6.
Bewußtsein als Produkt, Funktion und Eigenschaft der Materie: Der
marxistische Begriff des Bewußtseins
Nur
aus Unwissenheit über den eigenen Körperbau, durch Fehldeutung von
Traumerlebnissen, seien die Menschen einst auf die Illusion verfallen,
„ihr Denken und Empfinden sei nicht eine Funktion ihres Körpers,
sondern einer besonderen, in diesem Körper wohnenden und ihn beim
Tode verlas-senden Seele“, schrieb Engels, der zugleich die persönliche
Unsterblichkeit eine „langweilige Einbildung“ nennt, entstanden
aus der „Verlegenheit, was mit der einmal angenommenen Seele nach
dem Tode des Körpers anzufangen [...]“[1]
Das darf
man nicht mißverstehen: geleugnet wird hier ein körper-unabhängiges
Seelisches, nicht Psychisches und Bewußtsein überhaupt. Das Bewußtsein
soll zwar, nach marxistischer Auffassung, Produkt, Funktion,
Eigenschaft einer auf besondere Art organisierten Materie -
des
Gehirns - sein, ohne die es kein Nu existieren könnte. Im Rahmen
dieser seiner materiellen Bedingtheit anerkennt man aber durchaus eine
besondere Qualität und relative Eigengesetzlichkeit des Bewußtseins,
das als höchste Form der psychischen Widerspiegelung der objektiven
Realität nicht auf sein materielles Substrat reduziert werden soll.
Und zwar deshalb, weil es die Objekte in Form von durchaus
nichtmateriellen Empfindungen, Wahrnehmungen, Vorstellungen und
Begriffen reproduziert.[2] Die
Widerspiegelungsfähigkeit wird als Produkt der stammesgeschichtlichen
Evolution betrachtet, das mit der Herausbildung des höheren
Nervensystems gekoppelt ist. Es ist die materielle Struktur des
menschlichen Hirns, mit ihren 15 Millionen Nervenzellen -
alle
miteinander und durch afferente und efferente Nervenbahnen mit den
Sinnes- und Bewegungsorganen vernetzt -
die
es ermöglicht, daß aus der „Energie des äußeren Reizes [...]
eine Bewußtseinstatsache“ wird.[3]
Das
Bewußtsein ist gewissermaßen ein „innerer Zustand der Materie“[4],
insbesondere eine Funktion der Großhirnrinde, während die
stammesgeschichtlich früher entstandenen subkortikalen Bereiche als
Organ der weitervererbten instinktiven Verhaltensweisen aufzufassen
sind. Zwischen
Bewußtseinsleistungen bzw. Sinnen als Erlebnisfeldern und physischen
Organen, an die sie gebunden sind, wird zwar keine platte Identität
behauptet, aber dennoch oft unzureichend differenziert, etwa wenn
formuliert wird: „Die äußeren Sinnesorgane sind der Gesichtssinn,
der Geruchssinn und der Tastsinn.“[5]
Ja gelegentlich definiert man das Denken schlicht als die „höchste
Stufe der bedingt-reflektorischen Widerspiegelungstätigkeit“.[6]
Erscheint in solchen Sätzen das Bewußtsein als ,im Grund überflüssige
Zutat zu einem bewußtlos ebensogut funktionierenden Nervensystem[7]
und wird damit obsolet, worin sein entscheidender
evolutionsgeschichtlicher Selektionsvorteil eigentlich bestehen soll,
so steht dem auch wieder Lenins Diktum entgegen, das Bewußtsein
widerspiegele die Welt nicht nur, sondern schaffe sie auch.[8]
Man
versteht, daß einem Tatmenschen wie Lenin dies deutlich sein mußte,
fragt sich aber, wie der Satz mit der These von der reflektorischen Tätigkeit
zu verbinden ist, denn ein Reflex ist per definitionem ein
