Christoph Strawe: Marxismus und Anthroposophie - I. Teil: Materie und Bewusstsein
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4. Der Marxismus zum Wesen der menschlichen Erkenntnis

In Selbstdarstellungen der marxistischen Erkenntnistheorie wird unterstrichen, ihre Grundlage sei die Anerkennung der objektiven Realität als unabhängig von Bewußtsein und Empfindung: Gegen­stand der Erkenntnis sei die Materie und ihre Dialektik. Für den Materialisten sei das faktisch Gegebene die in den Empfindungen abgebildete Außenwelt, während für den subjektiven Idealisten nur die Empfindung ,,gegeben“ sei: Ihm werde die Welt zum Empfindungsaggregat. ,,Für den Agnostiker ist ebenfalls die Empfindung ,unmittelbar gegeben‘, er geht aber nicht darüber hinaus, weder zur materialistischen Anerkennung der Realität der Außenwelt, noch der idealistischen Behauptung, daß die Welt unsere Empfindung sei.“[1]

Indem man den dialektischen Materialismus und die materialistische Dialektik zur Grundlage der Erkenntnistheorie erklärt und dieser damit inhaltliche Aussagen über Materie und Bewußtsein, Bewegung und ihre Gesetze usw. vorschaltet, die vor aller erkenntnistheoretischen Reflexion gewiß sein sollen, ist die Frage nach dem Wesen der Erkenntnis eigentlich vorab beantwortet. Der marxistischen Erkenntnistheorie bleibt die Aufgabe der näheren Ausführung und der Untersuchung einer Reihe von Einzelfragen unter den gemachten Voraussetzungen. Diese Voraussetzungen aber sollen Erkenntnisse darstellen, also Bestandteil dessen sein, was Erkenntnistheorie gerade zu hinterfragen, in seinem Wert zu beleuchten, in seinem Vollzug zu beobachten hat. Begründet wird diese Herangehensweise, die sich gegenüber dem Vorwurf der Zirkelhaftigkeit rechtfertigen muß, damit, daß ohnehin ,,sich eine voraussetzungslose Erkenntnistheorie als unmöglich erweisen“ muß.[2] Denn Erkenntnis, neues Wissen, werde als Resultat der praktischen Tätigkeit gewonnen: die praktische Wechselwirkung des Subjekts ,,menschliche Gesellschaft“ und des Objekts ,,Natur“ sei der Schlüssel zum Verständnis der Erkenntnis.

Im gesellschaftlichen Arbeitsprozeß wird das Objekt Natur den Bedürfnissen dieser Menschen entsprechend verändert. Die Arbeit schafft jedoch, wie Marx sagt, nicht nur einen Gegenstand für das Subjekt, sondern auch ein Subjekt für den Gegen­stand: In der Subjekt-Objekt-Dialektik erwerben sich die Menschen ihre zweite Natur, - Kultur, Zivilisation.[3] Die erkenntnismäßige Subjekt-Objekt-Relation gilt nur als Teilmoment des gesellschaftlichen Lebensprozesses, in dem die Menschen durch Arbeit in einem Stoffwechselprozeß mit der Natur ihre Existenzmittel erzeugen müssen. Außerhalb der Gesellschaft gebe es kein Subjekt der Erkenntnis, und der Erkenntnisprozeß habe gesellschaftlichen Charakter. Auf den naheliegenden Einwand, daß nicht die Gesellschaft als solche, sondern Individuen - Pythagoras, Newton usw. - erkennen, hat man die Antwort parat, daß das Niveau der Erkenntnis nicht durch die natürlichen und indi­viduellen Besonderheiten der Menschen bestimmt werde, sondern vor allem durch die gesellschaftlichen Bedingungen und Möglichkeiten. Newton habe eben - bei aller Genialität - die Relativitätstheorie nicht schaffen können: das war beim damals gegebenen Stand der Wissenschaft und Technik unmöglich.

