Christoph Strawe: Marxismus und Anthroposophie - I. Teil: Materie und Bewusstsein
Home
  //  Zum Inhaltsverzeichnis  //  Zum vorigen Kapitel  //  Zum nächsten Kapitel

 

 

2. Der Materiebegriff des Marxismus:
Grundfrage der Philosophie und Leninsche Materiedefinition

Der Marxismus versteht sich als streitbarer Materialismus. Das bedeutet aber nicht, daß er das Geistige schlechthin leugnen und nur die Existenz des Materiellen anerkennen würde: "Die Einwirkungen der Außenwelt auf den Menschen drücken sich in seinem Kopf aus, spiegeln sich darin ab als Gefühle, Gedanken, Triebe, Willensbestimmungen, kurz als ,ideale Strömungen‘, und werden in dieser Gestalt zu ,idealen Mächten‘.“[1] Noch weniger ist mit "Materialismus“ eine Lebenshaltung ohne Ideale gemeint: Die großen Opfer, die Marxisten für ihre Sache gebracht haben, zeugen vom Gegenteil. Nur der Philister, spottete Engels, "versteht unter Materialismus Fressen, Saufen [...] Geldgier, Geiz [...] und Börsenschwindel, kurz, alle die schmierigen Laster, denen er im stillen frönt [...]“.[2]

Entscheidend ist vielmehr die Auffassung, daß der Geist gegenüber der Natur, das Denken gegenüber dem Sein sekundär ist, daß das Ideelle durch das Materielle bestimmt wird. An dieser Frage, die Engels in der Feuerbach-Schrift als die "große Grundfrage aller, speziell neueren Philosophie“ bezeichnet, hätten sich die Philosophen in zwei große Lager gespalten, das des Materialismus und das des Idealismus: "Was ist das Ursprüngliche - der Geist oder die Natur - diese Frage spitzte sich der Kirche gegenüber dahin zu: Hat Gott die Welt erschaffen oder ist die Welt von Anfang an da?“[3]

Entscheidend neu bei Marx und Engels ist die Übertragung des Materialismus auf die Geschichtsauffassung, der Grundgedanke, daß die Ideenproduktion in die materielle Produktion unmittelbar verflochten ist und darum nie mehr als das bewußte Sein, Bewußtsein des wirklichen Lebensprozesses sein kann, in dem die Menschen die Materie bearbeiten, in dem diese Materie ihre Lebensvoraussetzung ist: "Die Voraussetzungen, mit denen wir beginnen, sind keine willkürlichen, keine Dogmen, es sind die wirklichen Voraussetzungen, von denen man nur in der Einbildung abstrahieren kann.“[4]

Die Grundfrage der Philosophie hat für Engels aber nun noch eine zweite Seite, die Frage nach der Erkennbarkeit der Welt. Der Marxismus bejaht diese Frage entschieden. Schon der junge Marx verspottete die Kantianer mit ihrem Agnostizismus als "Priester des Nichtwissens, deren tägliches Geschäft es ist, einen Rosenkranz abzubeten über ihre eigene Impotenz und die Potenz der Dinge“.[5] "Experiment und Industrie“ widerlegen für Engels den Agnostizismus schlagend als Widersinn: "Wenn wir die Richtigkeit unserer Auffassung eines Naturvorgangs beweisen können, indem wir ihn selbst machen, ihn aus seinen Bedingungen erzeugen, ihn obendrein unseren Zwecken dienstbar werden lassen, so ist es mit dem Kantschen unfaßbaren ,Ding an sich‘ zuende. Die im pflanzlichen und tierischen Körper erzeugten chemischen Stoffe blieben solange ,Dinge an sich‘, bis die organische Chemie sie einen nach dem anderen darzustellen anfing; damit wurde das ,Ding an sich‘ ein Ding für uns wie z. B. der Farbstoff des Krapps, das Alyzarin, das wir nicht nur auf dem Felde in den Krappwurzeln wachsen lassen, sondern aus Kohlenteer weit wohlfeiler und einfacher herstellen.“ "Wenn dennoch die Neubelebung der Kantschen Auffassung in Deutschland durch die Neukantianer [...] versucht wird, so ist das, der längst erfolgten praktischen Widerlegung gegenüber, wissenschaftlich ein Rückschritt und praktisch nur eine verschämte Weise, den Materialismus hinterrücks zu akzeptieren und vor der Welt zu verleugnen.“[6]

