I. Teil
Materie und Bewußtsein
1. Atombegriff und Lehre von den
primären und sekundären Qualitäten
Geschichtliches zum Materialismus
Das Materialismus-Problem
ist der Springpunkt, um den das Verständnis des Verhältnisses von
Marxismus und Anthroposophie sich dreht, darin ist die Notwendigkeit der
Besinnung auf die Geschichte dieses Problems begründet. Als
philosophischen Materialismus bezeichnet man gewöhnlich eine
Auffassungsweise, die davon ausgeht, daß den Gegenständen und
Erscheinungen mit ihrer unerschöpflichen Merkmals- und
Beziehungsvielfalt eine allgemein-substantielle Grundlage materieller
Natur zugrunde liegt und daß alles Geschehen in der Welt letztlich
durch die Materie und ihre Bewegung bedingt ist.
Die Geschichte des
Materialismus ist Bestandteil der Geschichte der philosophischen Lehren
über die Materie, und sie ist eng verflochten mit der Geschichte des
Atheismus und vor allem mit der der Naturwissenschaft und Technik.
Dennoch herrscht hier keine Identität: Über die Materie philosophieren
auch Idealisten und Spiritualisten, und wenn auch der Atheismus in
gewissem Sinn eine Konsequenz aus dem Materialismus ist und umgekehrt,
so gab es doch auch Atheisten, die keine ausgeprägten Materialisten und
Materialisten, die keine Gottesleugner waren. (Das letztere konnte, mußte
aber nicht taktische Gründe haben, etwa Selbstschutz gegenüber
kirchlicher Verfolgung Andersdenkender, die ja andererseits oft nur
deshalb mit Gotteslästerung und Atheismus in Verbindung gebracht
wurden, um ihre Verfolgung zu rechtfertigen.) Naturwissenschaft und
Technik schließlich haben dem Glauben an die Materialität der Welt und
damit dem philosophischen Materialismus zwar starke Impulse verliehen, "materialistisch“ sind sie jedoch nur insofern, als sie auf die
Erkenntnis bzw. praktische Beherrschung der Gesetzmäßigkeiten der
materiell-gegenständlichen Welt gerichtet sind.
Das lateinische Wort Materie
meint von der ursprünglichen Bedeutung her den Stoff, aus dem etwas
gebildet oder gebaut ist, also das betastbare Räumlich-Körperhafte,
das Feste und Undurchdringliche. Diese Bedeutung klingt noch bei Ernst
Bloch an, wenn er schreibt: "Wir glauben dem Tastsinn mehr als dem
Auge; das Wahre aber, das er zeigt, ist allemal ein stoffliches. Daher
wirkt der zu tastende Stoff auch als gedachter, als Begriff, besonders
vertrauenerweckend.“
Von einem philosophischen
Materiebegriff im eigentlichen Sinn kann man erst da sprechen, wo er vom
Begriff des Geistes klar unterscheidbar wird. Die milesischen
Naturphilosophen, die nach der substantiellen Grundlage der
Naturerscheinungen fragen, als Materialisten zu bezeichnen, hat deshalb
etwas Gezwungenes: das "Wasser“ des Thales, die "Luft“ des
Anaximenes und auch noch das "Feuer“ des Heraklit sind gerade keine "Baustoffe“; sie sind Weltprinzipien, lebendige Qualitäten. Die
hinter dieser Philosophie stehende Bewußtseinsverfassung kennt noch
nicht die scharfe Subjekt-Objekt-Trennung, Inneres und Äußeres sind
noch kein schroffer Gegensatz. "Wie unsere Seele Luft ist und uns
dadurch zusammenhält, so umfaßt auch den ganzen Kosmos wehender Hauch
und Luft“ (Anaximenes):
ein solcher Satz entspringt offenbar ebensosehr der Empfindung des
Seelischen als lufthaft wie einem Erleben des Kosmos als beseelt. Noch
die Homoiomeren des Anaxagoras gleichen lebendigen Urkeimen, erst bei
Demokrit werden sie zu toten Stoffteilchen. Hier bei Demokrit und seinem
Lehrer Leukipp können wir zum ersten Mal von einer materialistischen
Philosophie sprechen. Sie sind es, die den Begriff des Atoms in die
Wissenschaft einführen. Ihr Atomismus hat seine Vorgeschichte:
Parmenides hatte zu zeigen
versucht, daß Vielheit, Bewegung, jedwede Veränderung ohne Annahme der
Existenz eines leeren Raumes unmöglich seien, nun sei aber ein völlig
leerer Raum ein Nicht-Seiendes, dessen Existenz, also dessen Sein, zu
behaupten ein unmöglicher Widerspruch sei. Daraus hatte er den Schluß
gezogen, Bewegung sei überhaupt nur Schein und Sinnestäuschung, in
Wahrheit gebe es nur beharrendes Sein; besonders sein Schüler Zeno
versuchte dies durch Aufweis von Antinomien der Bewegung (der fliegende
Pfeil, Achilleus und die Schildkröte) zu belegen. -
Der Gestalt des Parmenides steht Heraklit gegenüber; er
vertritt den Standpunkt des Werdens, der Bewegung: Alles fließt, heißt
sein berühmtester Ausspruch. Er sucht die Einheit gerade in
der Vielheit, das Unveränderliche als das geistige Gesetz gerade in der Bewegung und Veränderung.
