Christoph Strawe: Marxismus und Anthroposophie - I. Teil: Materie und Bewusstsein
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I. Teil
Materie und Bewußtsein

1. Atombegriff und Lehre von den primären und sekundären Qualitäten 
Geschichtliches zum Materialismus

Das Materialismus-Problem ist der Springpunkt, um den das Verständnis des Verhältnisses von Marxismus und Anthroposophie sich dreht, darin ist die Notwendigkeit der Besinnung auf die Geschichte dieses Problems begründet. Als philosophischen Materialismus bezeichnet man gewöhnlich eine Auffassungsweise, die davon ausgeht, daß den Gegenständen und Erscheinungen mit ihrer unerschöpflichen Merkmals- und Beziehungsvielfalt eine allgemein-substantielle Grundlage materieller Natur zugrunde liegt und daß alles Geschehen in der Welt letztlich durch die Materie und ihre Bewegung bedingt ist.

Die Geschichte des Materialismus ist Bestandteil der Geschichte der philosophischen Lehren über die Materie, und sie ist eng verflochten mit der Geschichte des Atheismus und vor allem mit der der Naturwissenschaft und Technik. Dennoch herrscht hier keine Identität: Über die Materie philosophieren auch Idealisten und Spiritualisten, und wenn auch der Atheismus in gewissem Sinn eine Konsequenz aus dem Materialismus ist und umgekehrt, so gab es doch auch Atheisten, die keine ausgeprägten Materialisten und Materialisten, die keine Gottesleugner waren. (Das letztere konnte, mußte aber nicht taktische Gründe haben, etwa Selbstschutz gegenüber kirchlicher Verfolgung Andersdenkender, die ja andererseits oft nur deshalb mit Gotteslästerung und Atheismus in Verbindung gebracht wurden, um ihre Verfolgung zu rechtfertigen.) Naturwissenschaft und Technik schließlich haben dem Glauben an die Materialität der Welt und damit dem philosophischen Materialismus zwar starke Impulse verliehen, "materialistisch“ sind sie jedoch nur insofern, als sie auf die Erkenntnis bzw. praktische Beherrschung der Gesetzmäßigkeiten der materiell-gegenständlichen Welt gerichtet sind.

Das lateinische Wort Materie meint von der ursprünglichen Bedeutung her den Stoff, aus dem etwas gebildet oder gebaut ist, also das betastbare Räumlich-Körperhafte, das Feste und Undurchdringliche. Diese Bedeutung klingt noch bei Ernst Bloch an, wenn er schreibt: "Wir glauben dem Tastsinn mehr als dem Auge; das Wahre aber, das er zeigt, ist allemal ein stoffliches. Daher wirkt der zu tastende Stoff auch als gedachter, als Begriff, besonders vertrauenerweckend.“[1]

Von einem philosophischen Materiebegriff im eigentlichen Sinn kann man erst da sprechen, wo er vom Begriff des Geistes klar unterscheidbar wird. Die milesischen Naturphilosophen, die nach der substantiellen Grundlage der Naturerscheinungen fragen, als Materialisten zu bezeichnen, hat deshalb etwas Gezwungenes: das "Wasser“ des Thales, die "Luft“ des Anaximenes und auch noch das "Feuer“ des Heraklit sind gerade keine "Baustoffe“; sie sind Weltprinzipien, lebendige Qualitäten. Die hinter dieser Philosophie stehende Bewußtseinsverfassung kennt noch nicht die scharfe Subjekt-Objekt-Trennung, Inneres und Äußeres sind noch kein schroffer Gegensatz. "Wie unsere Seele Luft ist und uns dadurch zusammenhält, so umfaßt auch den ganzen Kosmos wehender Hauch und Luft“ (Anaximenes)[2]: ein solcher Satz entspringt offenbar ebensosehr der Empfindung des Seelischen als lufthaft wie einem Erleben des Kosmos als beseelt. Noch die Homoiomeren des Anaxagoras gleichen lebendigen Urkeimen, erst bei Demokrit werden sie zu toten Stoffteilchen. Hier bei Demokrit und seinem Lehrer Leukipp können wir zum ersten Mal von einer materialistischen Philosophie sprechen. Sie sind es, die den Begriff des Atoms in die Wissenschaft einführen. Ihr Atomismus hat seine Vorgeschichte:

Parmenides hatte zu zeigen versucht, daß Vielheit, Bewegung, jedwede Veränderung ohne Annahme der Existenz eines leeren Raumes unmöglich seien, nun sei aber ein völlig leerer Raum ein Nicht-Seiendes, dessen Existenz, also dessen Sein, zu behaupten ein unmöglicher Widerspruch sei. Daraus hatte er den Schluß gezogen, Bewegung sei überhaupt nur Schein und Sinnestäuschung, in Wahrheit gebe es nur beharrendes Sein; besonders sein Schüler Zeno versuchte dies durch Aufweis von Antinomien der Bewegung (der fliegende Pfeil, Achilleus und die Schildkröte) zu belegen. - Der Gestalt des Parmenides steht Heraklit gegenüber; er vertritt den Standpunkt des Werdens, der Bewegung: Alles fließt, heißt sein berühmtester Ausspruch. Er sucht die Einheit gerade in der Vielheit, das Unveränderliche als das geistige Gesetz gerade in der Bewegung und Veränderung.