Materialismus sei weiter nichts als die Auffassung der Welt ohne vorgefaßte idealistische Schrullen, meinte Engels, und so sei es gegenüber dem Hegelschen Erbe darum gegangen, die Begriffe des menschlichen Kopfes wieder als Abbilder der wirklichen Dinge, statt umgekehrt die Dinge als Manifestationen dieser oder jener Stufe des absoluten Begriffs aufzufassen. Die Kritik gilt sowohl dem objektiven als auch dem subjektiven Idealismus, dem letzteren, weil er die Sackgasse des Solipsismus nicht vermeiden, dem ersteren, weil er über den postulierten geistigen Urgrund der Welt keine inhaltlichen Aussagen machen könne. Diese Kritik bedeutet nicht, daß der Idealismus einfach als Unsinn oder Geistesverirrung abgetan wird. Denn dies brächte die marxistische Ideologiekritik um ihre Pointe, die darin besteht, daß die verzerrte Widerspiegelung der Wirklichkeit ihre wirklichen, das heißt hier ihre materiellen, Wurzeln haben muß. Wegen des rationellen Kerns, den die idealistischen Mystifikationen enthalten können, ging Lenin so weit zu sagen, der kluge Idealismus steht dem klugen Materialismus näher als ein dummer Materialismus.[7] Idealismus bleibt für den Marxismus immer, sei es auch durch noch so feine Fäden, mit der Religion verbunden, die ihm als Form falschen Bewußtseins gilt, welche die noch unbeherrschten Natur- bzw. gesellschaftlichen Mächte in phantastischer Form widerspiegelt. Die Trennung von vorwiegend körperlicher und vorwiegend geistiger Arbeit ist es, die den Schein einer Selbständigkeit des Bewußtseins gegenüber der Materie ermöglichen und damit die Verabsolutisierung einzelner Seiten des Erkenntnisprozesses begünstigen soll, z.B. die Verwandlung des Begriffs in ein demiurgisches Subjekt.

Den Marxismus interessiert an der Grundfrage der Philosophie vor allem ihre praktisch-soziale Funktion. Der Materialismus erscheint als logische Grundlage des Kommunismus, als die angemessene Weltanschauung für eine Klasse, "deren Eigentumslosigkeit [...] die Illusionslosigkeit ihrer Köpfe entsprechen“ muß[8]. Es hat strategische Konsequenzen für die Politik der Arbeiterbewegung, wenn man die Ursache der sozialen Übel nicht in subjektiven Unzulänglichkeiten der Menschen sieht - dann würde ja u. U. der Appell an das soziale Gewissen der Herrschenden etwas fruchten können -, sondern in materiellen gesellschaftlichen Verhältnissen: dann hilft nur die revolutionäre Beseitigung dieser Verhältnisse und ihre Ersetzung durch neue.[9]

Gegen die Engelssche Zwei-Lager-Vorstellung von der Philosophiegeschichte ist eingewandt worden, sie sei eine unzulässige Vereinfachung. Das trifft sicher für die Sichtweise der Stalin-Ära zu, wo nicht nur die Widersprüchlichkeit der Theorieentwicklung negiert wurde (Materialismus im Idealismus, Idealismus im Materialismus), sondern auch Idealismus schlicht mit Reaktion, Materialismus schlicht mit Fortschritt identifiziert wurde. Bei Engels selbst und auch in der heutigen marxistisch-leninistischen Philosophiegeschichtsschreibung gibt es da eine differenziertere Sicht der Dinge. Immerhin, noch ist die Neigung unverkennbar, in problematischer Weise nichtmaterialistische Traditionselemente dem "materialistischen Erbe“ zuzuschlagen. So ist schon für Engels der Gott-Natur-Gedanke Brunos, Spinozas, Goethes und Schellings der Versuch, den "Gegensatz zwischen Geist und Materie pantheistisch zu versöhnen“, ein Unternehmen, das letztlich dazu führt, daß auch die "idealistischen Systeme [...] sich mehr und mehr mit materialistischem Inhalt füllen“[10], im Grunde also bereits eine Art verkappten Materialismus darstellen. Diese Deutung ist aber weder vom Denkeinsatz der Genannten noch vom objektiven Gehalt ihrer Lehren her gerechtfertigt und kann sich allenfalls - bei einigen - auf kirchliche Anathema berufen.

