Der Staat wird
auf der einen Seite seine Fähigkeit wiedergewinnen müssen, der Ökonomie durch das Recht soziale und ökologische Grenzen zu setzen. Auf der anderen Seite wird er auf alle vormundschaftlichen
Eingriffe in das geistige Leben verzichten müssen. Eine konsequente Demokratie
muss die Durchsetzung der Menschenrechte im täglichen Leben in den Mittelpunkt alles staatlichen Handelns stellen.
Das bedeutet auch, dass es in höherem Maß als heute möglich sein
muss, dass Menschen ihre rechtliche Verhältnisse selbst durch Verträge und Vereinbarungen ordnen. Eine solche
„Dreigliederung" des sozialen Organismus wurde vom Grundansatz her bereits in den Jahren 1917 – 1922 von Rudolf Steiner entwickelt. Ohne eine Entwicklung in dieser Richtung werden die heutigen
Probleme nicht in zugleich freiheits- und sozialverträglicher Weise gelöst werden können.
Rudolf Steiner
Aus dem Dreigliederungsaufruf von 1919
"Die
Wahrheit ist, dass keine im Sinne dieser alten
Denkgewohnheiten gebildete Gemeinschaft aufnehmen
kann, was man von ihr aufgenommen wissen will. Die Kräfte
der Zeit drängen nach der Erkenntnis einer sozialen
Struktur der Menschheit, die ganz anderes ins Auge fasst,
als was heute gemeiniglich ins Auge gefasst wird. Die
sozialen Gemeinschaften haben sich bisher zum größten
Teil aus den sozialen Instinkten der Menschheit
gebildet. Ihre Kräfte mit vollem Bewusstsein zu
durchdringen, wird Aufgabe der Zeit.
Der
soziale Organismus ist gegliedert wie der natürliche.
Und wie der natürliche Organismus das Denken durch
den Kopf und nicht durch die Lunge besorgen muss, so
ist dem sozialen Organismus die Gliederung in Systeme
notwendig, von denen keines die Aufgabe des anderen übernehmen
kann, jedes aber unter Wahrung seiner Selbständigkeit
mit den anderen zusammenwirken muss.
Das
wirtschaftliche Leben kann nur gedeihen, wenn es als
selbständiges Glied des sozialen Organismus nach
seinen eigenen Kräften und Gesetzen sich ausbildet,
und wenn es nicht dadurch Verwirrung in sein Gefüge
bringt, dass es sich von einem anderen Gliede des
sozialen Organismus, dem politisch wirksamen,
aufsaugen lässt. Dieses politisch wirksame Glied muss
vielmehr in voller Selbständigkeit neben dem
wirtschaftlichen bestehen, wie im natürlichen
Organismus das Atmungssystem neben dem Kopfsystem. Ihr
heilsames Zusammenwirken kann nicht dadurch erreicht
werden, dass beide Glieder von einem einzigen
Gesetzgebungs- und Verwaltungsorgan aus versorgt
werden, sondern dass jedes seine eigene Gesetzgebung
und Verwaltung hat, die lebendig zusammenwirken. Denn
das politische System
muss die Wirtschaft vernichten, wenn es sie übernehmen
will; und das wirtschaftliche System verliert seine
Lebenskräfte, wenn es politisch werden will.
Zu
diesen beiden Gliedern des sozialen Organismus muss in
voller Selbständigkeit und aus seinen eigenen Lebensmöglichkeiten
heraus gebildet ein drittes treten: das der geistigen
Produktion, zu dem auch der geistige Anteil der beiden
anderen Gebiete gehört, der ihnen von dem mit eigener
gesetzmäßiger Regelung und Verwaltung ausgestatteten
dritten Gliede überliefert werden muss, der aber
nicht von ihnen verwaltet und anders beeinflusst
werden kann, als die nebeneinander bestehenden
Gliedorganismen eines natürlichen Gesamtorganismus
sich gegenseitig beeinflussen.“
An
das deutsche Volk und an die Kulturwelt! (1919).
Abgedruckt in: Die Kernpunkte der sozialen Frage in
den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft
(1919), Dornach 1976, Bibliographie-Nr. 23
Rolf
Henrich
Aus dem Buch "Der vormundschaftliche Staat"
„Es
fragt sich nun: Welche Umwandlung wird der
sozialistische Staat erfahren, wenn er im Geistesleben
und in der Wirtschaft planmäßig zum 'Absterben' gebracht wird? Mit anderen
Worten, welche Aufgaben bleiben dem Staat und seinen
Organen vorbehalten, die den jetzigen Staatsfunktionen
entsprechen? Logischerweise wird sein Betätigungsfeld
erheblich schrumpfen. Aus der (ständig wachsenden)
Rolle des Volkserziehers und Wirtschaftsorganisators
wechselt der Staat dann zwangsläufig in die eher
schon wieder liebenswürdige Rolle des bloßen 'Wächters',
der nach innen die demokratischen Formen garantiert;
in denen sich Menschen unterschiedlicher
gesellschaftlicher und politischer Gruppierungen
zueinander ins Verhältnis setzen.
