Christoph Strawe: Marxismus und Anthroposophie - I. Teil: Materie und Bewusstsein
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6. Bewußtsein als Produkt, Funktion und Eigenschaft der Materie: Der marxistische Begriff des Bewußtseins

Nur aus Unwissenheit über den eigenen Körperbau, durch Fehldeutung von Traumerlebnissen, seien die Menschen einst auf die Illusion verfallen, „ihr Denken und Empfinden sei nicht eine Funktion ihres Körpers, sondern einer besonderen, in diesem Körper wohnenden und ihn beim Tode verlas-senden Seele“, schrieb Engels, der zugleich die persönliche Unsterblichkeit eine „langweilige Einbildung“ nennt, entstanden aus der „Verlegenheit, was mit der einmal angenommenen Seele nach dem Tode des Körpers anzufangen [...]“[1] Das darf man nicht mißverstehen: geleugnet wird hier ein körper-unabhängiges Seelisches, nicht Psychisches und Bewußtsein überhaupt. Das Bewußtsein soll zwar, nach marxistischer Auffassung, Produkt, Funktion, Eigenschaft einer auf besondere Art organisierten Materie - des Gehirns - sein, ohne die es kein Nu existieren könnte. Im Rahmen dieser seiner materiellen Bedingtheit anerkennt man aber durchaus eine besondere Qualität und relative Eigengesetzlichkeit des Bewußtseins, das als höchste Form der psychischen Widerspiegelung der objektiven Realität nicht auf sein materielles Substrat reduziert werden soll. Und zwar deshalb, weil es die Objekte in Form von durchaus nichtmateriellen Empfindungen, Wahrnehmungen, Vorstellungen und Begriffen reproduziert.[2]

Die Widerspiegelungsfähigkeit wird als Produkt der stammesgeschichtlichen Evolution betrachtet, das mit der Herausbildung des höheren Nervensystems gekoppelt ist. Es ist die materielle Struktur des menschlichen Hirns, mit ihren 15 Millionen Nervenzellen - alle miteinander und durch afferente und efferente Nervenbahnen mit den Sinnes- und Bewegungsorganen vernetzt - die es ermöglicht, daß aus der „Energie des äußeren Reizes [...] eine Bewußtseinstatsache“ wird.[3] Das Bewußtsein ist gewissermaßen ein „innerer Zustand der Materie“[4], insbesondere eine Funktion der Großhirnrinde, während die stammesgeschichtlich früher entstandenen subkortikalen Bereiche als Organ der weitervererbten instinktiven Verhaltensweisen aufzufassen sind.

Zwischen Bewußtseinsleistungen bzw. Sinnen als Erlebnisfeldern und physischen Organen, an die sie gebunden sind, wird zwar keine platte Identität behauptet, aber dennoch oft unzureichend differenziert, etwa wenn formuliert wird: „Die äußeren Sinnesorgane sind der Gesichtssinn, der Geruchssinn und der Tastsinn.“[5] Ja gelegentlich definiert man das Denken schlicht als die „höchste Stufe der bedingt-reflektorischen Widerspiegelungstätigkeit“.[6] Erscheint in solchen Sätzen das Bewußtsein als ,im Grund überflüssige Zutat zu einem bewußtlos ebensogut funktionierenden Nervensystem[7] und wird damit obsolet, worin sein entscheidender evolutionsgeschichtlicher Selektionsvorteil eigentlich bestehen soll, so steht dem auch wieder Lenins Diktum entgegen, das Bewußtsein widerspiegele die Welt nicht nur, sondern schaffe sie auch.[8] Man versteht, daß einem Tatmenschen wie Lenin dies deutlich sein mußte, fragt sich aber, wie der Satz mit der These von der reflektorischen Tätigkeit zu verbinden ist, denn ein Reflex ist per definitionem ein determinierter Vorgang, kein schöpferischer Beginn, sondern eine Antwort des Organismus auf den Reiz, die nicht unterlassen werden kann.

Die These von der Hirnbedingtheit des Bewußtseins hält man für empirisch gesichert durch zahlreiche Fakten aus Neurochirurgie, Anästhesie und Psychopharmakologie (Ausschaltungsexperimente, Bewußtseinsveränderungen durch Drogen, Narkose), lehnt allerdings eine simple Lokalisationstheone im Sinne der Deutung bestimmter Hirnpartien als ,Sitz“ von Bewußtseinsfähigkeiten ab. Den Berichten von Personen, die bereits klinisch tot waren und reanimiert wurden, erkennt man hinsichtlich der Frage nach einem nachtodlichen Leben und einer leibunabhängigen Seele keine positive Aussagekraft zu: diese Erlebnisse werden ebenfalls vom Hirn her zu erklären versucht, das ja in der Tat erst beim zentralen Tod zerstört ist.