Am Beginn der marxistischen Philosophie über die Materie steht die Marxsche Dissertation und mit ihr ein durchaus kritisches Verhältnis zum traditionellen Materialismus, das noch Entwicklungsmöglichkeiten nach verschiedenen Seiten hin offen läßt. Der junge Marx erkennt mit sicherem Gespür die Widersprüchlichkeit des atomistischen Weltbildes und analysiert sie scharfsinnig. Er konstatiert, wie alles lebendige Weben der Natur Leukipp und Demokrit gleichsam unter der Hand erstarrt, in der nur das Tote zurückbleibt: "Die Atome sind zwar die Substanz der Natur, aus der sich alles erhebt, in die sich alles auflöst; aber die stete Vernichtung der erscheinenden Welt kömmt zu keinem Resultat. Es bilden sich neue Erscheinungen; das Atom selber aber bleibt immer als Bodensatz zugrunde liegen. Soweit also das Atom seinem reinen Begriff nach gedacht wird, ist der leere Raum, die vernichtete Natur, seine Existenz; soweit es zur Wirklichkeit fortgeht, sinkt es zur materiellen Basis herab, die, Träger einer Welt von mannigfaltigen Beziehungen, nie anders als in ihr gleichgültigen und äußeren Formen existiert. Es ist dies eine notwendige Konsequenz, weil das Atom, als Abstrakt-Einzelnes und Fertiges vorausgesetzt, nicht als idealisierende und übergreifende Macht jener Mannigfaltigkeit sich zu betätigen vermag.“ Im Atom ist - was für ein Paradox - "der Tod der Natur ihre unsterbliche Substanz geworden [...]“[11]

Marx wertet den Schritt vom demokritischen zum epikureischen Materialismus als einen Fortschritt der Philosophie, weil das Epikursche Atom mit seiner spontanen Abweichung von der angenommenen senkrechten Fallinie ("Deklination“) übermechanische Spontaneität und Selbstbeweglichkeit aufweist. Und er preist den Epikur, weil dieser sich nicht mit der starren und unerbittlichen Notwendigkeit (der Ananke) bei Demokrit abfinden will, die jede Freiheit ausschließt. Marx sieht durchaus das Dilemma, auf das die Lehre von zwei Qualitätsarten reagiert: "Es widerspricht dem Begriff des Atoms, Eigenschaften zu haben; denn, wie Epikur sagt, jede Eigenschaft ist veränderlich, die Atome aber verändern sich nicht. Allein es ist nichtsdestoweniger eine notwendige Konsequenz, ihnen dieselben beizulegen. Denn die vielen Atome der Repulsion, die durch den sinnlichen Raum getrennt sind, müssen notwendig voneinander und von ihrem reinen Wesen verschieden sein, d.h. Qualitäten besitzen.“[12] Demokrit macht die "sinnliche Wirklichkeit zum subjektiven Schein; allein die Antinomie“ (zwischen Wesen und Erscheinung), „aus der Welt der Objekte verbannt, existiert nun in seinem eigenen Selbstbewußtsein, wo der Begriff des Atoms und die sinnliche Anschauung feindlich zusammentreffen.“[13] Marx sympathisiert auch hier mit dem Sensualisten Epikur, der die Sinnenwelt als "objektive Erscheinung“ nimmt; bei ihm ist daher die Vorstellung von den "eidola“ konsequent, bei Demokrit eine Inkonsequenz. Die eidola sind "Formen der Naturkörper, die sich als Oberflächen gleichsam von ihnen abhäuten und sie in die Erscheinung tragen [...] Die menschliche Sinnlichkeit ist so das Medium, in dem als in einem Fokus die Naturprozesse sich reflektieren und zum Licht der Erscheinung entzünden.“[14]

Opposition zur Reduktion aller wahrnehmbaren Qualität des anschaulichen Weltbildes, Weigerung, Materie ganz unanschaulich, abstrakt und formal zu denken, zugleich aber Festhalten an Materie als substantieller Grundlage der wahrnehmbaren Erscheinungswelt, weil man ohne eine solche Grundlage die Wirklichkeit zu verlieren fürchtet, aus dieser Spannung lebt die marxistische Materie-Philosophie.