determinierter Vorgang, kein schöpferischer Beginn, sondern eine
Antwort des Organismus auf den Reiz, die nicht unterlassen werden
kann. Die
These von der Hirnbedingtheit des Bewußtseins hält man für
empirisch gesichert durch zahlreiche Fakten aus Neurochirurgie, Anästhesie
und Psychopharmakologie (Ausschaltungsexperimente, Bewußtseinsveränderungen
durch Drogen, Narkose), lehnt allerdings eine simple
Lokalisationstheone im Sinne der Deutung bestimmter Hirnpartien als
,Sitz“ von Bewußtseinsfähigkeiten ab. Den Berichten von Personen,
die bereits klinisch tot waren und reanimiert wurden, erkennt man
hinsichtlich der Frage nach einem nachtodlichen Leben und einer
leibunabhängigen Seele keine positive Aussagekraft zu: diese
Erlebnisse werden ebenfalls vom Hirn her zu erklären versucht, das ja
in der Tat erst beim zentralen Tod zerstört ist. Immerhin,
die Anerkennung der Immaterialität von Bewußtseinserscheinungen
bedeutet auch Einsicht in die Notwendigkeit einer besonderen
Wissenschaft vom Bewußtsein, die mehr ist als Physiologie der höheren
Nerventätigkeit. Der sowjetische Philosoph Tugarinow schreibt: „Wir
wissen besser über die Vorgänge in den Tiefen der Sonne Bescheid als
über Prozesse unseres Unterbewußtseins und sogar unseres Bewußtseins.“[9]
Trotz der zur Schau gestellten Sicherheit in bezug auf den Status des
Bewußtseins gegenüber der Materie, ist man sich also durchaus bewußt,
daß eine Wissenschaft vom Bewußtsein in hohem Maße erst noch zu
entwickeln ist. Diese Wissenschaft hat vor allem -
nach
marxistischer Auffassung -
davon
auszugehen, daß das Bewußtsein nicht bloß durch physiologische,
sondern auch durch sozialhistorische Komponenten bedingt ist: es denkt
nicht ein Hirn an sich, sondern Hirne von Individuen, die durch die
jeweilige Sozialisation geprägt sind. Die
Formulierung, das Bewußtsein stelle “ein in sich geschlossenes
System verschiedener, jedoch eng miteinander verbundener bewußter,
emotionaler und durch den Willen gesteuerter Elemente“[10]
dar,
läßt an die auf Nikolaus Tetens zurückgehende Unterscheidung der
drei “Seelenvermögen“ Denken, Fühlen und Wollen denken, die also
nicht, wie im „Behaviorismus“, einfach als empirisch gehaltlos
verworfen wird. Bewußtsein entsteht durch Wissensgewinnung: das
Wissen ist seine Existenzweise. Dem Bewußtsein sind andere, unbewußte
Formen der Widerspiegelung vorgelagert. Das Spektrum des Unbewußten
sei sehr breit und umfasse Instinkte, Gewohnheiten, Intuition und
Einstellungen, aber auch nicht bewußt registrierte Eindrücke. Nach
einer Periode der Freud-Verfemung rechnet man dem Vater der
Psychoanalyse heute auch in der Sowjetunion als Verdienst an, daß er
das Unbewußte erstmals zum Forschungsgegenstand gemacht habe.
Zugleich kreidet man ihm an, er habe dieses Unbewußte, besonders die
Rolle des Sexualtriebes, überschätzt: Ein solcher
irrationalistischer Biologismus sei dem Marxismus wesensfremd, für
den Verstand und Wachbewußtsein das entscheidende Prinzip der
menschlichen Persönlichkeit ausmache, das sie gegenüber dem Tier
auszeichne.“[11] Innerhalb
des Wachbewußtseins können die Ebenen der Empfindung bzw.
