Christoph Strawe: Marxismus und Anthroposophie - I. Teil: Materie und Bewusstsein
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7. Rudolf Steiner und das Problem des Bewußtseins

Die Auffassung, daß Bewußtsein und Denken vom Gehirn und den in ihm vorgehenden Bewegungen determiniert sind, ist bereits in solchem Maße ins Alltagsbewußtsein übergegangen, daß der Widerspruch zum unmittelbaren Erleben kaum noch wahrgenommen wird: Man sagt nicht, mein Gehirn denkt, sieht, geht usw., sondern spricht mit der Formulierung „Ich denke“, ,,gehe“ usw. eigentlich einen anderen Tatbestand aus, als den, welchen man in der Theorie verficht. Sowenig man die Qualitäten der Außenwelt durch Reduktion auf etwas ganz anderes, als sie sind, erklären kann, sowenig wird das Denken dadurch erklärt, daß man es auf ihm vorausliegende ungedankliche Gehirnprozesse zurückführt. Für die Aufklärung darüber, was das Denken ist, kann man nur in der Beobachtung des Denkens, d.h. seiner Bewußtmachung, einen sicheren Ausgangspunkt gewinnen. Wir verstehen überhaupt den Bau physischer Organe von ihrer Aufgabe her. Warum das Ohr so und nicht anders aufgebaut sein muß, verstehen wir vom Hör­erlebnis her, und analog begreifen wir das Auge vom Sehen her. Wüßten wir nicht, was Denken ist, die Anatomie des Gehirns würde es uns nicht lehren. Vielmehr müssen wir das Gehirn von seiner Funktion als Leibesgrundlage des denkenden Geistes her verstehen. Der menschliche Leib ist auf das Geist­organ Gehirn hingeordnet. Das gesunde Gehirn ist Bedingung des verstandesmäßigen Denkens wie das wohlgebaute Auge Bedingung des Sehens ist. Dies zu bestreiten ist ebensosehr eine Verirrung, wie die Behauptung, „der Geist sei nicht der Schöpfer des Gehirns, durch das er sich in der physischen Welt in Gedankenbildung offenbart.“[1] Die Kephalisation, d.h. die immer stärkere Betonung von Haupt und Hirn in der Evolutionsreihe bereitet diese Offenbarung vor. Beobachtungen am Hirn können Beobachtungen am Denken nicht ersetzen, schon deshalb, weil nur das Denken Befunde am Gehirn deuten und hirnphysiologische Experimente ersinnen kann.

Nun bietet die Beobachtung des Denkens die Schwierigkeit, daß sie kein äußeres sinnlich gegebenes Objekt hat: Das Denken muß ich selbst erst hervorbringen, damit ich es beobachten kann. In dieser Beobachtung sind also Subjekt und Objekt zwei Seiten dergleichen Sache: Denken richtet sich auf das Denken, der Geist erkennt sich selbst. Was ich am Denken beobachten kann, ist also zunächst, daß ich es wollen muß, damit es zustande kommt. Ferner, daß ich die Begriffe, die ich denke, inhalts- und sachgemäß verbinden kann, in einsichtsvoller Freiheit, nicht etwa von physiologischen oder psychologischen Zwängen bestimmt, nicht reflexhaft. Der Terminus ,,Zwangsvorstellungen“ ist deshalb mit Recht ausschließlich für die Hervorbringungen eines krankhaften und darum unfreien Denkens reserviert.

Selbst ein radikaler Materialist kann schwer bestreiten, daß der Mensch in der Lage ist, sein Denken zu steuern und zu konzentrieren. Wenn aber diese Steuerbarkeit nicht bloße Illusion sein soll, wie kann das Denken dann gleichzeitig Epiphänomen und Produkt materieller Bewegungen sein? „Denkt der Mensch mit dem Gehirn?“[2], - mit dieser Frage will Lenin Materialismus und Idealismus voneinander abgrenzen. Doch wenn das Denken Produkt und Eigenschaft von Prozessen materieller Substanz sein soll, so müßte vielmehr gefragt werden: „Denkt das Gehirn mit dem Menschen?“ Und die Antwort auf diese Frage, aus unbefangener seelischer Beobachtung des Denkens geschöpft, lautet: Nein, - jedenfalls solange wir wirklich konzentriert denken und uns nicht etwa bloß dem Strom unserer Assoziationen überlassen.