Leukipp und Demokrit
versuchen das Bewegungsproblem auf einem anderen Wege zu lösen: Das
starre raumausfüllende Sein des Parmenides wird bei ihnen in die Atome
zusammengezogen, leeren Raum lassend, in dem Bewegung möglich wird. Während
bei Heraklit jedoch das Verharrende und Feste nur ein Moment im ewigen
Flusse der Bewegung ist, ist bei den Atomisten umgekehrt die Bewegung
nichts anderes als die Verschiebung der in sich festen und unbeweglichen
Atome gegeneinander, ihr Zusammenstoß und ihr Abprall voneinander. Die
Atome werden als winzige Materiepartikelchen gedacht. Diese sind
voneinander isoliert, verwandeln sich nicht ineinander, haben keine fließenden,
sondern starre Grenzen. Sie werden als unveränderlich, unentstanden und
unzerstörbar, also als ewig gedacht, als qualitativ gleichartig,
strukturlos und unteilbar (griechisch átomos). Sie sind die ursprünglichen
Bauelemente der Welt. Die Veränderung ihrer Lage im Raum soll die ganze
bunte Vielfalt und Veränderlichkeit der den Sinnen gegebenen Welt erklären,
Werden ist nichts als Verbindung, Vergehen nichts als Trennung der
Atome. Die sinnliche Erkenntnis läßt Demokrit durch Ausflüsse der
Dinge zustandekommen, "eidola“ (Bildchen), die in die Poren der
Sinnesorgane eindringen. Die Wahrnehmung soll nur eine dunkle Erkenntnis
sein; Farbe, Klang und Duft kommen nicht den Dingen zu, wie sie an sich
sind, sondern sind in der Struktur unseres Wahrnehmungsapparats begründet:
"Süß und bitter, warm und kalt existieren nur nach der herkömmlichen
Meinung, und ebenso die Farben (der Dinge); in Wirklichkeit existieren
nur die Atome und das Leere.“
Eine äußerst folgenreiche
Unterscheidung ist mit diesem Satz geboren, die Unterscheidung zwischen
sogenannten primären Eigenschaften bzw. Qualitäten der Dinge wie
Schwere, Undurchdringlichkeit und Raumerfüllung und den sekundären
Qualitäten, die wir an den Dingen zwar wahrnehmen, die jedoch bloß
subjektiver Schein sind. Diese Unterscheidung bildet die Grundlage für
jenen Reduktionismus und jenes Modelldenken, die in unserer heutigen
Naturwissenschaft eine so große Rolle spielen und an deren
geschichtlichem Ausgangspunkt das Bestreben steht, die sekundären
Qualitäten "allein durch die Arten von Anordnumig
und Bewegung der Teilchen auf die primären Qualitäten zu reduzieren.
Als überzeugende Fälle boten sich zunächst nur die Übergänge vom
festen zum flüssigen und von diesem zum gasförmigen Zustand an (zum
Beispiel Eis - Wasser -
Dampf) mit der Erklärung: im festen Zustand haben die
,Atome‘ feste gegenseitige Lagen, um welche allenfalls Schwingungen möglich
sind. Im flüssigen Zustand ,kleben‘ zwar die Teilchen noch
aneinander, sind aber gegenseitig verschieblich - daher die Möglichkeit zur Bildung einer freien Oberfläche.
Im gasförmigen Zustand werden die (von Zentrum zu Zentrum allein
wirkenden, sogenannten) Zentralkräfte
überwunden durch eine hinlänglich große Geschwindigkeit der
Teilchen, so daß das Gas ,daher‘ nach Expansion strebt und keine
freien Oberflächen bildet. - Das Wort Aggregatzustände stammt von dieser Vorstellung.“
Der atomistische
Materialismus hat zwingende Folgen für die Antwort auf die Frage nach
dem Sinn der Weltentwicklung. Nicht seelenhafte Kräfte, wie bei
Empedokles Liebe und Haß, verbinden und trennen bei den Atomisten die
Elemente, keine sinnstiftende und richtunggebende Weltvernunft, wie der "Nus“ des Anaxagoras, regeln die Bewegung, diese vollzieht sich
richtungsblind, mit eherner sinn- und bewußtloser Notwendigkeit (Ananke).
Die Seele ist nichts aus sich selbst Bewegtes und damit Unsterbliches
wie bei Platon, sie ist ein, wenn auch sehr feines, Körperliches,
dessen Atome sich nach dem Tode zerstreuen.
Der atomistische
Materialismus führt zu einem Dilemma: Die Atome, da sie die sinnliche
Erscheinung erst verursachen sollen, können selbst nicht erscheinen,
zugleich muß man sie sich aber als räumlich existierend, also wie die
Gegenstände der Erscheinungswelt vorstellen. Als Ursache der
Eigenschaften der Dinge läuft Demokrits Atom Gefahr, sich, in
Ermangelung aller Eigenschaften, zum bloßen Begriff zu verflüchtigen
und damit seinen behaupteten Realitätscharakter einzubüßen: Indem
Demokrit von der Materie als Ursache der Wahrnehmungsinhalte ausgeht,
verflüchtigt sich ihm die Erscheinung zum Schein und die Materie zum
Begriff, der als solcher nicht mehr die reale, die Sinnesorgane
materiell affizierende Ursache dieses Scheins sein kann.
Dieser Konsequenz versucht später
Epikur zu entgehen, der als Sensualist die Sinnenwelt als "objektive
Erscheinung“ nimmt,
statt sie wie Demokrit zu subjektivieren. Dadurch gerät er aber in die
andere Gefahr, daß das Atom seiner Rolle als letztem bedingenden
Prinzip enthoben und zu einem Phänomen der objektiven Erscheinungswelt
unter anderen, gleichrangigen Phänomenen - wenn auch zu einem wegen seiner
Winzigkeit für unsere Augen nicht sichtbaren - herabgesetzt zu werden.
Der Unterschied zwischen primären
und sekundären Qualitäten wäre zwar wieder eingeebnet, aber um welch
hohen Preis für den Materialismus!
