Christoph Strawe: Marxismus und Anthroposophie - I. Teil: Materie und Bewusstsein
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3. Der Materiebegriff des Marxismus:
Materie, Bewegung, Raum und Zeit

Einen entscheidenden Mangel des bisherigen Materialismus sahen Marx und Engels in dessen Unfähigkeit, ,,die Welt als einen Prozeß, als einen in einer geschichtlichen Fortbildung begriffenen Stoff aufzufassen“[1]: Die einzige Bewegungsform, die der alte Materialismus kennt, ist die mechanische, während der dialektische Materialismus die Bewegung als Veränderung und Entwicklung im umfassenden Sinne begreift. Die Bewegung ist absolut, alle Zustände der Ruhe und Erstarrung nur relativ: Jeder scheinbar ruhende Körper bewegt sich z. B. mit der Erde um die Sonne; feste Strukturen sind nichts anderes als geronnene Bewegungen, ihre Stabilität ist das Ergebnis des Wechselspiels ihrer Elemente. Materie ohne Bewegung ist schlechterdings undenkbar, Bewegung daher ,,das allgemeinste Attribut, die Daseinsweise der Materie“[2].

Energie versucht man auf Materiebewegung zu reduzieren: Die ,,aktive Bewegung nennen wir Kraft, die passive Kraftäußerung“, schrieb Engels. Die Meßbarkeit der Bewegung gebe der Kategorie Kraft ihren Wert, sonst habe sie keinen. Die Kraftvorstellung sei im Grunde ein unzulässiger Anthropomorphismus: ,,Die Vorstellung von der Kraft kommt uns ganz von selbst dadurch, daß wir am eigenen Körper Mittel besitzen, Bewegungen zu übertragen, die innerhalb gewisser Grenzen durch unseren Willen in Tätigkeit gesetzt werden können, besonders die Muskeln der Arme, mit denen wir mechanische Ortsveränderung, Bewegung andrer Körper hervorbringen, heben, tragen, werfen, schlagen etc., und damit bestimmte Nutzeffekte. Die Bewegung hier scheinbar erzeugt, nicht übertragen, und dies veranlaßt die Vorstellung, als ob Kraft überhaupt Bewegung erzeuge. Daß Muskelkraft auch nur Übertragung, jetzt erst physiologisch bewiesen.“[3]

,,Reine Bewegung“ ohne Materie oder ,,reine Energie“ wird als Unding bezeichnet. Man kommt hier in gewisse definitorische Schwierigkeiten. Im Sinne der Materiedefinition Lenins wäre Energie eine Form von Materie, andererseits soll sie dann doch bloß eine ,,Eigenschaft der Materie“ sein, ein ,,quantitatives Maß der Bewegung und die Fähigkeit materieller Systeme, auf der Grundlage innerer Veränderungen eine bestimmte Arbeit zu verrichten.“ Energie existiere nicht losgelöst von der Materie und trete immer gemeinsam mit anderen Eigenschaften materieller Körper in Erscheinung.[4]

Die Grundformen der Materiebewegung - physikalische, chemische, biologische und soziale - werden in einem hierarchischem Verhältnis zueinander gedacht: Die höheren Formen sind aus den niederen entstanden, sollen aber nicht auf sie reduziert werden -  ein Fehler des mechanischen Materialismus, der die qualitative Spezifik und relative Eigengesetzlichkeit der höheren Bewegungsformen übersah. So sollen z. B. die Gesetze des Organisehen nicht auf die der Physik und Chemie reduziert werden, obwohl die letzteren auch in den Organismen wirken, deren höhere Gesetzmäßigkeit ohne diese Basis nicht existieren könnte. Ja, die Entstehung der jeweils höheren Form soll durch die in der niederen wirkende Gesetzmäßigkeit ursächlich bedingt sein, trotzdem aber soll die von den Entwicklungs- und Bewegungsgesetzen der niederen Form bewirkte höhere ihre Ursache überbieten, ihr gegenüber etwas qualitativ Neues darstellen. Es bedarf nach dieser Auffassung keines göttlichen Eingriffs oder geistigen Einschlags in die Evolution, um deren Sprünge, um die Entstehung des Lebens und des Bewußtseins, um die Steigerung zu immer höheren Daseinsformen zu begründen. Vielmehr soll die immanente Aktivität der Materie, ihre ,,Selbstbewegung“, die Sprünge in der Evolution zustandebringen: Materie sei eben keine ,,träge Masse“, die des äußeren Anstoßes durch einen göttlichen Erstbeweger oder eines inneren geistig-göttlichen Bewegungsantriebs bedürfe:

