5.
Anthroposophische Evolutionslehre,
naturwissenschaftliches Wissen und Materialismus
Immer wieder
betont Steiner seine volle Anerkennung der Leistungen der modernen
Naturwissenschaft und der Gültigkeit der Ergebnisse ihrer
Tatsachenforschung. Wenn das Verhältnis von Anthroposophie und
Naturwissenschaft dennoch nicht unprekär ist, dann liegt das daran,
daß die vorherrschende Interpretation dieses Forschungsstandes
heute meist noch in eine ganz andere Richtung geht als Steiners "Geisteswissenschaft“. Ja, lange hat man wenig darüber
reflektiert, was überhaupt eine "Tatsache“ ist, bis die neuere
Wissenschaftstheorie, z.B. Th. Kuhn, hier auf eine größere Bewußtheit
hinzuwirken begann.
Früh schon hat
Steiner an diesem Punkt angesetzt und immer wieder darauf
hingewiesen, daß in die theoretische Deutung von
naturwissenschaftlich relevanten Erfahrungen nicht nur oft
mangelhaft reflektierte Prämissen eingehen, sondern oft geradezu
Suggestion am Werk ist, die gleichsam zwanghaft den Blickwinkel auf eine Deutungsmöglichkeit verengt, obwohl sich mit gleich guten oder
besseren Gründen auch ganz andere anführen ließen.
Steiner wird
nicht müde, solchen versteckten, durch populärwissenschaftliche
Darstellungen oft weit verbreiteten Suggestionen nachzuspüren. So
mokiert er sich darüber, wie der Demonstrierende beim Öltropfen-Versuch
zur Veranschaulichung der Kant-Laplaceschen Nebularhypothese der
Entstehung unseres Planetensystems aus einem rotierenden "Urnebel“ vergißt, daß er selber die sich in kleine Tröpfchen
gliedernde Masse erst in drehende Bewegung versetzt hat, und wie er
damit einen schlechten Beweis für die Selbstbewegung der Materie
als Ursache allen Naturgeschehens liefert.
Das Vergessen der eigenen Tätigkeit im Erkennen ist für Steiner
eine Täuschungsquelle, die es zu verstopfen gilt. In dem Vortrag "Was hat die Astronomie über Weltentstehung zu sagen?“ fordert
er die Zuhörer auf, sich das menschliche Gehirn einmal derart vergrößert
vorzustellen, daß man darin spazierengehen kann, um alle
Bewegungen, die vor sich gehen, zu studieren und zu berechnen: Wüßte
man nicht aus der Selbsterfahrung des Denkens, der Selbsterkenntnis
des Geistes, um die Existenz des Geistigen und würde man nicht von
daher die Funktion des Gehirns als Denkorgan verstehen können,
durch die äußere Beobachtung und die Berechnungen allein würde
man niemals auch nur die Spur einer Existenz des Geistigen
feststellen. Es sei daher genauso unmöglich, mit den Mitteln der
Astronomie, Physik usw. die Ungeistigkeit des Kosmos zu erweisen wie
das Gegenteil, denn diese Wissenschaften befinden sich, was diese
Frage angeht, mit ihren Methoden in keiner besseren Lage als die "Hirnforschung“ im besagten Gedankenexperiment in bezug auf die
Frage nach der Geistigkeit des Menschen. Ebensowenig wie die
mechanische Bedingtheit etwa einer Armbewegung ausschließt, daß
eine Umarmung vor allem eine seelische Ursache hat, schließt der
Mechanismus der Rotation, der die Heraustrennung der Planeten aus
dem kosmischen Ausgangsmaterial ganz plausibel beschreibt, was ihren
äußeren Aspekt angeht, innere Ursachen aus.
Nun gibt es natürlich
zwischen Hirn und Universum in unserem Beispiel einen Unterschied:
Unserer eigenen Geistigkeit werden wir bereits inne, wenn wir die
Aufmerksamkeit von der Sache, die wir verstandesmäßig bearbeiten
und berechnen, ab- und der Tätigkeit des Verstehens und Berechnens
zuwenden: Unser Denken ist uns eine Tatsache, weil wir es selbst
hervorbringen. Die Geistigkeit des Kosmos dagegen, an der wir keinen
hervorbringenden Anteil haben, bleibt eine Glaubens- oder
spekulative Frage, solange wir nicht über die in Astronomie und
anderen Wissenschaften hinaus angewandten Methoden zu höheren
Erkenntnisformen aufsteigen: Es ist daher Steiners Zentralproblem,
einen Erkenntnisweg aufzuzeigen, der "das Geistige im Menschenwesen
zum Geistigen im Weltenall“ zu führen vermag.