Es ist wohl wahr, was die Assoziationspsychologie lehrt, daß wir in bezug auf unser Vorstellungsleben nicht so frei sind, wie wir glauben mögen, solange wir uns noch nicht in bezug auf unser Vorstellen zu beobachten verstehen. „Der Mensch gelangt nicht zur Wahrheit“, so Steiner, “wenn er sich nur den fortwährend durch sein Ich ziehenden Gedanken überläßt. Denn dann nehmen diese Gedanken einen Verlauf, der ihnen dadurch aufgedrängt wird, daß sie innerhalb der leiblichen Natur zum Dasein kommen. Regellos und wirr nimmt sich die Gedankenwelt eines Menschen aus, der sich zunächst der durch sein leibliches Gehirn bedingten Geistestätigkeit überläßt“, -  in der in der Tat ‚das Hirn mit uns denkt‘. „Da setzt ein Gedanke ein, bricht ab, wird durch einen anderen aus dem Felde geschlagen. Wer prüfend das Gespräch zweier Menschen belauscht, wer sich unbefangen selbst beobachtet, der erhält eine Vorstellung von dieser irrlichtelierenden Gedankenmasse.“[3] Hier zieht in der Tat ein Gedanke einen anderen mit einer gewissen Automatik nach sich, Gedankenbilder treten traumhaft, wie vage Eingebungen auf: das Alltags“denken“ ist in hohem Maße von assoziativen, reflexhaften und gewohnheitsmäßigen Momenten geprägt. Häufig genug ist es bloße Rationalisierung von Antrieben, über deren wahre Natur sich zu täuschen dem Subjekt schmerzhafte Gefühlsregungen, etwa Gewissensbisse, erspart. Das im Rahmen von Bezugsgruppen (Familie, Kirche, Partei, Kollegenkreis usw.) gesellschaftlich Übliche, nicht selbständige Stellungnahmen und Überlegungen, bestimmt das Denken vieler Menschen, mehr, als sie selbst oft wissen. Steiner ist weit entfernt davon, dies zu leugnen. Er konstatiert, daß das Gehirn beim heutigen Durchschnittsmenschen weitgehend automatisch denkt, ein nur in Worten verlaufender scheinbarer Gedankenablauf stattfindet, und er sieht darin eine große Gefahr.[4] Steiner ist sich auch vollkommen bewußt über die hochgradige Leib-gebundenheit des gewöhnlichen Seelenlebens, ja er betrachtet es in gewissem Maße auch als notwendig, daß das Geistig-Seelische im irdischen Lebenslauf in den leiblichen Wirkungen lebt, an sie hingegeben ist, sich in ihnen darstellt. Er spricht nicht Pauschalurteile über Hirn und Bewußtsein aus, sondern versucht die Sphäre genauer zu bestimmen, wo von einem einsichtsvoll-freien Denken die Rede sein kann: sie beginnt überhaupt erst da, wo das Subjekt sich nicht einfach treiben läßt, sondern die volle Verantwortung für sein Denken übernimmt, es von allen undurchschauten Momenten zu reinigen versucht, als da sind Wünsche, Neigungen, Emotionen, Affekte, Illusionen aller Art. Ein solches Denken, das man sich gewöhnlich nicht ohne Übung erwirbt, läßt den anflutenden Assoziationen nicht blind ihren Lauf, sondern bringt sie unter Kontrolle, unterwirft sie dem Willen zur Erkenntnis, weist die nicht zur Sache gehörenden ab und teilt den sachdienlichen ihren Ort im logischen Zusammenhang zu. Ein solches Denken gewinnt auch zu sozialen Prägungen ein freies Verhältnis, es bejaht gegebene Werte bewußt oder wertet sie bewußt um. Die Beobachtung dieses Denkens, das sich “sachgemäß, durch innere Kraft“ vollzieht, ist es, die Steiner zu der These veranlaßt, daß die leiblich-seelische Organisation des Menschen, „an dem Wesen des Denkens nichts bewirken kann.“[5]

Natürlich könnte ein Skeptiker immer noch fragen, ob man sich in der Bewußtmachung des Denkens nicht notwendig täuschen müsse, weil man in Wirklichkeit nur die Ergebnisse einer dem Denken zugrundeliegenden unbewußten und eben deshalb unbeobachteten Tätigkeit erblicke, „wie wenn man bei rasch aufeinanderfolgender Beleuchtung durch elektrische Funken eine Bewegung zu sehen glaubt.“ Ein solcher Einwand, so Steiner, berücksichtigt aber nicht, „daß es das ,Ich‘ selbst ist, das im Denken drinnen stehend seine Tätigkeit beobachtet. Es müßte das Ich außerhalb des Denkens stehen, wenn es so getäuscht werden könnte, wie bei rasch aufeinanderfolgender Beleuchtung durch elektrische Funken. Man könnte vielmehr sagen: wer einen solchen Vergleich macht, der täuscht sich gewaltsam wie jemand, der von einem in Bewegung begriffenen Licht durchaus sagen wollte: es wird an jedem Ort, an dem es erscheint, von unbekannter Hand neu angezündet.“[6]

Wie hat man sich nun - Steiner folgend - das Verhältnis des Denkens zum Hirn als seinem Werkzeug des näheren vorzustellen? Die Antwort verblüfft zunächst: Denken und alles Bewußtsein ist nicht „Produkt“ der organischen Vitalprozesse, es entsteht vielmehr gerade durch deren Zurückdrängung. Hirn- und Nervenmaterie verfügt im Vergleich zu anderer Leibesmaterie nur über geringe Vitalität: Nervenzellen regenerieren sich nicht, abgestorbene Zellen werden nicht durch neue ersetzt. Gerade dadurch, daß es an den Vitalprozessen des übrigen Organismus gewissermaßen parasitiert, wird das Nervensystem zum Träger des bewußten Lebens. Die „organischen Prozesse bringen nicht auf einer höchsten, kompliziertesten Stufe auch noch die Gedanken hervor. Im Gegenteil! Ihnen wird eine Grenze ihres Wirkens gesetzt, an der sie überwunden werden. So erst können die Wachstumskräfte durch einen organischen Nullpunkt hindurchgeführt und zu Gedankenkräften metamorphosiert und dem Ich zur Verfügung gestellt werden. Erst wo das organische Leben zurücktritt, hat das seelisch-geistige Leben Platz, das sich nunmehr an der Sinnes-Nerven-Organisation spiegelt und seiner selbst inne wird. [...] Der in den menschlichen Organismus hineingenommene Todesprozeß entpuppt sich als der Kunstgriff der Natur, nicht nur mehr, sondern höheres Leben zu haben.“[7]

Schon die simple Beobachtung, daß man beim Denken eine innere Energie aufwenden muß, um sich gegen alle Ermüdungstendenzen bei der Sache zu halten, deutet darauf hin, daß wir nicht mit, sondern gewissermaßen gegen unsere leibliche Organisation denken, die nicht des Denkens Motor, sondern sein Widerlager ist. Dem Wesenhaften, das im Denken wirkt, obliegt, so Steiner, die doppelte Aufgabe, zuerst die Eigenaktivität des Leiblichen zurückzudrängen und sich sodann an dessen Stelle zu setzen. So wenig wie man Fußspurenformen auf geheimnisvolle Kräfte des Erdinnern zurückführt, sowenig darf man die leiblichen Gegenbilder des Denkens für seine Ursache nehmen. Die durch das Denken und Vorstellen vermittelten Erlebnisse graben sich im Gehirn gleichsam ein, doch ist es allemal das Bewußtsein, das die Einprägung vornehmen und dann diese Engramme wahrnehmen muß: Die Bewahrerin der Erinnerung ist so die Seele selbst.[8]