Wahrnehmung, der Vorstellung und des begrifflichen Denkens
unterschieden werden. Die Empfindung gilt dabei als unmittelbares
Abbild gegenwärtig auf die Sinnesorgane einwirkender Objekte, die
Wahrnehmung soll nicht nur einzelne Eigenschaften, sondern Dinge in
der Totalität ihrer den Sinnen zugänglichen Merkmale widerspiegeln,
wobei der Charakter der Wahrnehmungen von Vorwissen und Interessen
tingiert sei. Die Vorstellung schließlich wird als bildliche
Reproduktion in der Vergangenheit wahrgenommener Objekte aufgefaßt,
die Phantasievorstellung wird „relativ frei“ in der Kombination
von Bewußtseinselementen, sie greift in die Zukunft über und betätigt
sich in der “Schaffung neuer Abbilder“.[12]
Die
Vorstellung verallgemeinert die „Angaben der Sinnesorgane“ zu
einem einheitlichen anschaulichen Abbild, während das in Begriffen,
Urteilen und Schlüssen verlaufende theoretische Denken auf das
Unanschauliche geht. Im wirklichen Bewußtsein seien, so argumentiert
man, die verschiedenen Ebenen neben- und miteinander vorhanden, es
gebe kein reines Wahrnehmen und reines Denken, das Bewußtsein sei nie
allein Wissen und Erkennen, sondern stets auch Erleben und Bewerten.
Bedürfnisse und Emotionen seien die Triebfedern auch bei der
Wahrheitssuche.[13] Im
Bewußtsein verweben sich nach marxistischer Auffassung Individuelles
und Gesellschaftliches. Das Individuum findet in Gestalt
wissenschaftlicher Kenntnisse, künstlerischer Werte, Rechts- und
Moralnormen in der Gesellschaft entstandene Bewußtseinsformen vor,
die sich prägend auf den Entwicklungsprozeß des individuellen Bewußtseins
im Lebenslauf auswirken. Durch das gesellschaftliche Milieu, in dem er
lebt, nimmt der Heranwachsende Einschätzungen, Kenntnisse und Überzeugungen
in sich auf; Lebensweise, soziale Psychologie und Kulturniveau seines
sozialen Umfeldes sind wesentliche Faktoren der Persönlichkeitsentwicklung. ,Wenn
der wirkliche, leibliche, auf der festen runden Erde stehende, alle
Naturkräfte aus- und einatmende Mensch seine wirklichen gegenständlichen
Wesenskräfte durch seine Entäußerung als fremde Gegenstände setzt,
so ist nicht das Setzen Subjekt, es ist die Subjektivität gegenständlicher
Wesenskräfte, deren Aktion darum auch nur eine gegenständliche sein
kann“[14],
formuliert Marx in seiner Hegel-Kritik der “Pariser Manuskripte“.
So berechtigt an diesem Satz die Abwehr eines einseitigen
Spiritualismus erscheint, so wenig darf man sich doch über die
Problematik täuschen, die in der Metabasis von der durchkrafteten
Gegenständlichkeit zur Gegenständlichkeit der Kraft selber liegt,
die damit letztlich verdinglicht wird. Subjektivität und Selbstbewußtsein
gleichsam auf den geistigen Wurmfortsatz der physischen Leiblichkeit
herunterzubringen, ist gegenüber der Totalität des menschlichen
Wesens, gegenüber dem handelnden Ich, nicht weniger eine Abstraktion
als die Subjektivierung der Abstraktion “das Setzen“. An
und für sich wird die Tatsache des auf sich selbst gerichteten Bewußtseins
oder Selbstbewußtseins vom Marxismus nicht bestritten. Bei
Konstantinow lesen wir dazu, indem der Mensch sich handelnd und
erkennend mit den Dingen auseinandersetze, beginne er sich selbst zu
erfühlen, er richte zunehmend sein Denken auf sich selbst, denke nach
über seine Ideale, Interessen und Moralprinzipien. Damit hebe er sich
aus der ihn umgebenden Realität heraus, ergreife seine
Eigenverantwortlichkeit und entwickele sein Persönlichkeitsgefühl.