Für Steiner
ist die Materie eine Manifestationsweise des Geistes. Das verbindet
ihn mit der Philosophie eines Schelling und Hegel. Doch mehr als die
letzteren betont er die relative Eigenständigkeit des Materiellen,
die das Geistige zunächst verhüllt und das Stoffliche so
undurchschaubar macht. Der Geist, indem er sich vergegenständlicht
und sich eine sinnliche Oberfläche gibt, nimmt spezifische
Eigenschaften an, die nicht in idealistischer Manier unterschätzt
werden dürfen. Steiners "Kosmosophie“ knüpft auch an dem trotz
aller Ketzerverfolgungen nie ganz ausgerotteten mystisch-gnostischen
Gedanken von der Natur als dem Leib Gottes, Gott als dem Selbstbewußtsein
des Universums. Doch was Steiner von allem Pantheismus
unterscheidet, ist die Konkretheit, man könnte auch sagen,
Wesenheitlichkeit seiner Geistauffassung. Die personal-überpersonalen
Geistwesenheiten, mit denen er die Gestirne und die von ihnen
ausgehenden überphysischen Kräfte in Verbindung bringt und in
deren Benennung er u.a. der Tradition der christlichen Esoterik
folgt, sind keine "dei ex machina“ die eine dem Geist als "das
ganz andere“ dualistisch gegenüberstehende, mechanisch gefaßte
Materie von außen, auf mirakulöse Weise, mit Bewußtsein begaben
(wie es sich denn auch bei solcher Gestirnskunde keineswegs einfach
um die Aktualisierung älterer astrologischer Vorstellungen
handelt). Für Steiner liegt die wesenhafte geistige Welt zwar
jenseits der Erfahrungsgrenzen der Naturwissenschaft und des gegenwärtigen
Alltagsbewußtseins, nicht jedoch jenseits der Grenzen der uns
umgebenden physischen Gegenständlichkeit, die sie vielmehr
durchwirkt und durchdringt, "wie Licht und Luft den Raum
durchdringen“.
Wenn man den
Materialismus damit begründet, Materie könne weder aus dem Nichts
entstehen noch spurlos verschwinden, so gibt Steiner die Prämisse
zu, aber verwirft die Folgerung. Nicht aus Nichts, sondern aus
Geistigem entsteht für ihn das Materielle über verschiedene Stufen
der Verdichtung und Verfestigung: Einst war alles geistige
Wesenhaftigkeit, dann ziehen die Wesen sich zurück, es bleibt die
Offenbarung ihrer Kräfte, die schließlich nicht mehr unmittelbar,
sondern nur noch als Wirksamkeit vorhanden sind, bis endlich nur
noch das "Werk“ übrigbleibt, in dem die Kräfte der schöpferischen
Wesenheiten der Welt enthalten sind, aber nicht mehr als lebendige,
sondern als festgeronnene. Alles, was stofflich mit dem Planeten
Erde verknüpft ist, "hat sich aus solchem herausverdichtet, was
mit ihm vorher geistig verbunden war. Man hat sich aber nicht
vorzustellen, daß jemals alles
Geistige sich in Stoffliches umwandelt; sondern man hat in dem
letzteren immer nur umgewandelte Teile des ursprünglichen Geistigen
vor sich. Dabei bleibt das Geistige auch während der stofflichen
Entwicklungsphase das eigentlich leitende und führende Prinzip.“
Steiner läßt
sich von der angeblich unausweichlichen Alternative: Emanationismus
oder Kreationismus, nicht beeindrucken, bestreitet die Notwendigkeit
einer Wahl zwischen dem Gedanken der Schöpfung und dem der
Evolution und verficht die Idee einer Schöpfung durch
Evolution. Die Evolution gebiert die Materie, an der sich der
Mensch das Gegenstandsbewußtsein und eine individuelle, eigenständige
Stellung im Kosmos erwirbt. Dieselbe Evolution nimmt aber schließlich
das Materielle wieder zurück, wobei es sich nicht "spurlos“ auflöst,
sondern vergeistigt: Das Resultat enthält den Weg in "aufgehobener“ Form, das Materiell-Substantielle als
Transsubstantiiertes. Es handelt sich bei dieser Auffassung von der
Entstehung der "Erde und des Menschen aus einem gemeinsamen
Geistursprung“ um "eine Kosmologie, die zugleich eine
Anthropologie ist [...] In gewaltigen Entwicklungsrhythmen vollzieht
sich die Welterschaffung, indem in aufeinanderfolgenden Kreisläufen
die einzelnen Elementarzustände der immer physischer werdenden Erde
und die immer individueller werdenden Bewußtseinszustände des
Menschen entstehen.“
Die moderne
Naturwissenschaft fragt nach der Entstehung des Lebens. Zahlreiche
Forscher neigen zu der Auffassung, daß es im Prinzip möglich ist,
die Lebensvorgänge aus den physikalisch-chemischen Gesetzmäßigkeiten
des Unlebendigen hervorgehend zu denken. Immerhin stehen dieser
Auffassung, wie sie besonders profiliert der Nobelpreisträger
Manfred Eigen vertreten hat, vereinzelte Stimmen anderer
Naturwissenschaftler gegenüber, wie die Erwin Chargaffs, der auf
die extreme Unwahrscheinlichkeit einer Entstehung der Lebensvorgänge
aus dem Spiel des Zufalls oder materieller Notwendigkeit hinweist.
Nach Steiner ist die
Frage nach der Entstehung des Lebens geradezu falsch gestellt - es müsse
nach der Entstehung des Toten aus Lebendigem gefragt werden. Für
diesen Ansatz spricht auch, daß wir die Entstehung des Lebendigen
aus Totem nirgends beobachten können, während sich der umgekehrte
Prozeß täglich vor unseren Augen vollzieht: Totes bildet sich aus
lebendiger Substanz durch Verfestigung, Rinden-bildung, Verknöcherung,
Verhornung, Zerfall und Verfaulung. Dem Gegenwartsbewußtsein ist
der Primat des Materiellen bereits so selbstverständlich geworden,
daß die Fragestellung kaum noch hinterfragt wird, obwohl
andererseits auch die Naturwissenschaftler nicht bestreiten, daß
die geographischen Bedingungen auf unserer Erde "weitgehend das
Resultat des Wirkens lebender Organismen sind“.
Die lebensfeindliche Dimension einer Wissenschaft und Technik, die
materielle Prozesse immer perfekter zu beherrschen versteht und
trotzdem oder gerade dadurch gewaltige Probleme für die Biosphäre
schafft, weist auf die praktische Dimension jener Fragestellung nach
dem Primat des Lebens oder der Materie hin.