Immerhin, die Anerkennung der Immaterialität von Bewußtseinserscheinungen bedeutet auch Einsicht in die Notwendigkeit einer besonderen Wissenschaft vom Bewußtsein, die mehr ist als Physiologie der höheren Nerventätigkeit. Der sowjetische Philosoph Tugarinow schreibt: „Wir wissen besser über die Vorgänge in den Tiefen der Sonne Bescheid als über Prozesse unseres Unterbewußtseins und sogar unseres Bewußtseins.“[9] Trotz der zur Schau gestellten Sicherheit in bezug auf den Status des Bewußtseins gegenüber der Materie, ist man sich also durchaus bewußt, daß eine Wissenschaft vom Bewußtsein in hohem Maße erst noch zu entwickeln ist. Diese Wissenschaft hat vor allem - nach marxistischer Auffassung - davon auszugehen, daß das Bewußtsein nicht bloß durch physiologische, sondern auch durch sozialhistorische Komponenten bedingt ist: es denkt nicht ein Hirn an sich, sondern Hirne von Individuen, die durch die jeweilige Sozialisation geprägt sind.

Die Formulierung, das Bewußtsein stelle “ein in sich geschlossenes System verschiedener, jedoch eng miteinander verbundener bewußter, emotionaler und durch den Willen gesteuerter Elemente“[10] dar, läßt an die auf Nikolaus Tetens zurückgehende Unterscheidung der drei “Seelenvermögen“ Denken, Fühlen und Wollen denken, die also nicht, wie im „Behaviorismus“, einfach als empirisch gehaltlos verworfen wird. Bewußtsein entsteht durch Wissensgewinnung: das Wissen ist seine Existenzweise. Dem Bewußtsein sind andere, unbewußte Formen der Widerspiegelung vorgelagert. Das Spektrum des Unbewußten sei sehr breit und umfasse Instinkte, Gewohnheiten, Intuition und Einstellungen, aber auch nicht bewußt registrierte Eindrücke. Nach einer Periode der Freud-Verfemung rechnet man dem Vater der Psychoanalyse heute auch in der Sowjetunion als Verdienst an, daß er das Unbewußte erstmals zum Forschungsgegenstand gemacht habe. Zugleich kreidet man ihm an, er habe dieses Unbewußte, besonders die Rolle des Sexualtriebes, überschätzt: Ein solcher irrationalistischer Biologismus sei dem Marxismus wesensfremd, für den Verstand und Wachbewußtsein das entscheidende Prinzip der menschlichen Persönlichkeit ausmache, das sie gegenüber dem Tier auszeichne.“[11]

Innerhalb des Wachbewußtseins können die Ebenen der Empfindung bzw. Wahrnehmung, der Vorstellung und des begrifflichen Denkens unterschieden werden. Die Empfindung gilt dabei als unmittelbares Abbild gegenwärtig auf die Sinnesorgane einwirkender Objekte, die Wahrnehmung soll nicht nur einzelne Eigenschaften, sondern Dinge in der Totalität ihrer den Sinnen zugänglichen Merkmale widerspiegeln, wobei der Charakter der Wahrnehmungen von Vorwissen und Interessen tingiert sei. Die Vorstellung schließlich wird als bildliche Reproduktion in der Vergangenheit wahrgenommener Objekte aufgefaßt, die Phantasievorstellung wird „relativ frei“ in der Kombination von Bewußtseinselementen, sie greift in die Zukunft über und betätigt sich in der “Schaffung neuer Abbilder“.[12] Die Vorstellung verallgemeinert die „Angaben der Sinnesorgane“ zu einem einheitlichen anschaulichen Abbild, während das in Begriffen, Urteilen und Schlüssen verlaufende theoretische Denken auf das Unanschauliche geht. Im wirklichen Bewußtsein seien, so argumentiert man, die verschiedenen Ebenen neben- und miteinander vorhanden, es gebe kein reines Wahrnehmen und reines Denken, das Bewußtsein sei nie allein Wissen und Erkennen, sondern stets auch Erleben und Bewerten. Bedürfnisse und Emotionen seien die Triebfedern auch bei der Wahrheitssuche.[13]