Leukipp und Demokrit versuchen das Bewegungsproblem auf einem anderen Wege zu lösen: Das starre raumausfüllende Sein des Parmenides wird bei ihnen in die Atome zusammengezogen, leeren Raum lassend, in dem Bewegung möglich wird. Während bei Heraklit jedoch das Verharrende und Feste nur ein Moment im ewigen Flusse der Bewegung ist, ist bei den Atomisten umgekehrt die Bewegung nichts anderes als die Verschiebung der in sich festen und unbeweglichen Atome gegeneinander, ihr Zusammenstoß und ihr Abprall voneinander. Die Atome werden als winzige Materiepartikelchen gedacht. Diese sind voneinander isoliert, verwandeln sich nicht ineinander, haben keine fließenden, sondern starre Grenzen. Sie werden als unveränderlich, unentstanden und unzerstörbar, also als ewig gedacht, als qualitativ gleichartig, strukturlos und unteilbar (griechisch átomos). Sie sind die ursprünglichen Bauelemente der Welt. Die Veränderung ihrer Lage im Raum soll die ganze bunte Vielfalt und Veränderlichkeit der den Sinnen gegebenen Welt erklären, Werden ist nichts als Verbindung, Vergehen nichts als Trennung der Atome. Die sinnliche Erkenntnis läßt Demokrit durch Ausflüsse der Dinge zustandekommen, "eidola“ (Bildchen), die in die Poren der Sinnesorgane eindringen. Die Wahrnehmung soll nur eine dunkle Erkenntnis sein; Farbe, Klang und Duft kommen nicht den Dingen zu, wie sie an sich sind, sondern sind in der Struktur unseres Wahrnehmungsapparats begründet: "Süß und bitter, warm und kalt existieren nur nach der herkömmlichen Meinung, und ebenso die Farben (der Dinge); in Wirklichkeit existieren nur die Atome und das Leere.“[3]

Eine äußerst folgenreiche Unterscheidung ist mit diesem Satz geboren, die Unterscheidung zwischen sogenannten primären Eigenschaften bzw. Qualitäten der Dinge wie Schwere, Undurchdringlichkeit und Raumerfüllung und den sekundären Qualitäten, die wir an den Dingen zwar wahrnehmen, die jedoch bloß subjektiver Schein sind. Diese Unterscheidung bildet die Grundlage für jenen Reduktionismus und jenes Modelldenken, die in unserer heutigen Naturwissenschaft eine so große Rolle spielen und an deren geschichtlichem Ausgangspunkt das Bestreben steht, die sekundären Qualitäten "allein durch die Arten von Anordnumig und Bewegung der Teilchen auf die primären Qualitäten zu reduzieren. Als überzeugende Fälle boten sich zunächst nur die Übergänge vom festen zum flüssigen und von diesem zum gasförmigen Zustand an (zum Beispiel Eis - Wasser - Dampf) mit der Erklärung: im festen Zustand haben die ,Atome‘ feste gegenseitige Lagen, um welche allenfalls Schwingungen möglich sind. Im flüssigen Zustand ,kleben‘ zwar die Teilchen noch aneinander, sind aber gegenseitig verschieblich - daher die Möglichkeit zur Bildung einer freien Oberfläche. Im gasförmigen Zustand werden die (von Zentrum zu Zentrum allein wirkenden, sogenannten) Zentralkräfte überwunden durch eine hinlänglich große Geschwindigkeit der Teilchen, so daß das Gas ,daher‘ nach Expansion strebt und keine freien Oberflächen bildet. - Das Wort Aggregatzustände stammt von dieser Vorstellung.“[4]

Der atomistische Materialismus hat zwingende Folgen für die Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Weltentwicklung. Nicht seelenhafte Kräfte, wie bei Empedokles Liebe und Haß, verbinden und trennen bei den Atomisten die Elemente, keine sinnstiftende und richtunggebende Weltvernunft, wie der "Nus“ des Anaxagoras, regeln die Bewegung, diese vollzieht sich richtungsblind, mit eherner sinn- und bewußtloser Notwendigkeit (Ananke). Die Seele ist nichts aus sich selbst Bewegtes und damit Unsterbliches wie bei Platon, sie ist ein, wenn auch sehr feines, Körperliches, dessen Atome sich nach dem Tode zerstreuen.

Der atomistische Materialismus führt zu einem Dilemma: Die Atome, da sie die sinnliche Erscheinung erst verursachen sollen, können selbst nicht erscheinen, zugleich muß man sie sich aber als räumlich existierend, also wie die Gegenstände der Erscheinungswelt vorstellen. Als Ursache der Eigenschaften der Dinge läuft Demokrits Atom Gefahr, sich, in Ermangelung aller Eigenschaften, zum bloßen Begriff zu verflüchtigen und damit seinen behaupteten Realitätscharakter einzubüßen: Indem Demokrit von der Materie als Ursache der Wahrnehmungsinhalte ausgeht, verflüchtigt sich ihm die Erscheinung zum Schein und die Materie zum Begriff, der als solcher nicht mehr die reale, die Sinnesorgane materiell affizierende Ursache dieses Scheins sein kann.

Dieser Konsequenz versucht später Epikur zu entgehen, der als Sensualist die Sinnenwelt als "objektive Erscheinung“ nimmt[5], statt sie wie Demokrit zu subjektivieren. Dadurch gerät er aber in die andere Gefahr, daß das Atom seiner Rolle als letztem bedingenden Prinzip enthoben und zu einem Phänomen der objektiven Erscheinungswelt unter anderen, gleichrangigen Phänomenen - wenn auch zu einem wegen seiner Winzigkeit für unsere Augen nicht sichtbaren - herabgesetzt zu werden.

Der Unterschied zwischen primären und sekundären Qualitäten wäre zwar wieder eingeebnet, aber um welch hohen Preis für den Materialismus!

Demokrits atomistischer Ansatz wird erst in der Neuzeit, im Zusammenhang mit der naturwissenschaftlichen Hypothesenbildung, verstärkt aufgegriffen. Das mittelalterliche Denken über die Materie wird vor allem von Aristoteles und seiner Lehre über das Verhältnis von Form und Materie bestimmt. In dieser wird die Materie zwar erst durch die (ideelle) Form wirklich, sie setzt aber doch auch den Formkräften Widerstand entgegen und hat dadurch einen größeren Eigenwert als bei Plato, dem sie nur als das gestaltlos Unbestimmte gilt, in dem sich die Ideen als das wahrhaft Seiende abspiegeln. Diesen Eigenwert der Materie verstärken die arabistischen Aristoteliker Avicenna und Averroes, indem die Formen als die in der Materie selbst keimhaft veranlagten Möglichkeiten interpretiert werden, die die Gottheit durch ihren Anhauch bloß noch zu "extrahieren“ hat. In Verbindung mit der Leugnung individueller Unsterblichkeit ein Stoß gegen die Religion, wie auch schon Epikurs Lehre Ausgangspunkt materialistischer Religionskritik wurde, obwohl sie die Götter nicht leugnet, sondern den Menschen nur Ruhe vor ihnen verschafft, indem sie an den Rand des Weltgeschehens verbannt werden.