Steiner
versuchte zu zeigen, wie nicht nur Gesteine (Kalkstein, Steinkohle
usw.) aus Lebewesen entstehen, sondern wie die Erde als ganzes ursprünglich
wie eine Art Lebewesen angesehen werden muß, in dem das Material,
aus dem das Urgestein besteht, ursprünglich aufgelöst ist, bis es
als eine Art "Knochengerüst“ des Erdorganismus
auskristallisiert. Alle Gesteinsschichten der geologischen
Formationen seien nach und nach aus dem Erdorganismus ausgeschieden
worden.
In bezug auf
die Evolution der Arten ist Steiner schon durch seine Beziehung zu
Haeckel vor jeglicher Ignoranz gegenüber dem Darwinismus gefeit
gewesen. Den Kampf ums Dasein und die natürliche Auslese hat er
denn auch in seiner späteren Zeit nie geleugnet, nur lehnte er es -
wie vor ihm andere - ab, diesen Mechanismus als ausschließlichen
Motor der Evolution gelten zu lassen. Einige Einwände gegen das
darwinistische bzw. neodarwinistische Prinzip liegen so sehr auf der
Hand, daß man sich wundern muß, wie sie so einfach ignoriert oder
beiseite geschoben werden konnten. Die Grundtatsachen des
biologischen Systems, die "Baupläne“ der Liliazeen, Rosazeen und
Kruziferen, der Insekten, Mollusken und Wirbeltiere sind nur mit
Gewaltsamkeit allein unter dem Gesichtspunkt der Zweckmäßigkeit zu
deuten, während sich zweckmäßige Anpassung vor allem bei den
sekundären Eigenschaften der Organismen findet. Warum sollen die höheren
Tiere und Pflanzen "lebenstauglicher“ sein als die Protozoen und
Bakterien, wo doch die "Störanfälligkeit“, die Macht des Todes,
mit steigender Entwicklungshöhe eher zu- als abnimmt? -
Die weder durch Schuppen noch durch Verhornungen abgedeckte Haut
des Menschen etwa ist weit verletzlicher als das Fell anderer Säuger,
der aufrechte Gang bedeutet gegenüber der Vierfüßigkeit vermehrte
Belastung des Herz-Kreislauf-Systems.
Bereits I. H.
Fichte fragte, wie ein rein negatives Prinzip wie der Kampf ums
Dasein gleichzeitig so schöpferisch wirken könne, daß dadurch die
Aufwärtsentwicklung vom einfachen Einzeller über Pflanze und Tier
zum Menschen hervorgerufen werde.
In der Tat müssen bestimmte Artmerkmale erst einmal da sein, ehe
unter ihnen eine natürliche Auslese stattfinden kann, sie müssen
also entstehen, d.h. sich entwickeln: die Evolution, die durch den
Daseinskampf erklärt werden soll, wird also bereits vorausgesetzt.
Für Goethe und
Steiner wirkt in der Evolution ein die Arten schaffendes
Ganzheitsprinzip, das entelechetischen Charakter hat, "begabt ist
mit schöpferischer Selbständigkeit im ,Kampf ums Dasein‘ und in
der Anpassungsfähigkeit an äußere Bedingungen.“Die
Vererbungs- und Mutationsfähigkeit wäre, so betrachtet, der äußere
Ausdruck dieser inneren Selbstgestaltungskraft.
Die Herleitung
des Menschen aus einer Evolutionsreihe von Vorfahren, die man sich
ähnlich vorstellt wie heute lebende Tierarten und von denen der
letzte als affenähnlich betrachtet wird, stößt auf eine
Schwierigkeit, die bereits der Goetheanist Karl Snell aufzeigte: Die
unter dem Gesichtspunkt der Überlebenswahrscheinlichkeit herausgezüchteten
umweltangepaßten und spezialisierten Arten sind nicht nur Stufen
der Evolution, sondern zugleich gewissermaßen Sackgassen, indem die
Spezialisierung eine Weiterentwicklung nur noch in bestimmte
Richtungen zuläßt. - Denn
Mutabilität und Variabilität der Organismen ist ja keine
schrankenlose. Die heutigen Tierarten sind, so folgert Snell, also
gerade durch den Verlust der Entwicklungsfähigkeit im Sinne der
Menschwerdung charakterisiert, kommen also als Menschenvorfahren
nicht in Betracht. Snell kommt auf diese Weise zu einer
Evolutionsidee, nach der das "Menschliche“ als das Entwicklungsfähige,
zum heutigen Menschen Hinführende, den Hauptstamm der Phylogonie
darstellt und die Tierreihen sich durch Abzweigungen und
umweltangepaßte Spezialisierungen entwickeln.
So kann man z. B. jederzeit die Gebisse der Wiederkäuer, Raub- und
Nagetiere vom menschlichen Gebiß als Spezialfälle ableiten, nicht
aber umgekehrt.
Diese Idee führt die zunächst verblüffende Konsequenz mit sich,
daß Mensch und Tier zwar einen gemeinsamen Ursprung haben, die
Tiere aber, wie Steiner später formuliert, besonders die "Menschenaffen‘,
"eine Dekadenzerscheinung von einem gemeinsamen
Vorfahren (sind), von dem der Mensch den höheren Entwicklungsgrad
darstellt.“
Ursprünglich
ging Steiner nicht vom Snellschen, sondern von dem Haeckelschen
Ansatz aus. Dabei interpretierte er allerdings die von Haeckel
angenommene Entwicklungsreihe als etwas, worin der Geist die
Lebewesen von den einfachen durch die komplizierteren bis herauf zum
Menschen führe und sah den Darwinismus als eine Denkart, die auf
dem Wege zur Goetheschen sei, aber doch hinter ihr zurückbleibe.