Feuerbachs Pathos der Sinnlichkeit hat Marx und Engels den Blick für das Fragwürdige und Trostlose eines Bildes der objektiven Welt geschärft, in der diese aller sinnlichen Konkretheit entkleidet erscheint: Bei Bacon, so lesen wir in "Die Heilige Familie“, lache die Materie noch "in poetisch-sinnlichem Glanze den ganzen Menschen an“, in seiner Fortentwicklung werde jedoch "der Materialismus einseitig. Die Sinnlichkeit verliert ihre Blume und wird zur abstrakten Sinnlichkeit des Geometers. Die physische Bewegung wird der mechanischen oder mathematischen geopfert; die Geometrie wird als Hauptwissenschaft proklamiert. Der Materialismus wird menschenfeindlich [...] Er tritt auf als Verstandeswesen, aber er entwickelt auch die rücksichtslose Konsequenz des Verstandes.“[15]

In den Pariser Manuskripten bringt Marx die Verarmung der menschlichen Sinnlichkeit mit der Entfremdung in Verbindung, die alle menschlichen Sinne auf den einen "Sinn des Habens“ reduziere - wobei er auch geistige Sinne, Wille, Liebe, als praktische Sinne anerkennt.[16] Es ist naheliegend, den Reduktionismus von Qualität auf Quantität in Naturwissenschaft und Erkenntnistheorie mit der von Marx im "Kapital“ aufgewiesenen Verselbständigung des Tauschwertes gegenüber den Gebrauchswerten, also mit dem Kapitalismus, zusammenzusehen und in dessen Kritik einzubeziehen.

Noch Engels‘ Naturdialektik gibt sich betont antireduktionistisch: In den übermechanischen Gebieten sei Bewegung stets auch Qualitätsänderung. "Die Entdeckung, daß die Wärme eine Molekularbewegung, war epochemachend. Aber wenn ich von der Wärme weiter nichts zu sagen weiß, als daß sie eine gewisse Ortsveränderung der Moleküle ist, so schweige ich am besten still“, heißt es da, und: "Wir werden sicher das Denken einmal experimentell auf molekulare und chemische Bewegungen im Gehirn ,reduzieren‘; ist aber damit das Wesen des Denkens erschöpft?“[17]

Schon bei Engels ist das Bestreben deutlich, im Materiebegriff das erkenntnistheoretisch und philosophisch Wesentliche zu erfassen und die Frage der physikalischen, chemischen usw. Struktur der Materie den Einzelwissenschaften zu überlassen. Weder soll die Vielfalt der Stoffeswelt auf eine Urmaterie, eine einheitliche Ursubstanz, noch auf die Stoffteilehen des alten Atomismus zurückgeführt werden; denn die Materie ist nicht mit einer ihrer Erscheinungsformen identisch: "Die Materie als solche ist eine reine Gedankenschöpfung und Abstraktion. Wir sehen von den qualitativen Verschiedenheiten der Dinge ab, indem wir sie als körperlich existierende unter dem Begriff der Materie zusammenfassen [...]“. "Wenn die Naturwissenschaft darauf ausgeht, die einheitliche Materie als solche aufzusuchen, die qualitativen Unterschiede auf bloß quantitative Verschiedenheiten identischer kleinster Teilchen zu reduzieren, so tut sie dasselbe, wie wenn sie statt Kirschen, Birnen, Äpfel das Obst als solches [...] zu sehen verlangt.“[18] Und an anderer Stelle: "[...] die Materie als solche und die Bewegung als solche hat noch nie jemand gesehen oder sonst erfahren, sondern nur die verschiedenen, wirklich existierenden Stoffe und Bewegungsformen; Worte wie Materie und Bewegung sind nichts als Abkürzungen, in die wir die vielen verschiedenen Dinge zusammenfassen nach ihren gemeinsamen Eigenschaften. Die Materie und Bewegung kann also gar nicht anders erkannt werden als durch Untersuchung der einzelnen Stoffe und Bewegungsformen, und indem wir diese erkennen, erkennen wir pro tanto auch die Materie und Bewegung als solche.“[19]

Noch strenger als Engels unterscheidet Lenin philosophischen und naturwissenschaftlichen Materiebegriff. Das Motiv dafür ist deutlich: geht Engels noch davon aus, daß die Dinge als "körperlich existierende“ unter dem Materiebegriff zusammengefaßt werden, so macht die im vorigen Kapitel beschriebene Entwicklung der Physik eine Modifikation des Materiebegriffs nötig. In "Materialismus und Empiriokritizismus“ hält Lenin den Thesen vom Verschwinden der Materie und vom Bankrott des Materialismus entgegen, die angebliche Krise des Materialismus sei in Wahrheit bloß eine Krise des undialektischen Materieverständnisses: "Die Materie ,ver­schwindet‘ heißt: Es verschwindet jene Grenze, bis zu welcher wir die Materie bisher kannten, es ,verschwinden‘ solche ,Eigen­schaften‘ der Materie, die früher als absolut, unveränderlich, ursprünglich gegolten haben [...] und die sich nun als relativ, nur einigen Zuständen der Materie eigen erweisen. Denn die einzige Eigenschaft der Materie, an deren Anerkennung der philosophische Materialismus gebunden ist, ist die Eigenschaft, objektive Realität zu sein, außerhalb unseres Bewußtseins zu existieren.“[20] Dieses Argument übersehen bis heute viele Kritiker des Marxismus, die davon sprechen, daß dieser sich auf einen durch die naturwissenschaftliche Entwicklung selbst überholten Materiebegriff stütze.