Wird
der sozialistische Staat in dieser Weise aus dem
Geistesleben und der Wirtschaft als eine diesen Verhältnissen
wesensfremde Kraft zurückgenommen, so kann der
soziale Organismus in diesen beiden Gliedern Zug um
Zug eigene Selbstverwaltungen ausbilden. Im Ergebnis
wird eine Dreigliederung in die gegeneinander
verselbständigten Bereiche Geistesleben –
Wirtschaft – Staat entstehen. Auf diese Idee der
Dreigliederung weist bereits im Denken der Aufklärung
wie des Marxismus vieles hin. Ihre konsequenteste
Ausformung hat sie zu Beginn dieses Jahrhunderts durch
Rudolf Steiner erfahren.“
Der
vormundschaftliche Staat. Vom Versagen des real
existierenden Sozialismus. Reinbek bei Hamburg 1989.
Kapitel 14. Zur Neugliederung des Staatsozialismus -
ein Entwurf
Nicanor
Perlas
Zwei Vorbedingungen zum Verständnis der
Dreigliederung
"Es
gibt zwei Schlüssel oder Eingangstore, um die
Bedeutung und die Wichtigkeit der Dreigliederung zu
verstehen.
Mit
dem ersten Schlüssel können wir verstehen, warum
unsere Welt heute tripolar ist. Sie ist es deshalb,
weil es heute drei widerstreitende institutionelle Kräfte
gibt, die in der Welt herrschen - globale
Zivilgesellschaft, Regierung und Unternehmen. Diese
drei Kräfte bestimmen durch ihre Interaktion die
Richtung der Weltentwicklung.
Mit
dem Aufkommen der Zivilgesellschaft als einer der drei
institutionellen Kräfte ist etwas sehr Wichtiges
direkt verbunden. Mit ihrem Auftauchen bringt die
Zivilgesellschaft, bewusst oder unbewusst, kulturelles
Leben als autonomen Bereich innerhalb der Gesellschaft
aus sich hervor. Dieses Ereignis ist von enormer
Bedeutung.
Drei
institutionelle Kräfte anzuerkennen - und das
faktische Aufkommen eines autonomen kulturellen
Bereichs durch die Präsenz der Zivilgesellschaft -
ist der erste Schlüssel zum Verständnis der
Dreigliederung. Aber er reicht nicht aus. Wir müssen
einen weiteren liefern, damit dann beide zusammen die
Bedeutung und Wichtigkeit der Dreigliederung für uns
entschlüsseln werden.
Für
den zweiten Schlüssel müssen wir uns den
Sozialwissenschaften zuwenden. Dort erfahren wir, dass
es drei Bereiche im sozialen Leben oder drei
Subsysteme in der Gesellschaft – das kulturell,
politische und ökonomische - gibt. Jede
Gesellschaft - groß und klein – beinhaltet diese
drei Bereiche, die manchmal auch als die drei Sphären
der Gesellschaft bezeichnet werden. Was wir als
„sozial“ bezeichnen, ist eine aufkommende
Organisation auf höherer Ebene, die durch die
Interaktion der verschiedenen Bereiche der
Gesellschaft entsteht. [...]
Die
Interaktionen dieser drei Bereiche bestimmen, welche
Art von sozialem Leben oder Gesellschaft wir haben.
Wir leben in einer gesunden Gesellschaft, wenn sich
die drei Bereiche gegenseitig anerkennen und unterstützen
und ihre Initiativen mit dem Bewusstsein über ihre möglichen
Wirkungen auf die anderen Bereiche entwickeln. Wir
leben in einer kranken Gesellschaft, wenn ein Bereich
vorherrscht und versucht, die anderen zu unterwerfen.
Z.B. herrscht in der zerstörerischen Form der
Globalisierung, die wir „elitär“ nennen eine Sphäre
der Gesellschaft, nämlich die wirtschaftliche, über
die berechtigten Belange der politischen und
kulturellen. Hinzu kommt, dass wirtschaftliche und
politische Institutionen im allgemeinen nur ein vages
Verständnis und eine ungenügende Anerkennung der
Kultur ihrer Rolle im sozialen Leben entwickeln."
Dreigliederung:
die Sprache der neuen tripolaren Welt. In: Eine neue
Welt erbauen. Das WeltSozialForum in Mumbai.
Flensburger Hefte Nr. 84.
Zum Seitenanfang |