Erst später formuliert er, "daß der Mensch als Geistwesen älter
ist als alle anderen Lebewesen, und daß er, um seine gegenwärtige
physische Gestaltung anzunehmen, sich aus einem Weltwesen
herausgliedern mußte, das ihn
und die anderen Organismen enthielt.“ Diese sind somit
stehengebliebene Entwicklungsstufen, nicht etwas, aus dem der Mensch
"hervorgegangen ist, sondern etwas, das er zurückgelassen, von
sich abgesondert hat, um seine physische Gestaltung als Bild seines
Geistigen anzunehmen.“
Steiner
insistiert auf der vollen Übereinstimmung dieser Konzeption mit den
Rückschlüssen, die der Biologe aus den Überresten vergangener
Welten in den Gesteinsschichten der Erde ziehen kann. Der äußere
Verlauf der Evolution hätte sich für einen externen Beobachter im
Weltraum tatsächlich so dargestellt, wie aus solchen Funden
erschlossen werden kann: die einfachsten Organismen sind zuerst da,
nach und nach bilden sich die verschiedenen Pflanzen- und Tierarten,
wobei der Mensch für eine solche äußere Beobachtung zuletzt, nach
den ihm nahestehenden Säugern auftritt. Ein Konflikt mit der
naturwissenschaftlichen Vorstellungsart ergibt sich für Steiner
erst da, wo für diese das Evolutionsgeschehen im dergestalt sich äußerlich
Darbietenden ganz aufgeht: In Wirklichkeit sei der geistige Mensch
(unvollkommener entwickelt als der heutige) bereits im Erdenanfang
da, als das Produkt früherer planetarischer Metamorphosen der Erde:
Das Innere existiert vor dem Äußeren, es kristallisiert das
Geistige das Materielle Etappe für Etappe aus sich heraus. Erst
dann ist es für die äußere Beobachtung da, was man sich
verbildlichen kann an dem Gefrieren von Eis aus Wasser und dessen
Kondensation aus der noch unsichtbaren Luft, in der es gleichwohl
von Anfang an (in anderer Form) enthalten war: "Außerlich ist der
Mensch am spätesten in seiner heutigen Gestalt entstanden, als das
jüngste der Geschöpfe; geistig ist er der Erstgeborene [...]“.
Die einfachsten Tiere sind das zuerst aus der geistigen
Muttersubstanz Herausgefallene, physisch Gewordene; in ihnen können
sich die ursprünglichen keimhaften Anlagen und Möglichkeiten der
Evolution nur in unvollkommener und einseitiger Gestalt physisch
abprägen, während der Mensch als physisch Letztgeborener sie auch
physisch vollkommen herausarbeitet.
Einem
unhistorischen Verständnis des Mythos erscheint eine höhere
Synthese von naturwissenschaftlichem Weltbild und religiösen
Inhalten undenkbar; es tendiert dazu, den Mythos wörtlich zu
nehmen, so als wäre er ein Produkt der heutigen Bewußtseinsverfassung.
So betrachtet, erscheint dann natürlich das Sechs-Tage-Werk-Motiv
der Genesis sich im unauflöslichen Widerspruch zum
naturwissenschaftlich Festgestellten zu befinden. Steiner dagegen
stellt zunächst einmal die Frage nach dem bewußtseinsgeschichtlichen
Stellenwert und von da aus nach der Realitätshaltigkeit der alten
Urkunden, interpretiert etwa die biblische Schöpfungsgeschichte als
Dokument, das in einer Mysteriensprache geschrieben ist, die es erst
wieder zu entschlüsseln gilt. Die Rekonstruktion des Sinnes, nicht
etwa allegorische Bibelauslegung, soll die Widersprüche
fortschaffen.
Die These, daß
die Welt ein Zusammenhang von materiellen Körpern oder Kräften
ist, müßte schon aus rein philosophischen Gründen zurückgewiesen
werden; sie ist, wie H. Witzenmann schreibt, als Begriffsurteil
unhaltbar, da sich die Welt als Inbegriff des universellen
Zusammenhangs nicht durch sich selbst mit einem speziellen
Zusammenhang, wie es jener der materiellen Elemente ist, im Verhältnis
der Identität befinden kann. "Die materiellen Zusammenhänge sind
besondere Formen des allgemeinen geistigen Zusammenhangs. Allein
dieses Urteil ist evident.“
So wie der materielle Zusammenhang nur ein besonderer Fall des
Zusammenhangs überhaupt, so ist auch die (sinnlich wahrnehmbare)
Bewegung der Materie nur ein besonderer Fall der Bewegung: Auch Gemütsbewegungen,
Denkbewegungen, Willensimpulse usw. sind Bewegungen. Der Satz, die
Bewegung als solche sei nichts als die Gesamtheit aller sinnlich
wahrnehmbaren Bewegungsformen (wieso nur dieser?),
ist aber auch deshalb schief, weil die Sinnesorgane streng genommen
immer nur Augenblicksbilder von Bewegungsresultaten liefern, die
sich in jeweiligen Lagen von Gegenständen darstellen. Diese "Eindrücke“
müssen erst zum Bewegungsfluß im inneren Mitvollzug der Bewegung
zusammengeschaut werden. Die Bewegung entschlüpft uns, wenn wir sie
an isolierten Punkten fixieren wollen, es entsteht dann ein
Widerspruch, und in diesem Widerspruch liegt auch die Quelle der
Zeno‘schen Antinomien der Bewegung. Das Denken selbst wird zunächst
nicht unmittelbar bewußt, sondern im Hinblicken auf die bereits
vergangene Begriffsbildung. Erst allmählich können wir lernen, der
Denkbewegung im Denkvollzug selber inne zu sein.
