Christoph Strawe: Marxismus und Anthroposophie - I. Teil: Materie und Bewusstsein
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5. Anthroposophische Evolutionslehre,
naturwissenschaftliches Wissen und Materialismus

Immer wieder betont Steiner seine volle Anerkennung der Leistungen der modernen Naturwissenschaft und der Gültigkeit der Ergebnisse ihrer Tatsachenforschung. Wenn das Verhältnis von Anthroposophie und Naturwissenschaft dennoch nicht unprekär ist, dann liegt das daran, daß die vorherrschende Interpretation dieses Forschungsstandes heute meist noch in eine ganz andere Richtung geht als Steiners "Geisteswissenschaft“. Ja, lange hat man wenig darüber reflektiert, was überhaupt eine "Tatsache“ ist, bis die neuere Wissenschaftstheorie, z.B. Th. Kuhn, hier auf eine größere Bewußtheit hinzuwirken begann.

Früh schon hat Steiner an diesem Punkt angesetzt und immer wieder darauf hingewiesen, daß in die theoretische Deutung von naturwissenschaftlich relevanten Erfahrungen nicht nur oft mangelhaft reflektierte Prämissen eingehen, sondern oft geradezu Suggestion am Werk ist, die gleichsam zwanghaft den Blickwinkel auf eine Deutungsmöglichkeit verengt, obwohl sich mit gleich guten oder besseren Gründen auch ganz andere anführen ließen.

Steiner wird nicht müde, solchen versteckten, durch populärwissenschaftliche Darstellungen oft weit verbreiteten Suggestionen nachzuspüren. So mokiert er sich darüber, wie der Demonstrierende beim Öltropfen-Versuch zur Veranschaulichung der Kant-Laplace­schen Nebularhypothese der Entstehung unseres Planetensystems aus einem rotierenden "Urnebel“ vergißt, daß er selber die sich in kleine Tröpfchen gliedernde Masse erst in drehende Bewegung versetzt hat, und wie er damit einen schlechten Beweis für die Selbstbewegung der Materie als Ursache allen Naturgeschehens liefert.[1] Das Vergessen der eigenen Tätigkeit im Erkennen ist für Steiner eine Täuschungsquelle, die es zu verstopfen gilt. In dem Vortrag "Was hat die Astronomie über Weltentstehung zu sagen?“ fordert er die Zuhörer auf, sich das menschliche Gehirn einmal derart vergrößert vorzustellen, daß man darin spazierengehen kann, um alle Bewegungen, die vor sich gehen, zu studieren und zu berechnen: Wüßte man nicht aus der Selbsterfahrung des Denkens, der Selbsterkenntnis des Geistes, um die Existenz des Geistigen und würde man nicht von daher die Funktion des Gehirns als Denkorgan verstehen können, durch die äußere Beobachtung und die Berechnungen allein würde man niemals auch nur die Spur einer Existenz des Geistigen feststellen. Es sei daher genauso unmöglich, mit den Mitteln der Astronomie, Physik usw. die Ungeistigkeit des Kosmos zu erweisen wie das Gegenteil, denn diese Wissenschaften befinden sich, was diese Frage angeht, mit ihren Methoden in keiner besseren Lage als die "Hirnforschung“ im besagten Gedankenexperiment in bezug auf die Frage nach der Geistigkeit des Menschen. Ebensowenig wie die mechanische Bedingtheit etwa einer Armbewegung ausschließt, daß eine Umarmung vor allem eine seelische Ursache hat, schließt der Mechanismus der Rotation, der die Heraustrennung der Planeten aus dem kosmischen Ausgangsmaterial ganz plausibel beschreibt, was ihren äußeren Aspekt angeht, innere Ursachen aus.[2]

Nun gibt es natürlich zwischen Hirn und Universum in unserem Beispiel einen Unterschied: Unserer eigenen Geistigkeit werden wir bereits inne, wenn wir die Aufmerksamkeit von der Sache, die wir verstandesmäßig bearbeiten und berechnen, ab- und der Tätigkeit des Verstehens und Berechnens zuwenden: Unser Denken ist uns eine Tatsache, weil wir es selbst hervorbringen. Die Geistigkeit des Kosmos dagegen, an der wir keinen hervorbringenden Anteil haben, bleibt eine Glaubens- oder spekulative Frage, solange wir nicht über die in Astronomie und anderen Wissenschaften hinaus angewandten Methoden zu höheren Erkenntnisformen aufsteigen: Es ist daher Steiners Zentralproblem, einen Erkenntnisweg aufzuzeigen, der "das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall“ zu führen vermag.[3]

Für Steiner ist die Materie eine Manifestationsweise des Geistes. Das verbindet ihn mit der Philosophie eines Schelling und Hegel. Doch mehr als die letzteren betont er die relative Eigenständigkeit des Materiellen, die das Geistige zunächst verhüllt und das Stoffliche so undurchschaubar macht. Der Geist, indem er sich vergegenständlicht und sich eine sinnliche Oberfläche gibt, nimmt spezifische Eigenschaften an, die nicht in idealistischer Manier unterschätzt werden dürfen. Steiners "Kosmosophie“ knüpft auch an dem trotz aller Ketzerverfolgungen nie ganz ausgerotteten mystisch-gnostischen Gedanken von der Natur als dem Leib Gottes, Gott als dem Selbstbewußtsein des Universums. Doch was Steiner von allem Pantheismus unterscheidet, ist die Konkretheit, man könnte auch sagen, Wesenheitlichkeit seiner Geistauffassung. Die personal-überpersona­len Geistwesenheiten, mit denen er die Gestirne und die von ihnen ausgehenden überphysischen Kräfte in Verbindung bringt und in deren Benennung er u.a. der Tradition der christlichen Esoterik folgt, sind keine "dei ex machina“ die eine dem Geist als "das ganz andere“ dualistisch gegenüberstehende, mechanisch gefaßte Materie von außen, auf mirakulöse Weise, mit Bewußtsein begaben (wie es sich denn auch bei solcher Gestirnskunde keineswegs einfach um die Aktualisierung älterer astrologischer Vorstellungen handelt). Für Steiner liegt die wesenhafte geistige Welt zwar jenseits der Erfahrungsgrenzen der Naturwissenschaft und des gegenwärtigen Alltagsbewußtseins, nicht jedoch jenseits der Grenzen der uns umgebenden physischen Gegenständlichkeit, die sie vielmehr durchwirkt und durchdringt, "wie Licht und Luft den Raum durchdringen“.[4]