Erkenntnis ist eine Relation zwischen Subjekt und Objekt, wobei als Objekt jener Teil der objektiven Realität aufzufassen ist, mit dem das Subjekt in eine praktische bzw. erkenntnismäßige Wechselwirkung getreten ist. Was Objekt wird, hängt also immer auch vom Grad der Naturbeherrschung, von der Entwicklung der Gesellschaft ab. Mehr noch, die sinnlich-gegebene Welt ist in gewissem Maße sogar Produkt des menschlichen Handelns, das die Natur immer weiter überformt. Praxis wird im Marxismus aufgefaßt als gegenständlich-materielle Tätigkeit; die materielle Beziehung zur Welt erscheint als die für den Menschen primäre, er selber als ein primär materielles Wesen. Daß er über Bewußtsein und Willen verfügt, beeinflusse seine Wechselwirkung mit den Naturdingen zwar wesentlich, ändere aber nichts an ihrem materiellen Charakter.[4]

Alle Formen der Tätigkeit basieren für den Marxismus letztlich auf dem Arbeitsprozeß. Das heißt nicht, daß man die Praxis schlicht auf materielle Produktionstätigkeit reduziert - man sieht vielmehr, daß dadurch der Mensch in ein bloß ökonomisches Wesen verwandelt würde, dessen Bewußtsein rein technischen Charakter hätte. Dem Menschen als künstlerisch-schöpferischem Wesen z.B. würde das nicht gerecht. Der Begriff „basieren“ bedeutet in bezug auf das letztere nur, daß man betont, es sei die Arbeit, die die Hand so vervollkommnet habe, daß sie schließlich die Fähigkeit erlangte, ,Paganinische Musik und Thorvaldsensche Statuen‘ hervorzubringen.[5]

Quelle der Entwicklung der Erkenntnis sind also die praktischen gesellschaftlichen Bedürfnisse und Notwendigkeiten. Die so sich ergebende sozialökonomische Abhängigkeit des Erkenntnisprozesses, sein historischer Charakter, schließt indes für den Marxismus eine gewisse Eigengesetzlichkeit, eine relative Selbständigkeit nicht aus. Dadurch erklärt man sich auch, daß Erkenntnis der Praxis vorauseilen, zukünftige Entwicklungen vorweg-nehmen, ja im Zuge der heutigen Verwissenschaftlichung der Produktion industrielle Praxis in gewissem Sinne sogar erst möglich machen kann. Andererseits verliere ein Denken, das sich gegenüber der Praxis übermäßig verselbständigt, seinen Realitätsbezug und seine Objektivität.

Ein zweiter Schlüsselbegriff der marxistischen Erkenntnistheorie ist der Begriff der Widerspiegelung. Das Wissen soll die objektive Realität widerspiegeln, das „im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle“ sein.[6] Die Metapher von der Widerspiegelung bedeutet nicht, daß das Wissen als tote Kopie, passiver Abklatsch oder mechanischer Abdruck der Dinge aufgefaßt wird, sie soll nur den objektiven Inhalt des Wissens hervorheben. Widerspiegelung wird dialektisch gefaßt, als Prozeß, als schöpferische, zielgerichtete Tätigkeit des Subjekts, das mit seinen Wahrnehmungsmustern und Denkformen an die Welt herantritt: Erkenntnis ist ,Aneignung der Wirklichkeit durch den denkenden Kopf‘.[7] Bei letztinstanzlicher Determination durch das Objekt geht das Subjekt in seinem physiologisch-biologisch und sozialhistorisch doppelbestimmten Widerspiegelungsprozeß relativ frei mit den ideellen Abbildern des Objekts und seiner einzelnen Seiten um, wobei die Ziele und Wünsche des Menschen, das jeweilige erkenntnisleitende Interesse, eine Rolle spielen. Sogar in bezug auf mögliche Dinge hält man den Terminus Widerspiegelung für anwendbar.

„In dem Augenblick, wo wir die Dinge, je nach den Eigenschaften, die wir in ihnen wahrnehmen, zu unserem eigenen Gebrauch anwenden, in demselben Augenblick unterwerfen wir unsere Sinneswahrnehmungen einer unfehlbaren Probe auf ihre Richtigkeit oder Unrichtigkeit“, schreibt Engels: „Waren diese Wahrnehmungen unrichtig, dann muß auch unser Urteil über die Verwendbarkeit eines solchen Dings unrichtig sein, und unser Versuch, es zu verwenden, muß fehlschlagen. Erreichen wir aber unseren Zweck, finden wir, daß das Ding unseren Vorstellungen von ihm entspricht, daß es das leistet, wozu wir es anwandten, dann ist dies positiver Beweis dafür, daß innerhalb dieser Grenzen unsere Wahrnehmungen von dem Ding und seinen Eigenschaften mit der außer uns bestehenden Wirklichkeit stimmen [...]“[8] Man müsse die Erkenntnis als Abbild auffassen, denn “Zeichen und Symbole“ seien „auch in bezug auf eingebildete Gegenstände durchaus möglich“, sagt Lenin zur Rechtfertigung der Widerspiegelungstheorie.[9]

Eine relative Berechtigung wird dem Begriff des Zeichens aber im Zusammenhang mit der Sprache, der Existenzform des Wissens, zuerkannt. Zeichen, auch nichtsprachliche wie Verkehrszeichen, Noten etc., verweisen auf Gegenstände, Ereignisse, Handlungen, - darin liegt das, was wir die Bedeutung der Zeichen nennen.