Steiner, auch
als Schöpfer der neuen Bewegungskunst Eurythmie, faßt besonders
die Gebärdenhaftigkeit der Bewegung ins Auge. Äußere Bewegungen
haben einen Ausdrucksgehalt, der auf innere Regungen, Kräfte und
Verfassung des sich bewegenden Wesens deutet. Was kann nicht allein
der Gang: schlendern, schreiten, stolzieren usw., ausdrücken!
Steiner will nicht Kräfte auf materielle Bewegungen, sondern
umgekehrt Bewegungen auf Kräfte und diese wiederum auf eine in
ihnen sich manifestierende Wesenhaftigkeit zurückführen. Kraft,
Energie wirkt für ihn nicht auf Materie, Materie existiert nicht
anders als in der Anordnung der Wirkungen bestimmter Kraftströmungen.
Man kann sich
leicht klarmachen, daß bereits die Schwerkraft, die
elektromagnetischen Kräfte oder die Kernkraft nur in ihren
Wirkungen sinnlich wahrnehmbar sind. Gegenüber diesen Wirkungen ist
heute die Phänomenblindheit überwunden, die gegenüber der
besonderen Gestaltqualität der organischen Formen im Vergleich zu
den anorganischen noch herrscht; diese will man nicht als Wirkung
spezifischer Kräfte auffassen. E. M. Kranich hat darauf
hingewiesen, daß der Gestalt- und Formensinn nicht nur in der
Morphologie, sondern auch in der Genetik, Abstammungslehre eine
unverzichtbare, wenn auch meist nicht bewußtwerdende Rolle spielt.Die
Kräfte, die diese Gestaltbildung bewirken, nennt Steiner "ätherische
Bildekräfte“. Sie sind materiell ungreifbar, existieren aber übersinnlich-real.
Im Gegensatz zu der "Lebenskraft“ des Vitalismus, von dem Steiner
sich abgrenzt, sind sie erfahrbar, keine spekulativen Konstrukte.
Die Mischung, die die physikalischen und chemischen Stoffe und Kräfte
im Organismus, speziell dem menschlichen, eingehen, ist vom
Standpunkt der physikalisch-chemischen Gesetzmäßigkeiten die
allerunwahrscheinlichste: Die bloß materiellen Wirkungen bilden die
organischen Formen gerade nicht, sondern lösen sie auf, wie sich am
verwesenden Leichnam zeigt. Es ist die Lebenskräfteorganisation,
die diese Auflösungstendenz beständig überwindet und deren
Wirkungsrichtung der der physischen Gesetze entgegengesetzt ist.
Eine Ahnung davon lebt in dem Apercu, die Physik habe zu zeigen,
warum die Äpfel von den Bäumen fallen, die Biologie, warum sie
hinaufkommen. Steiner nennt die Lebenskräfteorganisation auch den
Ätherleib, der als "Architekt“ des physischen Leibes fungiert.
Der
dialektische Materialismus erklärt, die höhere
Materiebewegungsform nicht auf die niedere reduzieren zu wollen, für
Steiner liegt eine solche Reduktion, etwa in bezug auf das
Lebendige, jedoch bereits im Begriff "Materiebewegungsform“
beschlossen. Nicht, daß er irgendetwas an der These von der Wirkung
der niederen in der höheren Bewegungsform auszusetzen hätte. Daß
das Tier wächst wie die Pflanze, der Mensch durch seinen physischen
Leib eben auch den physikalischen Gesetzmäßigkeiten unterliegt,
ist vollkommen unstrittig. Steiner geht es jedoch darum, daß Höhere
der höheren Form nicht nur verbal anzuerkennen, sondern ein Organ für
seine Eigenart zu entwickeln um sie wirklich erfahrbar zu machen.
Ein Stein befindet sich normalerweise in Ruhe, wird nur durch
Einwirkung äußerer Kräfte bewegt, eine Pflanze vollzieht
Wachstumsbewegungen, die einer bestimmten inneren Gesetzmäßigkeit
folgen, das Tier wird durch Trieb, Begierde und Instinkt bewegt, während
der Mensch mit zunehmender Herrschaft über sich selbst "zur
wirklich aus innerer Entscheidung strömenden und damit freien
Bewegung“
kommen kann. Bewegtes
und Bewegendes sind hier ein Wesen.
Auch
Anthroposophie denkt die verschiedenen Bewegungsformen auseinander
hervorgehend, doch ist das Movens der Gerichtetheit und Steigerung
des Evolutionsgeschehens die Selbstbeweglichkeit des Geistigen als
Quelle der Selbstbewegung. H. Witzenmann formuliert: "Der
selbstbewegliche Geist erscheint [...] in den Naturreichen auf
verschiedenen Schaffensstufen seines Ordnungswerks. In der mineralischen“,
d.h. anorganischen "Welt zeigt sich nur eine Art Abbild
seiner Selbstbeweglichkeit dadurch, daß den Mineralien unter
der Wirkung der physischen Kräfte verschiedene Ortsbefindlichkeiten
erteilt werden. Die Erscheinungen des mineralischen Substanzaufbaus
und -zerfalls bilden schon den Übergang zur nächsthöheren Stufe.
