2.
Der
Materiebegriff des Marxismus:
Grundfrage der Philosophie und Leninsche Materiedefinition
Der
Marxismus versteht sich als streitbarer Materialismus. Das bedeutet
aber nicht, daß er das Geistige schlechthin leugnen und nur die
Existenz des Materiellen anerkennen würde: "Die Einwirkungen der Außenwelt
auf den Menschen drücken sich in seinem Kopf aus, spiegeln sich darin
ab als Gefühle, Gedanken, Triebe, Willensbestimmungen, kurz als
,ideale Strömungen‘, und werden in dieser Gestalt zu ,idealen Mächten‘.“
Noch weniger ist mit "Materialismus“ eine Lebenshaltung ohne Ideale
gemeint: Die großen Opfer, die Marxisten für ihre Sache gebracht
haben, zeugen vom Gegenteil. Nur der Philister, spottete Engels, "versteht unter Materialismus Fressen, Saufen [...] Geldgier, Geiz
[...] und Börsenschwindel, kurz, alle die schmierigen Laster, denen
er im stillen frönt [...]“.
Entscheidend
ist vielmehr die Auffassung, daß der Geist gegenüber der Natur, das
Denken gegenüber dem Sein sekundär ist, daß das Ideelle durch das
Materielle bestimmt wird. An dieser Frage, die Engels in der
Feuerbach-Schrift als die "große Grundfrage aller, speziell neueren
Philosophie“ bezeichnet, hätten sich die Philosophen in zwei große
Lager gespalten, das des Materialismus und das des Idealismus: "Was
ist das Ursprüngliche - der Geist oder die Natur - diese Frage
spitzte sich der Kirche gegenüber dahin zu: Hat Gott die Welt
erschaffen oder ist die Welt von Anfang an da?“
Entscheidend
neu bei Marx und Engels ist die Übertragung des Materialismus auf die
Geschichtsauffassung, der Grundgedanke, daß die Ideenproduktion in
die materielle Produktion unmittelbar verflochten ist und darum nie
mehr als das bewußte Sein, Bewußtsein des wirklichen Lebensprozesses
sein kann, in dem die Menschen die Materie bearbeiten, in dem diese
Materie ihre Lebensvoraussetzung ist: "Die Voraussetzungen, mit denen
wir beginnen, sind keine willkürlichen, keine Dogmen, es sind die
wirklichen Voraussetzungen, von denen man nur in der Einbildung
abstrahieren kann.“
Die
Grundfrage der Philosophie hat für Engels aber nun noch eine zweite
Seite, die Frage nach der Erkennbarkeit der Welt. Der Marxismus bejaht
diese Frage entschieden. Schon der junge Marx verspottete die
Kantianer mit ihrem Agnostizismus als "Priester des Nichtwissens,
deren tägliches Geschäft es ist, einen Rosenkranz abzubeten über
ihre eigene Impotenz und die Potenz der Dinge“.
"Experiment und Industrie“ widerlegen für Engels den Agnostizismus
schlagend als Widersinn: "Wenn wir die Richtigkeit unserer Auffassung
eines Naturvorgangs beweisen können, indem wir ihn selbst machen, ihn
aus seinen Bedingungen erzeugen, ihn obendrein unseren Zwecken
dienstbar werden lassen, so ist es mit dem Kantschen unfaßbaren ,Ding
an sich‘ zuende. Die im pflanzlichen und tierischen Körper
erzeugten chemischen Stoffe blieben solange ,Dinge an sich‘, bis die
organische Chemie sie einen nach dem anderen darzustellen anfing;
damit wurde das ,Ding an sich‘ ein Ding für uns wie z. B. der
Farbstoff des Krapps, das Alyzarin, das wir nicht nur auf dem Felde in
den Krappwurzeln wachsen lassen, sondern aus Kohlenteer weit
wohlfeiler und einfacher herstellen.“ "Wenn dennoch die Neubelebung
der Kantschen Auffassung in Deutschland durch die Neukantianer [...]