Entscheidende Bedeutung in der Erkenntnistheorie kommt dem Wahrheitsproblem zu. Wie kommt Wahrheit zustande und was ist ihr Kriterium? Der Marxismus akzeptiert die Adäquationsthese, nach der wahres Wissen durch seine Übereinstimmung mit der Sache, die erkannt werden soll, bestimmt ist, fordert aber zugleich, diese Definition zu präzisieren: Objektive Wahrheit muß ein Wissen sein, dessen Inhalt weder vom Menschen noch von der Menschheit abhängt[10] - was vom Menschen abhängt, ist nur die Form: Wahrheit ist eine Eigenschaft von Aussagen. Sie ist keine Frage der „Denk­ökonomie“, wie Ernst Mach meinte. Die Wahr­heitsfrage ist mehr als die Frage der angewandten Erkenntnismethoden, sie ist auch nicht mit dem Hinweis auf den Nutzen abzutun. Zwar ist das Stre­ben nach Vereinfachung legitim, aber das Denken ist letztlich nur dann ökonomisch, „wenn es die objektive Wahrheit richtig widerspiegelt“.[11] - Die deutliche Abgrenzung, die Lenin damit von jeder utilitaristischen, positivistischen oder pragmatistischen Wahrheitskonzeption vornimmt, ist von manchen Kritikern des Marxismus übersehen worden.

Der Marxismus anerkennt eine Dialektik von absoluter und relativer Wahrheit: Wir streben nach Vollständigkeit des Wissens, jedoch „[...] die Souveränität des Denkens verwirklicht sich in einer Reihe höchst unsouverän denkender Menschen“[12] Wer absolute Wahrheiten will, läuft einer Schimäre nach oder bringt es nur zu wenig informationshaltigen ‚Erkenntnissen‘ vom Typus ‚XY wurde im Jahr Z geboren‘. Aber in unserem relativ wahren Wissen, sind gewissermaßen Körnchen der absoluten Wahrheit enthalten. Der Skeptizismus bleibt einfach bei der Feststellung der Relativität des Wissens stehen, übersieht, daß die relative Wahrheit eben auch relative Wahrheit ist. Der Marxismus ist relativistisch nicht im Sinne der Leugnung der objektiven Wahrheit, sondern im Sinne der Anerkennung der geschichtlichen Bedingtheit der Grenzen der Annäherung unserer Kenntnisse an die absolute Wahrheit. Die Grenzen der Gültigkeit einer Aussage können durch die Entwicklung der Wissenschaft und der Technik enger oder weiter gezogen werden. Die permanente Überprüfung von Wissen in der Praxis muß immer wieder falsche Absolutsetzungen relativieren und eliminieren.[13]

Die Beweisbarkeit eines Satzes allein sei als Wahrheitskriterium nicht ausreichend, denn im Beweis trete das Wissen nicht aus seiner eigenen Sphäre heraus. Ein rein formales Wahrheitskriterium, wie es etwa die positivistische Kohärenztheorie der Wahrheit anbietet, sei ungenügend; auch dürfe man nicht die Denkgesetze als bloße Konvention auffassen, wenn man nicht den Gedanken der objektiven Wahrheit zerstören wolle. Eine rein empirische Begründung der Wahrheit gilt ebenfalls als unmöglich, da „die Empirie der Beobachtung allein“, wie Hume und Kant durchaus richtig gezeigt hätten, „nie die Notwendigkeit genügend beweisen“ kann: „Das ist so richtig, daß aus dem steten Aufgehen der Sonne des Morgens nicht folgt, sie werde morgen wieder aufgehen.“[14] Da die jeglicher Evidenz widersprechende Paradoxie nichts Ungewöhnliches für die heutige Wissenschaft sei, will man auch von einem Evidenzkriterium der Wahrheit nichts wissen. Einzig und allein in der menschlichen Tätigkeit, und zwar in der gesellschaftlich-historischen Praxis der ganzen Menschheit, sei ein Wahrheitskriterium letzter Instanz gegeben.