Die Männer, die den geistigen Umbruch am Beginn der Neuzeit durchsetzten, waren in der Regel alles andere als Atheisten. Von der Geisteshaltung des Mittelalters unterscheiden sie sich durch das Pochen auf die Autonomie des erkennenden Subjekts; nicht Autorität und Tradition, sondern allein Beobachtung, Experiment und berechnende Ratio sollen zählen. Die wissenschaftliche Revolution jener Zeit eröffnet der Erkenntnis der materiellen Welt ungeheure Perspektiven, denen gegenüber die Bedeutung des spirituellen Lebens verblassen muß.

Durch das heliozentrische Weltbild des Kopernikus und Kepler - Nicolaus Cusanus hat es schon teilweise vorausgenommen - rückt die Erde in die Stellung eines Planeten unter anderen, die Vorstellung von der die Erde umgebenden "Himmelssphäre“ bei Aristoteles, mit ihren idealen (d.h. ganz oberflächenreinen, vollkommen gerundeten) Himmelskörpern fällt dahin; Galilei entdeckt mit dem Fernrohr die Verwerfungen der Mondoberfläche und die Sonnenflecken. Und Giordano Bruno wagt zum ersten Mal die Behauptung, daß im unendlichen Weltraum unendlich viele materielle Welten existieren, wie die, zu der unsere Erde gehört. Schien vorher der Gegensatz des Vergänglichen und des Ewigen gewissermaßen äußerlich räumlich dargestellt in dem Verhältnis der Erde zum Himmel mit seinen "ewigen“ Sternen, so entstand nun immer mehr das Bild eines endlosen materiellen Universums, in dem alle Sterne und Sternsysteme entstehen und vergehen, eine Geschichte haben. Kant, in seiner "Allgemeine(n) Naturgeschichte und Theorie des Himmels“, wird später die Hypothese aufstellen, daß unser Planetensystem aus einem rotierenden kosmischen Urnebel entstanden sei (Kant-Laplacesche Theorie).

Objektivierbare, d.h. wäg- und meßbare Erfahrungsdaten sind gefragt: Messen, was meßbar ist, und meßbar machen, was nicht meßbar ist, lautet Galileis Devise. Der Quantifizierung aber sind Ausdehnung, Festigkeit usw. der Dinge viel eher zugänglich als die "imponderableren“ sekundären Qualitäten. Die Überlegung, daß der Kitzel, den ich empfinde, nicht in der Feder ist, die meinen Fuß berührt, wird auf andere Arten von Sinnesempfindungen einfach übertragen. Wahrnehmungsinhalte werden fortan von der Naturwissenschaft -  im Sinne der demokritischen Unterscheidung -  zumeist als psychologisch-subjektive Reaktions- bzw. Empfindungsarten gedeutet, die durch die Einwirkung physiologisch-objektiver Reizarten auf die Sinnes-und Rezeptionsorgane zustandekommen.[6]

Am Beginn der neuzeitlichen Entwicklung stehen in der Philosophie die Lehren Bacons und des am epikureischen Atomismus anknüpfenden Gassendi. Bacon rückt die Erforschung und Beherrschung der Natur bewußt „in den Mittelpunkt aller wissenschaftlichen Tätigkeit. Bacon folgen Hobbes und Locke. Die Philosophie Lockes bildet - neben den Anschauungen Descartes und der klassischen Naturwissenschaft des 17. Jahrhunderts [...] die wesentliche theoretische Grundlage für den weitgehend mechanischen, undialektischen französischen Materialismus des 18. Jahrhunderts (La Mettrie, Holbach, Diderot, Helvetius). Er begreift das Universum als zusammenhängendes Ganzes materieller Körper, in dem durch objektive, erkennbare Gesetzmäßigkeiten eine durchgängige Determiniertheit der Naturvorgänge gegeben ist. Bewegung, Raum und Zeit werden als Daseinsweisen der Materie aufgefaßt.“[7]

Eine solche durchgängige Determiniertheit des Naturgeschehens wird vor allem durch die Newtonsche Physik denkbar: die Entdeckung der Gesetze der Mechanik und der Gravitationsgesetze beweist, daß die gleiche Kraft, die die Körper zur Erde fallen läßt, auch die Planeten um die Sonne kreisen läßt; Newtons Himmelsmechanik macht die Bewegungen der Himmelskörper auf diese Weise klar berechenbar und mechanisch erklärbar. Die Herangehensweise astronomischer Mechanik wird zunehmend zum Erkenntnis­ideal. Was für das Größte, das Universum gilt, das will man auch im Kleinsten auffinden. Die Wiederbelebung des antiken Atomismus nimmt so in der Neuzeit die Richtung auf eine Art Mikro-Astronomie - bis hin zum Rutherford-Bohrschen Atommodell.