Demokrits atomistischer
Ansatz wird erst in der Neuzeit, im Zusammenhang mit der
naturwissenschaftlichen Hypothesenbildung, verstärkt aufgegriffen. Das
mittelalterliche Denken über die Materie wird vor allem von Aristoteles
und seiner Lehre über das Verhältnis von Form und Materie bestimmt. In
dieser wird die Materie zwar erst durch die (ideelle) Form wirklich, sie
setzt aber doch auch den Formkräften Widerstand entgegen und hat
dadurch einen größeren Eigenwert als bei Plato, dem sie nur als das
gestaltlos Unbestimmte gilt, in dem sich die Ideen als das wahrhaft
Seiende abspiegeln. Diesen Eigenwert der Materie verstärken die
arabistischen Aristoteliker Avicenna und Averroes, indem die Formen als
die in der Materie selbst keimhaft veranlagten Möglichkeiten
interpretiert werden, die die Gottheit durch ihren Anhauch bloß noch zu
"extrahieren“ hat. In Verbindung mit der Leugnung individueller
Unsterblichkeit ein Stoß gegen die Religion, wie auch schon Epikurs
Lehre Ausgangspunkt materialistischer Religionskritik wurde, obwohl sie
die Götter nicht leugnet, sondern den Menschen nur Ruhe vor ihnen
verschafft, indem sie an den Rand des Weltgeschehens verbannt werden.
Die Männer, die den
geistigen Umbruch am Beginn der Neuzeit durchsetzten, waren in der Regel
alles andere als Atheisten. Von der Geisteshaltung des Mittelalters
unterscheiden sie sich durch das Pochen auf die Autonomie des
erkennenden Subjekts; nicht Autorität und Tradition, sondern allein
Beobachtung, Experiment und berechnende Ratio sollen zählen. Die
wissenschaftliche Revolution jener Zeit eröffnet der Erkenntnis der
materiellen Welt ungeheure Perspektiven, denen gegenüber die Bedeutung
des spirituellen Lebens verblassen muß.
Durch das heliozentrische
Weltbild des Kopernikus und Kepler - Nicolaus Cusanus hat es schon teilweise
vorausgenommen - rückt die Erde in die Stellung
eines Planeten unter anderen, die Vorstellung von der die Erde
umgebenden "Himmelssphäre“ bei Aristoteles, mit ihren idealen (d.h.
ganz oberflächenreinen, vollkommen gerundeten) Himmelskörpern fällt
dahin; Galilei entdeckt mit dem Fernrohr die Verwerfungen der Mondoberfläche
und die Sonnenflecken. Und Giordano Bruno wagt zum ersten Mal die
Behauptung, daß im unendlichen Weltraum unendlich viele materielle
Welten existieren, wie die, zu der unsere Erde gehört. Schien vorher
der Gegensatz des Vergänglichen und des Ewigen gewissermaßen äußerlich
räumlich dargestellt in dem Verhältnis der Erde zum Himmel mit seinen "ewigen“ Sternen, so entstand nun immer mehr das Bild eines endlosen
materiellen Universums, in dem alle Sterne und Sternsysteme entstehen
und vergehen, eine Geschichte haben. Kant, in seiner "Allgemeine(n)
Naturgeschichte und Theorie des Himmels“, wird später die Hypothese
aufstellen, daß unser Planetensystem aus einem rotierenden kosmischen
Urnebel entstanden sei
(Kant-Laplacesche Theorie).
Objektivierbare, d.h. wäg-
und meßbare Erfahrungsdaten sind gefragt: Messen, was meßbar ist, und
meßbar machen, was nicht meßbar ist, lautet Galileis Devise. Der
Quantifizierung aber sind Ausdehnung, Festigkeit usw. der Dinge viel
eher zugänglich als die "imponderableren“ sekundären Qualitäten.
Die Überlegung, daß der Kitzel, den ich empfinde, nicht in der Feder
ist, die meinen Fuß berührt, wird auf andere Arten von
Sinnesempfindungen einfach übertragen. Wahrnehmungsinhalte werden
fortan von der Naturwissenschaft -
im Sinne der demokritischen Unterscheidung -
zumeist als psychologisch-subjektive Reaktions- bzw.
Empfindungsarten gedeutet, die durch die Einwirkung
physiologisch-objektiver Reizarten auf die Sinnes-und Rezeptionsorgane
zustandekommen.
Am Beginn der neuzeitlichen
Entwicklung stehen in der Philosophie die Lehren Bacons und des am
epikureischen Atomismus anknüpfenden Gassendi. Bacon rückt die
Erforschung und Beherrschung der Natur bewußt „in den Mittelpunkt
aller wissenschaftlichen Tätigkeit. Bacon folgen Hobbes und Locke. Die
Philosophie Lockes bildet - neben den Anschauungen Descartes und der
klassischen Naturwissenschaft des 17. Jahrhunderts [...] die wesentliche
theoretische Grundlage für den weitgehend mechanischen, undialektischen
französischen Materialismus des 18. Jahrhunderts (La Mettrie, Holbach,
Diderot, Helvetius). Er begreift das Universum als zusammenhängendes
Ganzes materieller Körper, in dem durch objektive, erkennbare Gesetzmäßigkeiten
eine durchgängige Determiniertheit der Naturvorgänge gegeben ist.
Bewegung, Raum und Zeit werden als Daseinsweisen der Materie aufgefaßt.“
Eine solche durchgängige
Determiniertheit des Naturgeschehens wird vor allem durch die Newtonsche
Physik denkbar: die Entdeckung der Gesetze der Mechanik und der
Gravitationsgesetze beweist, daß die gleiche Kraft, die die Körper zur
Erde fallen läßt, auch die Planeten um die Sonne kreisen läßt;
Newtons Himmelsmechanik macht die Bewegungen der Himmelskörper auf
diese Weise klar berechenbar und mechanisch erklärbar. Die
Herangehensweise astronomischer Mechanik wird zunehmend zum Erkenntnisideal.