Im Bewußtsein verweben sich nach marxistischer Auffassung Individuelles und Gesellschaftliches. Das Individuum findet in Gestalt wissenschaftlicher Kenntnisse, künstlerischer Werte, Rechts- und Moralnormen in der Gesellschaft entstandene Bewußtseinsformen vor, die sich prägend auf den Entwicklungsprozeß des individuellen Bewußtseins im Lebenslauf auswirken. Durch das gesellschaftliche Milieu, in dem er lebt, nimmt der Heranwachsende Einschätzungen, Kenntnisse und Überzeugungen in sich auf; Lebensweise, soziale Psychologie und Kulturniveau seines sozialen Umfeldes sind wesentliche Faktoren der Persönlichkeitsentwicklung.

,Wenn der wirkliche, leibliche, auf der festen runden Erde stehende, alle Naturkräfte aus- und einatmende Mensch seine wirklichen gegenständlichen Wesenskräfte durch seine Entäußerung als fremde Gegenstände setzt, so ist nicht das Setzen Subjekt, es ist die Subjektivität gegenständlicher Wesenskräfte, deren Aktion darum auch nur eine gegenständliche sein kann“[14], formuliert Marx in seiner Hegel-Kritik der “Pariser Manuskripte“. So berechtigt an diesem Satz die Abwehr eines einseitigen Spiritualismus erscheint, so wenig darf man sich doch über die Problematik täuschen, die in der Metabasis von der durchkrafteten Gegenständlichkeit zur Gegenständlichkeit der Kraft selber liegt, die damit letztlich verdinglicht wird. Subjektivität und Selbstbewußtsein gleichsam auf den geistigen Wurmfortsatz der physischen Leib­lichkeit herunterzubringen, ist gegenüber der Totalität des menschlichen Wesens, gegenüber dem handelnden Ich, nicht weniger eine Abstraktion als die Subjektivierung der Abstraktion “das Setzen“.

An und für sich wird die Tatsache des auf sich selbst gerichteten Bewußtseins oder Selbstbewußtseins vom Marxismus nicht bestritten. Bei Konstantinow lesen wir dazu, indem der Mensch sich handelnd und erkennend mit den Dingen auseinandersetze, beginne er sich selbst zu erfühlen, er richte zunehmend sein Denken auf sich selbst, denke nach über seine Ideale, Interessen und Moralprinzipien. Damit hebe er sich aus der ihn umgebenden Realität heraus, ergreife seine Eigenverantwortlichkeit und entwickele sein Persönlichkeitsgefühl. Diese Darstellung, an der wohl kaum ein Anthroposoph Anstoß nehmen wird, vermag gewiß allzu einfache Vorstellungen über den „östlichen Kollektivismus“ zu korrigieren, - eine ,materialisti­sche Ableitung“ des Selbstbewußtseins liefert sie nicht. Deren Problematik sieht deutlich Tugarinow: für einen konsequenten Materialismus darf das Selbstbewußtsein keine anderen Wurzeln haben als das übrige Bewußtsein auch, und dieses geht letztlich auf die sinnliche Wahrnehmung, in der die Materie gegeben ist, als Quelle zurück. „Bekanntlich sind die Quelle der sinnlichen Wahrnehmung sowohl die Widerspiegelung äußerer Objekte als auch die Empfindungen, die vom eigenen Körper ausgehen. Der Unterschied dieser beiden Quellen erzeugt den Unterschied von gegenständlichem und Selbstbewußtsein.“[15] Damit hat man vermeintlich das Ich in die Körperempfindungen aufgelöst, aber zugleich die Instanz beseitigt, die den Körper als eigenen, als ,ihren“ Körper im Gegensatz zu äußeren Objekten empfinden könnte. Und man hat im Grunde die Bestimmung des Selbstbewußtseins als eines Bewußtseins, das auf sich selbst gerichtet ist (Tugarinow), wieder kassiert: denn dessen Objekt wäre nicht der Körper, sondern allenfalls das eigene Inne-Sein der Körperempfindungen.

