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Im
Strom der Neuzeit -
Gedanken zum dritten Jahrtausend
Die
Dreigliederung des sozialen Organismus als Zeitnotwendigkeit
Christoph
Strawe
Erstveröffentlichung
in der Zeitschrift "Die Drei", Heft 2, Februar 2000
Der
Lärm der Massenpartys zum offiziellen Milleniumwechsel hatte schließlich
alle Kassandra-Rufe übertönt. Der befürchtete Computer-Crash fand
nicht statt. "Bild am Sonntag" hatte bereits zuvor die
entscheidenden Zukunftsfragen gestellt und überwiegend positive
Expertenantworten parat, wenn auch das Eingeständnis "Klima
kann man nicht reparieren" nicht zu vermeiden war: Werden wir
alle 130 Jahre alt? Wann läuft der 1. Mensch 100 Meter unter 9
Sekunden? Wann kriegen Frauen keine Falten mehr? Wann stirbt der
letzte Tiger? Verschwinden Sommer und Winter? Wann fahren Autos von
alleine? Ein Jungbrunnen-Gen wird vieles richten, so die Antwort,
selbstfahrende Autos könnte es schon in 20 Jahren geben und Tierschützer
könnten Tiger immerhin clonen. Alles halb so wild!
Nun
ist es mit der Zukunftsforschung so eine Sache. Berlin werde im
Pferdemist ersticken, lautete eine Mitte des vorletzten Jahrhunderts
gestellte Prognose. Sie war solide fundiert, - durch eine
Hochrechnung der Relation zwischen Bevölkerungswachstums und den
durch Pferde bewegten Transportmitteln. Und es wäre wohl auch so
gekommen - wenn nicht elektrische Straßenbahn und Auto erfunden
worden wären. Geschichte ist eben kein Naturprozess mit
berechenbaren Determinanten. Und dass sie immer mehr vom Tun und
Lassen von Menschen, von ihren Fähigkeiten und Unfähigkeiten,
ihren Einfällen und ihrer Ratlosigkeit abhängig wird, gehört zur
Signatur der Neuzeit.
Wenn
überhaupt eine Prognose für das vor uns liegende Jahrtausend
gestellt werden kann, dann diese, dass menschliche
Verantwortungskraft und Fähigkeiten nicht weniger, sondern mehr als
in aller Vergangenheit notwendig sein werden, um der Probleme Herr
zu werden, die sich vor uns auftürmen und die es uns - ebenso wie
der Rückblick auf die Schrecken des Jahrhunderts - verbieten müssten,
heute den gleichen naiven Fortschrittsoptimismus an den Tag zu
legen, wie er für das Jahr 1900 so charakteristisch war. Nach dem
Ende der Utopien erscheint die Zukunft verwirrender denn je. Jeder
spürt mehr oder weniger, dass die Antworten auf die Fragen der
gesellschaftlichen Zukunft, welche die klassischen politischen
"Ismen" - Liberalismus, Sozialismus, Konservatismus - zu
bieten haben, von gestern sind. Wer auf die Probleme nicht mit Verdrängung
und Verniedlichung, Flucht in die Bewusstseinshaltungen der
Vergangenheit, Ellbogengesinnung, Depression, Resignation oder
Militanz reagieren kann und will, wird zunächst die Frage stellen müssen,
ob es in der "neuen Unübersichtlichkeit" (Habermas) der
Gegenwart überhaupt noch nachvollziehbare Entwicklungslinien gibt,
an denen sich sinnvolles gesellschaftliches Handeln orientieren
kann.
Zwei
Tendenzen immerhin sind unübersehbar und scheinen prägend:
"Individualisierung" einerseits,
"Globalisierung" andererseits. Zwischen beiden besteht ein
Spannungsverhältnis. Individualisierung stellt den einzelnen
Menschen auf sich selbst und trennt damit die Menschen zunächst stärker
voneinander, die Globalisierung macht sie weltweit stärker
voneinander abhängig. Geht man der Entstehung dieses
widerspruchsvollen Verhältnisses nach, so findet man, dass beide
Tendenzen mit dem Anbrechen der Neuzeit verbunden sind. Zum Ende des
20. Jahrhunderts verstärken sie sich in einer Weise, als sei das
Bisherige nur die Exposition eines Dramas gewesen, dessen
eigentliche Verwicklungen jetzt begonnen haben.