Diese Darstellung, an der wohl kaum ein Anthroposoph Anstoß nehmen
wird, vermag gewiß allzu einfache Vorstellungen über den „östlichen
Kollektivismus“ zu korrigieren, - eine ,materialistische
Ableitung“ des Selbstbewußtseins liefert sie nicht. Deren
Problematik sieht deutlich Tugarinow: für einen konsequenten
Materialismus darf das Selbstbewußtsein keine anderen Wurzeln haben
als das übrige Bewußtsein auch, und dieses geht letztlich auf die
sinnliche Wahrnehmung, in der die Materie gegeben ist, als Quelle zurück.
„Bekanntlich sind die Quelle der sinnlichen Wahrnehmung sowohl die
Widerspiegelung äußerer Objekte als auch die Empfindungen, die vom
eigenen Körper ausgehen. Der Unterschied dieser beiden Quellen
erzeugt den Unterschied von gegenständlichem und Selbstbewußtsein.“[15]
Damit hat man vermeintlich das Ich in die Körperempfindungen aufgelöst,
aber zugleich die Instanz beseitigt, die den Körper als eigenen, als
,ihren“ Körper im Gegensatz zu äußeren Objekten empfinden könnte.
Und man hat im Grunde die Bestimmung des Selbstbewußtseins als eines
Bewußtseins, das auf sich selbst gerichtet ist (Tugarinow), wieder
kassiert: denn dessen Objekt wäre nicht der Körper, sondern
allenfalls das eigene Inne-Sein der Körperempfindungen. Dem
Marxismus ist mit der Anthroposophie gemeinsam, daß er das Bewußtsein
nicht für ein ein für allemal Gegebenes, sondern ein Werdendes und
sich Entwickelndes ansieht. Empfindungsfähigkeit sieht er bereits
beim Tier ausgebildet, das er keineswegs wie Descartes als
unbeseelte Maschine auffaßt. Auf der anderen Seite will er aber
durchaus nicht aller Materie eine Beseeltheit zubilligen. In der
anorganischen Welt kann von einer Widerspiegelungsfähigkeit nur im
Sinne von Spurenbildungen durch äußere Einwirkung gesprochen werden,
bei der Pflanze finden wir bereits elementare Reizbarkeit. Der Weg zum
Nervensystem und damit zum Psychischen führt über die zunehmende
Differenzierung der Widerspiegelungsformen; Wahrnehmung im Sinne des
ganzheitlichen Erfassens von Dingen und Situationen finden wir zuerst
bei den Wirbeltieren. Die Reaktionen der Tiere auf biologisch
relevante Umweltreize sind teils instinktiv, durch Vererbung gegeben,
teils erworben. Die Verständigkeit des Affen, der - wie die einschlägigen Experimente von Köhler u. a.
zeigen -
bereits
in der Lage ist, Ziele auch über komplizierte Umwege zu erreichen und
dabei vorgefundene Gegenstände als Werkzeuge zu benutzen, beweist
nach Meinung der Marxisten besonders deutlich, daß das menschliche
Bewußtsein seine biologischen Voraussetzungen im Tierreich hat und daß
zwischen Mensch und Tier kein unüberbrückbarer Unterschied besteht,
daß das Tierische das unter bestimmten Bedingungen zum Menschen hin
Entwicklungsfähige ist. Das heißt aber nicht, daß die qualitativen
Unterschiede zwischen Mensch und Tier ganz vernachlässigt würden.