Dem Marxismus ist mit der Anthroposophie gemeinsam, daß er das Bewußtsein nicht für ein ein für allemal Gegebenes, sondern ein Werdendes und sich Entwickelndes ansieht. Empfindungsfähigkeit sieht er bereits beim Tier ausgebildet, das er keineswegs wie Des­cartes als unbeseelte Maschine auffaßt. Auf der anderen Seite will er aber durchaus nicht aller Materie eine Beseeltheit zubilligen. In der anorganischen Welt kann von einer Widerspiegelungsfähigkeit nur im Sinne von Spurenbildungen durch äußere Einwirkung gesprochen werden, bei der Pflanze finden wir bereits elementare Reizbarkeit. Der Weg zum Nervensystem und damit zum Psychischen führt über die zunehmende Differenzierung der Widerspiegelungsformen; Wahrnehmung im Sinne des ganzheitlichen Erfassens von Dingen und Situationen finden wir zuerst bei den Wirbeltieren. Die Reaktionen der Tiere auf biologisch relevante Umweltreize sind teils instinktiv, durch Vererbung gegeben, teils erworben. Die Verständigkeit des Affen, der - wie die einschlägigen Experimente von Köhler u. a. zeigen - bereits in der Lage ist, Ziele auch über komplizierte Umwege zu erreichen und dabei vorgefundene Gegenstände als Werkzeuge zu benutzen, beweist nach Meinung der Marxisten besonders deutlich, daß das menschliche Bewußtsein seine biologischen Voraussetzungen im Tierreich hat und daß zwischen Mensch und Tier kein unüberbrückbarer Unterschied besteht, daß das Tierische das unter bestimmten Bedingungen zum Menschen hin Entwicklungsfähige ist. Das heißt aber nicht, daß die qualitativen Unterschiede zwischen Mensch und Tier ganz vernachlässigt würden. Tieren fehlt z.B. „die Fähigkeit zur freien Kombination von Vorstellungen, zur freien Phantasie, auch sind sie nicht in der Lage, sich über ihr Verhältnis zur Umwelt bewußt zu werden“, verfügen nicht über das auf der Sprache basierende begriffliche Denken.[16]

Für Marx ist der entscheidende Unterschied, durch den sich die Menschen aus dem (übrigen) Tierreich herausheben, die Arbeit: Man könne die Menschen durch das Denken, die Religion oder was immer von den Tieren unterscheiden, sie selber fingen an, sich von ihnen zu unterscheiden, indem sie begönnen, ihre Existenzmittel zu produzieren, ein Schritt, der durch ihre Organisation bedingt sei. Die Arbeit sei in einem solchen Maße Grundbedingung des menschlichen Lebens, daß man sagen könne, sie habe den Menschen selbst geschaffen. Die Ereignisse im „Tier-Mensch-Übergangsfeld“ stellt man sich in etwa so vor, wie Engels sie in dem Manuskript “Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“[17] geschildert hat; Modifikationen aufgrund neuer Funde beziehen sich auf Details, nicht auf das Wesen der Sache:

Die affenähnlichen Menschenvorfahren, die auf Bäumen lebten, wurden durch veränderte Umweltbedingungen (Versteppung ihres Lebensraums) gezwungen, auf ebener Erde zu leben. Da sie nur über unspezialisierte Greifwerkzeuge verfügten und natürlicher Waffen ermangelten, mußten sie zur Verteidigung gegen Raubtiere vorgefundene Steine verwenden, die bald auch zur Jagd genutzt wurden. Die “Erfordernisse der systematischen Nutzung von Werkzeugen“ zwangen sie, Schritt für Schritt zur Bearbeitung der Materialien überzugehen, die sie in der Natur fanden, und schließlich zur Produktion der Werkzeuge. Das alles führte zu einer wesentlichen Veränderung der vorderen Gliedmaßen. Sie paßten sich den neuen Operationen an und wurden zu einem natürlichen Werkzeug der Arbeitstätigkeit.“[18] Man nimmt an, daß die sich ,im Arbeitsprozeß entwickelnde Hand die Vervollkommnung des gesamten Organismus, auch des Gehirns“ beeinflußte; „Arbeit zuerst, nach und mit ihr die Sprache, das sind die beiden Antriebe, unter deren Einfluß das Gehirn eines Affen in das bei aller Ähnlichkeit weit größere und vollkommenere eines Menschen allmählich“ überging, schrieb Engels: ,,[...] im Verhältnis, wie der Mensch die Natur verändern lernte, in dem Verhältnis wuchs auch seine Intelligenz.“[19] Mit dem Gehirn vervollkommneten sich auch die Sinnesorgane, die „Logik des praktischen Handelns wurde im Gedächtnis fixiert und verwandelte sich in die Logik des Denkens. Es bildete sich die Fähigkeit zur Zielsetzung heraus.“[20]