Erwachendes Selbstbewusstsein
Vor
der Mitte des vergangenen Jahrtausends begann - folgt man Rudolf
Steiners vielfältig begründetem bewusstseinsgeschichtlichen Verständnisansatz
- jene Zeit, in der die Menschen vornehmlich die
"Bewusstseinsseele" zu entwickeln haben werden, eine
Aufgabe, die nach der Mitte des vierten Jahrtausends im wesentlichen
wird abgeschlossen sein müssen. Individualisierung und
Globalisierung sind Erscheinungen, die mit dem Grundmotiv dieser
Epoche zusammenhängen.
Je
weiter wir geschichtlich zurückgehen, umso mehr treffen wir auf
Verhältnisse, in denen der einzelne ein Glied seines jeweiligen
Gemeinwesens war, durch das er überhaupt erst seinen Wert erhielt.
Er lebte das Geistesleben mit, das in diesem Gemeinwesen gepflegt
wurde und das ihm zugleich seinen Platz in der Gesellschaft zuwies.
Erst in der Neuzeit beansprucht der Einzelne seine Selbständigkeit
gegenüber der Gemeinschaft mit Vehemenz.
Luthers Satz vor dem Wormser Reichstag 1521: "Hier stehe ich,
ich kann nicht anders", hat man zu Recht als Symptom für
dieses Erwachen des menschlichen Selbstbewusstseins genommen. Der
moderne Mensch ist konstitutioneller Protestierer
("Protestant"), der das Gegebene und Bewährte nicht nur
im religiösen Leben nicht mehr einfach hinnimmt, sondern vor den
Richterstuhl des eigenen Urteils zieht. Was damals die Vertreter der
alten Welt erstarren ließ, die Ablehnung von Vormundschaft, ist
heute zur allgemeinen Lebensstimmung geworden.
Es ist selbstverständlich, dass man seinen persönlichen
"Standpunkt", seine Meinung, hat und dass man diese
ungehindert kommunizieren kann. Diese Kommunizierbarkeit begann mit
der um 1450 entstandenen Buchdruckerkunst, und sie hat sich bis
heute weiterentwickelt, wo die eigene Mailadresse und die eigene
Homepage für immer mehr Menschen zur Selbstverständlichkeit
werden.
Stoßen
wir in der historischen Rückschau auf Menschen, die geistig
unselbständiger sind, mehr eingebettet in ethnische Zusammenhänge
und begrenzte Lebensräume, so finden wir gleichzeitig, dass diese
Menschen in wirtschaftlicher Hinsicht weitgehend Selbstversorger
sind. Handel und Arbeitsteilung entwickeln sich zunächst als
Randerscheinung des gesellschaftlichen Lebens, rücken erst allmählich
in den Vordergrund: die Wirtschaft mutiert aus einer
Selbstversorgungs- zu einer Fremdversorgungswirtschaft. Im gleichen
Maße, in dem Menschen Freiheit beanspruchen, die sie sich als
Gleiche zugestehen, werden sie wirtschaftlich voneinander abhängig.
Zwar wirkt auch in der Wirtschaft der Freiheitsimpuls:
Gewerbefreiheit und Konsumfreiheit treten an die Stelle von Zunftzwängen
und ständischen Ordnungen. Aber gerade durch die Aufhebung der mit
diesen Ordnungen gegeben Begrenzungen entwickelt sich die
Arbeitsteilung und damit ganz real ein Füreinander-Tätigsein.
Welche Dimensionen dieses Zusammenwachsen der Menschheit in einem
globalen Wirtschaftsgeflecht heute angenommen hat, kann man sich
klar machen, wenn man nur einmal gründlich bedenkt, wer und was
alles bei der Herstellung der Güter, die wir täglich verbrauchen,
zusammenwirken muss.