In der Pflanzenwelt erscheint
nicht nur ein Abbild des selbstbeweglichen Geistes, er wirkt
innerhalb der sich entwickelnden Pflanze als umbildende
Gestaltungskraft. Die in den Bereich seiner Wirkung eintretenden
Stoffe werden gemäß dem Baustile des pflanzlichen Wesens, dem sie
anverwandelt werden, umgebildet. In der Tierwelt
wirkt der selbst-bewegliche Geist inbildend:
den äußeren Eindrücken wird in der ihnen antwortenden Seele
das Inbild der Empfindung zugestaltet. Im Menschen erst erscheint
der Geist in seiner urbildenden
Selbstbeweglichkeit, wenn das Denken als reine, in der
Ausgestaltung seiner eigenen Gesetzlichkeit wirksame, sich selbst
tragende Tätigkeit erfaßt wird.“
Als
selbstbewegt bezeichnet man gewöhnlich ein Wesen, das zur
Eigenbewegung fähig ist. Beim Automaten dagegen kann man von
Eigenbewegung nur im übertragenen Sinne sprechen, er scheint
selbstbewegt, weil er nicht von außen durch Muskelkraft bewegt
werden muß. Während ein Lenin die Verortung der Quelle der
Selbstbewegung in einem Selbst paradoxerweise als Verlegung "nach
außen“ empfindet (!), sucht Steiner die Quelle der Selbstbewegung
der Wirklichkeit in der die Differenz von Subjekt und Objekt überspannenden
Weltgeistigkeit, die "das Ich von innen nach außen, die
mineralische Welt von außen nach innen“ bildet.Die
materiellen Elemente existieren nicht isoliert für sich, jedes
einzelne ist in seiner Struktur und seiner Bewegung durch andere
bedingt, ist also nicht selbstbewegt. Wie soll die Materie als
ganze, die "Materie als solche“ als Inbegriff dieser Elemente,
nominalistisch verstanden als pure Gedankenschöpfung und
Abstraktion ohne einen eigenen Inhalt, eine Eigenschaft haben, über
die kein Element, für das der Begriff die Abbreviatur ist, verfügt,
nämlich die der Selbstbewegtheit? Andererseits kann es "logisch
keine Bewegung geben, wenn jedes Bewegte stets von einem anderen
Bewegenden bewegt werden muß, also selbst keinen (unmittelbar oder
mittelbar) selbstbewegenden Ursprung hat“
der, da er nicht
materieller Art sein kann, geistiger Art sein muß.
Das
selbstbewegliche Menschen-Ich lebt sich in der kindlichen
Entwicklung im Erwerb des aufrechten Ganges, von Sprache und
Denkvermögen aus. Die menschliche Eigenbewegung wird in dem Maße
als willkürliche, als Selbstbewegung erfahrbar, als die praktische
Tätigkeit mit Überlegung gesteuert und mit Bewußtsein begleitet,
nicht mehr wie traumwandlerisch nachahmend vollzogen wird. In der
Gliedmaßenbewegung bleibt jedoch immer ein unbewußter Anteil, erst
im "sich in sich zusammenfassenden, in sich vertiefenden, aus sich
selbst sich bewegenden Denken“ (Marx)
wird die
Selbstbewegungskraft vollbewußt. "Bewegt ein Mensch seinen Leib,
hebt er z.B. den Arm, so wirkt die eigene urbildliche
Bewegungskraft, deren Ursprung er im Denken inne wird, mit den
anderen Metamorphosen zusammen, in denen sich diese Bewegungskraft
in seinem eigenen Organismus und in den Seinsstufen der Naturreiche
offenbart.“
Die im Denken
errungene Bewußtseinshelligkeit kann dann auf das Handeln zurückstrahlen,
wie auch die Aufrichte-, Sprach- und Denkkräfte, die in der
Kindheit erworben wurden, vom Erwachsenen durch innere Arbeit in Fähigkeiten
höherer Erkenntnis umgewandelt werden können.
Obwohl Steiner
das Evolutionsgeschehen als ein gerichtetes ansieht, hat er sich
einer teleologischen Betrachtungsweise stets widersetzt. Die
Naturwesen seien „nicht zweckmäßig und planvoll von außen“ -
wie die Produkte menschlicher Arbeit -, sondern "ursächlich
und gesetzmäßig von innen bestimmt.“
Während die
materialistische Denkart aus dem Bankrott der naiv-teleologischen
Betrachtungsweise ableitet, die Triebkraft der Evolution müsse
gewissermaßen unterhalb der Zwecksphäre, in blindwirkenden
Ursachen gesucht werden, sieht Steiner die Vorstellung von der
Bewegungsordnung des Kosmos als einem solchen Zufallsprodukt als
moderne Abart des Wunderglaubens an. Bedenkt man, in welch
komplizierter Weise die verschiedenen Körperfunktionen
ineinandergreifen müssen, damit so etwas wie Atmung, Verdauung usw.
zustandekommt, oder wie etwa beim menschlichen Oberschenkelknochen "mit der Aufwendung der geringsten Materialmenge die günstigste
Wirkung an den Gelenkflächen‘ zum Beispiel die zweckmäßigste
Verteilung der Reibung [...] erzielt wird“,
so wird man die Ursachen dafür nicht unterhalb, sondern oberhalb
der Ebene der Zweckursachen ansetzen müssen, zu dem Gedanken gedrängt
werden, daß in der Natur etwas Höheres wirkt als der Zweck. Die
Theorie einer von der Dialektik von Notwendigkeit und Zufall
gesteuerten Evolution operiert mit "Wahrscheinlichkeiten, die sich
so wenig von null unterscheiden, daß sie für eine
wissenschaftliche Betrachtung von Tatsächlichkeiten ganz einfach
unwissenschaftlich sind.“
Man könnte den Materialismus in diesem Zusammenhang auch als
Sicherungsmechanismus für einen Narzismus betrachten, der die
Existenz übermenschlicher Intelligenz nicht erträgt und das Gefühl
davon verdrängt, indem er die Natur, in der diese Intelligenz
wirksam ist, als ideenlos-materiell deutet.