Zunächst überblickten die Menschen, so nimmt man an, ihre Handlungen und ihre Umgebung nur begrenzt, kamen nicht über sinnliche Vorstellungen und einfache Verallgemeinerungen hinaus. Aber langsam klärte sich das Bewußtsein, es bildeten sich Urteils- und Schlußvermögen. Die sich im Gegensatz zum natürlichen Milieu rasch verändernde gesellschaftliche Umwelt führte zur Herausbildung immer neuer bedingt-reflektorischer Bewußtseinsleistungen: die Menschen lernten auf allen Gebieten dazu. Und das Tempo dieses Lernens steigerte sich mit der Entstehung der Sprache, die die Weitergabe von Erfahrungen an künftige Generationen ermöglicht, so daß menschliches Wissen ständig akkumuliert wurde; die Erfindung der Schrift stellte einen qualitativen Sprung dar, der die Möglichkeiten solcher Akkumulation noch erheblich erweiterte.

„Der ,Geist‘ hat von vornherein den Fluch an sich, mit der Materie ,behaftet‘ zu sein, die hier in Form von bewegten Luftschichten, Tönen, kurz der Sprache auftritt. Die Sprache ist so alt wie das Bewußtsein -  die Sprache ist das praktische, auch für andere Menschen existierende, also auch für mich selbst erst existierende wirkliche Bewußtsein“, heißt es in der “Deutschen Ideologie“.[21] Die Sprache kann wie das Bewußtsein nur im Arbeitsprozeß entstehen, ,,der einheitliche, aufeinander abgestimmte Aktionen der Menschen verlangt und sich nicht ohne engen Kontakt und die Kommunikation miteinander vollziehen konnte.“[22] Die Sprache hat eine lange Vorgeschichte in den motorischen Reaktionen und Lautreaktionen der Tiere. Aber Tierlaute sind Kundgabe des tierischen Befindens, noch keine Gegenstandsbezeichnungen. Erst diese letztere Funktion aber konstituiere Sprache als Kommunikationsmittel und Denkwerkzeug.

Überhaupt kommt man im Detail zu manchen durchaus differenzierten Auffassungen zum Verhältnis von Sprache und Denken. Man unterscheidet zwischen äußerem und innerem Sprechen, ideeller Bedeutung und materieller Lautung. Mittels der Sprache vollziehe sich der Übergang von der lebendigen sinnlichen Anschauung zum abstrakten Denken. Laut oder Schrift seien Zeichen, die Bedeutung dagegen Abbild der Wirklichkeit - und zwar je nach ihrem Allgemeinheitsgrad Abbild sinnlicher oder rationaler Art. In der Sprache objektiviere der Mensch seine Gedanken und Gefühle, bekomme ein freieres Verhältnis zu ihnen. „Das Bewußtsein widerspiegelt die Wirklichkeit, die Sprache bezeichnet sie und verleiht ihr gedanklichen Ausdruck. Dadurch, daß sich Gedanken und Ideen mit einer sprachlichen Hülle umgeben, verlieren sie nicht ihre Spezifik.“[23] Indem die Sprache Gedanken, Gefühle und Bestrebungen in sinnlich (also auch für andere) wahrnehmbare Form bringt, verleiht sie ihnen gesellschaftliche Relevanz, über die bloß persönliche hinaus. Weder die Gedanken noch die Sprache bilden jedoch ein Reich für sich, “da sie nur Äußerungen des wirklichen Lebens sind.“ „Die unmittelbare Wirklichkeit des Gedankens ist die Sprache.“[24]

Es ist bemerkenswert, daß die offizielle marxistische Philosophie etwa in der Sowjetunion die im Westen weit verbreitete Gleichsetzung der Bewußtseinsleistung Denken mit der Tätigkeit von Computern ablehnt. Zwar gibt es in der marxistischen Philosophie zur Frage der Kybernetik, zum Verhältnis von Information und Widerspiegelung noch einander widersprechende Auffassungen, doch ist man sich weitgehend einig, daß von einem ,Maschinendenken‘ nicht gesprochen werden sollte: ein Computer ordne Informationen nicht wie der Mensch nach Bedeutungen, die es ihm ermöglichten, die richtigen auszuwählen, ohne jeweils den gesamten Bestand durchmustern zu müssen. Wenn Computer Beweise führen und Sprachen übersetzen, handeln sie ,buchstabengetreu“ und mechanisch. Der handelnde Mensch aber denke in der Regel über die Ergebnisse, die Folgen seiner Handlungen nach, sei sozial und schöpferisch, könne dialektisch denken, d.h. einen Denkstil pflegen, der nicht vollkommen formalisiert werden kann. Zur vollständigen Modellierung des Bewußtseins sei ein Modell des Gehirns prinzipiell unzureichend, denn erst die gesellschaftliche Arbeit lehre das Hirn denken.[25]