Tieren fehlt z.B. „die Fähigkeit zur freien Kombination von
Vorstellungen, zur freien Phantasie, auch sind sie nicht in der Lage,
sich über ihr Verhältnis zur Umwelt bewußt zu werden“, verfügen
nicht über das auf der Sprache basierende begriffliche Denken.[16] Für
Marx ist der entscheidende Unterschied,
durch den sich die Menschen aus dem (übrigen) Tierreich herausheben,
die Arbeit: Man könne die Menschen durch das Denken, die Religion
oder was immer von den Tieren unterscheiden, sie selber fingen an,
sich von ihnen zu unterscheiden, indem sie begönnen, ihre
Existenzmittel zu produzieren, ein Schritt, der durch ihre
Organisation bedingt sei. Die Arbeit sei in einem solchen Maße
Grundbedingung des menschlichen Lebens, daß man sagen könne, sie
habe den Menschen selbst geschaffen. Die Ereignisse im „Tier-Mensch-Übergangsfeld“
stellt man sich in etwa so vor, wie Engels sie in dem Manuskript
“Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“[17]
geschildert hat; Modifikationen aufgrund neuer Funde beziehen sich auf
Details, nicht auf das Wesen der Sache: Die
affenähnlichen Menschenvorfahren, die auf Bäumen lebten, wurden
durch veränderte Umweltbedingungen (Versteppung ihres Lebensraums)
gezwungen, auf ebener Erde zu leben. Da sie nur über unspezialisierte
Greifwerkzeuge verfügten und natürlicher Waffen ermangelten, mußten
sie zur Verteidigung gegen Raubtiere vorgefundene Steine verwenden,
die bald auch zur Jagd genutzt wurden. Die “Erfordernisse der
systematischen Nutzung von Werkzeugen“ zwangen sie, Schritt für
Schritt zur Bearbeitung der Materialien überzugehen, die sie in der
Natur fanden, und schließlich zur Produktion der Werkzeuge. Das alles
führte zu einer wesentlichen Veränderung der vorderen Gliedmaßen.
Sie paßten sich den neuen Operationen an und wurden zu einem natürlichen
Werkzeug der Arbeitstätigkeit.“[18]
Man nimmt an, daß die sich ,im Arbeitsprozeß entwickelnde Hand die
Vervollkommnung des gesamten Organismus, auch des Gehirns“ beeinflußte;
„Arbeit zuerst, nach und mit ihr die Sprache, das sind die beiden
Antriebe, unter deren Einfluß das Gehirn eines Affen in das bei aller
Ähnlichkeit weit größere und vollkommenere eines Menschen allmählich“
überging, schrieb Engels: ,,[...] im Verhältnis, wie der Mensch die
Natur verändern lernte, in dem Verhältnis wuchs auch seine
Intelligenz.“[19]
Mit dem Gehirn vervollkommneten sich auch die Sinnesorgane, die
„Logik des praktischen Handelns wurde im Gedächtnis fixiert und
verwandelte sich in die Logik des Denkens. Es bildete sich die Fähigkeit
zur Zielsetzung heraus.“[20] Zunächst
überblickten die Menschen, so nimmt man an, ihre Handlungen und ihre
Umgebung nur begrenzt, kamen nicht über sinnliche Vorstellungen und
einfache Verallgemeinerungen hinaus. Aber langsam klärte sich das
Bewußtsein, es bildeten sich Urteils- und Schlußvermögen. Die sich
im Gegensatz zum natürlichen Milieu rasch verändernde
gesellschaftliche Umwelt führte zur Herausbildung immer neuer
bedingt-reflektorischer Bewußtseinsleistungen: die Menschen lernten
auf allen Gebieten dazu. Und das Tempo dieses Lernens steigerte sich
mit der Entstehung der Sprache, die die Weitergabe von Erfahrungen an
künftige Generationen ermöglicht, so daß menschliches Wissen ständig
akkumuliert wurde; die Erfindung der Schrift stellte einen
qualitativen Sprung dar, der die Möglichkeiten solcher Akkumulation
noch erheblich erweiterte. „Der
,Geist‘ hat von vornherein den Fluch an sich, mit der Materie
,behaftet‘ zu sein, die hier in Form von bewegten Luftschichten, Tönen,
kurz der Sprache auftritt. Die Sprache ist so alt wie das Bewußtsein
- die
Sprache ist das praktische, auch für andere Menschen existierende,
also auch für mich selbst erst existierende wirkliche Bewußtsein“,
heißt es in der “Deutschen Ideologie“.[21]
Die Sprache kann wie das Bewußtsein nur im Arbeitsprozeß entstehen,
,,der einheitliche, aufeinander abgestimmte Aktionen der Menschen
verlangt und sich nicht ohne engen Kontakt und die Kommunikation
miteinander vollziehen konnte.“[22]
Die
Sprache hat eine lange Vorgeschichte in den motorischen Reaktionen und
Lautreaktionen der Tiere. Aber Tierlaute sind Kundgabe des tierischen
Befindens, noch keine Gegenstandsbezeichnungen. Erst diese letztere
Funktion aber konstituiere Sprache als Kommunikationsmittel und
Denkwerkzeug. Überhaupt
kommt man im Detail zu manchen durchaus differenzierten Auffassungen
zum Verhältnis von Sprache und Denken. Man unterscheidet zwischen äußerem
und innerem Sprechen, ideeller Bedeutung und materieller Lautung.