Einen weiteren Auftrieb erhält der Atomismus durch die heraufkommende Chemie, die mit der mechanistischen Hilfsvorstellung arbeitet, "nach welcher gleiche Anzahlen von Atomen der einen und der anderen Sorte von zwei miteinander reagierenden Stoffen sich je paarweise zu den ,Molekülen‘ der Verbindung zusammenfügen. Die Erfahrung, daß es feste Verbindungsgewichte zwischen den elementaren Stoffen gibt, wird nun gedeutet dadurch, daß es die Verhältnisse der Gewichte der Atome der einen und der anderen Sorte seien. Die Erfahrung der ,multiplen Proportionen‘, das heißt, daß nur ganzzahlige Vielfache einander absättigen können, bedeutet dann die anschaulich einleuchtende Vorstellung, daß für ein Molekül der Verbindung ein Atom der einen Sorte mit zwei oder drei Atomen der anderen, oder zwei der einen mit drei der anderen usw. zusammentreten, nie aber ein ,halbes Atom‘.“[8]

Der mechanistische Materialismus des 17./18. Jahrhunderts glaubt an die Möglichkeit, nicht nur die komplizierteren Formen der Bewegung von Materie, sondern auch die Bewußtseinserscheinungen (Denken, Wahrnehmen, Empfinden, Vorstellen) auf die mechanische Bewegung der Atome zu reduzieren. Diese vollzieht sich im Newtonschen leeren Raum, der wie eine Art Behälter gedacht wird, und in der leeren, in Einheiten meßbaren Zeit.

Damit wird die von Demokrit her bekannte Ausgangssituation wiederhergestellt. Am eindeutigsten bei Thomas Hobbes, dem Fortführer der Lehre Bacons: Die Sinneseindrücke entstehen durch mechanische Einwirkung der Gegenstände auf den Apparat unserer Sinnesorgane, aber nur die mathematischer Bemessung und Berechnung zugänglichen Qualitäten wie Gestalt und Bewegung entsprechen abbildhaft den Eigenschaften der Dinge, während die "subjektiven“ Qualitäten, Klang, Wärme, Färbung usw., nur im Bewußtsein existieren, in dem sie von den Dingen an sich wie auch immer hervorgelockt werden.

Auch René Descartes vertritt die Unterscheidung zwischen zwei Qualitätsarten, ebenso wie sein Antipode John Locke.

Diesem gegenüber wendet George Berkeley später ein, auch Festigkeit, Ausdehnung und Bewegung seien uns nur durch Sinneswahrnehmung, primär durch den Tastsinn, gegeben, die Unterscheidung sei also künstlich. So plausibel dieses Argument erscheint, so sehr mußte doch auch wiederum Berkeleys Konsequenz, den Weltinhalt radikal ins Bewußtsein hineinzunehmen, Kritik provozieren. Nicht einmal die von Locke übriggelassenen, die Sinnesqualitäten bedingenden Substanzen will Berkeley als äußere Entsprechung unserer Bewußtseinsinhalte gelten lassen. Alles, was wir erkennen und wahrnehmen, existiert nur als Phänomen unseres Bewußtseins. "Esse est percipi“, Sein ist Wahrgenommenwerden, ein anderer Sinn kann der Aussage, daß irgend etwas existiert, nicht beigemessen werden.

Die französischen Materialisten greifen die These der englischen Empiristen von den Sinnesempfindungen als einziger Quelle der Kenntnis über die materielle Außenwelt auf. Ihre Naturanschauung ist mechanisch; der Mensch ist "eine Maschine [...], die ein absoluter Fatalismus gebieterisch steuert“ (LaMettrie)[9]. Goethe kam Holbachs "Système de la Nature“ "grau und "totenhaft“ vor: "Wie hohl und leer ward uns in dieser tristen atheistisehen Halbnacht zumute [...] Eine Materie sollte sein, von Ewigkeit her bewegt, und sollte nun mit ihrer Bewegung rechts und links nach allen Seiten, ohne weiteres, die unendlichen Phänomene des Daseins hervorbringen.“[10]

Nicht alle der sogenannten Enzyklopädisten sind Atheisten. Diderot z.B. erklärt, die "Flügel des Schmetterlings, die Augen einer Mücke würden hinreichen“, um den Atheismus zu zermalmen.“[11] Dahinter steht die Konzeption des Deismus, mit seinem Grundgedanken von der natürlichen Religion, der Möglichkeit der Gotteserkenntnis allein aus der Natur und den moralischen Anlagen des Menschen heraus, unabhängig von kirchlicher Dogmatik. Mit der Anerkennung eines gemeinsamen Wahrheitskerns in den einzelnen Religionsbekenntnissen stößt hier die Aufklärung zur Idee religiöser Toleranz vor, einer Toleranz, die die politische Konsequenz hat, daß im Staate jeder künftig nach seiner Facon soll selig werden können. Der Gott der Deisten ist in newtonscher Art gedacht. Der Weltenmechanismus - wie eine Uhr, die einmal geschaffen und aufgezogen ist - geht seinen Gang, nach den ihm vom Schöpfer verliehenen Gesetzen, ohne daß dieser Schöpfer noch in das Laufwerk eingriffe. Gerade diese Tatsache nimmt der Materialismus zum Anlaß, um zu erklären, ein solcher Gott sei eine überflüssige Annahme und die Bewegung der Materie könne auch ohne den ersten göttlichen Anstoß aus der Natur der Materie selbst erklärt werden.

Dabei bleibt der Gedanke eines solchen ganz und gar außerweltlichen Schöpfers nicht unbestritten, ist er doch letztlich eine Frucht des platonischen Dualismus von Geist und Materie, der sich im mittelalterlichen Christentum bis zur Diesseitsverachtung und dem Ideal der Fleischesabtötung auswächst. Noch in Descartes‘ Dualismus von denkender und ausgedehnter Substanz klingt dieser platonische Impuls nach.