Das
hervorstechendste Charakteristikum der Materie ist die Raumerfüllung.
Aber Raum ist nichts Materielles, sondern eine Beziehung der
materiellen Dinge aufeinander, und zwar die Beziehung des bloßen
Nebeneinander, die äußerlichste Beziehung, die überhaupt möglich
ist. Nur für das räumliche Verhältnis zwischen zwei Dingen bleibt
deren qualitative Beschaffenheit gleichgültig.
Die drei
Raumdimensionen dürfen nicht als völlig gleichbedeutend genommen
werden. Denn die erste Dimension stelle einen Bezug zwischen zwei
Sinneswahrnehmungen her, die durch eine konkrete Vorstellung zu
einer Einheit zusammengefaßt werden. Die zweite Dimension beziehe
diese Bezüge wiederum aufeinander und gehe dadurch in das Gebiet
der Abstraktion über. Die
dritte Dimension endlich stelle nur noch die ideelle Einheit
zwischen den Abstraktionen her. Der Raum ist für Steiner nicht ein
Totum im Kantschen Sinne. Eine absolute Ortsbestimmung gibt es
nicht, denn jedes "da“ deutet eigentlich auf einen dem gemeinten
Gegenstand oder Punkt unmittelbar benachbarten. "Raum“ ist die
Idee, der gemäß die wirklichen Dinge als nebeneinander
existierende geordnet sind, nicht, wie Kant glaubte, eine
Anschauung.
Die Existenz
des einen materiellen Dings schließt die eines anderen an demselben
Ort aus, während das Nebeneinander materieller Dinge ihre
gegenseitige Ausschließung ausschließt. Wenn zwei Elemente A und B
sich ausschließen und dennoch notwendig und wesentlich zusammengehören
sollen müssen wir aus den bloß räumlichen Gegebenheiten in die
Zeit übergehen: A und B müssen Prozeßphasen sein, die sich im
Nacheinander bedingen, in der Gleichzeitigkeit aber am selben
Gegenstand ausschließen, wie die Blüte die Knospe, die in ihrem
Hervorbrechen verschwindet. Denken, Fühlen und Wollen sind
ungegenständlich und unräumlich, verlaufen aber sehr wohl in der
Zeit, die gerade der "Raum“ des Seelenlebens ist. In diesem Raum
herrscht nun nicht mehr Ausschließung, sondern wechselseitige
Durchdringung, Bewegung, die gleichsam zu unräumlichen Formierungen
gerinnt.
Steiner ist der
Meinung, daß die Wärmetod-Prognose mit der von ihm vertretenen
Auffassung eines Anfangs von Raum, Zeit und Materie verbunden werden
kann. An diesem Anfang steht für ihn die Tat höchster geistiger
Wesenheiten, die ihre willenshafte innere Substanz opfern, aus der
die Urerde entsteht, die an diesem Anfang ihrer planetarischen
Metamorphosen, in ihrem "Saturnzustand“, reines, schöpferisches
Wärmechaos ist. Und am Erdenende, so Steiner, wenn das
planetarische Materielle abgestorben sein wird, das Geistige in
gesteigerter, in durch den vom Geschöpf zum Mitschöpfer gewordenen
Menschen individualisierter Form freigesetzt sein wird, dann werden
geistige Mächte "aus dem Wärmetod heraus die Erde zu neuen
Sonnensystemen“ führen.
Denn ohne geistigen
Einschlag ermöglichen die Materiegesetze keine Aufwärtsentwicklung,
sondern führen - im
Sinne des Entropiesatzes - zu
Ziel- und Spannungslosigkeit, Streuung der Energie statt ihrer Bündelung:
alles bloß raum-zeitliche Geschehen ist auf ein Ende angelegt.
Das Verhältnis
von Endlichem und Unendlichem, von Zeitlichem und Ewigen erscheint
als tiefstes Rätsel. Steiner knüpft in seinen Betrachtungen dazu häufig
an mathematischen Problemstellungen an, eine Herangehensweise, die
in der Tradition der mathematischen Grenzbetrachtungen des Nikolaus
von Kues steht. Wir können das Unendliche nicht vorstellen, wohl
aber denken. In der Infinitesimalrechnung werden wir "mathematisch
aus dem Sinnlich-Anschaulichen hinausgeführt, und wir bleiben dabei
so sehr im Wirklichen, daß wir das Unanschauliche berechnen. Und
haben wir gerechnet, dann erweist sich das Anschauliche als das
Ergebnis unserer Rechnung aus dem Unanschaulichen heraus. Mit der
Anwendung der Infinitesimalrechnung auf die Naturvorgänge in
Mechanik und Physik vollziehen wir in der Tat nichts anderes, als daß
wir Sinnliches aus Übersinnlichem errechnen.“
In der
nichteuklidischen Geometrie sieht er eine der wichtigsten
Errungenschaften der neueren Wissenschaftsentwicklung, über die
darauf bauende Relativitätstheorie urteilt er zurückhaltender: für
die physische Welt werde man ihr nicht entkommen, aber eben dadurch
in die Geist-erkenntnis getrieben werden. Mit den Mitteln der
nichteuklidischen Geometrie läßt sich bis zur Idee des Gegenraums
vorstoßen, die dem mathematischen Denken den Zugang zur Wirksamkeit
des "Ätherischen“ öffnet. Bereits für den jungen Steiner macht
die neue Geometrie eine Revision des Zeitbegriffs denkbar. Wie sich
der Raum nicht mehr als eine nach allen Seiten ins Unendliche
verlaufende Leere denken läßt, sondern eine nach rechts ins
Unendliche verlängerte Gerade von links an ihren Ausgangspunkt zurückkehrt,
so werde auch für die Zeit die Vorstellung möglich, daß die
unendlich ferne Zukunft ein Zurückkommen in die Vergangenheit
ideell in sich enthalte.