Globalisierung
Individualisierung
als Erwachen des Selbstbewusstseins beginnt im Zeitalter der
Renaissance und Reformation. In dieser Zeit, mit Kopernikus,
entwickelt sich die Vorstellung der Erde als "Globus", in
dieser Zeit beginnt die europäische Expansion und damit die reale
Erkundung dieses Globus (1492 Kolumbus). Schon diese zeitliche
Koinzidenz deutet auf den inneren Zusammenhang von Globalisierung
und Individualisierung: Die Menschen früherer Zeiten fühlen sich
als Glied ihrer jeweiligen begrenzten Gemeinschaft, nicht als Angehörige
der Menschheit. Erst für denjenigen, der bewusst Ich sagt - und
damit zugleich bewusst das Wort ausspricht, mit dem sich jeder
Mensch selbst bezeichnet -, bekommt der Begriff Menschheit eine
Bedeutung. Ins Individuelle zu gelangen, bedeutet eben zugleich auch
sozial im weitesten Umfang mitverantwortlich zu werden.
Dass
globales Denken die Menschen anderer Erdteile als Zweck und nicht
als Mittel ansehen muss, diese Einsicht reift allerdings erst
langsam. Abenteuerlust, Neugier des Entdeckens, Gier nach den Schätzen
der fremden Kontinente ist erst einmal die Haupttriebkraft der
Expansion, die nur zu oft nicht Hilfe und Verständnis, sondern
Ausbeutung, Unterdrückung und Vernichtung mit sich führt. Auch überlagert
noch das Nationalprinzip das Globalprinzip: Die Schaffung von
Kolonialimperien der jeweiligen Nation ist das Ziel, - bis ins 20.
Jahrhundert tragen die Güter aus anderen Kontinenten den Namen
"Kolonialwaren".
Mit
der immer raffinierteren Teilung der Arbeit entwickelt sich die
Produktivitätssteigerung stürmisch.
Durch den Einsatz maschineller Technik und der Entwicklung der großen
Industrie verstärken sich diese Tendenzen noch enorm. Die
Naturwissenschaft - Frucht der Zuwendung der Bewusstseinsseele zum
Physisch-Sinnlichen und seiner rein funktionellen Betrachtung - wird
in dieser Technik zur unmittelbaren materiellen, die Globalisierung
vorantreibenden Produktivkraft. Auch hier geht diese mit der
Freiheitsbewegung parallel: Die Patentierung der durch James Watt
perfektionierten Dampfmaschine erfolgt 1769, im Vorfeld von
amerikanischer Unabhängigkeit und Französischer Revolution.
Während
zunächst die weltweite Wirtschaft noch als Beziehungsgeflecht
zwischen Nationalwirtschaften erscheint, werden heute auch diese
Grenzen gesprengt. In zwei großen Schüben bildet sich die
Weltwirtschaft heraus. Der erste Schub erfolgt nach dem Zweiten
Weltkrieg, im Kontext zugleich mit der Entkolonialisierung, unter
der Führung der USA, die sich zur Vorkämpferin gegen den
"Protektionismus", das heißt gegen alle Handels- und
Wirtschaftsbeschränkungen machen. Die zweite Welle setzt mit dem
Konkurs des Staatssozialismus ein, der die letzten Dämme gegen eine
globale Ökonomie brechen lässt. Zum Instrument ihrer Durchsetzung
wird die 1995 begründete Welthandelsorganisation WTO.
Diese
Zurückdrängung des Nationalprinzips im Zeitalter der global
players kommt allerdings unter anderem Vorzeichen als jenem der
bewussten Durchdringung und solidarischen Gestaltung des in der
weltweiten Arbeitsteilung real sich vollziehenden Für-Einander-Tätigseins
der Menschen herauf. Vielmehr steht es unter dem Vorzeichen des
marktwirtschaftlichen Konkurrenzdenkens.
Misstrauen in den Menschen und
die Folgen
Diesem
Denken liegt ein Misstrauen in den Menschen zugrunde, ein
Misstrauen, das immer wieder die Muster bestimmt, mit denen
wirtschaftliche und politische Verantwortungsträger auf die
Herausforderungen sowohl der Individualisierung als auch der
Globalisierung reagieren. Dieses Misstrauen erscheint auf den ersten
Blick nicht unbegründet angesichts der vielfältigen
Erscheinungsformen der Selbstbezogenheit und des Egoismus, in denen
sich der Individualisierungsprozess darstellt und durch die er die
soziale Stabilität zu gefährden scheint: Man konstatiert, dass
Freiheit als Schutzprinzip für Willkür und Selbstsucht in Anspruch
genommen, als Verantwortungs- und Bindungskraft dagegen als unbequem
gescheut wird.