Es ist Spinoza, der im 17. Jahrhundert diese Vorstellung vom außerweltlichen Schöpfer und den Dualismus durch ein monistisch-pantheistisches System zu ersetzen versucht, indem er eine einzige göttliche Substanz annimmt, die als unerschaffene, unzerstörbare und unendliche causa sui (Ursache ihrer selbst) beides - Ausdehnung, d.h. Materialität, und Denken bzw. Bewußtsein - als ihre Modi an sich hat. Materie ist hier "gesehen in Gott; als Ausdehnungsattribut Gottes“.[12] Spinozas Gott-Natur-Gedanke hat einen großen Einfluß auf das Denken Lessings, Herders und Goethes gehabt, in gewisser Weise ist er schon bei Giordano Bruno zu finden, an den Goethe dichterisch anschließt mit den Worten:

„Was wär‘ ein Gott, der nur von außen stieße,
Im Kreis das All am Finger laufen ließe!
Ihm ziemt‘s die Welt im Innern zu bewegen,
Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen,
So daß, was in Ihm lebt und webt und ist,
Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermißt!“[13]

 

Eine merkwürdige Zwitterstellung in der Geschichte des Materialismus-Problems nimmt Kant ein. Daß die Dinge an sich außerhalb des Bewußtseins existieren, ist eine eher materialistische, daß Raum und Zeit bloße Formen unserer Subjektivität sind, eine eher idealistische These. Aus seiner Kritik der Gottesbeweise konnte sich jeder nehmen, was ihm beliebte: der Atheist die Gewißheit, daß es keinen rationalen Nachweis für die Existenz eines höchsten Wesens geben könne, der Kirchenmann das Argument dafür, daß der Beweis des Gegenteils ebenso unmöglich sei und daß allein der Glaube entscheide. Kant selbst war immerhin der Meinung, der physiko-teleologische Gottesbeweis aus der zweck- und weisheitsvollen Ordnung der Natur bringe zwar keine apodiktische Gewißheit, könne aber diesen "Glauben an einen höchsten Urheber bis zu einer unwiderstehlichen Überzeugung“ steigern[14].

Kants "Ding an sich“ hat mit Demokrits "Atomen“ gemeinsam, daß es die Erscheinung verursacht, aber nicht erscheint. Dergestalt ist auch Newtons Optik konzipiert: die Farbe als Erscheinung, von einer dahinterliegenden wellenhaften, selber nicht erscheinenden Realität verursacht. Ganz anders geht Goethe als Naturforscher vor: "So wie die Erklärung der geistigen Erscheinungen darin besteht, die eine aus der anderen herzuleiten, ebenso besteht auch die Erklärung der natürlichen Qualitäten (Farben, Töne, Wärmeempfindungen usw.) darin, daß man zeigt, in welchem Zusammenhange sie untereinander stehen. Nicht die Herleitung des Sinnlich-Wahrnehmbaren aus Sinnlich-nicht-mehr-Wahrnehmbaren (Lichtstoff, Lichtschwingung) ist die "Aufgabe der Naturwissenschaft, sondern die Aufzeigung der gegenseitigen Abhängigkeit der einzelnen wahrnehmbaren Qualitäten. Ist man in der Lage, die Abhängigkeit einer zusammengehörigen Gruppe von Wahrnehmungen von einer anderen ebenso gearteten Gruppe anzugeben, so hat man ein Urphänomen festgestellt.“[15] Die künstliche Unterscheidung zwischen primären und sekundären Qualitäten wird bei Goethe vermieden, ohne daß wie bei Berkeley daraus subjektiver Idealismus entstünde. Hegel und Schelling nehmen Goethes Partei - gegen Newton und den Mechanizismus.

Hegel polemisiert in seiner "Wissenschaft der Logik“ gegen die Totalerklärung "Atom“ als das "Prinzip der höchsten Äußerlichkeit und damit der höchsten Begriffslosigkeit“[16]; das Werden, die Bewegung läßt er aus der Dialektik von Sein und Nichts entstehen, aus ihrem Widerspruch, den er zu denken wagt, statt ihn auf die Ebene von stofferfülltem und leerem Raum zu verschieben wie die antiken Atomisten. Materie ist für ihn ein Moment im Werdeprozeß der absoluten Idee, wie auch Raum und Zeit als deren Hervorbringungen fungieren. Die Natur ist "die Idee in der Form des Andersseins.“[17] Während bei Fichte Materie als Nicht-Ich, als Widerstand konzipiert wird, den sich das absolute Subjekt selbst entgegensetzt, entwickelt Schelling einen "Real-Idealismus“, der Natur als sichtbaren Geist, Geist als unsichtbare Natur auffaßt und sich darauf beruft, daß in der Natur selbst die Phänomene immer geistiger werden: "Die optischen Phänomene sind nichts anderes als eine Geometrie, deren Linien durch das Licht gezogen werden, und dieses Licht selbst ist schon zweideutiger Materialität. In den Erscheinungen des Magnetismus verschwindet schon jede materielle Spur [...][18]

Daß solche Ansätze des deutschen Idealismus verdrängt wurden, hing nicht allein mit dem Materialismus des Zeitgeistes zusammen, sondern auch mit den Einseitigkeiten und dem spekulativen Charakter der Systeme der Schelling und Hegel. - Die wenigen "Goetheanisten“, die wie Goethe selbst empirische Naturforschung betrieben, waren zu schwach, um durchzudringen. Um die Jahrhundertmitte ist der Materialismus zur bestimmenden Sichtweise geworden und hat den Charakter dessen angenommen, was die moderne Wissenschaftstheorie ein "Paradig­ma“ nennt: Allgemein nimmt man die materiellen Vorgänge als die primären und entscheidenden, Lebens- und Bewußtseinsvorgänge dagegen werden als Folgewirkung physikalisch-chemischer Prozesse betrachtet. Zwar bleibt es - wie im 18. Jahrhundert auch -  häufig bei globalen Behauptungen, die "Antizipationen auf noch zu erbringende Forschungsergebnisse“[19] sind; das Wesentliche ist aber die unerschütterliche Erwartung, es handele sich höchstens um Lücken, die die weitere Entwicklung der empirischen Forschung schon noch schließen werde. Hatte nicht die Wissenschaft die alten Mythen zerstört, die Welt "entzaubert“, die "natürlichen Ursachen“ allen Geschehens immer mehr aufgewiesen? Was konnte die Vorstellung einer immateriellen Welt, wie sie sich in alten Zeiten unter dem Einfluß der Religion gebildet hatte, anderes sein als ein Produkt der Unwissenheit?