Aber wenn „an dem Wesen des Denkens der menschlichen Organisation kein Anteil zukommt“, taucht natürlich die Frage auf, welche Bedeutung diese Organisation innerhalb der menschlichen Gesamtwesenheit hat. Was „in dieser Organisation durch das Denken geschieht, hat wohl mit der Wesenheit des Denkens nichts zu tun, wohl aber mit der Entstehung des Ich-Bewußtseins aus dem Denken heraus. Innerhalb des Eigenwesens des Denkens liegt wohl das wirkliche ,Ich‘, nicht aber das Ich-Bewußtsein [...] Man verwechsele das aber nicht mit der Behauptung, daß das einmal entstandene Ich-Bewußtsein von der Leibesorganisation abhängig bleibe. Einmal entstanden, wird es in das Denken aufgenommen und teilt fortan dessen geistige Wesenheit.“[9] Die ,Bewußtseinsveränderungen von Schlafen, Wachen und Träumen sind an den hirnelektrischen Messungen (EEG) verfolgbar. Daran wird deutlich, daß das übliche Ich-Bewußtsein an objektivierbare Gehirnleistungen gebunden ist. So ist auch das Auftauchen unseres alltäglichen Ich-Bewußtseins im dritten Lebensjahr durch die neurologische Reifung des Vorderlappens des Großhirns möglich geworden“, heißt es bei Wolfgang Schad.[10]

Solche Einsichten sind integraler Bestandteil einer Menschenkunde, die den Menschen als leibliches, seelisches und geistiges Wesen beobachtet und begreift.[11]

In bezug auf seine physische Körperlichkeit ist der Mensch ein Glied der ihn umgebenden Natur: Sein physischer Leib setzt sich zusammen aus denselben materiellen Elementen und den in ihnen wirksamen physischen Kräften, aus denen sich auch die Mineralien, Pflanzen und Tiere zusammensetzen. Fortpflanzung und Wachstum hat er mit Pflanze und Tier gemein. Ebenso wie diese verfügt er über eine spezifische Organisation artbildender Kräfte, die die Lebenserscheinungen hervorbringen und von Steiner als „Ätherleib“ bezeichnet werden. Die Fähigkeit, auf äußere Eindrücke mit inneren Erlebnissen zu reagieren, und die Möglichkeit der Eigenbewegung hat außer ihm nur das Tier. Wie dieses fühlt er Lust und Schmerz, Hunger und Durst usw. Doch verhält sich der Mensch nicht prinzipiell unfrei und instinktgebunden, sondern kann die Dinge erkennen und einen vernunftgemäßen Zusammenhang in sein Leben bringen, indem er über die Wahrnehmungen und über seine eigenen Handlungen nachdenkt. Das Seelische des Menschen ist doppeldeterminiert durch die zwingenden Naturnotwendigkeiten und die frei anerkannten Denknotwendigkeiten. Diese freie Anerkennung der Denkgesetze ist nur möglich, weil im Menschen ein Wesensglied lebt, das er mit keinem der Wesen der anderen Naturreiche teilt: Das geistige Selbst, das im Ich aufleuchtet und durch das der Mensch nicht bloßes Gattungswesen, sondern unverwechselbare Individualität ist. Diese Individualität prägt mit zunehmender Herrschaft des Menschen über sich selbst dem Seelischen, ja sogar dem Physischen ihren Stempel auf. Ihr Wesen drückt sich dann in dem Gefühlsleben aus, mit dem die Eindrücke der Außenwelt beantwortet werden, und es ist ihr Wesen, das im Wollen auf die Außenwelt zurückwirkt.

Durch die Tätigkeit des Ich wird das Psychische verwandelt und veredelt. Der Seelenleib (Astralleib) - das Wort Leib ist nur Metapher - wird von der Empfindungsseele durchsetzt, und diese „empfängt nicht bloß die Eindrücke der Außenwelt als Empfindungen; sie hat ihr eigenes Leben, das sich durch das Denken auf der einen Seite ebenso befruchtet wie durch die Empfindungen auf der anderen. So wird sie zur Verstandesseele [...] Sie kann das dadurch, daß sie sich nach oben hin den Intuitionen erschließt wie nach unten hin den Empfindungen. Dadurch ist sie Bewußtseinsseele.“ „Das ist ihr deshalb möglich, weil ihr die Geisteswelt das Intuitions­organ hineinbildet, wie ihr der physische Leib die Sinnesorgane bildet [...] Der Geistmensch ist dadurch mit der Bewußtseinsseele in einer Einheit verbunden [...] In dieser Einheit lebt der Geistesmensch als Lebensgeist.“[12]

„Wie der physische Leib zerfällt, wenn ihn nicht der Ätherleib zusammenhält, wie der Ätherleib in die Bewußtlosigkeit versinkt, wenn ihn nicht der Astralleib durchleuchtet, so müßte der Astralleib das Vergangene immer wieder in die Vergessenheit sinken lassen, wenn dieses nicht vom ,Ich‘ in die Gegenwart herübergerettet würde. Was für den physischen Leib der Tod, für den Ätherleib der Schlaf, das ist für den Astralleib das Vergessen. Man kann auch sagen: dem Ätherleib sei das Leben eigen, dem Astralleib das Bewußtsein und dem Ich die Erinnerung.“[13] „Durch das Selbstbewußtsein bezeichnet sich der Mensch als ein selbständiges, von allem übrigen abgeschlossenes Wesen, als ,Ich‘. Im ,Ich‘ faßt der Mensch alles zusammen, was er als leibliche und seelische Wesenheit erlebt. Leib und Seele sind Träger des ,Ich‘; in ihnen wirkt es. Wie der physische Körper im Gehirn, so hat die Seele im ,Ich‘ ihren Mittelpunkt. Zu Empfindungen wird der Mensch von außen angeregt; Gefühle machen sich geltend als Wirkungen der Außenwelt; der Wille bezieht sich auf die Außenwelt, denn er verwirklicht sich in äußeren Handlungen. Das ,Ich‘ bleibt als die eigentliche Wesenheit des Menschen ganz unsichtbar [...] Dieses Ich ist der Mensch selbst [...] Er darf deshalb seinen Leib und seine Seele als die ,Hüllen‘ bezeichnen, innerhalb deren er lebt; und er darf sie als leibliche Bedingungen bezeichnen, durch die er wirkt. Im Laufe seiner Entwicklung lernt er diese Werkzeuge immer mehr als Diener seines ,Ich‘ gebrauchen [...] Nur von innen heraus, nur durch sich selbst kann die Seele sich als Ich bezeichnen.“[14]