Nur als erkenntnistheoretische Kategorien sollen Materie und Bewußtsein einen absoluten Gegensatz bilden, in der Wirklichkeit seien sie genetisch miteinander verbunden, das Bewußtsein das höchste Produkt der Entwicklung der Materie. Da es sich bei beiden Kategorien um die beiden ,höchsten Abstraktionen‘ handelt, die auf keinen Oberbegriff zurückgeführt werden können, sei es dem Wesen der Sache nach unmöglich, "eine andere Definition [...] zu geben, als die Feststellung, welcher von beiden für das Primäre genommen wird.“[21] Lenin gießt den Materiebegriff in die berühmt gewordene Formel: "Die Materie ist eine philosophische Kategorie zur Bezeichnung der objektiven Realität, die dem Menschen in seinen Empfindungen gegeben ist, die von unseren Empfindungen kopiert, fotografiert, abgebildet wird und unabhängig von ihnen existiert.“[22]

Die Leninsche Definition scheint eine ganze Reihe von Vorteilen zu bieten: Sie rettet erst einmal den Materiebegriff vor dem Verschwinden der Materie des Demokrit: Im Sinne einer "objektiven Realität“ können auch die Atome der neueren Physik noch als materielle Entitäten gedeutet werden. Die Gefahr, daß Materie sich in Energie auflöst, ist durch definitorische Festsetzung gebannt: Energie ist objektiv-real, also materiell! Ausdrücklich wird gesagt, man dürfe als Materie nicht bloß Körper bezeichnen, die endliche Ruhemasse besitzen, auch Nicht-Stoffliches, etwa das elektromagnetische Feld sei Materie. Stoff und Strahlung, Stoff und Feld durchdrängen sich und gingen ineinander über. Diese These von den nichtstofflichen Materieformen wird dann allerdings nicht konsequent festgehalten, wenn gegen Wilhelm Ostwalds Lehre von der reinen Energie als Grundlage aller Veränderungen eingewandt wird, losgelöst von der Materie verwandle sich die Energie in ein immaterielles Etwas, tatsächlich sei jedoch Energie eine Eigenschaft der Materie, existiere nicht losgelöst von ihr und trete immer gemeinsam mit anderen Eigenschaften materieller Körper in Erscheinung. Überhaupt sei es verkehrt, die Gegenstände als Komplexe von Eigenschaften zu betrachten, die Materie nicht als Träger, sondern bloß als Summe ihrer Eigenschaften zu nehmen. Denn Eigenschaften existierten nicht an sich, sondern immer als Eigenschaften bestimmter materieller Objekte. Zwar soll die einheitliche Materie nur in der Mannigfaltigkeit ihrer unendlich vielen, qualitativ unterschiedlichen Entwicklungsformen existieren und nicht mehr als unveränderliche Substanz gelten. Aber dennoch: man muß sie "in dem Sinne gleichsam als Substanz“ anerkennen, als "sie (und nicht das Bewußtsein) die einzige allgemeine Grundlage für die verschiedenen Eigenschaften der Erscheinungen ist und die Einheit der uns umgebenden Welt bestimmt.“[23]

Die große methodologische Bedeutung der Leninschen Materiedefinition soll darin bestehen, daß sie offen genug ist, nicht nur jene Objekte zu umfassen, "die von der modernen Wissenschaft schon erkannt sind, sondern auch solche, die eventuell in Zukunft noch entdeckt werden können.“[24] Eine problematische Offenheit, die da vor jeder weiteren Erfahrung festschreiben will, daß alles, was der Menschengeist noch entdecken wird, stets die Grundthesen des dialektischen Materialismus bestätigen muß.