Die technische Machbarkeit, die experimentelle Reproduzierbarkeit eines Vorgangs aus seinen Existenzbedingungen beweist, daß unser Wissen das Ding an sich richtig widerspiegelt, und widerlegt jeden Agnostizismus. ,,[...] in der Praxis wird die Objektivität des Wissens zur sinnlichen Gewißheit.“[15] Man überwinde durch das Praxiskriterium die schlechte Unendlichkeit des Aufzählens von Beispielen und Tatsachen. Die Dampfmaschine bewies die These der Physik von der Umwandlung der Wärmeenergie in mechanische Energie, und ,,100 000 Dampfmaschinen bewiesen das nicht mehr als eine“.[16] Die Anwendung der Kernenergie sei der Beweis der objektiven Wahrheit der physikalischen Vorstellungen vom Aufbau des Atoms.

Andererseits ist man sich dessen bewußt, daß nicht jede Aussage unmittelbar praktisch überprüft werden kann, sondern nur gewisse entscheidende Glieder der formal-logischen Beweiskette. Das Praxis-Kriterium, so Lenin, könne dem Wesen der Sache nach niemals eine menschliche Vorstellung vollständig bestätigen oder widerlegen, sei zugleich aber auch „bestimmt genug“, „um gegen alle Spielarten des Idealismus und Agnostizismus einen unerbittlichen Kampf zu führen.“[17]

Der Marxismus will das Erkenntnisproblem konsequent dialektisch angehen. Das bedeutet zunächst einmal, Erkenntnis nicht für etwas Fertiges und Abgeschlossenes zu nehmen, sondern zu untersuchen, wie „Wissen aus Nicht-Wissen entsteht“, wie das Wissen vervollkommnet wird.[18] Erkenntnis entwickelt sich gemäß den drei Grundgesetzen jeglicher Entwicklung. Es wirkt in ihr das Gesetz des Qualitätsumschlags: Neue bahnbrechende Entdeckungen, durch Phasen des Sammelns von Beobachtungsmaterial vorbereitet, sind die „Sprünge“ in der Wissenschaftsentwicklung. Die Erkenntnis wird vom Kampf der Gegensätze vorangetrieben, zuallererst von der Dynamik des Subjekt-Objekt-Widerspruchs. Auch die Erkenntnis macht gemäß dem Gesetz der Negation der Negation eine Höherentwicklung durch. Gegensätzliche Ansichten und Theorien - z. B. die Korpuskel- und Wellentheorie des Lichts - werden in einer höheren Synthese zusammengefaßt. Die Kategorien der Dialektik sind nicht nur Instrumente der Erkenntnis der Welt, sondern auch auf die Erkenntnis selbst anwendbar, in der allgemeine und einzelne, formale und inhaltliche, wesentliche und unwesentliche Momente eine Rolle spielen.

Die Erkenntnistheorie soll Wechselwirkung und Zusammenhang der verschiedenen Seiten und Mo­mente des widersprüchlichen Erkenntnisprozesses bestimmen, darunter der sinnlichen und der rationalen. Mit dem Sensualismus teilt der Marxismus die Auffassung, daß die „Empfindungen tatsächlich die einzige Quelle unserer Kenntnisse“ sind[19]: die Sinnesorgane verbinden den Menschen mit der ob­jektiven Realität. Die Empfindung soll auf einer Wechselwirkung materieller Elemente, der Reizquelle und des Nerven-Sinnes-Systems beruhen, wobei das letztere zwar die Ausformung, nicht aber den Inhalt der Empfindung bestimmen soll. Es existiere eine evolutionsgeschichtlich bedingte ,Übereinstimmung‘ - was immer das heißen soll - zwischen den Angaben der Sinnesorgane und der objektiven Welt. Die Problematik solcher Aussagen wurde bereits im ersten Teil dieses Buches behandelt.