So dachten vielfach gerade die konsequentesten Erkenntnissucher in der 2. Hälfte des 19.Jahrhunderts. Und sie durften sich bestätigt fühlen durch die Tumbheit der Reaktionäre, die einem David Friedrich Strauß und einem Ludwig Feuerbach die akademische Laufbahn ihrer religionskritischen Auffassungen wegen versperrten. Feuerbach leitet die Entstehung der Religion aus dem Wesen des Menschen, aus seinem Glücksstreben ab. "[...] die Götter sind die als wirklich gedachten, in wirkliche Wesen verwandelten Wünsche des Menschen ...“, schreibt er.[20] Feuerbachs Philosophie etabliert "den Menschen als höchstes Wesen der Natur [...] und demgemäß die menschenwürdige Gestaltung des irdischen, einzigen Daseins des Menschen und der zwischenmenschlichen Beziehungen“ als "wichtigsten Gegenstand des Philosophierens.“[21] Sinnlichkeit gilt ihm "als das einzig Wahre“[22]. Auch der "naturwissenschaftliche Materialismus (eingeschlossen den physiologischen oder ,Vulgärmaterialismus‘ von Vogt, Moleschott, Büchner), der für das 19.Jahrhundert im Monismus Haeckels kulminiert, ist wesentlich Feuerbachschem und positivistischem Denken verpflichtet.“[23]

Haeckel zieht die Konsequenzen aus Darwins Lehre, dessen Theorie der Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl dem damals vorherrschenden platt-wörtlichen Verständnis der mosaischen Schöpfungsgeschichte endgültig den Boden entzieht. Gestützt auf Mendels Entdeckung der Vererbungsgesetze (genetische Kombination und Mutation), erklärt er die Evolution der Organismen aus der Auslese jener Merkmale, die sich unter dem Gesichtspunkt der Überlebenswahrscheinlichkeit im Daseinskampf um knappe Nahrung und Lebensraum als besonders zweckmäßig erweisen. Solche Merkmale vererben sich weiter, während die unangepaßten Organismen zugrundegehen. Als Neodarwinismus ist diese Auffassung im Kern die unter den Biologen auch heute noch vorherrschende.

Die neuen Entdeckungen scheinen nicht nur Baustein auf Baustein an Erklärung alles Geschehens aus rein natürlichen Ursachen zu liefern, sie verankern auch jenen Entwicklungsgedanken endgültig im naturwissenschaftlichen Weltbild, den schon Herder, Goethe und andere vertreten hatten - freilich auf einer ganz anderen Basis. In der Geologie ist es Lyell, der, wie Engels sagt, in diese Wissenschaft "Verstand brachte, indem er die plötzlichen, durch die Launen des Schöpfers hervorgerufenen Revolutionen ersetzte durch die langsamen Wirkungen einer allmählichen Umgestaltung der Erde‘[24]. Nach den Fundmaterialien, die die Wissenschaft zutage fördert, hat die Erde eine nach Abermillionen Jahren zu bemessende Entwicklung vor dem Auftreten des Menschen durchgemacht.

Julius Robert Mayer entdeckt das Gesetz der Energieerhaltung: Bei allen Umwandlungen einer Energieform in eine andere, z.B. von Reibung in Wärme, bleibt die Masse (in ihrer Summe) sowie Energie und Ladung erhalten. Der Nachweis wird geführt, daß die chemischen und physikalischen Gesetze, die im Anorganischen wirken, auch im Organismus gelten. So erscheint die Bewegung der Materie unzerstörbar, die Annahme einer besonderen Lebenskraft zur Erklärung der Lebenserscheinungen überflüssig. Schwanns und Schleydens Entdeckung der Zelle als materiellen Bausteins des Organismus, die Geltung der Gesetze der Energieerhaltung auch im Stoffwechsel und schließlich - in unserem Jahrhundert - die Entdeckung eines materiellen Substrats der Vererbung in Gestalt der DNS-Moleküle, die Träger des "genetischen Codes“ sind, all das wirkt mit geradezu suggestiver Macht darauf hin, daß das Leben immer mehr als rein materieller Prozeß gesehen wird.

Heute stellt man sich die Entstehung des Lebens - nach der auch im Westen weithin anerkannten Hypothese des sowjetischen Biochemikers Oparin - vielfach so vor, daß sich in der "Ursuppe“ des ursprünglichen Erdenzustandes immer wieder Koerzervate bildeten, geleeartige Tröpfchen, von denen einige solche inneren Bedingungen aufwiesen, daß sie nicht durch äußere Einwirkung zerstört werden konnten. Und zwar deswegen, weil sie "anpassungsfähig“ waren, einen elementaren Stoffwechsel mit der Umwelt aufwiesen. Damit hatte die "natürliche Auslese“ begonnen und wurde zum Motor der weiteren Evolution, in deren Verlauf - natürlich in unerhört langen Zeiträumen - aus einfachen schließlich immer kompliziertere und vollkommenere Lebewesen entstehen. (Andere Theorien besagen, daß Leben durch Keime von anderen Planeten auf die Erde gelangt sei; dadurch ist aber natürlich das Grundproblem der Entstehung des Lebendigen aus unlebendiger Materie nur von einem Ort an einen anderen verschoben.)