Wenn man den Materialismus damit begründet, Materie könne weder aus dem Nichts entstehen noch spurlos verschwinden, so gibt Steiner die Prämisse zu, aber verwirft die Folgerung. Nicht aus Nichts, sondern aus Geistigem entsteht für ihn das Materielle über verschiedene Stufen der Verdichtung und Verfestigung: Einst war alles geistige Wesenhaftigkeit, dann ziehen die Wesen sich zurück, es bleibt die Offenbarung ihrer Kräfte, die schließlich nicht mehr unmittelbar, sondern nur noch als Wirksamkeit vorhanden sind, bis endlich nur noch das "Werk“ übrigbleibt, in dem die Kräfte der schöpferischen Wesenheiten der Welt enthalten sind, aber nicht mehr als lebendige, sondern als festgeronnene. Alles, was stofflich mit dem Planeten Erde verknüpft ist, "hat sich aus solchem herausverdichtet, was mit ihm vorher geistig verbunden war. Man hat sich aber nicht vorzustellen, daß jemals alles Geistige sich in Stoffliches umwandelt; sondern man hat in dem letzteren immer nur umgewandelte Teile des ursprünglichen Geistigen vor sich. Dabei bleibt das Geistige auch während der stofflichen Entwicklungsphase das eigentlich leitende und führende Prinzip.“[5]

Steiner läßt sich von der angeblich unausweichlichen Alternative: Emanationismus oder Kreationismus, nicht beeindrucken, bestreitet die Notwendigkeit einer Wahl zwischen dem Gedanken der Schöpfung und dem der Evolution und verficht die Idee einer Schöpfung durch Evolution. Die Evolution gebiert die Materie, an der sich der Mensch das Gegenstandsbewußtsein und eine individuelle, eigenständige Stellung im Kosmos erwirbt. Dieselbe Evolution nimmt aber schließlich das Materielle wieder zurück, wobei es sich nicht "spurlos“ auflöst, sondern vergeistigt: Das Resultat enthält den Weg in "aufgehobener“ Form, das Materiell-Substan­tielle als Transsubstantiiertes. Es handelt sich bei dieser Auffassung von der Entstehung der "Erde und des Menschen aus einem gemeinsamen Geistursprung“ um "eine Kosmologie, die zugleich eine Anthropologie ist [...] In gewaltigen Entwicklungsrhythmen vollzieht sich die Welterschaffung, indem in aufeinanderfolgenden Kreisläufen die einzelnen Elementarzustände der immer physischer werdenden Erde und die immer individueller werdenden Bewußtseinszustände des Menschen entstehen.“[6]

Die moderne Naturwissenschaft fragt nach der Entstehung des Lebens. Zahlreiche Forscher neigen zu der Auffassung, daß es im Prinzip möglich ist, die Lebensvorgänge aus den physikalisch-chemischen Gesetzmäßigkeiten des Unlebendigen hervorgehend zu denken. Immerhin stehen dieser Auffassung, wie sie besonders profiliert der Nobelpreisträger Manfred Eigen vertreten hat, vereinzelte Stimmen anderer Naturwissenschaftler gegenüber, wie die Erwin Chargaffs, der auf die extreme Unwahrscheinlichkeit einer Entstehung der Lebensvorgänge aus dem Spiel des Zufalls oder materieller Notwendigkeit hinweist.[7] Nach Steiner ist die Frage nach der Entstehung des Lebens geradezu falsch gestellt - es müsse nach der Entstehung des Toten aus Lebendigem gefragt werden. Für diesen Ansatz spricht auch, daß wir die Entstehung des Lebendigen aus Totem nirgends beobachten können, während sich der umgekehrte Prozeß täglich vor unseren Augen vollzieht: Totes bildet sich aus lebendiger Substanz durch Verfestigung, Rinden-bildung, Verknöcherung, Verhornung, Zerfall und Verfaulung. Dem Gegenwartsbewußtsein ist der Primat des Materiellen bereits so selbstverständlich geworden, daß die Fragestellung kaum noch hinterfragt wird, obwohl andererseits auch die Naturwissenschaftler nicht bestreiten, daß die geographischen Bedingungen auf unserer Erde "weitgehend das Resultat des Wirkens lebender Organismen sind“[8]. Die lebensfeindliche Dimension einer Wissenschaft und Technik, die materielle Prozesse immer perfekter zu beherrschen versteht und trotzdem oder gerade dadurch gewaltige Probleme für die Biosphäre schafft, weist auf die praktische Dimension jener Fragestellung nach dem Primat des Lebens oder der Materie hin.