versucht wird, so ist das, der längst erfolgten praktischen
Widerlegung gegenüber, wissenschaftlich ein Rückschritt und
praktisch nur eine verschämte Weise, den Materialismus hinterrücks
zu akzeptieren und vor der Welt zu verleugnen.“
Materialismus
sei weiter nichts als die Auffassung der Welt ohne vorgefaßte
idealistische Schrullen, meinte Engels, und so sei es gegenüber dem
Hegelschen Erbe darum gegangen, die Begriffe des menschlichen Kopfes
wieder als Abbilder der wirklichen Dinge, statt umgekehrt die Dinge
als Manifestationen dieser oder jener Stufe des absoluten Begriffs
aufzufassen. Die Kritik gilt sowohl dem objektiven als auch dem
subjektiven Idealismus, dem letzteren, weil er die Sackgasse des
Solipsismus nicht vermeiden, dem ersteren, weil er über den
postulierten geistigen Urgrund der Welt keine inhaltlichen Aussagen
machen könne. Diese Kritik bedeutet nicht, daß der Idealismus
einfach als Unsinn oder Geistesverirrung abgetan wird. Denn dies brächte
die marxistische Ideologiekritik um ihre Pointe, die darin besteht, daß
die verzerrte Widerspiegelung der Wirklichkeit ihre wirklichen, das
heißt hier ihre materiellen, Wurzeln haben muß. Wegen des
rationellen Kerns, den die idealistischen Mystifikationen enthalten können,
ging Lenin so weit zu sagen, der kluge Idealismus steht dem klugen
Materialismus näher als ein dummer Materialismus.
Idealismus bleibt für den Marxismus immer, sei es auch durch noch so
feine Fäden, mit der Religion verbunden, die ihm als Form falschen
Bewußtseins gilt, welche die noch unbeherrschten Natur- bzw.
gesellschaftlichen Mächte in phantastischer Form widerspiegelt. Die
Trennung von vorwiegend körperlicher und vorwiegend geistiger Arbeit
ist es, die den Schein einer Selbständigkeit des Bewußtseins gegenüber
der Materie ermöglichen und damit die Verabsolutisierung einzelner
Seiten des Erkenntnisprozesses begünstigen soll, z.B. die Verwandlung
des Begriffs in ein demiurgisches Subjekt.
Den
Marxismus interessiert an der Grundfrage der Philosophie vor allem
ihre praktisch-soziale Funktion. Der Materialismus erscheint als
logische Grundlage des Kommunismus, als die angemessene Weltanschauung
für eine Klasse, "deren Eigentumslosigkeit [...] die
Illusionslosigkeit ihrer Köpfe entsprechen“ muß.
Es hat strategische Konsequenzen für die Politik der
Arbeiterbewegung, wenn man die Ursache der sozialen Übel nicht in
subjektiven Unzulänglichkeiten der Menschen sieht - dann würde ja u.
U. der Appell an das soziale Gewissen der Herrschenden etwas fruchten
können -, sondern in materiellen gesellschaftlichen Verhältnissen:
dann hilft nur die revolutionäre Beseitigung dieser Verhältnisse und
ihre Ersetzung durch neue.
Gegen
die Engelssche Zwei-Lager-Vorstellung von der Philosophiegeschichte
ist eingewandt worden, sie sei eine unzulässige Vereinfachung. Das
trifft sicher für die Sichtweise der Stalin-Ära zu, wo nicht nur die
Widersprüchlichkeit der Theorieentwicklung negiert wurde
(Materialismus im Idealismus, Idealismus im Materialismus), sondern
auch Idealismus schlicht mit Reaktion, Materialismus schlicht mit
Fortschritt identifiziert wurde. Bei Engels selbst und auch in der
heutigen marxistisch-leninistischen Philosophiegeschichtsschreibung
gibt es da eine differenziertere Sicht der Dinge. Immerhin, noch ist
die Neigung unverkennbar, in problematischer Weise
nichtmaterialistische Traditionselemente dem "materialistischen
Erbe“ zuzuschlagen. So ist schon für Engels der Gott-Natur-Gedanke
Brunos, Spinozas, Goethes und Schellings der Versuch, den "Gegensatz
zwischen Geist und Materie pantheistisch zu versöhnen“, ein
Unternehmen, das letztlich dazu führt, daß auch die "idealistischen
Systeme [...] sich mehr und mehr mit materialistischem Inhalt füllen“,
im Grunde also bereits eine Art verkappten Materialismus darstellen.
Diese Deutung ist aber weder vom Denkeinsatz der Genannten noch vom
objektiven Gehalt ihrer Lehren her gerechtfertigt und kann sich
allenfalls - bei einigen -
auf kirchliche Anathema
berufen.