Wenn die Erkenntnis nach gängiger marxistischer Auffassung auch mit der lebendigen sinnlichen Anschauung beginnt, so soll das jedoch nicht für jeden einzelnen Erkenntnisakt gelten: Das Individuum geht immer schon von tradiertem Wissen aus und setzt vorhandene rationale Erkenntnismittel ein. Mit Hilfe der Denkformen geht das Wissen über die Grenze der anschaulichen Vorstellung hinaus. „Selbst ein so einfacher Satz wie ,die Rose ist rot‘ ist eine Form des Zusammenhangs von Empfindungen und Wahrnehmungen auf der Grundlage der Begriffe der Blume und der Farbe. Ohne Begriffe kann der Mensch seine sinnlichen Erfahrungen nicht sprachlich ausdrücken. Eben deshalb gibt es auch keine ,reine‘ sinnliche Anschauung. Beim Menschen ist sie immer vom Denken geprägt. Aber es gibt für den Marxismus auch kein ,reines‘ Denken, letzteres ist immer mit dem Anschauungsmaterial verbunden“ und verkörpert sich in Form anschaulicher Abbilder und Zeichen.“[20] Die Empfindung sei nur insofern unmittelbar, als sie uns mit der Dingwelt unmittelbar verbinde. Ansonsten sei unsere vermeintlich rein sinnliche Gewißheit immer bereits durch die vorausgegangene Praxis und die Sprache bedingt und vermittelt. So erscheint das Wissen als untrennbare Einheit von sinnlicher und rationaler Widerspiegelung der Wirklichkeit. Es enthält aber auch empirische und theoretische Momente.

Als Empirisches wird die Ebene des Wissens aufgefaßt, deren Inhalte im wesentlichen aus der Erfahrung, d.h. aus Beobachtung und Experiment stammen. Auf der theoretischen Wissensebene werde das Objekt tiefer erfaßt: Auch hier sind Sinnesdaten die Ausgangsbasis, aber das Objekt wird jetzt in bezug auf jene Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten widergespiegelt, die nicht durch die Erfahrung, sondern unmittelbar durch abstraktes Denken gewonnen werden, durch das die „sichtbare, bloß erscheinende Bewegung auf die innere wirkliche Bewegung“[21] reduziert wird. Solches Wissen ist nicht nur unanschaulich, sondern oft geradezu paradox.

Zwischen beiden Wissensebenen wird ein enger Zusammenhang gesehen: Theoretische Konstruktionen werden auf der Basis der Verallgemeinerung vorliegenden Wissens vorgenommen, d.h. gehen unmittelbar oder mittelbar auf ein empirisches Fun­dament zurück. Allerdings kann das theoretische Wissen die Erfahrungsdaten überflügeln, - die Existenz der Bakterien und der Anti-Teilchen beispiels­weise wurde vor ihrer experimentellen Entdeckung postuliert. Solche Beispiele sind kein Zufall, wendet man sich doch der Erfahrung nicht auf gut Glück zu, sondern meist, um eine theoretische Annahme bestätigt zu erhalten.

Man unterscheidet in der marxistischen Erkenntnistheorie die Wissensebenen nicht nur hinsichtlich der Art der Wissensgewinnung, sondern auch hinsichtlich der Einseitigkeit oder Allseitigkeit der Widerspiegelung. „Grundsätzlich hat das Wissen das Bestreben, konkret, d.h. vielseitig zu werden und das Objekt als Ganzheit zu erfassen. Die Konkretheit kann aber sehr verschieden sein.“[22] Die sinnliche Konkretheit ist verschwommen, das auf ihr begründete Wissen haftet an der Oberfläche der Dinge. Dabei kann die Erkenntnis aber nicht stehenbleiben, sie muß zur Herauslösung einzelner Seiten aus dem Ausgangskonkretum schreiten, wobei sie von allen anderen Seiten absehen, d.h. abstrahieren muß. Bei den dergestalt gewonnenen Abstraktionen ist aber wiederum nicht stehenzubleiben, das Denken muß nun wieder nach Vereinigung der einzelnen, abstraktiv gewonnenen Seiten streben und auf diesem Wege eine Konkretheit höherer Ordnung zu erreichen suchen.

Die Abstraktion gilt als eine der wichtigsten Methoden zum Erfassen des Gegenstandes: Beim Hervorheben einzelner Eigenschaften und Beziehungen der Dinge könne das Denken am Ende sogar von den Dingen und Erscheinungen selbst abstrahieren, denen diese Eigenschaften zukommen. Werde ,abstrakten Gegenständen‘ wie Weisheit, Schönheit, Güte usw. ein wesenhaftes Sein zuerkannt, gelange man zum Idealismus; - die Platonische Ideenwelt z. B. besteht nach Auffassung der Marxisten aus lauter hypostasierten Abstraktionen. Richtige Abstraktionen dagegen entfernten sich nicht von der Wirklichkeit, sondern näherten sich ihr.[23]