Was für das Größte, das Universum gilt, das will man auch im
Kleinsten auffinden. Die Wiederbelebung des antiken Atomismus nimmt so
in der Neuzeit die Richtung auf eine Art Mikro-Astronomie - bis hin zum
Rutherford-Bohrschen Atommodell.
Einen weiteren Auftrieb erhält
der Atomismus durch die heraufkommende Chemie, die mit der
mechanistischen Hilfsvorstellung arbeitet, "nach welcher gleiche
Anzahlen von Atomen der einen und der anderen Sorte von zwei miteinander
reagierenden Stoffen sich je paarweise zu den ,Molekülen‘ der
Verbindung zusammenfügen. Die Erfahrung,
daß es feste Verbindungsgewichte zwischen den elementaren Stoffen
gibt, wird nun gedeutet dadurch, daß es die Verhältnisse der Gewichte
der Atome der einen und der anderen Sorte seien. Die Erfahrung der
,multiplen Proportionen‘, das heißt, daß nur ganzzahlige Vielfache
einander absättigen können, bedeutet dann die anschaulich
einleuchtende Vorstellung, daß für ein Molekül der Verbindung ein Atom der einen Sorte mit zwei oder
drei Atomen der anderen, oder zwei der einen mit drei der anderen usw.
zusammentreten, nie aber ein ,halbes Atom‘.“
Der mechanistische
Materialismus des 17./18. Jahrhunderts glaubt an die Möglichkeit, nicht
nur die komplizierteren Formen der Bewegung von Materie, sondern auch
die Bewußtseinserscheinungen (Denken, Wahrnehmen, Empfinden,
Vorstellen) auf die mechanische Bewegung der Atome zu reduzieren. Diese
vollzieht sich im Newtonschen leeren Raum, der wie eine Art Behälter
gedacht wird, und in der leeren, in Einheiten meßbaren Zeit.
Damit wird die von Demokrit
her bekannte Ausgangssituation wiederhergestellt. Am eindeutigsten bei
Thomas Hobbes, dem Fortführer der Lehre Bacons: Die Sinneseindrücke
entstehen durch mechanische Einwirkung der Gegenstände auf den Apparat
unserer Sinnesorgane, aber nur die mathematischer Bemessung und
Berechnung zugänglichen Qualitäten wie Gestalt und Bewegung
entsprechen abbildhaft den Eigenschaften der Dinge, während die "subjektiven“ Qualitäten, Klang, Wärme, Färbung usw., nur im Bewußtsein
existieren, in dem sie von den Dingen an sich wie auch immer
hervorgelockt werden.
Auch René Descartes vertritt
die Unterscheidung zwischen zwei Qualitätsarten, ebenso wie sein
Antipode John Locke.
Diesem gegenüber wendet
George Berkeley später ein, auch Festigkeit, Ausdehnung und Bewegung
seien uns nur durch Sinneswahrnehmung, primär durch den Tastsinn,
gegeben, die Unterscheidung sei also künstlich. So plausibel dieses
Argument erscheint, so sehr mußte doch auch wiederum Berkeleys
Konsequenz, den Weltinhalt radikal ins Bewußtsein hineinzunehmen,
Kritik provozieren. Nicht einmal die von Locke übriggelassenen, die
Sinnesqualitäten bedingenden Substanzen will Berkeley als äußere
Entsprechung unserer Bewußtseinsinhalte gelten lassen. Alles, was wir
erkennen und wahrnehmen, existiert nur als Phänomen unseres Bewußtseins.
"Esse est percipi“, Sein ist Wahrgenommenwerden, ein anderer Sinn
kann der Aussage, daß irgend etwas existiert, nicht beigemessen werden.
Die französischen
Materialisten greifen die These der englischen Empiristen von den
Sinnesempfindungen als einziger Quelle der Kenntnis über die materielle
Außenwelt auf. Ihre Naturanschauung ist mechanisch; der Mensch ist "eine Maschine [...], die ein absoluter Fatalismus gebieterisch
steuert“ (LaMettrie).
Goethe kam Holbachs "Système de la Nature“ "grau und "totenhaft“
vor: "Wie hohl und leer ward uns in dieser tristen atheistisehen
Halbnacht zumute [...] Eine Materie sollte sein, von Ewigkeit her
bewegt, und sollte nun mit ihrer Bewegung rechts und links nach allen
Seiten, ohne weiteres, die unendlichen Phänomene des Daseins
hervorbringen.“
Nicht alle der sogenannten
Enzyklopädisten sind Atheisten. Diderot z.B. erklärt, die "Flügel
des Schmetterlings, die Augen einer Mücke würden hinreichen“, um den
Atheismus zu zermalmen.“
Dahinter steht die Konzeption des Deismus, mit seinem Grundgedanken von
der natürlichen Religion, der Möglichkeit der Gotteserkenntnis allein
aus der Natur und den moralischen Anlagen des Menschen heraus, unabhängig
von kirchlicher Dogmatik. Mit der Anerkennung eines gemeinsamen
Wahrheitskerns in den einzelnen Religionsbekenntnissen stößt hier die
Aufklärung zur Idee religiöser Toleranz vor, einer Toleranz, die die
politische Konsequenz hat, daß im Staate jeder künftig nach seiner
Facon soll selig werden können. Der Gott der Deisten ist in newtonscher
Art gedacht. Der Weltenmechanismus - wie eine Uhr, die einmal geschaffen
und aufgezogen ist -
geht seinen Gang, nach den ihm vom Schöpfer verliehenen
Gesetzen, ohne daß dieser Schöpfer noch in das Laufwerk eingriffe.
Gerade diese Tatsache nimmt der Materialismus zum Anlaß, um zu erklären,
ein solcher Gott sei eine überflüssige Annahme und die Bewegung der
Materie könne auch ohne den ersten göttlichen Anstoß aus der Natur
der Materie selbst erklärt werden.