Am
Beginn der marxistischen Philosophie über die Materie steht die
Marxsche Dissertation und mit ihr ein durchaus kritisches Verhältnis
zum traditionellen Materialismus, das noch Entwicklungsmöglichkeiten
nach verschiedenen Seiten hin offen läßt. Der junge Marx erkennt mit
sicherem Gespür die Widersprüchlichkeit des atomistischen Weltbildes
und analysiert sie scharfsinnig. Er konstatiert, wie alles lebendige
Weben der Natur Leukipp und Demokrit gleichsam unter der Hand
erstarrt, in der nur das Tote zurückbleibt: "Die Atome sind zwar die
Substanz der Natur, aus der sich alles erhebt, in die sich alles auflöst;
aber die stete Vernichtung der erscheinenden Welt kömmt zu keinem
Resultat. Es bilden sich neue Erscheinungen; das Atom selber aber
bleibt immer als Bodensatz zugrunde liegen. Soweit also das Atom
seinem reinen Begriff nach gedacht wird, ist der leere Raum, die
vernichtete Natur, seine Existenz; soweit es zur Wirklichkeit
fortgeht, sinkt es zur materiellen Basis herab, die, Träger einer
Welt von mannigfaltigen Beziehungen, nie anders als in ihr gleichgültigen
und äußeren Formen existiert. Es ist dies eine notwendige
Konsequenz, weil das Atom, als Abstrakt-Einzelnes und Fertiges
vorausgesetzt, nicht als idealisierende und übergreifende Macht jener
Mannigfaltigkeit sich zu betätigen vermag.“ Im Atom ist - was für
ein Paradox -
"der Tod der Natur ihre
unsterbliche Substanz geworden [...]“
Marx
wertet den Schritt vom demokritischen zum epikureischen Materialismus
als einen Fortschritt der Philosophie, weil das Epikursche Atom mit
seiner spontanen Abweichung von der angenommenen senkrechten Fallinie
("Deklination“) übermechanische Spontaneität und
Selbstbeweglichkeit aufweist. Und er preist den Epikur, weil dieser
sich nicht mit der starren und unerbittlichen Notwendigkeit (der
Ananke) bei Demokrit abfinden will, die jede Freiheit ausschließt.
Marx sieht durchaus das Dilemma, auf das die Lehre von zwei Qualitätsarten
reagiert: "Es widerspricht dem Begriff des Atoms, Eigenschaften zu
haben; denn, wie Epikur sagt, jede Eigenschaft ist veränderlich, die
Atome aber verändern sich nicht. Allein es ist nichtsdestoweniger eine
notwendige Konsequenz, ihnen
dieselben beizulegen. Denn die vielen Atome der Repulsion, die durch
den sinnlichen Raum getrennt sind, müssen notwendig voneinander und von ihrem
reinen Wesen verschieden sein, d.h. Qualitäten besitzen.“
Demokrit macht die "sinnliche Wirklichkeit zum subjektiven Schein; allein die
Antinomie“ (zwischen Wesen und Erscheinung), „aus der Welt der
Objekte verbannt, existiert nun in seinem eigenen Selbstbewußtsein,
wo der Begriff des Atoms und die sinnliche Anschauung feindlich
zusammentreffen.“
Marx sympathisiert auch hier mit dem Sensualisten Epikur, der die
Sinnenwelt als "objektive Erscheinung“ nimmt; bei ihm ist daher die
Vorstellung von den "eidola“ konsequent, bei Demokrit eine
Inkonsequenz. Die eidola sind "Formen der Naturkörper, die sich als
Oberflächen gleichsam von ihnen abhäuten und sie in die Erscheinung
tragen [...] Die menschliche Sinnlichkeit ist so das Medium, in dem
als in einem Fokus die Naturprozesse sich reflektieren und zum Licht
der Erscheinung entzünden.“
Opposition
zur Reduktion aller wahrnehmbaren Qualität des anschaulichen
Weltbildes, Weigerung, Materie ganz unanschaulich, abstrakt und formal
zu denken, zugleich aber Festhalten an Materie als substantieller
Grundlage der wahrnehmbaren Erscheinungswelt, weil man ohne eine
solche Grundlage die Wirklichkeit zu verlieren fürchtet, aus dieser
Spannung lebt die marxistische Materie-Philosophie.