Steiner versuchte zu zeigen, wie nicht nur Gesteine (Kalkstein, Steinkohle usw.) aus Lebewesen entstehen, sondern wie die Erde als ganzes ursprünglich wie eine Art Lebewesen angesehen werden muß, in dem das Material, aus dem das Urgestein besteht, ursprünglich aufgelöst ist, bis es als eine Art "Knochengerüst“ des Erdorganismus auskristallisiert. Alle Gesteinsschichten der geologischen Formationen seien nach und nach aus dem Erdorganismus ausgeschieden worden.[9]

In bezug auf die Evolution der Arten ist Steiner schon durch seine Beziehung zu Haeckel vor jeglicher Ignoranz gegenüber dem Darwinismus gefeit gewesen. Den Kampf ums Dasein und die natürliche Auslese hat er denn auch in seiner späteren Zeit nie geleugnet, nur lehnte er es - wie vor ihm andere - ab, diesen Mechanismus als ausschließlichen Motor der Evolution gelten zu lassen. Einige Einwände gegen das darwinistische bzw. neodarwinistische Prinzip liegen so sehr auf der Hand, daß man sich wundern muß, wie sie so einfach ignoriert oder beiseite geschoben werden konnten. Die Grundtatsachen des biologischen Systems, die "Baupläne“ der Liliazeen, Rosazeen und Kruziferen, der Insekten, Mollusken und Wirbeltiere sind nur mit Gewaltsamkeit allein unter dem Gesichtspunkt der Zweckmäßigkeit zu deuten, während sich zweckmäßige Anpassung vor allem bei den sekundären Eigenschaften der Organismen findet. Warum sollen die höheren Tiere und Pflanzen "lebenstauglicher“ sein als die Protozoen und Bakterien, wo doch die "Störanfälligkeit“, die Macht des Todes, mit steigender Entwicklungshöhe eher zu- als abnimmt? - Die weder durch Schuppen noch durch Verhornungen abgedeckte Haut des Menschen etwa ist weit verletzlicher als das Fell anderer Säuger, der aufrechte Gang bedeutet gegenüber der Vierfüßigkeit vermehrte Belastung des Herz-Kreislauf-Systems.[10]

Bereits I. H. Fichte fragte, wie ein rein negatives Prinzip wie der Kampf ums Dasein gleichzeitig so schöpferisch wirken könne, daß dadurch die Aufwärtsentwicklung vom einfachen Einzeller über Pflanze und Tier zum Menschen hervorgerufen werde.[11] In der Tat müssen bestimmte Artmerkmale erst einmal da sein, ehe unter ihnen eine natürliche Auslese stattfinden kann, sie müssen also entstehen, d.h. sich entwickeln: die Evolution, die durch den Daseinskampf erklärt werden soll, wird also bereits vorausgesetzt.

Für Goethe und Steiner wirkt in der Evolution ein die Arten schaffendes Ganzheitsprinzip, das entelechetischen Charakter hat, "begabt ist mit schöpferischer Selbständigkeit im ,Kampf ums Dasein‘ und in der Anpassungsfähigkeit an äußere Bedingungen.“[12] Die Vererbungs- und Mutationsfähigkeit wäre, so betrachtet, der äußere Ausdruck dieser inneren Selbstgestaltungskraft.

Die Herleitung des Menschen aus einer Evolutionsreihe von Vorfahren, die man sich ähnlich vorstellt wie heute lebende Tierarten und von denen der letzte als affenähnlich betrachtet wird, stößt auf eine Schwierigkeit, die bereits der Goetheanist Karl Snell aufzeigte: Die unter dem Gesichtspunkt der Überlebenswahrscheinlichkeit herausgezüchteten umweltangepaßten und spezialisierten Arten sind nicht nur Stufen der Evolution, sondern zugleich gewissermaßen Sackgassen, indem die Spezialisierung eine Weiterentwicklung nur noch in bestimmte Richtungen zuläßt. - Denn Mutabilität und Variabilität der Organismen ist ja keine schrankenlose. Die heutigen Tierarten sind, so folgert Snell, also gerade durch den Verlust der Entwicklungsfähigkeit im Sinne der Menschwerdung charakterisiert, kommen also als Menschenvorfahren nicht in Betracht. Snell kommt auf diese Weise zu einer Evolutionsidee, nach der das "Menschliche“ als das Entwicklungsfähige, zum heutigen Menschen Hinführende, den Hauptstamm der Phylogonie darstellt und die Tierreihen sich durch Abzweigungen und umweltangepaßte Spezialisierungen entwickeln.[13] So kann man z. B. jederzeit die Gebisse der Wiederkäuer, Raub- und Nagetiere vom menschlichen Gebiß als Spezialfälle ableiten, nicht aber umgekehrt.[14] Diese Idee führt die zunächst verblüffende Konsequenz mit sich, daß Mensch und Tier zwar einen gemeinsamen Ursprung haben, die Tiere aber, wie Steiner später formuliert, besonders die "Menschenaffen‘, "eine Dekadenzerscheinung von einem gemeinsamen Vorfahren (sind), von dem der Mensch den höheren Entwicklungsgrad darstellt.“[15]

Ursprünglich ging Steiner nicht vom Snellschen, sondern von dem Haeckelschen Ansatz aus. Dabei interpretierte er allerdings die von Haeckel angenommene Entwicklungsreihe als etwas, worin der Geist die Lebewesen von den einfachen durch die komplizierteren bis herauf zum Menschen führe und sah den Darwinismus als eine Denkart, die auf dem Wege zur Goetheschen sei, aber doch hinter ihr zurückbleibe. Erst später formuliert er, "daß der Mensch als Geistwesen älter ist als alle anderen Lebewesen, und daß er, um seine gegenwärtige physische Gestaltung anzunehmen, sich aus einem Weltwesen herausgliedern mußte, das ihn und die anderen Organismen enthielt.“ Diese sind somit stehengebliebene Entwicklungsstufen, nicht etwas, aus dem der Mensch "hervorgegangen ist, sondern etwas, das er zurückgelassen, von sich abgesondert hat, um seine physische Gestaltung als Bild seines Geistigen anzunehmen.“[16]