Dabei bleibt der Gedanke
eines solchen ganz und gar außerweltlichen Schöpfers nicht
unbestritten, ist er doch letztlich eine Frucht des platonischen
Dualismus von Geist und Materie, der sich im mittelalterlichen
Christentum bis zur Diesseitsverachtung und dem Ideal der Fleischesabtötung
auswächst. Noch in Descartes‘ Dualismus von denkender und
ausgedehnter Substanz klingt dieser platonische Impuls nach.
Es ist Spinoza, der im 17.
Jahrhundert diese Vorstellung vom außerweltlichen Schöpfer und den
Dualismus durch ein monistisch-pantheistisches System zu ersetzen
versucht, indem er eine einzige göttliche Substanz annimmt, die als
unerschaffene, unzerstörbare und unendliche causa sui (Ursache ihrer
selbst) beides - Ausdehnung, d.h. Materialität, und Denken bzw. Bewußtsein
- als ihre Modi an sich hat. Materie ist hier "gesehen in Gott; als
Ausdehnungsattribut Gottes“.
Spinozas Gott-Natur-Gedanke hat einen großen Einfluß auf das Denken
Lessings, Herders und Goethes gehabt, in gewisser Weise ist er schon bei
Giordano Bruno zu finden, an den Goethe dichterisch anschließt mit den
Worten:
„Was
wär‘ ein Gott, der nur von außen stieße,
Im Kreis das All am Finger laufen ließe!
Ihm ziemt‘s die Welt im Innern zu bewegen,
Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen,
So daß, was in Ihm lebt und webt und ist,
Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermißt!“
Eine merkwürdige
Zwitterstellung in der Geschichte des Materialismus-Problems nimmt Kant
ein. Daß die Dinge an sich außerhalb des Bewußtseins existieren, ist
eine eher materialistische, daß Raum und Zeit bloße Formen unserer
Subjektivität sind, eine eher idealistische These. Aus seiner Kritik
der Gottesbeweise konnte sich jeder nehmen, was ihm beliebte: der
Atheist die Gewißheit, daß es keinen rationalen Nachweis für die
Existenz eines höchsten Wesens geben könne, der Kirchenmann das
Argument dafür, daß der Beweis des Gegenteils ebenso unmöglich sei
und daß allein der Glaube entscheide. Kant selbst war immerhin der
Meinung, der physiko-teleologische Gottesbeweis aus der zweck- und
weisheitsvollen Ordnung der Natur bringe zwar keine apodiktische Gewißheit,
könne aber diesen "Glauben an einen höchsten Urheber bis zu einer
unwiderstehlichen Überzeugung“ steigern.
Kants "Ding an sich“ hat
mit Demokrits "Atomen“ gemeinsam, daß es die Erscheinung verursacht,
aber nicht erscheint. Dergestalt ist auch Newtons Optik konzipiert: die
Farbe als Erscheinung, von einer dahinterliegenden wellenhaften, selber
nicht erscheinenden Realität verursacht. Ganz anders geht Goethe als
Naturforscher vor: "So wie die Erklärung der geistigen Erscheinungen
darin besteht, die eine aus der anderen herzuleiten, ebenso besteht auch
die Erklärung der natürlichen Qualitäten (Farben, Töne, Wärmeempfindungen
usw.) darin, daß man zeigt, in welchem Zusammenhange sie untereinander stehen. Nicht die Herleitung des
Sinnlich-Wahrnehmbaren aus Sinnlich-nicht-mehr-Wahrnehmbaren
(Lichtstoff, Lichtschwingung) ist die "Aufgabe der Naturwissenschaft,
sondern die Aufzeigung der gegenseitigen Abhängigkeit der einzelnen
wahrnehmbaren Qualitäten. Ist man in der Lage, die Abhängigkeit einer
zusammengehörigen Gruppe von Wahrnehmungen von einer anderen ebenso
gearteten Gruppe anzugeben, so hat man ein Urphänomen festgestellt.“
Die künstliche Unterscheidung zwischen primären und sekundären Qualitäten
wird bei Goethe vermieden, ohne daß wie bei Berkeley daraus subjektiver
Idealismus entstünde. Hegel und Schelling nehmen Goethes Partei - gegen
Newton und den Mechanizismus.
Hegel polemisiert in seiner
"Wissenschaft der Logik“ gegen die Totalerklärung "Atom“ als das "Prinzip der höchsten Äußerlichkeit und damit der höchsten
Begriffslosigkeit“;
das Werden, die Bewegung läßt er aus der Dialektik von Sein und Nichts
entstehen, aus ihrem Widerspruch, den er zu denken wagt, statt ihn auf
die Ebene von stofferfülltem und leerem Raum zu verschieben wie die
antiken Atomisten. Materie ist für ihn ein Moment im Werdeprozeß der
absoluten Idee, wie auch Raum und Zeit als deren Hervorbringungen
fungieren. Die Natur ist "die Idee in der Form des Andersseins.“
Während bei Fichte Materie als Nicht-Ich, als Widerstand
konzipiert wird, den sich das absolute Subjekt selbst entgegensetzt,
entwickelt Schelling einen "Real-Idealismus“, der Natur als
sichtbaren Geist, Geist als unsichtbare Natur auffaßt und sich darauf
beruft, daß in der Natur selbst die Phänomene immer geistiger werden: "Die optischen Phänomene sind nichts anderes als eine Geometrie, deren
Linien durch das Licht gezogen werden, und dieses Licht selbst ist schon
zweideutiger Materialität. In den Erscheinungen des Magnetismus
verschwindet schon jede materielle Spur [...]