Feuerbachs
Pathos der Sinnlichkeit hat Marx und Engels den Blick für das Fragwürdige
und Trostlose eines Bildes der objektiven Welt geschärft, in der
diese aller sinnlichen Konkretheit entkleidet erscheint: Bei Bacon, so
lesen wir in "Die Heilige Familie“, lache die Materie noch "in
poetisch-sinnlichem Glanze den ganzen Menschen an“, in seiner
Fortentwicklung werde jedoch "der Materialismus einseitig. Die
Sinnlichkeit verliert ihre Blume und wird zur abstrakten Sinnlichkeit
des Geometers. Die physische Bewegung wird der mechanischen oder
mathematischen geopfert; die Geometrie wird als Hauptwissenschaft
proklamiert. Der Materialismus wird menschenfeindlich [...] Er tritt
auf als Verstandeswesen, aber er entwickelt auch die rücksichtslose
Konsequenz des Verstandes.“
In
den Pariser Manuskripten bringt Marx die Verarmung der menschlichen
Sinnlichkeit mit der Entfremdung in Verbindung, die alle menschlichen
Sinne auf den einen "Sinn des Habens“ reduziere - wobei er auch
geistige Sinne, Wille, Liebe, als praktische Sinne anerkennt.
Es ist naheliegend, den Reduktionismus von Qualität auf Quantität in
Naturwissenschaft und Erkenntnistheorie mit der von Marx im "Kapital“ aufgewiesenen Verselbständigung des Tauschwertes gegenüber
den Gebrauchswerten, also mit dem Kapitalismus, zusammenzusehen und in
dessen Kritik einzubeziehen.
Noch
Engels‘ Naturdialektik gibt sich betont antireduktionistisch: In den
übermechanischen Gebieten sei Bewegung stets auch Qualitätsänderung.
"Die Entdeckung, daß die Wärme eine Molekularbewegung, war
epochemachend. Aber wenn ich von der Wärme weiter nichts zu sagen weiß,
als daß sie eine gewisse Ortsveränderung der Moleküle ist, so
schweige ich am besten still“, heißt es da, und: "Wir werden
sicher das Denken einmal experimentell auf molekulare und chemische
Bewegungen im Gehirn ,reduzieren‘; ist aber damit das Wesen des
Denkens erschöpft?“
Schon
bei Engels ist das Bestreben deutlich, im Materiebegriff das
erkenntnistheoretisch und philosophisch Wesentliche zu erfassen und
die Frage der physikalischen, chemischen usw. Struktur der Materie den
Einzelwissenschaften zu überlassen. Weder soll die Vielfalt der
Stoffeswelt auf eine Urmaterie, eine einheitliche Ursubstanz, noch auf
die Stoffteilehen des alten Atomismus zurückgeführt werden; denn die
Materie ist nicht mit einer ihrer Erscheinungsformen identisch: "Die
Materie als solche ist eine reine Gedankenschöpfung und Abstraktion.