Das Selbstbewußtsein erwacht an der gegenständlichen Welt durch das Denken. Weil der Mensch sein Denken auf die Gegenstände richtet, hat er Objektbewußtsein, weil er es auf sich selbst richtet, Selbstbewußtsein: weil es denkendes Bewußtsein ist, ist das menschliche Bewußtsein zugleich Selbstbewußtsein. Das Subjekt denkt, so Steiner, nicht deshalb, weil es Subjekt ist, sondern ist umgekehrt Subjekt, weil es denken kann. Durch das Denken ringt sich der Mensch vom dumpfen Gefühl des eigenen Daseins zum Begriff seines Selbst hindurch. Das Selbstgefühl als Vorform des Selbstbewußtseins entsteht nicht vor dem dritten Lebensjahr, weil zunächst der geistige Wesenskern des Menschen noch ganz in der Ausbildung und im Ergreifen des Leibes aufgeht.[15]

Ohne die Beziehung der Seelenerlehnisse auf das Ich als bleibenden Mittelpunkt, als das im Wechsel Dauernde, müßte für den Menschen völliger Identitätsverlust eintreten. Doch darf man nicht, im Sinne der philosophischen Ich-Spekulation, das gewöhnliche Selbstbewußtsein bzw. die Ich-Vorstellung einfach mit dem Ich gleichsetzen. Diese Gleichsetzung wird, so Steiner, alle 24 Stunden durch den Schlaf widerlegt, der die Ich-Vorstellung auslöscht, nicht jedoch das Ich, das man sich doch nicht jeden Morgen neu aus dem Nichts geschaffen denken kann. Der Ich-Gedanke des Alltagsbewußtseins ist nicht das wirkliche Ich, sondern nur dessen Spiegelbild. Doch kann mir die äußere Welt, zu der auch mein Leib gehört, diesen Ich-Gedanken niemals eingeben. „Und so wahr sich nicht spiegeln kann, was nicht da ist, so wahr muß das Ich sein, weil es sich spiegelt“ und dieses Spiegelbild nicht von etwas anderem bewirkt sein kann.[16]

Das Ich-Bewußtsein wird gewöhnlich durch den Leib so ,abgedumpft“, daß es ,zerflattert“, wenn ihm die Sinnesreize entzogen werden. Nur durch meditative Verdichtung des Denkens kann es gelingen, zur Realität des Ich-bin durchzustoßen: Im reinen Denken findet man das Selbst, das sein Bewußtsein von sich ohne die Spiegelung am Leib aufrechterhalten kann. Solche Thesen Steiners harmonieren übrigens in verblüffender Weise mit Ergebnissen von 1960-63 in den USA durchgeführten Experimenten über „Ichwahrnehmung bei vollkommener Sinnesausschaltung“: Verlust der „Ichwahrnehmung“ trat dann nicht auf, wenn die VPs meditativ mit geometrischen Figuren und Symbolen umgingen.[17]

Man darf sich das Ich, wie Steiner 1911 auf dem Weltkongreß für Philosophie ausführt, überhaupt nicht innerhalb des Leibes befindlich vorstellen, sondern hat in der Leibesorganisation nur so etwas wie einen Spiegel zu sehen, der dem Ich sein außerleibliches Leben und Weben durch die organische Tätigkeit zurückspiegelt. Will man erkennen, nach welchen Gesetzen die Spiegelung entsteht, muß man die Eigenschaften des Spiegels untersuchen. Hier liegt das legitime Feld der Neurophysiologie und der anderen Naturwissenschaften. Von einer neuen Zusammenschau ihrer Ergebnisse erwartete Steiner wichtige Bestätigungen seiner Thesen. Es ist in diesem Zusammenhang sicher bemerkenswert, daß einer der renommiertesten modernen Hirnforscher, der Nobelpreisträger Eccles, immerhin zu dem Schluß kommt, das immaterielle Ich sei es, das die Botschaften des Gehirns zu entschlüsseln und das Gehirn zu „programmieren“ habe.[18]

Steiner faßt das Verhältnis von Materie und Bewußtsein dergestalt, daß er jeweils den Zusammenhang physiologischer, psychischer und mentaler Phänomene aufzudecken versucht, nicht auf der Ebene allgemeiner Behauptungen über die „leib-seelische Ganzheitlichkeit“ des Menschen operiert. Es geht ihm darum, im Konkreten aufzuweisen, wie das aus vorgeburtlicher Sphäre stammende Geistig-Seelische an Aufbau und Substantiierung des Leibes arbeitet, wie es sich in den konkreten Organprozessen der Leber, des Herzens, der Lunge usw. betätigt.[19]