Daß solche Ansätze des
deutschen Idealismus verdrängt wurden, hing nicht allein mit dem
Materialismus des Zeitgeistes zusammen, sondern auch mit den
Einseitigkeiten und dem spekulativen Charakter der Systeme der Schelling
und Hegel. -
Die wenigen "Goetheanisten“, die wie Goethe selbst
empirische Naturforschung betrieben, waren zu schwach, um
durchzudringen. Um die Jahrhundertmitte ist der Materialismus zur
bestimmenden Sichtweise geworden und hat den Charakter dessen
angenommen, was die moderne Wissenschaftstheorie ein "Paradigma“
nennt: Allgemein nimmt man die materiellen Vorgänge als die primären
und entscheidenden, Lebens- und Bewußtseinsvorgänge dagegen werden als
Folgewirkung physikalisch-chemischer Prozesse betrachtet. Zwar bleibt es
- wie im 18. Jahrhundert auch - häufig
bei globalen Behauptungen, die "Antizipationen auf noch zu erbringende
Forschungsergebnisse“ sind; das Wesentliche ist aber die unerschütterliche
Erwartung, es handele sich höchstens um Lücken, die die weitere
Entwicklung der empirischen Forschung schon noch schließen werde. Hatte
nicht die Wissenschaft die alten Mythen zerstört, die Welt "entzaubert“, die
"natürlichen Ursachen“ allen Geschehens immer
mehr aufgewiesen? Was konnte die Vorstellung einer immateriellen Welt,
wie sie sich in alten Zeiten unter dem Einfluß der Religion gebildet
hatte, anderes sein als ein Produkt der Unwissenheit?
So dachten vielfach gerade
die konsequentesten Erkenntnissucher in der 2. Hälfte des
19.Jahrhunderts. Und sie durften sich bestätigt fühlen durch die
Tumbheit der Reaktionäre, die einem David Friedrich Strauß und einem
Ludwig Feuerbach die akademische Laufbahn ihrer religionskritischen
Auffassungen wegen versperrten. Feuerbach leitet die Entstehung der
Religion aus dem Wesen des Menschen, aus seinem Glücksstreben ab. "[...] die Götter sind die als wirklich gedachten, in wirkliche Wesen
verwandelten Wünsche des Menschen ...“, schreibt er.
Feuerbachs Philosophie etabliert "den Menschen als höchstes Wesen der
Natur [...] und demgemäß die menschenwürdige Gestaltung des
irdischen, einzigen Daseins des Menschen und der zwischenmenschlichen
Beziehungen“ als "wichtigsten Gegenstand des Philosophierens.“
Sinnlichkeit gilt ihm "als das einzig Wahre“.
Auch der "naturwissenschaftliche
Materialismus (eingeschlossen den physiologischen oder ,Vulgärmaterialismus‘
von Vogt, Moleschott, Büchner), der für das 19.Jahrhundert im Monismus
Haeckels kulminiert, ist wesentlich Feuerbachschem und positivistischem
Denken verpflichtet.“
Haeckel zieht die
Konsequenzen aus Darwins Lehre, dessen Theorie der Entstehung der Arten
durch natürliche Zuchtwahl dem damals vorherrschenden platt-wörtlichen
Verständnis der mosaischen Schöpfungsgeschichte endgültig den Boden
entzieht. Gestützt auf Mendels Entdeckung der Vererbungsgesetze
(genetische Kombination und Mutation), erklärt er die Evolution der
Organismen aus der Auslese jener Merkmale, die sich unter dem
Gesichtspunkt der Überlebenswahrscheinlichkeit im Daseinskampf um
knappe Nahrung und Lebensraum als besonders zweckmäßig erweisen.
Solche Merkmale vererben sich weiter, während die unangepaßten
Organismen zugrundegehen. Als Neodarwinismus ist diese Auffassung im
Kern die unter den Biologen auch heute noch vorherrschende.
Die neuen Entdeckungen
scheinen nicht nur Baustein auf Baustein an Erklärung alles Geschehens
aus rein natürlichen Ursachen zu liefern, sie verankern auch jenen
Entwicklungsgedanken endgültig im naturwissenschaftlichen Weltbild, den
schon Herder, Goethe und andere vertreten hatten - freilich auf einer
ganz anderen Basis. In der Geologie ist es Lyell, der, wie Engels sagt,
in diese Wissenschaft "Verstand brachte, indem er die plötzlichen,
durch die Launen des Schöpfers hervorgerufenen Revolutionen ersetzte
durch die langsamen Wirkungen einer allmählichen Umgestaltung der
Erde‘.
Nach den Fundmaterialien, die die Wissenschaft zutage fördert, hat die
Erde eine nach Abermillionen Jahren zu bemessende Entwicklung vor dem
Auftreten des Menschen durchgemacht.
Julius Robert Mayer entdeckt
das Gesetz der Energieerhaltung: Bei allen Umwandlungen einer
Energieform in eine andere, z.B. von Reibung in Wärme, bleibt die Masse
(in ihrer Summe) sowie Energie und Ladung erhalten. Der Nachweis wird
geführt, daß die chemischen und physikalischen Gesetze, die im
Anorganischen wirken, auch im Organismus gelten. So erscheint die
Bewegung der Materie unzerstörbar, die Annahme einer besonderen
Lebenskraft zur Erklärung der Lebenserscheinungen überflüssig.
Schwanns und Schleydens Entdeckung der Zelle als materiellen Bausteins
des Organismus, die Geltung der Gesetze der Energieerhaltung auch im
Stoffwechsel und schließlich - in unserem Jahrhundert - die Entdeckung
eines materiellen Substrats der Vererbung in Gestalt der DNS-Moleküle,
die Träger des "genetischen Codes“ sind, all das wirkt mit geradezu
suggestiver Macht darauf hin, daß das Leben immer mehr als rein
materieller Prozeß gesehen wird.