Daraus entnimmt man dann die Begründung für die angebliche
Unersetzbarkeit von Reglementierung, Autoritarismus oder
Manipulation.
Eine
Erscheinungsform dieses Misstrauens
ist das Festhalten an der Verstaatlichung weiter Teile des
Kulturlebens, besonders des Schulwesens, unter dem Vorwand, die
Eltern seien in Wahrheit zum größten Teil zur Wahl der Schule
nicht kompetent. (Dass sich diese Kompetenz auch gar nicht
entwickeln kann, wo die gleiche Wahlmöglichkeit - ohne
diskriminierende Finanzregelungen - nicht konsequent gewährt wird,
ignoriert man dabei geflissentlich.) Nichts anderes als das
geschilderte Misstrauen liegt aber auch dem Konkurrenzprinzip der
Marktwirtschaft zugrunde: Wenn du gute Brötchen essen willst,
appelliere nicht an den Altruismus des Bäckers, sondern an sein
Selbstinteresse, an seine Furcht davor, dass du sie bei seinem
Konkurrenten kaufst, so lesen wir bei Adam Smith. Die Konkurrenz
soll den Egoismus mobilisieren, ihn aber gleichzeitig auch
neutralisieren und in sozialverträgliche Bahnen lenken.
Gerade
wegen dieser wundersamen Neutralisierungswirkung glaubt man dann, im
Wirtschaftsleben der Freiheit mehr Raum gewähren zu dürfen als im
geistig-kulturellen Leben, wo doch ihr eigentlicher Ort wäre. Gegenüber
dessen Institutionen, zum Beispiel im Schulwesen, lockert man
allenfalls Zügel, ohne sie loszulassen, - die berühmte
"Teilautonomie"! Zugleich betrachtet und behandelt man
Kultur und Bildung immer mehr als bloße
"Standortfaktoren", was zusätzliche Abhängigkeiten mit
sich führt.
Solche
Fremdbestimmung des geistigen Lebens muss zu dessen Schwäche und
Dekadenz führen, zur Flachheit des heutigen Massenkulturbetriebs.
"Von Nietzsche zu Naddel"
betiteln Reinhard Mohr und Matthias Schreiber ihre Diagnose dieses
Betriebs. Sie zitieren dabei Botho Strauß mit dem Satz "Das
Regime der telekratischen Öffentlichkeit ist die unblutigste
Gewaltherrschaft und zugleich der umfassendste Totalitarismus der
Geschichte. Es braucht keine Köpfe rollen zu lassen, es macht sie
überflüssig." Und sie fragen: "Werden solch düstere Sätze
im kommenden Jahrhundert noch wahrer, als sie es heute schon sind?
Oder gibt es doch eine Gegentendenz, Überlebenschancen für
Individualität und Differenz, Würde und kreative Autonomie des
Subjekts? Wir wissen es nicht. Ehrlich."
Zukunftsfragen der Kultur
Man
kann das auch nicht "wissen", denn die Stärke dieser
Gegentendenz ist von den autonomen Subjekten selbst abhängig - und
wie jede Freiheitstat nicht berechenbar. Wohl aber kann man nach den
Bedingungen fragen, die von den Menschen in der Gesellschaft
geschaffen werden müssen, damit Autonomie als Möglichkeit zum
unkonventionellen und zugleich verantwortlichen Handeln gedeihen
kann. Die Vertreter des alten Denkens vermögen in unkonventionellem
Handeln nur "Sittenverfall" erblicken: Sitte ist schließlich
ein Handlungsstil, der für alle verbindlich und traditionell
akzeptiert ist. Neues Denken dagegen bedeutet die Einsicht, dass
eine geistige Befruchtung gesellschaftlicher Entwicklung nur dann
noch möglich ist, wenn die Räume eröffnet werden, in denen ein
freies, auf Individualität beruhendes geistiges Leben sich wirklich
entfalten kann. Ein solches Leben wird auch erst wieder die
geistigen Bedürfnisse wecken, die aus der Verflachung des
Kulturbetriebs herausführen.