Steiner insistiert auf der vollen Übereinstimmung dieser Konzeption mit den Rückschlüssen, die der Biologe aus den Überresten vergangener Welten in den Gesteinsschichten der Erde ziehen kann. Der äußere Verlauf der Evolution hätte sich für einen externen Beobachter im Weltraum tatsächlich so dargestellt, wie aus solchen Funden erschlossen werden kann: die einfachsten Organismen sind zuerst da, nach und nach bilden sich die verschiedenen Pflanzen- und Tierarten, wobei der Mensch für eine solche äußere Beobachtung zuletzt, nach den ihm nahestehenden Säugern auftritt. Ein Konflikt mit der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart ergibt sich für Steiner erst da, wo für diese das Evolutionsgeschehen im dergestalt sich äußerlich Darbietenden ganz aufgeht: In Wirklichkeit sei der geistige Mensch (unvollkommener entwickelt als der heutige) bereits im Erdenanfang da, als das Produkt früherer planetarischer Metamorphosen der Erde: Das Innere existiert vor dem Äußeren, es kristallisiert das Geistige das Materielle Etappe für Etappe aus sich heraus. Erst dann ist es für die äußere Beobachtung da, was man sich verbildlichen kann an dem Gefrieren von Eis aus Wasser und dessen Kondensation aus der noch unsichtbaren Luft, in der es gleichwohl von Anfang an (in anderer Form) enthalten war: "Außerlich ist der Mensch am spätesten in seiner heutigen Gestalt entstanden, als das jüngste der Geschöpfe; geistig ist er der Erstgeborene [...]“.[17] Die einfachsten Tiere sind das zuerst aus der geistigen Muttersubstanz Herausgefallene, physisch Gewordene; in ihnen können sich die ursprünglichen keimhaften Anlagen und Möglichkeiten der Evolution nur in unvollkommener und einseitiger Gestalt physisch abprägen, während der Mensch als physisch Letztgeborener sie auch physisch vollkommen herausarbeitet.

Einem unhistorischen Verständnis des Mythos erscheint eine höhere Synthese von naturwissenschaftlichem Weltbild und religiösen Inhalten undenkbar; es tendiert dazu, den Mythos wörtlich zu nehmen, so als wäre er ein Produkt der heutigen Bewußtseinsverfassung. So betrachtet, erscheint dann natürlich das Sechs-Tage-Werk-Motiv der Genesis sich im unauflöslichen Widerspruch zum naturwissenschaftlich Festgestellten zu befinden. Steiner dagegen stellt zunächst einmal die Frage nach dem bewußtseinsgeschichtlichen Stellenwert und von da aus nach der Realitätshaltigkeit der alten Urkunden, interpretiert etwa die biblische Schöpfungsgeschichte als Dokument, das in einer Mysteriensprache geschrieben ist, die es erst wieder zu entschlüsseln gilt. Die Rekonstruktion des Sinnes, nicht etwa allegorische Bibelauslegung, soll die Widersprüche fortschaffen.[18]

Die These, daß die Welt ein Zusammenhang von materiellen Körpern oder Kräften ist, müßte schon aus rein philosophischen Gründen zurückgewiesen werden; sie ist, wie H. Witzenmann schreibt, als Begriffsurteil unhaltbar, da sich die Welt als Inbegriff des universellen Zusammenhangs nicht durch sich selbst mit einem speziellen Zusammenhang, wie es jener der materiellen Elemente ist, im Verhältnis der Identität befinden kann. "Die materiellen Zusammenhänge sind besondere Formen des allgemeinen geistigen Zusammenhangs. Allein dieses Urteil ist evident.“[19] So wie der materielle Zusammenhang nur ein besonderer Fall des Zusammenhangs überhaupt, so ist auch die (sinnlich wahrnehmbare) Bewegung der Materie nur ein besonderer Fall der Bewegung: Auch Gemütsbewegungen, Denkbewegungen, Willensimpulse usw. sind Bewegungen. Der Satz, die Bewegung als solche sei nichts als die Gesamtheit aller sinnlich wahrnehmbaren Bewegungsformen (wieso nur dieser?)[20], ist aber auch deshalb schief, weil die Sinnesorgane streng genommen immer nur Augenblicksbilder von Bewegungsresultaten liefern, die sich in jeweiligen Lagen von Gegenständen darstellen. Diese "Eindrücke“ müssen erst zum Bewegungsfluß im inneren Mitvollzug der Bewegung zusammengeschaut werden. Die Bewegung entschlüpft uns, wenn wir sie an isolierten Punkten fixieren wollen, es entsteht dann ein Widerspruch, und in diesem Widerspruch liegt auch die Quelle der Zeno‘schen Antinomien der Bewegung. Das Denken selbst wird zunächst nicht unmittelbar bewußt, sondern im Hinblicken auf die bereits vergangene Begriffsbildung. Erst allmählich können wir lernen, der Denkbewegung im Denkvollzug selber inne zu sein.[21]

Steiner, auch als Schöpfer der neuen Bewegungskunst Eurythmie, faßt besonders die Gebärdenhaftigkeit der Bewegung ins Auge. Äußere Bewegungen haben einen Ausdrucksgehalt, der auf innere Regungen, Kräfte und Verfassung des sich bewegenden Wesens deutet. Was kann nicht allein der Gang: schlendern, schreiten, stolzieren usw., ausdrücken! Steiner will nicht Kräfte auf materielle Bewegungen, sondern umgekehrt Bewegungen auf Kräfte und diese wiederum auf eine in ihnen sich manifestierende Wesenhaftigkeit zurückführen. Kraft, Energie wirkt für ihn nicht auf Materie, Materie existiert nicht anders als in der Anordnung der Wirkungen bestimmter Kraftströmungen.[22]