Heute stellt man sich die
Entstehung des Lebens - nach der auch im Westen weithin anerkannten
Hypothese des sowjetischen Biochemikers Oparin - vielfach so vor, daß
sich in der "Ursuppe“ des ursprünglichen Erdenzustandes immer wieder
Koerzervate bildeten, geleeartige Tröpfchen, von denen einige solche
inneren Bedingungen aufwiesen, daß sie nicht durch äußere Einwirkung
zerstört werden konnten. Und zwar deswegen, weil sie "anpassungsfähig“
waren, einen elementaren Stoffwechsel mit der Umwelt aufwiesen. Damit
hatte die "natürliche Auslese“ begonnen und wurde zum Motor der
weiteren Evolution, in deren Verlauf - natürlich in unerhört langen
Zeiträumen - aus einfachen schließlich immer kompliziertere und
vollkommenere Lebewesen entstehen. (Andere Theorien besagen, daß Leben
durch Keime von anderen Planeten auf die Erde gelangt sei; dadurch ist
aber natürlich das Grundproblem der Entstehung des Lebendigen aus
unlebendiger Materie nur von einem Ort an einen anderen verschoben.)
Die Entwicklung der
Physiologie der höheren Nerventätigkeit, insbesondere die Reflexologie
von Pawlow und seiner Schule, schien die Aussicht zu eröffnen, die Bewußtseinsvorgänge
endlich materialistisch in den Griff zu bekommen. Zu simpel war die
These der "physiologischen Materialisten“ des 19. Jahrhunderts, das
Gehirn sondere Gedanken ab, wie die Leber Galle. Aber auch ein
psycho-physischer Parallelismus oder ein Hylozoismus, der die Entstehung
von Beseelung und Bewußtsein dadurch begreiflicher zu machen sucht, daß
er aller Materie, auch der sogenannten toten, eine gewisse Belebtheit
zuerkennt, war wenig befriedigend. (Einen solchen Hylozoismus hatte
Haeckel vertreten.) Pawlow und seine Schüler unterschieden zwischen
sogenannten bedingten und unbedingten Reflexen. Die letzteren sind
angeborene Reaktionsmuster, die ersteren entstehen, wenn einem
unbedingten Reiz ein bedingter mehrfach zeitlich unmittelbar
vorgeschaltet wird: Bei dem berühmten Pawlowschen Hund löst eine
jeweils unmittelbar vor der Fütterung eingeschaltete Lampe auch ohne Fütterung
schließlich Speichelfluß aus. Die bedingten Reize werden zu Signalen,
die den Organismus informieren über die Außenwelt; in der Sprache
sieht Pawlow das "zweite Signalsystem“. Auf die geschilderte Weise
will Pawlow alle Lernvorgänge verstanden wissen - die behavioristische
Schule der Psychologie hat auf dieser Grundlage weitergebaut.
Die Entwicklung der
Physiologie hatte aber noch eine andere Seite: Im 19. Jahrhundert
entwickelte sich der "physiologische Idealismus“ (Helmholtz, die
Neukantianer). Dieser geht aus von der Entdeckung der "spezifischen
Sinnesenergien“ durch Johannes Müller, der seine Entdeckung bereits
so deutete, daß der Charakter der verschiedenen Sinnesqualitäten in
den ihnen zugeordneten Sinnesorganen begründet ist. Die Subjektivität
der Erscheinungswelt scheint damit in den Rang einer objektiven
physiologischen Tatsache gerückt. Für Helmholtz sind die Empfindungen
bereits keine Abbilder der Gegenstände mehr, sondern - wegen der
Verfremdung des Ausgangsreizes auf seinem Weg bis zu seiner Umsetzung in
eine Bewußtseinstatsache im Zentralhirn - bloße Zeichen oder Symbole für
die Dinge an sich, an denen hier immerhin noch festgehalten wird; im
Neukantianismus werden sie meist als Inkonsequenz Kants eliminiert.
Paradoxerweise ist hier ein
subjektiver Idealismus, der in Sinneswahrnehmung und ihrem Inhalt keine
Welt-, sondern nur eine Bewußtseinstatsache zu sehen vermag, das Kind
jenes Materialismus, der mit der Reduktion der Außenwelt auf Atome,
mechanische Vorgänge und Größen, Farbe, Wärme und Klang ganz in das
Subjekt hineinzunehmen zwingt.
Ebenso paradox mutet es an,
daß die Vorstellungen des Atomismus schließlich durch die Atomphysik
und ihre Vorgeschichte erschüttert werden. Um die Jahrhundertwende
kommt es zur sogenannten Krise der Physik: Die Theorie des
elektromagnetischen Feldes, die Entdeckung der Röntgenstrahlen, der
Radioaktivität, die Erkenntnis, daß die Masse eines Körpers von
seiner Geschwindigkeit abhängt, werden damals von zahlreichen Natur-
und anderen Wissenschaftlern als eine Art "Verschwinden der Materie“
gedeutet, die nun selber erklärungsbedürftig wird. Ihr Begriff wird
von dem der Energie abhängig, als deren Manifestation sie erscheint.