Perspektiven der Ökonomie
Am
Beginn des Bewusstseinsseelenzeitalters stand das Heraufkommen der
doppelten Buchführung,
einer Buchführung, die es gestattet und geradezu erzwingt, die
Folgen des jeweiligen wirtschaftlichen Tuns - zunächst
betriebswirtschaftlich - als Gegenbuchung zu erfassen. Inzwischen
haben wir einen Punkt der Entwicklung erreicht, wo wir auch die
gesamtwirtschaftlichen, letztlich globalen Folgen jeder Entscheidung
nicht länger ignorieren dürfen. Die heutige Forderung nach Öko-
und Sozialbilanzen deutet zumindest in diese Richtung. Es wird aber
natürlich nicht genügen, nur anders zu bilanzieren, sondern es
wird notwendig sein, von vornherein so zu wirtschaften, dass immer
weniger unverantwortbare Gegenbuchungen auftreten. Wirtschaftliche
Formen zu entwickeln, die das möglich machen, wird im dritten
Jahrtausend zur immer dringender werdenden Aufgabe. Wirkliche
Kooperation und Interessenausgleich an Stelle interessenbündelnder
Fusionitis sind dafür erforderlich.
Eine
Ökonomie, in der es nur noch darum geht, zu den Gewinnern, statt zu
den Verlierern der Globalisierung zu gehören, nicht aber um die
Versorgung aller Menschen auf diesem Globus, ist nicht wirklich
zukunftsfähig. Ein globales Geldwesen, das immer mehr dieser
Versorgung gewidmete Realwirtschaft dominiert oder gar auslaugt,
wird die Probleme der Menschheit im dritten Jahrtausend vermehren,
statt bei ihrer Lösung zu helfen. Eine Eigentumsordnung, welche
dazu führt, dass die Mehrung des Kapitals einziger Wirtschaftszweck
ist, die Arbeit dagegen zu minimierender Kostenfaktor, ist mit dem
Anspruch der Vernunft, ohne welchen Neuzeit ein bloß formaler
Begriff bleibt, unvereinbar: Der Status des abhängig Arbeitenden
ist mit dem modernen Mündigkeitsgedanken letztlich unvereinbar. In
der Neuzeit werden wir erst endgültig angekommen sein, wenn der
Mitarbeiter sich als Mitunternehmer verstehen kann.
Werden
die vielfältigen kleineren Ansätze zu fairer weltweiter
Zusammenarbeit von Wirtschaftspartnern, zu einem neuen Umgang mit
Geld, Kapital und Grundeigentum erstarken und zu einem wirksamen
Strom zusammenfließen? Wird der Gedanke der nachhaltigen
Entwicklung, einer ökologisch verantwortlichen Ökonomie, der spätestens
seit dem UNO-Umweltgipfel von Rio 1992 viele Menschen bewegt, noch
prägendere Bedeutung gewinnen?
Von der Antwort auf solche Fragen hängt in vieler Hinsicht die
Zukunft der Menschheit ab.
Staatsentwicklung
Dass
der Nationalstaat durch Individualisierung und Globalisierung unter
erheblichen Anpassungsdruck gerät, wird heute immer wieder
konstatiert. Der Begriff des Staates - als eines rein irdischen
Machtgebildes - ist selbst ein Produkt der Neuzeit, Machiavelli führt
ihn ein. Die Staatsentwicklung der Moderne hat absolutistische Fürstenherrschaft
schließlich überwunden und die Demokratie durchgesetzt. Damit ist
das Machtproblem jedoch noch nicht gelöst, sondern droht uns in
Gestalt der Mehrheitsdiktatur wieder einzuholen. Die innige
Durchdringung des Demokratiegedankens mit dem Menschenrechtsimpuls
ist dagegen der beste Schutz. Das Ringen um das Verständnis der
Menschenrechte und ihre Durchsetzung hat erst begonnen, es wird die
nächsten Jahrhunderte prägen.