Eine „wirkliche Phänomenologie des Bewußtseins in bezug auf eine funktionelle ‚Ortung‘ der typischen Seelenbewegungen im physischen Leib“ (M. Scaligero)[20] wird von Steiner inauguriert: Durch seelische Beobachtung „beginnt man festzustellen, wie die Denktätigkeit sich durch das Gehirn entwickelt: das rationale Denken entwickelt sich im Kopf, vom Sinneswahrnehmen angeregt. Das Gefühlsleben hat stattdessen seinen Sitz in der Brust: sein Träger ist die Kraft, die sich in der Atmung und im Blutkreislauf ausdrückt. Die Willensmacht benutzt als Instrument die Dynamik des Stoffwechsels und der Bewegung der Glieder.“ So wie die drei von Steiner aufgewiesenen Subsysteme des menschlichen Organismus, Nerven-Sinnes-System, Rhythmisches System und Stoffwechsel-Gliedmaßen-System, sich gegenseitig „durchdringen, obwohl jedes seine vorherrschende Funktion im eigenen Bereich beibehält, so wirken in ständiger Kombination oder in ständigem Widerstreit die drei Seelenfunktionen Denken, Fühlen und Wollen mit einer derartigen Wandlungsfähigkeit, die die funktionelle Beweglichkeit der entsprechenden leiblichen Prozesse bei weitem übertrifft Nach den Untersuchungen der Geisteswissenschaft ergibt sich, daß das Seelenleben nicht nur vom Nervensystem abhängig ist [...] Dem Nervensystem kann nur die Denk- und Wahrnehmungstätigkeit zugeschrieben werden: deshalb ist das Denken die einzige Tätigkeit des Bewußtseins, die fähig ist, den eigenen, der Gehirntätigkeit vorgelagerten Prozeß zu verfolgen [...] Das Fühlen und Wollen, obwohl in einigen Äußerungen wahrnehmbar, geschehen auf Ebenen, die für das Wachbewußtsein dem Traum- und Schlafzustand entsprechen [...]“.

Von daher fällt neues Licht auf das Problem des Unbewußten und seiner Beziehung zum Bewußten. Unser gewöhnliches Denken, so formuliert Scaligero Steiners Ansatz, ist der Abkömmling einer „höheren Kraft, die in sich der Synthese-Strom des Lichtes und des Lebens ist. Hier hat das Denken in seinem Inneren das Fühlen, und das Fühlen hat in seinem Inneren das Wollen. In einem überbewußten Bereich sind die drei Kräfte der Seele: Denken, Fühlen und Wollen, eine einzige leuchtende Kraft. Wenn diese Kraft“ - unser höheres Selbst - „als solche, d.h. mit ihrer ursprünglichen Macht von Lebenslicht, im menschlichen Organismus sich versenken würde, so würde sie ihn zerstören. Um sich zu inkarnieren, teilt sich deshalb diese Kraft in drei Strömungen, von denen nur eine, das Denken, bewußt wird: aber sie wird bewußt nur auf Kosten seiner Widerspiegelung im Hirn. Mit dem Verzicht auf das eigene, feine Lebenselement wird das Denken tote Widerspiegelung, Schatten, mit einer Beweglichkeit, in der keine Seele oder inneres Licht mehr ist [...] Die anderen zwei Strömungen, das Fühlen und das Wollen, behalten trotzdem ihr Lebenselement, unter der Bedingung aber, an dem unterbewußten somatischen Bereich haften zu bleiben, d.h. an dem Empfindungsleib und dem Ätherleib, so daß ihre Dynamik sich verändert und als Gefühls- und Instinktstrom ins Bewußtsein aufsteigt“, während nur im leblosen Denken der Mensch im Wachzustand ist. [21] Dies ermöglicht kritische Distanz und Freiheit, bedroht den Menschen aber zugleich mit dem Verlust des Realitätsbezugs und stellt ihn damit vor die Aufgabe, aus seiner Freiheit heraus im Erkennen und Handeln den Weg zur Wirklichkeit zu finden. Gelingt dies nicht, schlagen die dem Selbst entfallenen und entfremdeten Wesenskräfte diesem aus dem Unterbewußten entgegen und drohen es zu überwältigen. Im Extremfall zerstören sie, wie in der schweren Psychose, die Identität des Bewußtseins.

Owen Barfield schreibt, der Kern der Anthroposophie sei das Konzept des Selbstbewußtseins des Menschen als eines Prozesses in der Zeit[22] also die Evolution der Bewußtseinsstufen. Steiner beschreibt für die Anfänge der Menschheitsevolution eine Bewußtseinsverfassung, die noch unter dem Niveau des traumlosen Schlafs liegt und heute allenfalls in tiefster Trance erreichbar ist. Dieses „Bewußtsein“ lebt noch wie von innen das Leben einer weiteren Umgebung mit. Das heutige Traumbewußtsein ist das Überbleibsel einer älteren Bewußtseinsverfassung, eines schöpferisch-plastischen, gleichsam magischen Bilderbewußtseins, das zugleich in mittelbarer, symbolischer Form die verhaltensrelevanten Umgebungseigenschaften widerspiegelt. Das Wachbewußtsein, wie es für die heutige Menschheit typisch ist - in seiner Doppelgestalt als Gegenstands- und Selbstbewußtsein - bringt zunächst ein Versiegen dieser Bilderfülle und Lebendigkeit - der Gedanke in seiner Bildlosigkeit ist erwacht. Nach Steiner kann dieses Wachbewußtsein seine Helligkeit steigern und zugleich wieder bildhaft werden; von der ehedem dämmerhaft erlebten Bilderwelt wird es dabei zu einem vollbewußt gehandhabten Vermögen des Denkens in inneren Anschauungen gelangen, zu einem „selbstbewußten Bilderbewußtsein“.[23]

Steiner bewertet das Verhältnis von menschlicher Psyche und Tierpsychischem deutlich anders als der Marxismus. F. A. Kipp bemerkt, daß die Intelligenzversuche mit Affen, die deren Lernvermögen belegen sollen, sich nur mit Jungtieren durchführen lassen. Von der zuerst so auffälligen Verhaltensplastizität bleibe im späteren Alter nicht viel übrig. Dies wertet Kipp als Beleg dafür, daß die Tier-Primaten eine Abzweigung von dem aufwärtsgerichteten, zunehmende Autonomie produzierenden Evolutionsstrom und „Rückkehr in den Zustand ökologischer Einpassung“ darstellen.[24]