Die "Atome“, die jetzt im Experiment, an Folgephänomenen, "greifbar“ werden, widersprechen in allem den seit der Antike
hypothetisch angenommenen Eigenschaften des Atoms: "Sie können Materie
durchdringen. Diese ist weitgehend ,leer‘. Sie sind nicht unteilbar,
es gibt den radioaktiven ,Zerfall‘. Beim Versuch, die
Lichterscheinungen zu erklären, kommt man auf Schwingungen, die bei
materiellen Teilchen undenkbar sind; dabei treten völlig neuartige
Zahlengesetze auf [...] Die praktisch unerschöpfliche Energieproduktion
des Radiums widerspricht einem Grundsatz der Energetiker, der nur durch
Zusatzannahmen erhalten blieb. Wellen können sich teilchenartig,
Teilchen wellenartig verhalten. Meistens ist eine exakte Kenntnis der
,klassischen‘ Bestimmungsgrößen, wie Geschwindigkeit, Ort, Masse
usw., grundsätzlich undenkbar. Die ,Unschärferelation‘. In
gewissen Fällen muß man sogar von Identitätsverlust sprechen.“
Die moderne Physik, deren
Atome so unsinnlich geworden sind, daß die Möglichkeit, ihnen
wenigstens primäre Qualitäten beizulegen, nicht in Sicht ist, scheint
das Scheitern der Lehre von den zwei Qualitätsarten zu besiegeln. So
schreibt Werner Heisenberg: "Bei Demokrit hatten die Atome die Qualitäten,
wie Farbe, Geschmack usw. verloren, es war ihnen nur die Raumausfüllung
geblieben; geometrische Aussagen über die Atome galten als zulässig
und bedurften keiner weiteren Analyse. In der modernen Physik verlieren
die Atome auch noch diese letzte Eigenschaft, sie besitzen die
geometrischen Qualitäten nicht in höherem Maße als die anderen:
Farbe, Geschmack usw.“
Mit den destruktiven
praktischen Möglichkeiten der Atomtechnik scheint die theoretische Unmöglichkeit
zu korrespondieren, auf das Atom eine Welterklärung zu bauen: Der
Versuch, durch den Aufweis letzter Weltelemente materieller Art den Halt
am an sich Seienden zu finden, scheint in der schlechten Unendlichkeit
der Versuche zu münden, mit immer größeren Maschinen
(Teilchenbeschleunigern) und immer teureren Forschungsprojekten immer
kleinere Teilchen zu finden.
Schienen die
naturwissenschaftlichen Tatsachen im 19. Jahrhundert für sich selbst zu
sprechen, so erwies sich im 20. immer mehr ihre Interpretationsbedürftigkeit.
Die von Lobatschewski und
Riemann geschaffenen nicht-euklidischen Geometrien führten in der
Konsequenz zu einer Wandlung der Vorstellungen über Raum und Zeit gegenüber
der Newtonschen Physik. Einsteins Relativitätstheorie zeigt die
wechselseitige Abhängigkeit von Raum und Zeit auf: die Gleichzeitigkeit
von Ereignissen ist dieser Theorie zufolge nicht mehr absolut, sondern
relativ.
Die Spektralanalyse wies
nach, daß die Himmelskörper im Prinzip aus den gleichen chemischen
Elementen bestehen wie die Erde. Durch die "geniale Verbindung“
(Steiner)
dieser Spektralanalyse mit dem Dopplerschen Prinzip entsteht zum
ersten Mal ein, die räumlich-materiellen Verhältnisse wirklich adäquat
erfassendes, Bild des Universums. Schien die Spektralanalyse einerseits
die These vom materiellen Charakter der Welt zu stützen, so führte sie
andererseits zur Erschütterung des Glaubens an die Ewigkeit des räumlich
unendlichen materiellen Universums. Astronomische Beobachtungen zeigten,
daß die Spektren von "Sternennebeln“ außerhalb unserer Galaxis in
der Regel eine Verschiebung in Richtung der größeren Wellenlängen ("Rotverschiebung“) aufweisen, was auf ein Sich-voneinander-Entfernen
von Lichtquelle und Empfänger hindeutet. Daran wurde die Vermutung geknüpft,
daß sich die "Nebel“ vom Standpunkt jeglichen Beobachters
wegbewegen, und zwar um so schneller, je weiter sie von ihm entfernt
sind. Aus dieser Theorie vom expandierenden Universum wird manchmal
gefolgert, das Universum müsse einst auf unendlich kleinem Raum
konzentriert gewesen sein und zu irgendeinem Zeitpunkt müsse ein "Urknall“ als Beginn der Ausdehnung stattgefunden haben.
Damit ist im Rahmen der
naturwissenschaftlichen Debatte selbst ein mögliches Argument gegen die
Unentstandenheit der Materie aufgetaucht. Und auch die Unvergänglichkeit
der Bewegung der Materie wurde auf einmal mit naturwissenschaftlichen
Argumenten angezweifelt: Der Entropiesatz der Thermodynamik, wonach sich
in Wärme umgewandelte Energieformen nicht gänzlich zurückverwandeln
lassen, führte zur Prognose eines Wärme- (oder besser Kälte-)Todes
des Universums. Mit einem gewissen Recht wurde dagegen allerdings auch
wieder geltend gemacht, der Entropiesatz gelte nur für endliche und
geschlossene Systeme und seine Extrapolation auf das Weltall (durch
Thomson und Clausius) enthalte die stillschweigende Voraussetzung von
dessen Endlichkeit.
Das, was um die
Jahrhundertwende vielfach als "Krise des Materialismus“ empfunden
wurde, war keine bloß physikalische Frage, sondern hing auch mit der
Unzufriedenheit in bezug auf die materialistische Ableitbarkeit des
Seelischen zusammen, die sich besonders im Zusammenhang mit dem "Studium gewisser abnormer Erscheinungen des Seelenlebens, des
Hypnotismus, der Suggestion, des Somnambulismus“
artikulierte. Die Freudsche Psychoanalyse und die gesamte
Tiefenpsychologie versuchen der Spezifik des Psychischen stärker
Rechnung zu tragen und es nicht auf Nerven- und Hirnprozesse zu
reduzieren. Obwohl von manchen deswegen als Idealist betrachtet bzw.
gescholten, hat wohl gerade Freud mit seinem Ansatz einen Versuch der "Überwindung
des Materialismus im Rahmen des materialistischen Paradigmas selbst“
unternommen: Auch bei ihm entsteht Geist aus Ungeistigem, als
Sublimationsprodukt aus triebhaften, naturhaften Energien. C. G. Jung
dagegen sah sich genötigt, bewußt den Anschluß an "esoterische“
Traditionen zu suchen, in denen noch mit der Wirklichkeit des Geistigen
gerechnet wurde.