Man kann sich leicht klarmachen, daß bereits die Schwerkraft, die elektromagnetischen Kräfte oder die Kernkraft nur in ihren Wirkungen sinnlich wahrnehmbar sind. Gegenüber diesen Wirkungen ist heute die Phänomenblindheit überwunden, die gegenüber der besonderen Gestaltqualität der organischen Formen im Vergleich zu den anorganischen noch herrscht; diese will man nicht als Wirkung spezifischer Kräfte auffassen. E. M. Kranich hat darauf hingewiesen, daß der Gestalt- und Formensinn nicht nur in der Morphologie, sondern auch in der Genetik, Abstammungslehre eine unverzichtbare, wenn auch meist nicht bewußtwerdende Rolle spielt.[23] Die Kräfte, die diese Gestaltbildung bewirken, nennt Steiner "ätherische Bildekräfte“. Sie sind materiell ungreifbar, existieren aber übersinnlich-real. Im Gegensatz zu der "Lebenskraft“ des Vitalismus, von dem Steiner sich abgrenzt, sind sie erfahrbar, keine spekulativen Konstrukte. Die Mischung, die die physikalischen und chemischen Stoffe und Kräfte im Organismus, speziell dem menschlichen, eingehen, ist vom Standpunkt der physikalisch-chemischen Gesetzmäßigkeiten die allerunwahrscheinlichste: Die bloß materiellen Wirkungen bilden die organischen Formen gerade nicht, sondern lösen sie auf, wie sich am verwesenden Leichnam zeigt. Es ist die Lebenskräfteorganisation, die diese Auflösungstendenz beständig überwindet und deren Wirkungsrichtung der der physischen Gesetze entgegengesetzt ist. Eine Ahnung davon lebt in dem Apercu, die Physik habe zu zeigen, warum die Äpfel von den Bäumen fallen, die Biologie, warum sie hinaufkommen. Steiner nennt die Lebenskräfteorganisation auch den Ätherleib, der als "Architekt“ des physischen Leibes fungiert.[24]

Der dialektische Materialismus erklärt, die höhere Materiebewegungsform nicht auf die niedere reduzieren zu wollen, für Steiner liegt eine solche Reduktion, etwa in bezug auf das Lebendige, jedoch bereits im Begriff "Materiebewegungsform“ beschlossen. Nicht, daß er irgendetwas an der These von der Wirkung der niederen in der höheren Bewegungsform auszusetzen hätte. Daß das Tier wächst wie die Pflanze, der Mensch durch seinen physischen Leib eben auch den physikalischen Gesetzmäßigkeiten unterliegt, ist vollkommen unstrittig. Steiner geht es jedoch darum, daß Höhere der höheren Form nicht nur verbal anzuerkennen, sondern ein Organ für seine Eigenart zu entwickeln um sie wirklich erfahrbar zu machen. Ein Stein befindet sich normalerweise in Ruhe, wird nur durch Einwirkung äußerer Kräfte bewegt, eine Pflanze vollzieht Wachstumsbewegungen, die einer bestimmten inneren Gesetzmäßigkeit folgen, das Tier wird durch Trieb, Begierde und Instinkt bewegt, während der Mensch mit zunehmender Herrschaft über sich selbst "zur wirklich aus innerer Entscheidung strömenden und damit freien Bewegung“[25] kommen kann. Bewegtes und Bewegendes sind hier ein Wesen.

Auch Anthroposophie denkt die verschiedenen Bewegungsformen auseinander hervorgehend, doch ist das Movens der Gerichtet­heit und Steigerung des Evolutionsgeschehens die Selbstbeweglichkeit des Geistigen als Quelle der Selbstbewegung. H. Witzenmann formuliert: "Der selbstbewegliche Geist erscheint [...] in den Naturreichen auf verschiedenen Schaffensstufen seines Ordnungswerks. In der mineralischen“, d.h. anorganischen "Welt zeigt sich nur eine Art Abbild seiner Selbstbeweglichkeit dadurch, daß den Mineralien unter der Wirkung der physischen Kräfte verschiedene Ortsbefindlichkeiten erteilt werden. Die Erscheinungen des mineralischen Substanzaufbaus und -zerfalls bilden schon den Übergang zur nächsthöheren Stufe. In der Pflanzenwelt erscheint nicht nur ein Abbild des selbstbeweglichen Geistes, er wirkt innerhalb der sich entwickelnden Pflanze als umbildende Gestaltungskraft. Die in den Bereich seiner Wirkung eintretenden Stoffe werden gemäß dem Baustile des pflanzlichen Wesens, dem sie anverwandelt werden, umgebildet. In der Tierwelt wirkt der selbst-bewegliche Geist inbildend: den äußeren Eindrücken wird in der ihnen antwortenden Seele das Inbild der Empfindung zugestaltet. Im Menschen erst erscheint der Geist in seiner urbildenden Selbstbeweglichkeit, wenn das Denken als reine, in der Ausgestaltung seiner eigenen Gesetzlichkeit wirksame, sich selbst tragende Tätigkeit erfaßt wird.“[26]

Als selbstbewegt bezeichnet man gewöhnlich ein Wesen, das zur Eigenbewegung fähig ist. Beim Automaten dagegen kann man von Eigenbewegung nur im übertragenen Sinne sprechen, er scheint selbstbewegt, weil er nicht von außen durch Muskelkraft bewegt werden muß. Während ein Lenin die Verortung der Quelle der Selbstbewegung in einem Selbst paradoxerweise als Verlegung "nach außen“ empfindet (!), sucht Steiner die Quelle der Selbstbewegung der Wirklichkeit in der die Differenz von Subjekt und Objekt überspannenden Weltgeistigkeit, die "das Ich von innen nach außen, die mineralische Welt von außen nach innen“ bildet.[27] Die materiellen Elemente existieren nicht isoliert für sich, jedes einzelne ist in seiner Struktur und seiner Bewegung durch andere bedingt, ist also nicht selbstbewegt. Wie soll die Materie als ganze, die "Materie als solche“ als Inbegriff dieser Elemente, nominalistisch verstanden als pure Gedankenschöpfung und Abstraktion ohne einen eigenen Inhalt, eine Eigenschaft haben, über die kein Element, für das der Begriff die Abbreviatur ist, verfügt, nämlich die der Selbstbewegtheit? Andererseits kann es "logisch keine Bewegung geben, wenn jedes Bewegte stets von einem anderen Bewegenden bewegt werden muß, also selbst keinen (unmittelbar oder mittelbar) selbstbewegenden Ursprung hat“[28] der, da er nicht materieller Art sein kann, geistiger Art sein muß.