Steiner sieht in der erstaunlichen Gattungsintelligenz, wie sie rein instinkthaft z. B. in höchster Ausgestaltung bei den Bienen und Ameisen vorkommt, eine mit der Vererbung zusammenspielende Wirksamkeit tierischer Gruppenseelen. Die Intelligenzleistungen auch der höheren Tiere bleiben immer einseitig, denn deren Erlebnisse sind „unmittelbar am Leib entstehend und durch leibliche Befriedigung wieder vergehend. Erst der sich selbst im Ich bewußte Mensch hat Seelenempfindungen, die von ihrer leiblichen Grundlage unabhängig werden, insofern sie auch später aus der Erinnerung wiedererzeugt werden können, also ohne äußeren Reiz“[25] Für eine oberflächliche Betrachtung liegt es nahe, von „Erinnerung“ zu sprechen, wenn beispielsweise der Hund seinen Herrn nach längerer Trennung wiedererkennt. Aber in Wahrheit macht sich die Anwesenheit des Herrn als aktuelles Lusterlebnis geltend, so wie sich das Bedürfnis nach seiner Gegenwart in der Abwesenheit vielleicht als aktuelles Unlusterlebnis geltend gemacht hat.[26]

Menschliches Verhalten ist prinzipiell mehr als die Abberufung eines einmal als erfolgreich im Nervensystem gespeicherten Verhaltensprogramms bei Wiedereintreten verwandter Situationsmerkmale, das dann „nach dem Schema der instinktiven Verhaltensregulation“ abläuft. Dies mag der „Grundmechanismus“ aller Dressurvorgänge sein, der „aller Lernvorgänge“ ist er nicht[27], wenn auch die Anwendung solcher Denkmuster in der Pädagogik die negative Vision einer Mechanisierung des Geistes als Drohung heraufbeschwört.

Auch für Steiner spielt die Hand-Arbeit eine entscheidende menschheitsgeschichtliche Rolle: Die Entwicklung des Menschen zu einem selbstverantwortlichen Wesen ist für ihn mit dem Freiwerden der vorderen Extremitäten verbunden, die nun freie Arbeitswerkzeuge bilden. Nun lernt der Mensch den aufrechten Gang, der Blick wird nach oben frei, er erwirbt sich die artikulierte Sprache, die nur bei einem Wesen mit aufrechter Haltung auftreten kann.[28] So richtig es ist, daß „das denkende Haupt der Hände“ bedarf, „um seine Ideen an der Praxis zu prüfen“, so wichtig ist gleichzeitig die Feststellung, daß schon „die Verfertigung der primitivsten steinzeitlichen Faustkeile [...] ,Geist‘ (Ideenbildung, Denken, Inspiration)“ erforderte.[29] Der Geist des Menschen erwacht an der äußeren Welt, aber er ist nicht ihr Produkt. Indem der Mensch sich Ziele setzen lernt und seine Organe für diese Ziele in Bewegung setzt, hört er auf, wie das Tier durch seine Organe bloß belehrt zu werden, sondern belehrt - wie Goethe einmal sagt - seine Organe.

Der Psychologe Karl Bühler hat die drei sprachlichen Grundfunktionen der Kundgabe von (Lust- und Schmerz-)Gefühlen, der Auslösung von Verhalten (durch Warnrufe z. B.) und der Darstellung, die einen nichtinstinktiven Gebrauch von Signalen erfordere, unterschieden.[30] Nur der Mensch ist in der Lage, Sachverhalte objektiv, ohne Befindlichkeiten und leibliche Bedürfnisse ins Spiel zu bringen, sprachlich „darzustellen“. Die Finger-„sprache“, die Gardner im Experiment Affen beibringen konnte, könnte man nur mit Gewaltsamkeit als Darstellung im Sinne Bühlers interpretieren. Man muß auch hinzufügen, daß menschliche Sprache in ihrer auslösenden eine nichtinstinktive moralische, in ihrer kundgebenden eine nichtinstinktive ästhetische Komponente hat, derer das Tier als nicht ichhaftes Wesen ebenfalls entbehrt. Die Sprache als ästhetische Ausdrucksleistung wird von der materialistischen Deutung der Sprachentstehung her nicht verständlich. Die Tatsache, daß die ältesten rekonstruierbaren Sprachen der Menschheit (aus der Steinzeit) „künstlerisch und geistig bereits hochentwickelte Gebilde“ darstellen[31], läßt sich aus den Kommunikationserfordernissen im primitiven altsteinzeitlichen Arbeitsprozeß nicht ableiten. J. W. Ernst bezeichnet die Sprachschöpfung unter Berufung auf die Arbeiten Menghins und Portmanns als ,geistige Großtat der materiell unvollkommensten Kultur“[32] die schließlich zu den frühen mythischen Hochkulturen geführt habe, deren späte und den ursprünglichen Kulturreichtum nur noch abglanzhaft wiedergebende Zeugen die Naturvölkerkulturen sind.