,,Niemals und nirgends hat in der Welt etwas existiert und wird etwas existieren, was nicht Materie in ihrer Bewegung oder von dieser hervorgebracht ware. Darin besteht die Einheit der Welt.“[5] Eine lange Entwicklung der Philosophie und der Naturwissenschaften sei die Bestätigung dieser These, eine Entwicklung, wie sie im Kapitel ,,Atombegriff“ bereits knapp charakterisiert wurde. Vom Nachweis der Materialität der Gestirne durch Gravitationstheorie und Spektralanalyse, über die Gesetze der Energieerhaltung, die die Unerschaffenheit der Materie und ihrer Bewegung beweisen sollen, bis zu den Entdeckungen der Biologie sieht man eine lückenlose Indizienkette:

Die Biologie beispielsweise hat entdeckt, daß Leben auf Stoffwechsel, also einem materiellen Prozeß beruht und durch Darwin die Entwicklung der Arten ohne göttlichen Eingriff erklärbar gemacht. Leben ist also materialistisch definierbar als Daseinsweise der Eiweißkörper, die wesentlich in der beständigen Selbsterneuerung ihrer chemischen Bestandteile besteht. Und nirgends zeigen sich in der Natur Wirkungen, die auf ein geistiges Evolutionsprinzip oder eine immaterielle Lebenskraft hindeuten, so die Überzeugung der Marxisten. Das letzte noch fehlende Glied der Beweiskette für die Materialität des Weltzusammenhangs will der Marxismus schließlich selbst geliefert haben, indem er den Idealismus aus der Geschichtsauffassung als seinem letzten Refugium vertrieben habe.[6]

Die Behauptung, die Entwicklung in der Natur vom Einfachen zum Höchstkomplexen sei als Ergebnis des blinden Wirkens bewußtloser Agenzien denkbar, ist zwar immer wieder als unvereinbar mit dem weisheitsvollen Zusammenklang der Naturerscheinungen empfunden worden. Doch konnten die Marxisten demgegenüber auf die wenig überzeugende Art hinweisen, in der lange über diesen Zusammenhang philosophiert worden war, auf die ,,flache Wolffsche Teleologie, wonach die Katzen geschaffen, um die Mäuse zu fressen, die Mäuse, um von den Katzen gefressen zu werden, und die ganze Natur, um die Weisheit des Schöpfers darzutun“[7]. Der Ansicht, ein so komplexes System wie das menschliche Gehirn könne unmöglich ein bloßes Zufallsprodukt sein, will Engels nicht als Argument gelten lassen, da eine solche Zufalls­theorie eine Frucht des überholten, mechanischen Materialismus sei. In Wahrheit sei es kein Zufall, sondern ,,die Natur der Materie, zur Entwicklung denkender Wesen fortzugehen, und dies geschieht daher auch notwendig immer, wo die Bedingungen (nicht notwendig überall und immer dieselben) dazu vorhanden.“[8]