Vor
allem anderen wird der Kampf darum gehen, dass die Rechte des
Menschen nicht auf Meinungsfreiheiten beschränkt werden dürfen,
sondern die volle Handlungsfreiheit im gesellschaftlichen Leben
beinhalten müssen: die Freiheit, den Arzt und die Schule zu wählen,
Krankenhäuser und Schulen zu gründen und zu führen. Die Grenze
der Freiheit kann immer nur die Freiheit selbst sein. Das heißt,
dass die Grundrechte anderer zu achten hat, wer Grundrechte
wahrnimmt. Und wer öffentliche - und auch von der Öffentlichkeit
finanzierte - Aufgaben wahrnimmt, von dem darf erwartet werden, dass
er aktiv zur Verwirklichung der Grundrechte anderer beiträgt. Diese
Form der Verantwortung macht den inhaltlichen Eingriff der
Gemeinschaft in die durch "Binnenanerkennung" entstandenen
sozialen Räume überflüssig.
Wo
aus sachlichen Gründen Regeln gefunden werden müssen, die für
alle gelten, da wird die Frage zu beantworten sein, wie an ihrem
Zustandekommen alle mündigen Menschen direkter beteiligt sein können,
als dies bei der heutigen Form der Parteienherrschaft möglich ist.
Wie sehr das Staatsverständnis der Parteien noch in alten
Denkweisen verwurzelt ist, machen nicht zuletzt Parteispendenaffären
deutlich. Zugleich zeigen sie, dass feudalistisches Verhalten immer
weniger auf Akzeptanz rechnen darf. Um wirklich in der Neuzeit
anzukommen, wird es notwendig sein, in bezug auf das Geistesleben
weniger Staat und in bezug auf das Rechtsleben mehr Demokratie zu
verwirklichen.
Alternativen der
gesellschaftlichen Entwicklung
Wird
es gelingen, im neuen Jahrtausend den Menschenrechten immer
nachhaltiger Geltung zu verschaffen - oder gehen wir, wie Ralf
Dahrendorf vor einiger Zeit als Befürchtung äußerte, einem
autoritären Jahrhundert entgegen? Werden wir Wege finden, um eine
80:20-Gesellschaft zu verhindern und die Arbeitslosigkeit in Möglichkeiten
neuer Beschäftigungen der freigestellten Arbeit zu verwandeln?
Werden wir die Handlungsfähigkeit der Rechtsgemeinschaften gegenüber
der global ausgreifenden Ökonomie wiederherstellen? Oder werden der
Zerfall sozialer Sicherheit und die Häufung ökologischer
Katastrophen schließlich die Forderung nach einer autoritären
Weltregierung übermächtig werden lassen? Werden wir technischen
Entwicklungen aus ökonomischen Sachzwängen heraus ausgeliefert
sein, oder sind wir in der Lage, Grenzen zu setzen, die technischen
Fortschritt allmählich wieder dem menschlichen Fortschritt
unterordnen? Werden wir eine Friedensordnung durch gesellschaftliche
Neugestaltung und Auflösung der bestehenden Gemengelagen zwischen
ethnisch-kulturellen, politisch-staatlichen und ökonomischen
Faktoren herbeiführen? Oder werden wir uns dazu verurteilen, immer
weitere Konflikte und Katastrophen von der Art erdulden zu müssen,
wie wir sie in Ex-Jugoslawien und anderswo erlebt haben?
An
solchen Fragen wird die Spannweite möglicher Alternativen deutlich.
Wir brauchen im dritten Jahrtausend neue Formen des
Zusammenarbeitens zwischen den eigenständig organisierten Feldern
Kultur, Staat und Wirtschaft, die es ermöglichen, für die Fragen
der gesellschaftlichen Entwicklung zugleich freiheits- und
sozialverträgliche Lösungen zu finden. Man kann diesen Veränderungsbedarf
mit dem von Rudolf Steiner geprägten Begriff "Dreigliederung
des sozialen Organismus" benennen. Für eine solche
Neugestaltung zu arbeiten, ist eine Aufgabe der unmittelbaren
Gegenwart. Denn Schritte in dieser Richtung sind nicht nur nötig,
um die Verhältnisse nachhaltig zu ändern, sondern schon um zu
verhindern, dass geistig Neues erdrückt und soziale Fähigkeitsentwicklung
der Menschen blockiert, allenfalls durch äußere
Wohlstandsentwicklung substituiert wird.