Wir sehen von den qualitativen Verschiedenheiten der Dinge ab, indem
wir sie als körperlich existierende unter dem Begriff der Materie
zusammenfassen [...]“. "Wenn die Naturwissenschaft darauf ausgeht,
die einheitliche Materie als solche aufzusuchen, die qualitativen
Unterschiede auf bloß quantitative Verschiedenheiten identischer
kleinster Teilchen zu reduzieren, so tut sie dasselbe, wie wenn sie
statt Kirschen, Birnen, Äpfel das Obst als solches [...] zu sehen
verlangt.“
Und an anderer Stelle: "[...] die Materie als solche und die Bewegung
als solche hat noch nie jemand gesehen oder sonst erfahren, sondern
nur die verschiedenen, wirklich existierenden Stoffe und
Bewegungsformen; Worte wie Materie und Bewegung sind nichts als Abkürzungen,
in die wir die vielen verschiedenen Dinge zusammenfassen nach
ihren gemeinsamen Eigenschaften. Die Materie und Bewegung kann also
gar nicht anders erkannt werden als durch Untersuchung der einzelnen
Stoffe und Bewegungsformen, und indem wir diese erkennen, erkennen wir
pro tanto auch die Materie
und Bewegung als solche.“
Noch
strenger als Engels unterscheidet Lenin philosophischen und
naturwissenschaftlichen Materiebegriff. Das Motiv dafür ist deutlich:
geht Engels noch davon aus, daß die Dinge als "körperlich
existierende“ unter dem Materiebegriff zusammengefaßt werden, so
macht die im vorigen Kapitel beschriebene Entwicklung der Physik eine
Modifikation des Materiebegriffs nötig. In "Materialismus und
Empiriokritizismus“ hält Lenin den Thesen vom Verschwinden der
Materie und vom Bankrott des Materialismus entgegen, die angebliche
Krise des Materialismus sei in Wahrheit bloß eine Krise des
undialektischen Materieverständnisses: "Die Materie ,verschwindet‘
heißt: Es verschwindet jene Grenze, bis zu welcher wir die Materie
bisher kannten, es ,verschwinden‘ solche ,Eigenschaften‘ der
Materie, die früher als absolut, unveränderlich, ursprünglich
gegolten haben [...] und die sich nun als relativ, nur einigen Zuständen
der Materie eigen erweisen. Denn die einzige
Eigenschaft der Materie, an deren Anerkennung der philosophische
Materialismus gebunden ist, ist die Eigenschaft, objektive
Realität zu sein, außerhalb unseres Bewußtseins zu
existieren.“
Dieses Argument übersehen
bis heute viele Kritiker des Marxismus, die davon sprechen, daß
dieser sich auf einen durch die naturwissenschaftliche Entwicklung
selbst überholten Materiebegriff stütze.
Nur
als erkenntnistheoretische Kategorien sollen Materie und Bewußtsein
einen absoluten Gegensatz bilden, in der Wirklichkeit seien sie
genetisch miteinander verbunden, das Bewußtsein das höchste Produkt
der Entwicklung der Materie. Da es sich bei beiden Kategorien um die
beiden ,höchsten Abstraktionen‘ handelt, die auf keinen Oberbegriff
zurückgeführt werden können, sei es dem Wesen der Sache nach unmöglich,
"eine andere Definition [...] zu geben, als die Feststellung, welcher
von beiden für das Primäre genommen wird.“
Lenin gießt den Materiebegriff in die berühmt gewordene Formel: "Die Materie ist eine philosophische Kategorie zur Bezeichnung der
objektiven Realität, die dem Menschen in seinen Empfindungen gegeben
ist, die von unseren Empfindungen kopiert, fotografiert, abgebildet
wird und unabhängig von ihnen existiert.“
Die
Leninsche Definition scheint eine ganze Reihe von Vorteilen zu bieten:
Sie rettet erst einmal den Materiebegriff vor dem Verschwinden der
Materie des Demokrit: Im Sinne einer "objektiven Realität“ können
auch die Atome der neueren Physik noch als materielle Entitäten
gedeutet werden. Die Gefahr, daß Materie sich in Energie auflöst,
ist durch definitorische Festsetzung gebannt: Energie ist
objektiv-real, also materiell! Ausdrücklich wird gesagt, man dürfe
als Materie nicht bloß Körper bezeichnen, die endliche Ruhemasse
besitzen, auch Nicht-Stoffliches, etwa das elektromagnetische Feld sei
Materie. Stoff und Strahlung, Stoff und Feld durchdrängen sich und
gingen ineinander über. Diese These von den nichtstofflichen
Materieformen wird dann allerdings nicht konsequent festgehalten, wenn
gegen Wilhelm Ostwalds Lehre von der reinen Energie als Grundlage
aller Veränderungen eingewandt wird, losgelöst von der Materie
verwandle sich die Energie in ein immaterielles Etwas, tatsächlich
sei jedoch Energie eine Eigenschaft der Materie, existiere nicht
losgelöst von ihr und trete immer gemeinsam mit anderen Eigenschaften
materieller Körper in Erscheinung. Überhaupt sei es verkehrt, die
Gegenstände als Komplexe von Eigenschaften zu betrachten, die Materie
nicht als Träger, sondern bloß als Summe ihrer Eigenschaften zu
nehmen. Denn Eigenschaften existierten nicht an sich, sondern immer
als Eigenschaften bestimmter materieller Objekte. Zwar soll die
einheitliche Materie nur in der Mannigfaltigkeit ihrer unendlich
vielen, qualitativ unterschiedlichen Entwicklungsformen existieren und
nicht mehr als unveränderliche Substanz gelten. Aber dennoch: man muß
sie "in dem Sinne gleichsam als Substanz“ anerkennen, als "sie (und nicht das Bewußtsein) die einzige allgemeine Grundlage für
die verschiedenen Eigenschaften der Erscheinungen ist und die Einheit
der uns umgebenden Welt bestimmt.“
Die
große methodologische Bedeutung der Leninschen Materiedefinition soll
darin bestehen, daß sie offen genug ist, nicht nur jene Objekte zu
umfassen, "die von der modernen Wissenschaft schon erkannt sind,
sondern auch solche, die eventuell in Zukunft noch entdeckt werden können.“
Eine problematische Offenheit, die da vor jeder weiteren Erfahrung
festschreiben will, daß alles, was der Menschengeist noch entdecken
wird, stets die Grundthesen des dialektischen Materialismus bestätigen
muß.