"Zeit“
existiert nur im Hinblick auf Entstehen und Vergehen, vom endlichen
Standpunkt aus betrachtet, während vom Standpunkt des Ewigen her
aller Tod - wie ein von Steiner häufig zitiertes Goethe-Wort besagt
- nur Kunstgriff der Natur ist, um möglichst viel Leben zu haben.
Ewigkeit ist Anfangslosigkeit, Immer-schon-angefangen-Haben, also
nicht bloß "Unsterblichkeit“, sondern auch "Ungeborenheit“.
Gerade das unterscheidet Steiner von der traditionellen kirchlichen
Unsterblichkeitsvorstellung. Gewöhnlich betrachtet der Mensch die
Dinge vom Standpunkt des Endlichen und erlebt sich aus der
Vergangenheit kommend, vom Jetzt-Punkt weg zu einem anderen
Zeitpunkt schreitend. Dieses Alltagserleben beruht aber, wie die nähere
Betrachtung zeigt, auf einer falschen Verräumlichung der Zeit. Die
Vergangenheit war Gegenwart und die Zukunft wird Gegenwart sein. Ich
kann eine Vergangenheit und eine Zukunft in Wahrheit nur auf mich
als einen Gegenwärtigen beziehen, und diese Gegenwärtigkeit ist
ihrem Wesen nach überzeitlich, nur daß sie im gewöhnlichen Bewußtsein
nicht vollzogen wird. "Die zeitliche
Gegenwart ist ein Selbstwiderspruch. In der Zeit existiert nur
Vergangenheit und Zukunft, letztere als eine Extrapolation des
Zeitflusses, den der Mensch nur in seiner Vergangenheitsform erfährt,
auf das noch nicht Geschehene. Die essentielle Gegenwärtigkeit berührt
sich mit der Zeit-Welt in dem Punkte der sogenannten zeitlichen
Gegenwart. Wer diesen Punkt erlebt, weiß, daß er nur ein Berührungspunkt
ist, der ewigen Gegenwart mit
der Zeit“, schreibt Georg Kühlewind.
Ewigkeit ist Allgegenwärtigkeit,
in der A und O zusammenfallen: Die Ewigkeit eines lebendigen Gottes
kann das menschliche Denken zwar nicht ausmessen, aber es kann sie
doch denken, während die Vorstellung einer ewigen Materie
scheitert.
Der
Materialismus fürchtet, mit dem raum-zeitlichen Inhalt überhaupt
jeden Inhalt zu verlieren: wo keine Materie ist, scheint ihm das
reine Nichts. Die spirituelle Erfahrung, von der Steiner spricht,
hat aber gerade einen über-raum-zeitlichen Inhalt.
Das Überschreiten der Grenze des Zeitlichen zum Ewigen ist für
Steiner keine abstrakte Negation der Zeit, nicht einfach ihr
Verschwinden: Zeit wird selbst - durch das Moment der übergreifenden
Gegenwärtigkeit - zu einem übersinnlichen Raum. Vor dem sicher
scheinenden Tod Gerettete berichten von einer tableauartigen
Zusammenschau von Lebensetappen, einer Art Panorama von blitzartiger
Gleichzeitigkeit. In den Phasen des organischen Wachstums wirkt ein
überzeitliches Moment: sie fallen nicht auseinander, sondern sind
Momente einer integrierenden Zeitgestalt.
Im Rhythmus
verbinden sich die beiden Zeit-Aspekte Verfließen und Kreisen. Die
Geschehensabläufe in der Natur weisen Rhythmen auf, ebenfalls die
menschliche Biografie. Rhythmischer Wechsel ist nicht bloß ewige
Wiederkehr des Gleichen, sondern Steigerung durch die Polarität
hindurch. Steiners Zeitbegriff unterscheidet sich von dem der alten
östlichen Religionen, denen Zeit als Rad der Wiedergeburten gilt,
von dem man Erlösung zu erlangen trachtet, indem er mit dem
Christentum die Geschichtlichkeit des Menschen bejaht. Der Punkt
Omega der Evolution ist nicht das Aufgehen der Individualität im
All-Einen, sondern die Bereicherung des All-Einen durch die
Individualität, die sich aus freiem Entschluß in das Schöpfungsganze
mitschaffend eingliedert. Materieverachtung hat in dieser Sicht des
Evolutionsgeschehens keinen Platz, deren christologische Perspektive
Steiner mit Teilhard de Chardin verbindet. Der Logos, von dem das
Johannesevangelium spricht, verhält sich, so Steiner, zum
Sonnenlicht wie die Seele zum Leib. Mit dem Licht strömt göttliche
Liebe auf die Erde, die die Menschen in sich aufnehmen und aus
Freiheit erwidern können. Seit dem Geschehen von Golgatha wirke
diese Liebe nicht mehr nur von außen: Christus ist in die
Erdenmaterie "eingezogen, hat in der Erde einen neuen
Lichtmittelpunkt geschaffen [...] und ist ewig in der Erdenaura
verwoben.“