Die Frage nach dem eigenen
Handlungsraum
Die
Antwort auf alle aufgeworfenen Fragen ist immer auch davon mit abhängig,
welche Konsequenzen diejenigen, die sie stellen, für ihr eigenes
Verhalten aus ihnen ziehen. Die Betrachtung von Alternativen der
gesellschaftlichen Entwicklung bleibt fruchtlos, wo sie den
Betrachtenden unverändert lässt. "Initiative" ist das
Zauberwort der Moderne. Initiativ zu sein, heißt wegzukommen vom
"man müsste", hinauszukommen über das "eigentlich müsste
ich...", hin zum "ich unternehme etwas". Indes bleibt
auch das noch abstrakt, wenn es nicht auf eine realistische Einschätzung
des eigenen Handlungsraums bezogen wird. Dieser ist notwendig
begrenzt: Wie vieles muss ich ertragen, weil ich es nicht verändern
kann! Aber genau so verkehrt wie die Überschätzung des eigenen
Handlungsraums ist seine Unterschätzung, auch die fehlende
Differenzierung zwischen unterschiedlichen Ebenen im Handeln. In
jeweiligen beruflichen Umfeld oder im eigenen Umkreis kann der
einzelne anders wirksam werden, als im allgemeinen
gesellschaftlichen Leben. Manches kann man nicht selber bewegen,
aber unterstützen und fördern - oder wenigstens durch jenes waches
Interesse begleiten, das einem dann zugleich ein Führer zu den
eigenen unmittelbaren Eingriffsmöglichkeiten sein kann. Allein
durch sein Verhalten als Konsument bestimmt jeder einzelne mit, wie
ökologisch oder unökologisch produziert, wie fair oder wie unfair
Handel getrieben wird ...
Würden
alle vernünftigen Leute zur Auffassung kommen, dass man politisch
nichts ausrichten kann, wäre das eine selffulfilling prophecy: jede
Chance auf Veränderung wäre schon deshalb dahin, weil niemand an
sie glaubt. Nur wer etwas beginnt, kann etwas verändern. Wobei die
Selbstveränderung und das Ändern der Umstände nicht in einen künstlichen
Gegensatz gebracht werden dürfen. Was Rudolf Steiner die notwendige
Überzeugung von der "Weltbedeutung meines Innern" als Voraussetzung höherer
geistiger Entwicklung nennt, ist alles andere als das Bebrüten des
eigenen Selbst. Es ist vielmehr der Hinweis darauf, dass wer zum
Guten verändern will, auch sich selbst im Innersten verändern
muss. Sozialverständnis, das nicht bloß theoretisieren will, führt
immer auch zu größerer Wachheit für das mögliche eigene Tun. Und
dieses muss nicht immer spektakulär sein: schon die Art, jemandem
zu begegnen, ist eine soziale Wirksamkeit. - Es wäre eine Unterschätzung
der eigenen Handlungsräume und Verantwortlichkeiten, die soziale
Realität dieses dritten Jahrtausends nicht auch davon abhängig zu
sehen, wie das vereinte Wirken von Menschen gelingt, "die das
seelische Leben im einzelnen Menschen und in der menschlichen
Gesellschaft auf der Grundlage einer wahren Erkenntnis der geistigen
Welt pflegen wollen".
Anmerkungen
[4]
Gern verweisen Kulturpessimisten auf die Scheidungsstatistik und
die wachsende Zahl derer, die sich erst gar nicht binden wollen.
"Nur nicht Festes, alles beweglich, alles auf Rollen. Die häusliche
Einrichtung ebenso wie das Freizeitvergnügen der Skater bis zum
Automobilisten ... Mobil, mobil - das ist die Anforderung an den
Einzelnen, während die Unternehmen klumpen", so
kommentierte jüngst eine kluge Journalistin den Zeitgeist
(Susanne Offenbach: Willkommen 21. Sonntag aktuell, Stuttgart,
2.1.2000).
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