Der konsequente Materialismus muß nach Auffassung der Marxisten dialektisch sein. Das hängt mit dem Verhältnis von Materie und Bewegung zusammen, denn nur die Dialektik hält man für fähig, das Bewegungsproblem philosophisch richtig zu behandeln. Hatte Zeno die Bewegung für unmöglich erklärt, weil sie ein Widerspruch sei, so erklärt der Marxismus - mit Heraklit und Hegel - den Widerspruch im Sinne des Kampfes der Gegensätze für das Wesen der Bewegung, ihre Quelle und Triebkraft. ,,Die Bewegung selbst ist ein Widerspruch“, so Engels, denn ,,sogar schon die einfache mechanische Ortsbewegung kann sich nur dadurch vollziehen, daß ein Körper in einem und demselben Zeitmoment an einem Ort und zugleich an einem anderen Ort, an einem und demselben Ort und nicht an ihm ist. Und die fortwährende Setzung und gleichzeitige Lösung dieses Widerspruchs ist eben die Bewegung.“[9]

Neben die Materiekategorie und die Kategorie Bewegung stellt der dialektische Materialismus die Kategorien Raum und Zeit, welche die beiden grundlegenden objektiv-realen Existenzweisen der sich bewegenden Materie widerspiegeln sollen: Materie kann sich nicht anders bewegen als im Raum und in der Zeit. Die Kategorie Raum widerspiegelt das Nebeneinander der Dinge, ihre Entfernung voneinander, ihre Ausdehnung und ihre Lage zueinander, während der Zeitbegriff die Reihenfolge des Ablaufs materieller Prozesse, den Abstand der Prozeßphasen, kurz ihr Nacheinander abbildet. Raum und Zeit sind keine subjektiven Anschauungsformen mit erfahrungsunabhängigem Charakter, keine Hervorbringungen einer ,,absoluten Idee“: Daß die Erde nach den Daten der Wissenschaft Abermillionen Jahre vor dem Erscheinen des Menschen und damit eines Bewußtseins in Raum und Zeit existiert habe, beweise die Absurdität der idealistischen Thesen von einer Bewußtseinsabhängigkeit von Raum und Zeit.[10]

Raum und Zeit dürfe man nicht getrennt voneinander und von der Materie ansehen. ,,Die beiden Existenzformen der Materie sind natürlich ohne Materie nichts, leere Vorstellungen, Abstraktionen, die nur in unserem Kopf existieren“, schrieb Engels.[11] Die moderne Relativitätstheorie wird als glänzende Bestätigung dieser dialektisch-materialisti­schen Raum-Zeit-Auffassung betrachtet.

Raum und Zeit gelten nicht nur als objektiv-real, sondern die Zeit existiert ewig wie die Materie und der Raum ist unbegrenzt und unendlich wie sie. Wenn die moderne Astronomie mit ihren technischen Mitteln Objekte feststelle, deren Licht 10 Milliarden Jahre bis zu uns gebraucht hat, warum sollte man dann annehmen, daß irgendein Sternensystem das letzte ist, daß dahinter nicht weitere verborgen sind? Die Zeitreihe hat nicht begonnen. Wieviel ,,Zeit auch immer bis zum Eintritt eines Ereignisses verflossen sein mag, die Zeit wird auch weiterhin andauern, sie wird nie eine Grenze erreichen, wo es keinerlei Dauer oder keine unendliche Aufeinanderfolge von Prozessen mehr gibt, die in ihrer Gesamtheit die unendliche Dauer darstellen.“[12] Wenn die idealistische Philosophie gleichzeitig die Unendlichkeit bzw. Ewigkeit und die Zeitlosigkeit bzw. Unräumlichkeit des Geistes behauptet, so erscheint das den Marxisten als absurder Widerspruch. Alle Vorstellungen von einer raum-zeit-unabhängigen (geistigen) Welt sind ,,vom Pfaffentum geschaffene und von der Einbildungskraft der niedergehaltenen Masse der Menschen genährte [...] krankhafte Phantasiegebilde, das untaugliche Produkt einer untauglichen Gesellschaftsordnung.[13]

Raum und Zeit sind eine dialektische Einheit von Absolutem und Relativem, Endlichem und Unendlichem. Der unendliche Raum setzt sich aus lauter endlichen materiellen Objekten zusammen, die Ewigkeit aus lauter endlichen Prozessen. Raum und Zeit sind stetig und diskret: zwei Zeit- und Raumpunkte sind nicht absolut getrennt, es findet ein Übergang zwischen ihnen statt, andererseits bestehen Raum und Zeit aber auch aus klar unterschiedenen Elementen.