Steiner ging davon aus, daß vor der durch Funde belegten steinzeitlichen Menschheits­epoche noch weitere geschichtliche Epochen liegen, in denen auch der Ursprung von Sprache und aufrechtem Gang zu suchen ist. Das Leben des Steinzeitmenschen „war einfach, sein Horizont war beschränkt, seine Gedankenwelt auf die Verteidigung seines Lebens und die Nahrungssuche begrenzt.“[33] Aber er hatte eben doch gewisse Denkfähigkeiten erreicht, im Gegensatz zur Menschheit der davorliegenden Epoche, die Steiner mit der alten Vorstellung eines versunkenen Kontinents (der „Atlantis“) in Verbindung bringt. Bei der „atlantischen“ Menschheit war die vordere Stirnpartie noch unentwickelt: „Die Entwicklung der vorderen Stirnpartie geht parallel derjenigen des Gehirns und des Gedankens [...] Ein bestimmter Punkt des Äthergehirns, der sich heute innerhalb des Schädels befindet, war damals noch außerhalb. Es gab einen Punkt in der Entwicklung der Atlantier - sie dauerte mehrere Millionen Jahre -, wo dieser Punkt sich ins Innere des Schädels zurückzog. Dieser Moment ist von grundlegender Wichtigkeit, denn vom Zeitpunkt an, wo der Mensch anfing zu denken [...] ,Ich‘ zu sich zu sagen, begann er auch zu kombinieren, zu rechnen, wozu er früher nicht fähig gewesen war. Dafür besaßen die Atlantier ein getreueres, weniger dem Irrtum unterworfenes Gedächtnis [...] Sie wußten durch das Gedächtnis, daß ein bestimmtes Ereignis immer eine Reihe anderer nach sich zog, aber sie kannten nicht die Ursache dieser Ereignisse und konnten nicht darüber nachdenken. Der Begriff der Kausalität existierte bei ihnen erst in einem embryonalen Stadium.“[34]

Sprache ist deshalb mehr als die Aneinanderreihung einzelner Laute, weil diese die Luftverkörperung eines jeweiligen Sinns darstellen. „Nur ein verstandenes Wort funktioniert als Wort“, schreibt Georg Kühlewind; „deshalb ist es unumgänglich, die von außen gegebenen Wortzeichen wortlos unmittelbar zu verstehen: das bezieht sich vor allem auf den Anfang des Sprechens. Vermittelungen mögen später hilfreich sein, aber auch diese nur, wenn sie verstanden werden. Die ersten Worte -  die ersten drei, zehn, zwanzig? -  lernt das Kind absolut ohne Vermittlung zu verstehen; auch Gebärde, Mimik, Verhaltensformen müssen erst verstanden werden, um etwas zu bedeuten.“ Das vorsprachliche Verstehen - die eigentliche Ur-Sprache - ist unmittelbare Kommunikation durch „überbewußte Identifikation“ mit dem sprechenden Ich-Wesen des anderen Menschen.[35] Für den Verständnislosen, der den in das Wort gelegten Sinn nicht in sich lebendig machen kann, bleibt dieses Wort tot, „leere Worte“ macht ein Sprechender, der gedankenlos daherredet. Das Sich-Ausdrücken und Einander-Verste­hen im Dialog ist das Urbild des Sozialen schlechthin: ohne die Ausbildung der Fähigkeit zum Dialog gibt es keine Lösung der sozialen Probleme der Gegenwart, - dies wurde auch in der Einleitung zu dieser Arbeit herausgestellt. Was ist erquicklicher als das Licht? - Das Gespräch. So lautet ein von Steiner oft zitierter Satz aus Goethes Märchen von der Schlange und der schönen Lilie.[36]

Die Entwicklung der Sprache reflektiert die Bewußtseinsentwicklung der Menschheit. Für eine ältere Menschheit waren Außen und Innen noch zwei Seiten einer Sache. Daß wir heute noch Ausdrücke für Äußeres im übertragenen Sinne für Inneres anwenden, ist ein Abglanz dieser ursprünglichen Einheit. Z.B. drücken wir unsere Stimmung im Bild der Trübe aus, wir sind ,betrübt“, einen Text nennen wir ,unausgegoren“; ohne solche Bilder wäre unsere ohnehin blutleere Sprache gewiß noch ärmer: Uns wird die Einheit von Äußerem und Innerem nicht mehr geschenkt, wir müssen sie bewußt herstellen.

In der Einsicht, daß sich Bewußtsein in der praktischen Auseinandersetzung mit natürlichen und sozialen Gegebenheiten entwickelt, liegt ein verbindendes Element zwischen Marxismus und Anthroposophie, - wenn auch solche Gemeinsamkeit nicht bis zur Antwort auf die Frage nach der Natur des handelnden Ich trägt. „Das Ich als Tathandlung begegnet der Welt, spielt mit ihr, pflegt Umgang mit ihr und entlockt ihr, indem es Gegenwirkungen beobachtet und vergleicht, ihre Selbstoffenbarung; das Experiment ist ein eingeschränkter Sonderfall dieses Umgangs. Das Ich vereinigt sich tätig, beobachtend, urteilend mit der Wirklichkeit der Welt. Nur die Einwirkung bei vollem eigenem Einsatz und tätiger Gegenwart unseres Wesens ruft das Wesen des Gegenüber auf. Das gilt im Verkehr mit Menschen so gut wie im Verkehr mit der Natur.“[37]

Die Geisteswissenschaft, so Steiner, kenne nicht den unglückseligen Dualismus von Hand- und Kopfarbeit. Handarbeit ist nichts als der Gebrauch der Leibeswerkzeuge im Dienst des Willens, klarwerden müsse man sich darüber, „daß dieser Wille als ein Geistiges alles durchpulst, was wir als ganzer Mensch verrichten, und wieder zurückstrahlt auf den Verstand unseres Kopfes [...]“[38].

„Je stärker man durch das eigene Tun oder Herstellen mit den Dingen verbunden ist, desto deutlicher bilden sich die Vorstellungen aus“, schreibt Christoph Lindenberg. Durch die Praxis werden „die Vorstellungen konkret und gesättigt [...] Mit dem konkreten Vorstellungsbild, das aus dem eigenen Tun geboren wird, verbindet sich ein Gefühl für die Sache, ein intuitives Wissen von der Funktion.“[39] Das darf man nicht im Sinne eines Mißtrauens in das Denken mißverstehen, etwa nach dem Motto: das Denken bringt es auf sich gestellt doch bloß zu Hirngespinsten. Die Korrektur eines irrlichternden Denkens durch die Tatsachen der äußeren Wirklichkeit, mit denen der Mensch arbeitend umgehen muß, ist für das Ich die Schule, die es schließlich auch befähigt, seinem Denken selbst Richtung und Ziel zu geben. Es gibt ein Denken, das auch da nicht versagt, wo die Korrektur der äußeren Gegenständlichkeit fehlt. Nur ein solches Denken ist auch moralisch schöpferisch und damit in der sozialen Praxis fruchtbar.