Das selbstbewegliche Menschen-Ich lebt sich in der kindlichen Entwicklung im Erwerb des aufrechten Ganges, von Sprache und Denkvermögen aus. Die menschliche Eigenbewegung wird in dem Maße als willkürliche, als Selbstbewegung erfahrbar, als die praktische Tätigkeit mit Überlegung gesteuert und mit Bewußtsein begleitet, nicht mehr wie traumwandlerisch nachahmend vollzogen wird. In der Gliedmaßenbewegung bleibt jedoch immer ein unbewußter Anteil, erst im "sich in sich zusammenfassenden, in sich vertiefenden, aus sich selbst sich bewegenden Denken“ (Marx)[29] wird die Selbstbewegungskraft vollbewußt. "Bewegt ein Mensch seinen Leib, hebt er z.B. den Arm, so wirkt die eigene urbildliche Bewegungskraft, deren Ursprung er im Denken inne wird, mit den anderen Metamorphosen zusammen, in denen sich diese Bewegungskraft in seinem eigenen Organismus und in den Seinsstufen der Naturreiche offenbart.“[30]

Die im Denken errungene Bewußtseinshelligkeit kann dann auf das Handeln zurückstrahlen, wie auch die Aufrichte-, Sprach- und Denkkräfte, die in der Kindheit erworben wurden, vom Erwachsenen durch innere Arbeit in Fähigkeiten höherer Erkenntnis umgewandelt werden können.[31]

Obwohl Steiner das Evolutionsgeschehen als ein gerichtetes ansieht, hat er sich einer teleologischen Betrachtungsweise stets widersetzt. Die Naturwesen seien „nicht zweckmäßig und planvoll von außen“ - wie die Produkte menschlicher Arbeit -, sondern "ursächlich und gesetzmäßig von innen bestimmt.“[32] Während die materialistische Denkart aus dem Bankrott der naiv-teleologischen Betrachtungsweise ableitet, die Triebkraft der Evolution müsse gewissermaßen unterhalb der Zwecksphäre, in blindwirkenden Ursachen gesucht werden, sieht Steiner die Vorstellung von der Bewegungsordnung des Kosmos als einem solchen Zufallsprodukt als moderne Abart des Wunderglaubens an. Bedenkt man, in welch komplizierter Weise die verschiedenen Körperfunktionen ineinandergreifen müssen, damit so etwas wie Atmung, Verdauung usw. zustandekommt, oder wie etwa beim menschlichen Oberschenkelknochen "mit der Aufwendung der geringsten Materialmenge die günstigste Wirkung an den Gelenkflächen‘ zum Beispiel die zweckmäßigste Verteilung der Reibung [...] erzielt wird“[33], so wird man die Ursachen dafür nicht unterhalb, sondern oberhalb der Ebene der Zweckursachen ansetzen müssen, zu dem Gedanken gedrängt werden, daß in der Natur etwas Höheres wirkt als der Zweck. Die Theorie einer von der Dialektik von Notwendigkeit und Zufall gesteuerten Evolution operiert mit "Wahrscheinlichkeiten, die sich so wenig von null unterscheiden, daß sie für eine wissenschaftliche Betrachtung von Tatsächlichkeiten ganz einfach unwissenschaftlich sind.“[34] Man könnte den Materialismus in diesem Zusammenhang auch als Sicherungsmechanismus für einen Narzismus betrachten, der die Existenz übermenschlicher Intelligenz nicht erträgt und das Gefühl davon verdrängt, indem er die Natur, in der diese Intelligenz wirksam ist, als ideenlos-materiell deutet.

Das hervorstechendste Charakteristikum der Materie ist die Raumerfüllung. Aber Raum ist nichts Materielles, sondern eine Beziehung der materiellen Dinge aufeinander, und zwar die Beziehung des bloßen Nebeneinander, die äußerlichste Beziehung, die überhaupt möglich ist. Nur für das räumliche Verhältnis zwischen zwei Dingen bleibt deren qualitative Beschaffenheit gleichgültig.

Die drei Raumdimensionen dürfen nicht als völlig gleichbedeutend genommen werden. Denn die erste Dimension stelle einen Bezug zwischen zwei Sinneswahrnehmungen her, die durch eine konkrete Vorstellung zu einer Einheit zusammengefaßt werden. Die zweite Dimension beziehe diese Bezüge wiederum aufeinander und gehe dadurch in das Gebiet der Abstraktion über. Die dritte Dimension endlich stelle nur noch die ideelle Einheit zwischen den Abstraktionen her. Der Raum ist für Steiner nicht ein Totum im Kantschen Sinne. Eine absolute Ortsbestimmung gibt es nicht, denn jedes "da“ deutet eigentlich auf einen dem gemeinten Gegenstand oder Punkt unmittelbar benachbarten. "Raum“ ist die Idee, der gemäß die wirklichen Dinge als nebeneinander existierende geordnet sind, nicht, wie Kant glaubte, eine Anschauung.[35]

Die Existenz des einen materiellen Dings schließt die eines anderen an demselben Ort aus, während das Nebeneinander materieller Dinge ihre gegenseitige Ausschließung ausschließt. Wenn zwei Elemente A und B sich ausschließen und dennoch notwendig und wesentlich zusammengehören sollen müssen wir aus den bloß räumlichen Gegebenheiten in die Zeit übergehen: A und B müssen Prozeßphasen sein, die sich im Nacheinander bedingen, in der Gleichzeitigkeit aber am selben Gegenstand ausschließen, wie die Blüte die Knospe, die in ihrem Hervorbrechen verschwindet. Denken, Fühlen und Wollen sind ungegenständlich und unräumlich, verlaufen aber sehr wohl in der Zeit, die gerade der "Raum“ des Seelenlebens ist. In diesem Raum herrscht nun nicht mehr Ausschließung, sondern wechselseitige Durchdringung, Bewegung, die gleichsam zu unräumlichen Formierungen gerinnt.