Die Frage nach dem Verhältnis des marxistischen Materialismus zur traditionellen Qualitätsdiskussion ist nicht ganz einfach. Einerseits wird betont, daß ein materielles Ding an sich die Empfindung als subjektive Reaktion des Organismus auf diesen objektiven Reiz hervorlocke: "Ist die Farbe eine Empfindung in Abhängigkeit von der Netzhaut (was die Naturwissenschaft euch anzuerkennen zwingt), so erzeugen also die Lichtstrahlen, indem sie auf die Netzhaut fallen, die Empfindung der Farbe. Es existiert also außerhalb und unabhängig von uns und unserem Bewußtsein eine Bewegung der Materie, sagen wir Ätherwellen von bestimmter Länge und bestimmter Geschwindigkeit, die, auf die Netzhaut einwirkend, eine bestimmte Farb­empfindung beim Menschen erzeugen [...] Eben das ist Materialismus, die Materie wirkt auf unsere Sinnesorgane ein und erzeugt die Empfindung.“[25] Das scheint klar: die Ätherwellen (nach damaliger physikalischer Vorstellung) sind die primären, die Farben die sekundären Qualitäten, und die letzteren sind wahrnehmbar. Andererseits soll aber die Empfindung auch "Widerspiegelung der Qualität“[26] sein. Welche Qualität ist damit gemeint? Die gesehene Qualität Rot, Blau usw. ist doch das Spiegelbild der Ätherwellen und kann selbst nicht noch einmal widergespiegelt werden; wobei die Rede von einem Spiegelbild, ja einer Fotografie schon schwierig genug zu verstehen ist: Von einem Spiegelbild muß man in bezug auf das Gespiegelte doch Ähnlichkeit erwarten, worin aber besteht die Ähnlichkeit von Rot mit einer Ätherwelle?

Zwei Momente scheinen hier miteinander zu divergieren: der Sensualismus, der sich weigert, die Qualitäten des ,sinnlichen Glanzes‘ der Materie zu opfern, und ein Substanz-Denken, das eine Wirklichkeitsschicht postuliert, die nur dem theoretischen Denken erreichbar, den Sinnen aber verborgen ist. Ist die Differenz der Demokritischen und Epikureischen Naturphilosophie, die nicht zuletzt in der Differenz dieser beiden Standpunkte liegt, letztendlich zu einem unentrinnbaren Dilemma für den Marxismus geworden?

Die Stellungen zeitgenössischer Marxisten zum Thema sind jedenfalls widersprüchlich. Gerhard Bartsch etwa schreibt: "Für den dialektischen Materialismus spielt die Unterscheidung zwischen primären und sekundären Qualitäten keine Rolle mehr. Die Qualitäten der Dinge und Erscheinungen existieren objektiv, d.h. außerhalb und unabhängig vom Bewußtsein des Menschen.“[27] Währenddessen schlägt sich I. S. Narski mit den Subtilitäten der Qualitätsdiskussion herum und kommt zum Schluß: "Alle Empfindungen informieren in diesem oder jenem Grade über innere oder über äußere Objekte und deren Zustände, sind aber nicht ihre darstellende Kopie.“ "Die Empfindungen sind den von ihnen widergespiegelten Eigenschaften des Objektes ähnlich und nicht ähnlich.“(?)[28]




[1] Engels, MEW 21, S. 278f.

[2] a.a.O., S. 274.

[3] a.a.O., S. 275.

[4] MEW 3, S. 20, vgl. S. 26, S. 49.

[5] MEW-Erg.bd. 1, S. 70.

[6] MEW 21, S. 276.

[7] Vgl. MEW 21, S. 292 f.; LW 38, S. 263.

[8] Engels, MEW 21, S. 494.

[9] Vgl. Konstantinow, S. 20.

[10] MEW 21, S. 277.

[11] MEW Erg.bd. 1, S. 294.

[12] a.a.O., 285.

[13] a.a.O., 271.

[14] a.a.O., 297.

[15] MEW 2, S. 135f.

[16] MEW-Erg.bd. I, S. 539ff.

[17] MEW 20, S. 517, 513.

[18] a.a.O., 519.

[19] a.a.O., 503.

[20] LW 14, S. 260.

[21] a.a.O., 141.

[22] a.a.O., 124.

[23] Vgl. Konstantinow, S. 92, 72f., 77.

[24] a.a.O., 71.

[25] LW 14,S. 46f.

[26] a.a.O., S. 304.

[27] Buhr/Klaus, S. 716.

[28] Narski 1973, S. 171, 165f.


Marxismus und Anthroposophie
Zum Seitenanfang
//  Zum Inhaltsverzeichnis  //  Zum vorigen Kapitel  //  Zum nächsten Kapitel