Versuche, mit physikalischen Argumenten die Unendlichkeit und Unbegrenztheit bzw. Ewigkeit von Raum, Zeit und Materie anzuzweifeln, weist man mit Vehemenz zurück. Die ,,Haltlosigkeit“ einer religiös-idealisti­schen Interpretation der Urknallhypothese sei ,,offensichtlich“; man dürfe aufgrund von Vorgängen in einem Teil des Universums keine kategorischen Urteile über die wirkliche raum-zeitliche Struktur des gesamten Weltalls ableiten. Solche Relativierungen provozieren die Frage, wie sie sich mit der kategorischen Behauptung von der Ewigkeit und Unendlichkeit der Materie, die doch ebenfalls nur auf der Grundlage von Beobachtungen in einem Teil des Universums in einem bestimmten Zeitabschnitt ruhen kann, verträgt. Die Wärmetod-Prognose wird ebenfalls zurückgewiesen, weil sie beweisen würde, ,,daß die Welt erschaffen, ergo, daß die Materie erschaffbar, ergo, daß sie zerstörbar [...]“[14] ist. Weil das aber unmöglich so sein kann, hofft man auf künftige Forschungen, die zeigen sollen, wie die im Weltraum zerstreute Energie wieder der Energieumwandlung ,nutzbar‘ wird und verweist heute auch auf Poincaré, der 1911 gezeigt habe, daß der zweite Hauptsatz der Thermodynamik nicht auf nahezu leere Räume wie den interstellaren kosmischen Raum angewandt werden dürfe.[15]

Immerhin akzeptiert Engels den Gedanken des Wärme- bzw. Kältetodes, wenn er ihn schon für das Gesamtuniversum nicht akzeptieren kann, doch für unser Planetensystem: Irgendwann werde die Sonne ausgeglüht sein und jedes Leben unmöglich, Über die Unerträglichkeit dieser Vorstellung tröstet er sich mit der Zuversicht hinweg, daß die Materie, da sie ewig ist, ,,mit derselben eisernen Notwendigkeit, womit sie auf der Erde ihre höchste Blüte, den denkenden Geist, wieder ausrotten wird, ihn anderswo und in anderer Zeit wiedererzeugen muß.“[16] Wohlgemerkt, Engels denkt dabei an Geist im allgemeinen, nicht an die Wiederkehr des individuellen Geistes bestimmter Menschen.



[1] Engels, MEW 21, S. 27ff.

[2] Engels, MEW 20, S. 55; vgl. auch im folgenden, Konstantinow, S. 75ff.

[3] Engels, a.a.O., S. 55, 541, 544.

[4] Konstantinow, S. 77.

[5] a.a.O., S. 94. Vgl. S. 93 und Engels, MEW 20, S. 41.

[6] Vgl. Engels a.a.O., 13, 75, 25.

[7] a.a.O., 315.

[8] a.a.O., 479.

[9] a.a.O., 113. In dieser Form ist allerdings die Aussage heute unter den Marxisten nicht ganz unumstritten, vgl. Narski 1973.

[10] Vgl. Lenin, LW 14, S. 174, und Konstantinow, 81ff.

[11] Engels, MEW 20, S. S03.

[12] Konstantinow, S. 83.

[13] LW 14, S. 182.

[14] MEW 20, 545. Vgl. Konst. 83f.

[15] Buhr/Klaus, S. 1284.

[16] MEW 20, S. 327.


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