Steiner ist der Meinung, daß die Wärmetod-Prognose mit der von ihm vertretenen Auffassung eines Anfangs von Raum, Zeit und Materie verbunden werden kann. An diesem Anfang steht für ihn die Tat höchster geistiger Wesenheiten, die ihre willenshafte innere Substanz opfern, aus der die Urerde entsteht, die an diesem Anfang ihrer planetarischen Metamorphosen, in ihrem "Saturnzustand“, reines, schöpferisches Wärmechaos ist. Und am Erdenende, so Steiner, wenn das planetarische Materielle abgestorben sein wird, das Geistige in gesteigerter, in durch den vom Geschöpf zum Mitschöpfer gewordenen Menschen individualisierter Form freigesetzt sein wird, dann werden geistige Mächte "aus dem Wärmetod heraus die Erde zu neuen Sonnensystemen“ führen.[36] Denn ohne geistigen Einschlag ermöglichen die Materiegesetze keine Aufwärtsentwicklung, sondern führen - im Sinne des Entropiesatzes - zu Ziel- und Spannungslosigkeit, Streuung der Energie statt ihrer Bündelung: alles bloß raum-zeitliche Geschehen ist auf ein Ende angelegt.

Das Verhältnis von Endlichem und Unendlichem, von Zeitlichem und Ewigen erscheint als tiefstes Rätsel. Steiner knüpft in seinen Betrachtungen dazu häufig an mathematischen Problemstellungen an, eine Herangehensweise, die in der Tradition der mathematischen Grenzbetrachtungen des Nikolaus von Kues steht. Wir können das Unendliche nicht vorstellen, wohl aber denken. In der Infinitesimalrechnung werden wir "mathe­matisch aus dem Sinnlich-Anschaulichen hinausgeführt, und wir bleiben dabei so sehr im Wirklichen, daß wir das Unanschauliche berechnen. Und haben wir gerechnet, dann erweist sich das Anschauliche als das Ergebnis unserer Rechnung aus dem Unanschaulichen heraus. Mit der Anwendung der Infinitesimalrechnung auf die Naturvorgänge in Mechanik und Physik vollziehen wir in der Tat nichts anderes, als daß wir Sinnliches aus Übersinnlichem errechnen.“[37] In der nichteuklidischen Geometrie sieht er eine der wichtigsten Errungenschaften der neueren Wissenschaftsentwicklung, über die darauf bauende Relativitätstheorie urteilt er zurückhaltender: für die physische Welt werde man ihr nicht entkommen, aber eben dadurch in die Geist-erkenntnis getrieben werden. Mit den Mitteln der nichteuklidischen Geometrie läßt sich bis zur Idee des Gegenraums vorstoßen, die dem mathematischen Denken den Zugang zur Wirksamkeit des "Ätherischen“ öffnet. Bereits für den jungen Steiner macht die neue Geometrie eine Revision des Zeitbegriffs denkbar. Wie sich der Raum nicht mehr als eine nach allen Seiten ins Unendliche verlaufende Leere denken läßt, sondern eine nach rechts ins Unendliche verlängerte Gerade von links an ihren Ausgangspunkt zurückkehrt, so werde auch für die Zeit die Vorstellung möglich, daß die unendlich ferne Zukunft ein Zurückkommen in die Vergangenheit ideell in sich enthalte.[38]

"Zeit“ existiert nur im Hinblick auf Entstehen und Vergehen, vom endlichen Standpunkt aus betrachtet, während vom Standpunkt des Ewigen her aller Tod - wie ein von Steiner häufig zitiertes Goethe-Wort besagt - nur Kunstgriff der Natur ist, um möglichst viel Leben zu haben. Ewigkeit ist Anfangslosigkeit, Immer-schon-angefangen-Haben, also nicht bloß "Unsterblichkeit“, sondern auch "Ungeborenheit“. Gerade das unterscheidet Steiner von der traditionellen kirchlichen Unsterblichkeitsvorstellung. Gewöhnlich betrachtet der Mensch die Dinge vom Standpunkt des Endlichen und erlebt sich aus der Vergangenheit kommend, vom Jetzt-Punkt weg zu einem anderen Zeitpunkt schreitend. Dieses Alltagserleben beruht aber, wie die nähere Betrachtung zeigt, auf einer falschen Verräumlichung der Zeit. Die Vergangenheit war Gegenwart und die Zukunft wird Gegenwart sein. Ich kann eine Vergangenheit und eine Zukunft in Wahrheit nur auf mich als einen Gegenwärtigen beziehen, und diese Gegenwärtigkeit ist ihrem Wesen nach überzeitlich, nur daß sie im gewöhnlichen Bewußtsein nicht vollzogen wird. "Die zeitliche Gegenwart ist ein Selbstwiderspruch. In der Zeit existiert nur Vergangenheit und Zukunft, letztere als eine Extrapolation des Zeitflusses, den der Mensch nur in seiner Vergangenheitsform erfährt, auf das noch nicht Geschehene. Die essentielle Gegenwärtigkeit berührt sich mit der Zeit-Welt in dem Punkte der sogenannten zeitlichen Gegenwart. Wer diesen Punkt erlebt, weiß, daß er nur ein Berührungspunkt ist, der ewigen Gegenwart mit der Zeit“, schreibt Georg Kühlewind.[39] Ewigkeit ist Allgegenwärtigkeit, in der A und O zusammenfallen: Die Ewigkeit eines lebendigen Gottes kann das menschliche Denken zwar nicht ausmessen, aber es kann sie doch denken, während die Vorstellung einer ewigen Materie scheitert.