Die Entwicklung der Physiologie der höheren Nerventätigkeit, insbesondere die Reflexologie von Pawlow und seiner Schule, schien die Aussicht zu eröffnen, die Bewußtseinsvorgänge endlich materialistisch in den Griff zu bekommen. Zu simpel war die These der "physiologischen Materialisten“ des 19. Jahrhunderts, das Gehirn sondere Gedanken ab, wie die Leber Galle. Aber auch ein psycho-physischer Parallelismus oder ein Hylozoismus, der die Entstehung von Beseelung und Bewußtsein dadurch begreiflicher zu machen sucht, daß er aller Materie, auch der sogenannten toten, eine gewisse Belebtheit zuerkennt, war wenig befriedigend. (Einen solchen Hylozoismus hatte Haeckel vertreten.) Pawlow und seine Schüler unterschieden zwischen sogenannten bedingten und unbedingten Reflexen. Die letzteren sind angeborene Reaktionsmuster, die ersteren entstehen, wenn einem unbedingten Reiz ein bedingter mehrfach zeitlich unmittelbar vorgeschaltet wird: Bei dem berühmten Pawlow­schen Hund löst eine jeweils unmittelbar vor der Fütterung eingeschaltete Lampe auch ohne Fütterung schließlich Speichelfluß aus. Die bedingten Reize werden zu Signalen, die den Organismus informieren über die Außenwelt; in der Sprache sieht Pawlow das "zweite Signalsystem“. Auf die geschilderte Weise will Pawlow alle Lernvorgänge verstanden wissen - die behavioristische Schule der Psychologie hat auf dieser Grundlage weitergebaut.

Die Entwicklung der Physiologie hatte aber noch eine andere Seite: Im 19. Jahrhundert entwickelte sich der "physiologische Idealismus“ (Helmholtz, die Neukantianer). Dieser geht aus von der Entdeckung der "spezifischen Sinnesenergien“ durch Johannes Müller, der seine Entdeckung bereits so deutete, daß der Charakter der verschiedenen Sinnesqualitäten in den ihnen zugeordneten Sinnesorganen begründet ist. Die Subjektivität der Erscheinungswelt scheint damit in den Rang einer objektiven physiologischen Tatsache gerückt. Für Helmholtz sind die Empfindungen bereits keine Abbilder der Gegenstände mehr, sondern - wegen der Verfremdung des Ausgangsreizes auf seinem Weg bis zu seiner Umsetzung in eine Bewußtseinstatsache im Zentralhirn - bloße Zeichen oder Symbole für die Dinge an sich, an denen hier immerhin noch festgehalten wird; im Neukantianismus werden sie meist als Inkonsequenz Kants eliminiert.

Paradoxerweise ist hier ein subjektiver Idealismus, der in Sinneswahrnehmung und ihrem Inhalt keine Welt-, sondern nur eine Bewußtseinstatsache zu sehen vermag, das Kind jenes Materialismus, der mit der Reduktion der Außenwelt auf Atome, mechanische Vorgänge und Größen, Farbe, Wärme und Klang ganz in das Subjekt hineinzunehmen zwingt.

Ebenso paradox mutet es an, daß die Vorstellungen des Atomismus schließlich durch die Atomphysik und ihre Vorgeschichte erschüttert werden. Um die Jahrhundertwende kommt es zur sogenannten Krise der Physik: Die Theorie des elektromagnetischen Feldes, die Entdeckung der Röntgenstrahlen, der Radioaktivität, die Erkenntnis, daß die Masse eines Körpers von seiner Geschwindigkeit abhängt, werden damals von zahlreichen Natur- und anderen Wissenschaftlern als eine Art "Verschwinden der Materie“ gedeutet, die nun selber erklärungsbedürftig wird. Ihr Begriff wird von dem der Energie abhängig, als deren Manifestation sie erscheint. Die "Atome“, die jetzt im Experiment, an Folgephänomenen, "greifbar“ werden, widersprechen in allem den seit der Antike hypothetisch angenommenen Eigenschaften des Atoms: "Sie können Materie durchdringen. Diese ist weitgehend ,leer‘. Sie sind nicht unteilbar, es gibt den radioaktiven ,Zerfall‘. Beim Versuch, die Lichterscheinungen zu erklären, kommt man auf Schwingungen, die bei materiellen Teilchen undenkbar sind; dabei treten völlig neuartige Zahlengesetze auf [...] Die praktisch unerschöpfliche Energieproduktion des Radiums widerspricht einem Grundsatz der Energetiker, der nur durch Zusatzannahmen erhalten blieb. Wellen können sich teilchenartig, Teilchen wellenartig verhalten. Meistens ist eine exakte Kenntnis der ,klassischen‘ Bestimmungsgrößen, wie Geschwindigkeit, Ort, Masse usw., grundsätzlich undenkbar. Die ,Unschärfe­relation‘. In gewissen Fällen muß man sogar von Identitätsverlust sprechen.“[25]

Die moderne Physik, deren Atome so unsinnlich geworden sind, daß die Möglichkeit, ihnen wenigstens primäre Qualitäten beizulegen, nicht in Sicht ist, scheint das Scheitern der Lehre von den zwei Qualitätsarten zu besiegeln. So schreibt Werner Heisenberg: "Bei Demokrit hatten die Atome die Qualitäten, wie Farbe, Geschmack usw. verloren, es war ihnen nur die Raumausfüllung geblieben; geometrische Aussagen über die Atome galten als zulässig und bedurften keiner weiteren Analyse. In der modernen Physik verlieren die Atome auch noch diese letzte Eigenschaft, sie besitzen die geometrischen Qualitäten nicht in höherem Maße als die anderen: Farbe, Geschmack usw.“[26]

Mit den destruktiven praktischen Möglichkeiten der Atomtechnik scheint die theoretische Unmöglichkeit zu korrespondieren, auf das Atom eine Welterklärung zu bauen: Der Versuch, durch den Aufweis letzter Weltelemente materieller Art den Halt am an sich Seienden zu finden, scheint in der schlechten Unendlichkeit der Versuche zu münden, mit immer größeren Maschinen (Teilchenbeschleunigern) und immer teureren Forschungsprojekten immer kleinere Teilchen zu finden.

Schienen die naturwissenschaftlichen Tatsachen im 19. Jahrhundert für sich selbst zu sprechen, so erwies sich im 20. immer mehr ihre Interpretationsbedürftigkeit.