Steiner geht es im Kern nicht um philosophische Spekulationen über das Bewußtsein, sondern um Bewußtseinsveränderung: Bewußtseinserweiterung durch Meditation ist das zentrale Thema. Sie beginnt mit dem Erüben der Konzentrationsfähigkeit. Diese stellt die Herrschaft des Ich in der Seele wieder her, indem sie die Bewußtseinskräfte auf ein Thema bzw. Bild bündelt, die Zersplitterung des Bewußtseins aufhebt und seine Selbstvergessenheit heilt, und ist damit unter den heutigen Bedingungen eine Frage der Bewußtseinshygiene. Eine Vielzahl von Symp­tomen spricht heute von der Sehnsucht nach einem Durchbrechen der gegebenen Bewußtseinsschranken. Doch wird dieser Durchbruch vielfach auf Wegen gesucht, die das Bewußtsein zu zerstören oder in atavistische Formen zurückzustoßen drohen und damit gegen die Autonomie des Ich gerichtet sind - die Bewußtseinserweiterung mit der Droge ist nur die extremste Form. Steiners Weg unterscheidet sich grundlegend von zahllosen anderen „Angeboten“ an Meditations­praktiken dadurch, daß er beim Denken beginnt: der Übende soll seine intellektuelle Wachheit nicht zum Opfer bringen, sondern noch steigern.

Steiners Antwort auf die Frage nach der Unsterblichkeit der Seele als Substrat des Bewußtseins ist nicht philosophisch-spekulativ, sondern besteht im Hinweis auf die Möglichkeit eines Bewußtseinszustandes, in dem sich der Mensch in seinem Wesenskern leibfrei erfassen kann: für das gewöhnliche leibgebundene Bewußtsein muß alles, was mit dieser Frage zusammenhängt, unentscheidbar sein, ja, daß die „Seele nach ihrer Fortdauer verlangt, sollte unter allen Umständen dazu führen, sie mißtrauisch zu machen gegen alle Meinungen, welche sie über diese Fortdauer bildet. Denn warum sollten sich die Tatsachen der Welt kümmern um das, was die Seele empfindet?“ Es könnte mit dem Tod alles aus sein, „auch wenn es als sinnlos empfunden würde.“[40] Andererseits überschreitet die auf die Erforschung der physischen Welt bezogene Wissenschaft ihre Kompetenzen, wenn sie Aussagen über die Unsterblichkeit macht: „Der Tod bedeutet, als Tatsache der physischen Welt betrachtet, eine Veränderung der Verrichtungen des Leibes. Dieser hört mit dem Tode auf, durch seine Einrichtungen der Vermittler der Seele und des Geistes zu sein. Was mit Seele und Geist dann geschieht, das entzieht sich diesen Sinnen. Denn sinnlich können ja auch während des Lebens Seele und Geist nur insofern betrachtet werden, als diese in physischen Vorgängen ihren äußeren Ausdruck erlangen. Nach dem Tode ist ein solcher Ausdruck nicht mehr möglich [...] Da tritt eben eine höhere Erkenntnis ein, die auf der Beobachtung der Vorgänge der Seelen- und der Geisteswelt beruht.“[41] Aus solchen Erkenntnisbemühungen heraus hat Steiner vielfach Schilderungen nachtodlicher Bewußtseinsprozesse zu geben versucht.



[1] GA 18 1, S. 10. Vgl. vorher GA 28, S. 59f.; GA 9, S. 22; GA 125, S. 88f.

[2] LW 14, S. 79.

[3] GA 9, S. 142. Vgl. GA 167, S. 47, 324f.

[4] Vgl. GA 350, Vortr. 28. 6. 1923.

[5] GA 13, S. 24S; GA 4, S. 147f. Vgl. GA 167, S. 324.

[6] GA 4,S. 55f.

[7] Bühler 1980, S. 25f.

[8] GA 176, S. 194f.; GA 9, S. 53. Vgl. a. GA 176, S. 47.

[9] GA 4, S. 148.

[10] Schad, Aggression und Frieden, S. 30f.

[11] Vgl. i. f. GA 9, S. 25ff.; GA 13, S. 42ff.

[12] GA 9, S. 45.

[13] GA 13, S. 48.

[14] GA 9, S. 39f.

[15] GA 4, S. 60, 139; GA 61,S. 54.

[16] GA 61,S. 54f. Vgl. a. GA 35,S. 101ff.

[17] Nach Meffert 1982, S. 304. Die Experimente wurden an der Brown University/ Rhode Island durchgeführt.

[18] Steiner in GA 35, nach Kugler 1978, 49f. Popper/Eccles56f.; Vgl. a. GA 235, 56f.; GA 125, S. 107.

[19] Vgl. z.B. GA 27 und GA 314.

[20] Scaligero 1979. Nachtrag: Uber die innere Konzentration.

[21] ibd.

[22] Barfield 1966, S. 189.

[23] GA 11,S. 111f.; GA 94,S. 88f., GA 18 I, S. 22

[24] Kipp 1980, S. 72f.

[25] A. Husemann 1982, S. 32.

[26] GA 13, S. 49.

[27] Klix 1977, S. 9.

[28] GA 94, S. 87f.; vgl. GA 245, S. 44.

[29] Hartmann 1982.

[30] Bühler 1962.

[31] Ernst 1977, S. 9.

[32] ibd.

[33] GA 94, S. 85f.

[34] ibd. 86.

[35] Kühlewind 1984, S. 43.

[36] Vgl. in GA 22.

[37] Lauenstein 1974, S. 317.

[38] GA 333, S. l00f.

[39] Lindenberg 1981, S. 39.

[40] GA 16,S. 14f.

[41] GA 9, S. 74f.


Marxismus und Anthroposophie
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