Der Materialismus fürchtet, mit dem raum-zeitlichen Inhalt überhaupt jeden Inhalt zu verlieren: wo keine Materie ist, scheint ihm das reine Nichts. Die spirituelle Erfahrung, von der Steiner spricht, hat aber gerade einen über-raum-zeitlichen Inhalt. Das Überschreiten der Grenze des Zeitlichen zum Ewigen ist für Steiner keine abstrakte Negation der Zeit, nicht einfach ihr Verschwinden: Zeit wird selbst - durch das Moment der übergreifenden Gegenwärtigkeit - zu einem übersinnlichen Raum. Vor dem sicher scheinenden Tod Gerettete berichten von einer tableauartigen Zusammenschau von Lebensetappen, einer Art Panorama von blitzartiger Gleichzeitigkeit. In den Phasen des organischen Wachstums wirkt ein überzeitliches Moment: sie fallen nicht auseinander, sondern sind Momente einer integrierenden Zeitgestalt.

Im Rhythmus verbinden sich die beiden Zeit-Aspekte Verfließen und Kreisen. Die Geschehensabläufe in der Natur weisen Rhythmen auf, ebenfalls die menschliche Biografie. Rhythmischer Wechsel ist nicht bloß ewige Wiederkehr des Gleichen, sondern Steigerung durch die Polarität hindurch. Steiners Zeitbegriff unterscheidet sich von dem der alten östlichen Religionen, denen Zeit als Rad der Wiedergeburten gilt, von dem man Erlösung zu erlangen trachtet, indem er mit dem Christentum die Geschichtlichkeit des Menschen bejaht. Der Punkt Omega der Evolution ist nicht das Aufgehen der Individualität im All-Einen, sondern die Bereicherung des All-Einen durch die Individualität, die sich aus freiem Entschluß in das Schöpfungsganze mitschaffend eingliedert. Materieverachtung hat in dieser Sicht des Evolutionsgeschehens keinen Platz, deren christologische Perspektive Steiner mit Teilhard de Chardin verbindet. Der Logos, von dem das Johannesevangelium spricht, verhält sich, so Steiner, zum Sonnenlicht wie die Seele zum Leib. Mit dem Licht strömt göttliche Liebe auf die Erde, die die Menschen in sich aufnehmen und aus Freiheit erwidern können. Seit dem Geschehen von Golgatha wirke diese Liebe nicht mehr nur von außen: Christus ist in die Erdenmaterie "eingezogen, hat in der Erde einen neuen Lichtmittelpunkt geschaffen [...] und ist ewig in der Erdenaura verwoben.“[40]




[1] Über die Nebularhypothese s. z.B. Vortr. 15. 2. 1908 in GA 102.

[2] Vortr. 16. 3. 1911 in GA 60.

[3] GA 26, S. 14.

[4] GA 56, S. 272. Zum Gesamtkomplex vgl. GA-Nrn. 13, 98, 110, 132, 136.

[5] GA 13, S. 105. Vgl. GA 26, S. 94ff.

[6] Carl Unger 1, S. 317ff.

[7] Chargaff, der Entdecker des Replikationsvermögens der Desoxyribonukleinsäure, der Substanz, die die Vererbung rein chemisch erklärbar machen soll, schreibt, daß die Nukleinsäure bestimmte Enzyme benötigt, die ihrerseits der Theorie entsprechend wieder durch Ablesung einer bestimmten Sequenz der Nucleinsäure gebildet sein müssen. "Nun ist mir nicht klar, durch welchen Prozeß zwei voneinander unabhängige Stoffe, von denen keiner ohne den anderen entstanden sein kann, so entstehen konnten, daß sie von Anfang an aufeinander wirkten oder miteinander zusammenarbeiteten.“ (Scheidewege Nr. 1/1975, zit. nach Thürkauf, S. 145).

[8] Konstantinow, S. 281.

[9] S. z.B. Vortr. 9. 2. 1911 in GA 60.

[10] Solche Aspekte hat immer wieder O.J. Hartmann in Aufsatzreihen, z.B. der Zeitschr. "Die Kommenden“, hervorgehoben.

[11] Nach Hemleben 1980, S. 135.

[12] Bühler 1982, S. 77.

[13] Snell 1981 (1863/87).

[14] Vgl. Hemleben 1968, 157ff., der in diesem Zshg. auch auf Lorenz Oken verweist.

[15] GA 94, S. 25.

[16] GA 28,S. 284f.

[17] GA 56, Vortr. 9. 4. 1908.

[18] Vgl. GA 122 und S. 272ff. im vorliegenden Buch.

[19] Witzenmann 1978, S. 30. S. a. 28f.

[20] Engels, MEW 20, S. 503.

[21] Vgl. Witzenmann 1977, S. 169ff., Kühlewind 1980, 9ff.

[22] Nach Kugler 1978, S. 26.

[23] Kranich 1979, S. 14.

[24] Etwa GA 13, S. 45; GA 9, S. 30. Man darf hier weder an Ätherhypothesen der Physik denken noch sich an dem bildhaften Ausdruck "Leib“ stoßen. Zum Gesamtkomplex vgl. Bockemühl (Hg.) 1977 und Marti 1977.

[25] Pressel 1984, S. 20.

[26] Witzenmann 1977, S. 169ff.

[27] GA 9, S. 41. Vgl. Lenin, LW 38, S. 339.

[28] Witzenmann 1977, S. 184.

[29] Marx, Grundrisse, S. 22.

[30] Witzenmann a.a.O., 185.

[31] Vgl. etwa König 1981.

[32] GA 4, S. 188.

[33] GA 13,S. 115.

[34] Thürkauf 1980, S. 145. Thürkaufs Marxismus-Auseinander­setzung ist allerdings in weiten Passagen überaus problematisch.

[35] GA 1,S. 209ff.

[36] Vgl. Vortr. 9. 4. 1908 in GA 56; vgl. GA 13.

[37] GA 35, Mathematik und Okkultismus, S. 12.

[38] Vgl. GA 234, S. 23; GA 18, 23f.; Texte zur Relativitätstheorie.

[39] Kühlewind 1982, S. 68f.

[40] GA 112, S. 257; vgl. GA 103, S. 58.


Marxismus und Anthroposophie
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