Die
Frage nach dem Verhältnis des marxistischen Materialismus zur
traditionellen Qualitätsdiskussion ist nicht ganz einfach. Einerseits
wird betont, daß ein materielles Ding an sich die Empfindung als
subjektive Reaktion des Organismus auf diesen objektiven Reiz
hervorlocke: "Ist die Farbe eine Empfindung in Abhängigkeit von der
Netzhaut (was die Naturwissenschaft euch anzuerkennen zwingt), so
erzeugen also die Lichtstrahlen, indem sie auf die Netzhaut fallen,
die Empfindung der Farbe. Es existiert also außerhalb und unabhängig
von uns und unserem Bewußtsein eine Bewegung der Materie, sagen wir
Ätherwellen von bestimmter Länge und bestimmter Geschwindigkeit,
die, auf die Netzhaut einwirkend, eine bestimmte Farbempfindung beim
Menschen erzeugen [...] Eben das ist Materialismus, die Materie wirkt
auf unsere Sinnesorgane ein und erzeugt die Empfindung.“
Das scheint klar: die Ätherwellen
(nach damaliger physikalischer Vorstellung) sind die primären, die
Farben die sekundären Qualitäten, und die letzteren sind
wahrnehmbar. Andererseits soll aber die Empfindung auch "Widerspiegelung der Qualität“
sein. Welche Qualität
ist damit gemeint? Die gesehene Qualität Rot, Blau usw. ist doch das
Spiegelbild der Ätherwellen und kann selbst nicht noch einmal
widergespiegelt werden; wobei die Rede von einem Spiegelbild, ja einer
Fotografie schon schwierig genug zu verstehen ist: Von einem
Spiegelbild muß man in bezug auf das Gespiegelte doch Ähnlichkeit
erwarten, worin aber besteht die Ähnlichkeit von Rot mit einer Ätherwelle?
Zwei
Momente scheinen hier miteinander zu divergieren: der Sensualismus,
der sich weigert, die Qualitäten des ,sinnlichen Glanzes‘ der
Materie zu opfern, und ein Substanz-Denken, das eine
Wirklichkeitsschicht postuliert, die nur dem theoretischen Denken
erreichbar, den Sinnen aber verborgen ist. Ist die Differenz der
Demokritischen und Epikureischen Naturphilosophie, die nicht zuletzt
in der Differenz dieser beiden Standpunkte liegt, letztendlich zu
einem unentrinnbaren Dilemma für den Marxismus geworden?
Die
Stellungen zeitgenössischer Marxisten zum Thema sind jedenfalls
widersprüchlich. Gerhard Bartsch etwa schreibt: "Für den dialektischen
Materialismus spielt die Unterscheidung zwischen primären und
sekundären Qualitäten keine Rolle mehr. Die Qualitäten der Dinge
und Erscheinungen existieren objektiv, d.h. außerhalb und unabhängig
vom Bewußtsein des Menschen.“
Währenddessen schlägt
sich I. S. Narski mit den Subtilitäten der Qualitätsdiskussion herum
und kommt zum Schluß: "Alle
Empfindungen informieren in diesem oder jenem Grade über innere
oder über äußere Objekte und deren Zustände, sind aber nicht
ihre darstellende Kopie.“ "Die Empfindungen sind den von ihnen
widergespiegelten Eigenschaften des Objektes ähnlich und nicht ähnlich.“(?)