Mittels der Sprache vollziehe sich der Übergang von der lebendigen
sinnlichen Anschauung zum abstrakten Denken. Laut oder Schrift seien
Zeichen, die Bedeutung dagegen Abbild der Wirklichkeit - und zwar je
nach ihrem Allgemeinheitsgrad Abbild sinnlicher oder rationaler Art.
In der Sprache objektiviere der Mensch seine Gedanken und Gefühle,
bekomme ein freieres Verhältnis zu ihnen. „Das Bewußtsein
widerspiegelt die Wirklichkeit, die Sprache bezeichnet sie und
verleiht ihr gedanklichen Ausdruck. Dadurch, daß sich Gedanken und
Ideen mit einer sprachlichen Hülle umgeben, verlieren sie nicht ihre
Spezifik.“[23]
Indem
die Sprache Gedanken, Gefühle und Bestrebungen in sinnlich (also auch
für andere) wahrnehmbare Form bringt, verleiht sie ihnen
gesellschaftliche Relevanz, über die bloß persönliche hinaus. Weder
die Gedanken noch die Sprache bilden jedoch ein Reich für sich, “da
sie nur Äußerungen des
wirklichen Lebens sind.“ „Die unmittelbare Wirklichkeit des
Gedankens ist die Sprache.“[24]
Es
ist bemerkenswert, daß die offizielle marxistische Philosophie etwa
in der Sowjetunion die im Westen weit verbreitete Gleichsetzung der
Bewußtseinsleistung Denken mit der Tätigkeit von Computern ablehnt.
Zwar gibt es in der marxistischen Philosophie zur Frage der
Kybernetik, zum Verhältnis von Information und Widerspiegelung noch
einander widersprechende Auffassungen, doch ist man sich weitgehend
einig, daß von einem ,Maschinendenken‘ nicht gesprochen werden
sollte: ein Computer ordne Informationen nicht wie der Mensch nach
Bedeutungen, die es ihm ermöglichten, die richtigen auszuwählen,
ohne jeweils den gesamten Bestand durchmustern zu müssen. Wenn
Computer Beweise führen und Sprachen übersetzen, handeln sie
,buchstabengetreu“ und mechanisch. Der handelnde Mensch aber denke
in der Regel über die Ergebnisse, die Folgen seiner Handlungen nach,
sei sozial und schöpferisch, könne dialektisch denken, d.h. einen
Denkstil pflegen, der nicht vollkommen formalisiert werden kann. Zur
vollständigen Modellierung des Bewußtseins sei ein Modell des
Gehirns prinzipiell unzureichend, denn erst die gesellschaftliche
Arbeit lehre das Hirn denken.[25] Entscheidend
für die dialektisch-materialistische Theorie des Bewußtseins ist
die These vom untrennbaren Zusammenhang dieses Bewußtseins mit der
sinnlich-gegenständlichen Tätigkeit, die vor allem als körperliche
Arbeit, aber auch als Klassenkampf, wissenschaftliches Experiment, künstlerische
Produktion usw. aufgefaßt wird, also alles das umfaßt, was sich im
gegenständlichen Handeln, in willkürlicher körperlicher Bewegung
ausdrückt. Marx skizziert diesen Ausgangspunkt in knappen Strichen in
den „Thesen über Feuerbach“: „Der Hauptmangel alles bisherigen
Materialismus [...] ist,
daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der
Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als
sinnliche menschliche Tätigkeit, Praxis, nicht subjektiv.“ „Die
Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme -
ist
keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis
muß der Mensch die Wahrheit, i.e. Wirklichkeit und Macht,
Diesseitigkeit seines Denkens beweisen.“[26] Die
Bewußtseinsleistung “Erkenntnis“ erwächst in dieser Sicht aus
den Bedürfnissen der gesellschaftlichen Praxis, primär aus der
Notwendigkeit, zum Zwecke der Lebensmittelproduktion die Naturgesetze
immer besser kennen- und ausnutzen zu lernen. Die Hervorbringungen des
menschlichen Hirns werden im gesellschaftlichen Arbeitsprozeß, im
Umgang mit den Naturgegenständen, einem strengen Ausleseverfahren
unterzogen. Die Praxis vermittelt zwischen Materie und Bewußtsein,
denn sie ist immer zugleich Bewußtseinsleistung (in der Zwecksetzung,
der ideellen Antizipation des Resultats der Handlung) und materielle
Aktion (in der Leibesbewegung und der Bewegung der äußeren Gegenstände
mit Hilfe der Gliedmaßen). Das
schwierigste Problem für eine materialistische Theorie des Bewußtseins
ist das aktiv-schöpferische Verhältnis zur Wirklichkeit, zur Praxis
und zu sich selbst, das man dem Bewußtsein doch zugestehen muß. Man
betont, Widerspiegelung sei nicht passiver Abklatsch und tote Kopie,
sondern zielvolle Tätigkeit, Aneignung der Welt durch den denkenden
Kopf. Und menschliches Handeln sei in der Regel nicht blind und
instinkthaft, in ihm werde etwas gewollt, was noch nicht ist, sondern
erst werden soll und in der Vorstellung vorweggenommen wird. Doch da
letztlich alles, womit die Vorstellung umgeht, aus dem bestehenden
Sein ,entlehnt“ sei, dürfe man sich dadurch am Primat des
Materiellen nicht irremachen lassen, wenn auch Lenin sich bis zu der
Feststellung aufschwingt: „Der Gedanke von der Verwandlung des
Idealen in das Reale ist tief, sehr wichtig für die Geschichte. Aber
auch im persönlichen Leben des Menschen ist ersichtlich, daß hieran
viel Wahres ist.“[27] [1]
MEW 21,S. 274f. [2]
Vgl. a.i.f. Konstantinow, S. 95ff.; s. a. LW 14,S. 226. [3]
LW 14, S. 43. [4]
ibd., S. 49. [5] Konstantinow, S. 99. [6] Klaus/Buhr, S. 259. [7] Strauß 1956, S. 167. [8] LW 38,S. 203f. [9] Tugarinow 1974, S. 12. [10] Konstantinow, S. 102. [11] ibd., vorher vgl. MEW-Erg.bd. 1, 580. [12]
ibd., 103. [13]
ibd., 103f. [14]
MEW-Erg.bd. 1, S. 577. [15]
Tugarinow, S. 115ff. [16] Konstantinow, S. 110; vgl., auch vorher, Holzkamp 1978, Leontjew 1977, Wygotski 1977. [17] MEW 3, S. 23; MEW 20, S. 444ff. Zum Gesamtkomplex vgl. Klix 1977. [18]
Konstantinow 110f. [19]
MEW 20, 447. [20]
Konstantinow a.a.O. [21]
MEW 3, S. 30. [22]
Konstantinow 111f. [23]
Konstantinow 113. [24]
MEW 3, S. 433, 432. [25] Konst. 117. [26] MEW 3, S. 5, 6. [27]
LW 38, S. 106.
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