Entscheidend für die dialektisch-materialisti­sche Theorie des Bewußtseins ist die These vom untrennbaren Zusammenhang dieses Bewußtseins mit der sinnlich-gegenständli­chen Tätigkeit, die vor allem als körperliche Arbeit, aber auch als Klassenkampf, wissenschaftliches Experiment, künstlerische Produktion usw. aufgefaßt wird, also alles das umfaßt, was sich im gegenständlichen Handeln, in willkürlicher körperlicher Bewegung ausdrückt. Marx skizziert diesen Ausgangspunkt in knappen Strichen in den „Thesen über Feuerbach“: „Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus [...] ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als sinnliche menschliche Tätigkeit, Praxis, nicht subjektiv.“ „Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme - ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, i.e. Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen.“[26]

Die Bewußtseinsleistung “Erkenntnis“ erwächst in dieser Sicht aus den Bedürfnissen der gesellschaftlichen Praxis, primär aus der Notwendigkeit, zum Zwecke der Lebensmittelproduktion die Naturgesetze immer besser kennen- und ausnutzen zu lernen. Die Hervorbringungen des menschlichen Hirns werden im gesellschaftlichen Arbeitsprozeß, im Umgang mit den Naturgegenständen, einem strengen Ausleseverfahren unterzogen. Die Praxis vermittelt zwischen Materie und Bewußtsein, denn sie ist immer zugleich Bewußtseinsleistung (in der Zwecksetzung, der ideellen Antizipation des Resultats der Handlung) und materielle Aktion (in der Leibesbewegung und der Bewegung der äußeren Gegenstände mit Hilfe der Gliedmaßen).

Das schwierigste Problem für eine materialistische Theorie des Bewußtseins ist das aktiv-schöpferische Verhältnis zur Wirklichkeit, zur Praxis und zu sich selbst, das man dem Bewußtsein doch zugestehen muß. Man betont, Widerspiegelung sei nicht passiver Abklatsch und tote Kopie, sondern zielvolle Tätigkeit, Aneignung der Welt durch den denkenden Kopf. Und menschliches Handeln sei in der Regel nicht blind und instinkthaft, in ihm werde etwas gewollt, was noch nicht ist, sondern erst werden soll und in der Vorstellung vorweggenommen wird. Doch da letztlich alles, womit die Vorstellung umgeht, aus dem bestehenden Sein ,entlehnt“ sei, dürfe man sich dadurch am Primat des Materiellen nicht irremachen lassen, wenn auch Lenin sich bis zu der Feststellung aufschwingt: „Der Gedanke von der Verwandlung des Idealen in das Reale ist tief, sehr wichtig für die Geschichte. Aber auch im persönlichen Leben des Menschen ist ersichtlich, daß hieran viel Wahres ist.“[27]



[1] MEW 21,S. 274f.

[2] Vgl. a.i.f. Konstantinow, S. 95ff.; s. a. LW 14,S. 226.

[3] LW 14, S. 43.

[4] ibd., S. 49.

[5] Konstantinow, S. 99.

[6] Klaus/Buhr, S. 259.

[7] Strauß 1956, S. 167.

[8] LW 38,S. 203f.

[9] Tugarinow 1974, S. 12.

[10] Konstantinow, S. 102.

[11] ibd., vorher vgl. MEW-Erg.bd. 1, 580.

[12] ibd., 103.

[13] ibd., 103f.

[14] MEW-Erg.bd. 1, S. 577.

[15] Tugarinow, S. 115ff.

[16] Konstantinow, S. 110; vgl., auch vorher, Holzkamp 1978, Leontjew 1977, Wygotski 1977.

[17] MEW 3, S. 23; MEW 20, S. 444ff. Zum Gesamtkomplex vgl. Klix 1977.

[18] Konstantinow 110f.

[19] MEW 20, 447.

[20] Konstantinow a.a.O.

[21] MEW 3, S. 30.

[22] Konstantinow 111f.

[23] Konstantinow 113.

[24] MEW 3, S. 433, 432.

[25] Konst. 117.

[26] MEW 3, S. 5, 6.

[27] LW 38, S. 106.

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