Die von Lobatschewski und Riemann geschaffenen nicht-euklidischen Geometrien führten in der Konsequenz zu einer Wandlung der Vorstellungen über Raum und Zeit gegenüber der Newtonschen Physik. Einsteins Relativitätstheorie zeigt die wechselseitige Abhängigkeit von Raum und Zeit auf: die Gleichzeitigkeit von Ereignissen ist dieser Theorie zufolge nicht mehr absolut, sondern relativ.

Die Spektralanalyse wies nach, daß die Himmelskörper im Prinzip aus den gleichen chemischen Elementen bestehen wie die Erde. Durch die "geniale Verbindung“ (Steiner)[27] dieser Spektralanalyse mit dem Dopplerschen Prinzip entsteht zum ersten Mal ein, die räumlich-materiellen Verhältnisse wirklich adäquat erfassendes, Bild des Universums. Schien die Spektralanalyse einerseits die These vom materiellen Charakter der Welt zu stützen, so führte sie andererseits zur Erschütterung des Glaubens an die Ewigkeit des räumlich unendlichen materiellen Universums. Astronomische Beobachtungen zeigten, daß die Spektren von "Sternen­nebeln“ außerhalb unserer Galaxis in der Regel eine Verschiebung in Richtung der größeren Wellenlängen ("Rotverschiebung“) aufweisen, was auf ein Sich-voneinander-Entfernen von Lichtquelle und Empfänger hindeutet. Daran wurde die Vermutung geknüpft, daß sich die "Nebel“ vom Standpunkt jeglichen Beobachters wegbewegen, und zwar um so schneller, je weiter sie von ihm entfernt sind. Aus dieser Theorie vom expandierenden Universum wird manchmal gefolgert, das Universum müsse einst auf unendlich kleinem Raum konzentriert gewesen sein und zu irgendeinem Zeitpunkt müsse ein "Urknall“ als Beginn der Ausdehnung stattgefunden haben.

Damit ist im Rahmen der naturwissenschaftlichen Debatte selbst ein mögliches Argument gegen die Unentstandenheit der Materie aufgetaucht. Und auch die Unvergänglichkeit der Bewegung der Materie wurde auf einmal mit naturwissenschaftlichen Argumenten angezweifelt: Der Entropiesatz der Thermodynamik, wonach sich in Wärme umgewandelte Energieformen nicht gänzlich zurückverwandeln lassen, führte zur Prognose eines Wärme- (oder besser Kälte-)Todes des Universums. Mit einem gewissen Recht wurde dagegen allerdings auch wieder geltend gemacht, der Entropiesatz gelte nur für endliche und geschlossene Systeme und seine Extrapolation auf das Weltall (durch Thomson und Clausius) enthalte die stillschweigende Voraussetzung von dessen Endlichkeit.[28]

Das, was um die Jahrhundertwende vielfach als "Krise des Materialismus“ empfunden wurde, war keine bloß physikalische Frage, sondern hing auch mit der Unzufriedenheit in bezug auf die materialistische Ableitbarkeit des Seelischen zusammen, die sich besonders im Zusammenhang mit dem "Studium gewisser abnormer Erscheinungen des Seelenlebens, des Hypnotismus, der Suggestion, des Somnambulismus“[29] artikulierte. Die Freudsche Psychoanalyse und die gesamte Tiefenpsychologie versuchen der Spezifik des Psychischen stärker Rechnung zu tragen und es nicht auf Nerven- und Hirnprozesse zu reduzieren. Obwohl von manchen deswegen als Idealist betrachtet bzw. gescholten, hat wohl gerade Freud mit seinem Ansatz einen Versuch der "Überwindung des Materialismus im Rahmen des materialistischen Paradigmas selbst“ unternommen: Auch bei ihm entsteht Geist aus Ungeistigem, als Sublimationsprodukt aus triebhaften, naturhaften Energien. C. G. Jung dagegen sah sich genötigt, bewußt den Anschluß an "esoterische“ Traditionen zu suchen, in denen noch mit der Wirklichkeit des Geistigen gerechnet wurde.[30]



[1] Bloch 1978, S. 7.

[2] zit. n. Vorländer I (1963), S. 16.

[3] Capelle 1963, S. 437.

[4] Georg Unger 1979, S. 47.

[5] Vgl. MEW-Erg. Bd. 1, S. 297.

[6] Vgl. Holzkamp 1973, S. 78, Scheurle 1984.

[7] Buhr/Klaus 1974, S. 748.

[8] G. Unger, S. 48.

[9] zit. nach Oisermann 1972, S. 273.

[10] Goethe, Dichtung u. Wahrheit, 11. Buch, S. 36.

[11] nach Bloch, S. 55.

[12] Bloch, S. 47.

[13] Zit. n. GA 60, Vortr. v. 26. 1. 1911.

[14] Kant 1974, S. 550f.

[15] Goethe (Kürschner), 5. Bd., S. 272 (Anm. Steiners).

[16] Hegel, Logik I, S. 205.

[17] Hegel, Enzyklopädie, S. 200.

[18] Schelling 1957, S. 8f.

[19] Meyers Enz., Art. "Materialismus“.

[20] nach Störig I (1979), S. 159.

[21] Buhr/Klaus, S. 748.

[22] Bloch, S. 163.

[23] Buhr/Klaus, a.a.O.

[24] MEW 20, S. 217. Zur Darstellung der naturwissenschaftlichen Entwicklung vgl. Konstantinow 1972, S. 89ff., und Bernal 1970.

[25] G. Unger, S. 50.

[26] Heisenberg 1959, nach Thürkauf 1980, S. 194.

[27] Steiner, GA 60, Vortr. 16. 3. 1911.

[28] Vgl. Buhr/Klaus, S. 1283f. Auch Wetter 1977, S. 32ff. gibt zu, daß sich auf den Entropiesatz allein keine Materialismus-Kritik bauen läßt.

[29] GA 11,S. 11f.

[30] Vgl. Wehr 1972.


Marxismus und Anthroposophie
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