Bei der Zerlegung eines Gegebenen in abstrakte Bestimmungen, der Analyse, dienen diese zum Aufbau neuen konkreten Wissens. Die Denkbewegung, die dieses Wissen hervorbringt, nennt man das Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten. Diese Bewegung soll aber nicht, wie die der Hegelschen Idee, das Objekt selbst hervorbringen, sondern nur eine gedankliche Reproduktion desselben, die durch Synthese der abstrakten Bestimmungen entsteht. „Das Konkrete ist konkret“, so Marx, „weil es die Zusammenfassung vieler Bestimmungen ist, also Einheit des Mannigfaltigen. Im Denken erscheint es daher als Prozeß der Zusammenfassung, als Resultat, obgleich es der wirkliche Ausgangspunkt und daher auch der Ausgangspunkt der Anschauung und der Vorstellung ist. Im ersten Weg wurde die volle Vorstellung zu abstrakter Bestimmung verflüchtigt; im zweiten führen die abstrakten Bestimmungen zur Reproduktion des Konkreten im Wege des Denkens.“[24] Analyse und Synthese sind dialektisch verbunden.

Die Erkenntnis und ihr Gegenstand haben jeweils eine Geschichte, sind das, was sie geworden sind. Diese Gewordenheit kann durch zwei Erkenntnismethoden rekonstruiert werden, die logische (oder logisch-historische) und die historische im engeren Sinne, die man auch die real-historische genannt hat.[25] Die letztere geht streng chronologisch vor, wobei alles Einzelne und Besondere mitberücksichtigt wird. Dagegen systematisiert die logisch-historische Methode stärker, sie beginnt mit der entwickelten Form des Gegenstandes, das Historische wird durch das Prisma von Kategorien gesehen, beispielsweise durch das Prisma der die Entwicklung des Kapitalismus resümierenden Kategorien der Wissenschaft ,Politische Ökonomie‘. Dieses Verfahren führt oft einfacher zum Ziel. Man betont im Marxismus den Zusammenhang beider Methoden: Da die Kategorien im großen und ganzen die Entwicklung eines Gegenstandes zusammenfassen, ist die kategoriale Entwicklung keine spekulative Konstruktion. Wenn Marx das „Kapital“ mit der Analyse der „Ware“ beginnt, so ist dies die Zellenform, aus der sich die kapitalistischen Produktionsverhältnisse auch real entwickelt haben, nur daß diese Entwicklung nicht chronologisch nacherzählt wird. „Womit die Geschichte anfängt, damit muß der Gedankengang ebenfalls anfangen, und sein weiterer Fortgang wird nichts anderes sein, als das Spiegelbild, in abstrakter und theoretisch konsequenter Form, des historischen Verlaufs; ein korrigiertes Spiegelbild, aber korrigiert nach Gesetzen, die der historische Verlauf selbst an die Hand gibt, indem jedes Moment auf dem Entwicklungspunkt seiner Reife, seiner Klassizität betrachtet werden kann.“[26]

Allen Denkformen erkennt man historischen Charakter zu, insofern in ihnen die Geschichte der menschlichen Erkenntnis geronnen und enthalten sei. Die Denkformen können auf zweierlei Weise betrachtet werden: rein formal (traditionelle oder moderne formale Logik) und forminhaltlich (dialektisch-logisch). Die dialektische Logik interessiert sich vor allem für die Bewegung der Begriffe in der Entstehung des wissenschaftlichen Wissens.[27]

Den Anfang der Entstehung des Wissens macht für die marxistische Erkenntnistheorie die Problemstellung, eine erste Annäherung, oft eine geniale Vermutung oder Ahnung (die noch kein Wissen, aber auch schon kein reines Nicht-Wissen mehr ist, also einen Keimpunkt des Wissens darstellt). Durch die Problemstellung wird der Forschungsprozeß zielgerichtet. Das zweite ist die Tatsachenbasis, das gesicherte Wissen, das bleibt, selbst wenn erklärende Hypothesen zusammenbrechen. Tatsachensammlung, Beobachtung, Experiment auf der einen, - Vermutung, Hypothese, Theorie auf der anderen Seite - in dieser Spannung bewegt sich der Forschungsprozeß. Bei der Entstehung der Vermutung läßt sich - dies wird im Marxismus klar gesehen - der Begriff der Intuition nicht umgehen. Ohne Erfindungsgeist, ohne Kreativitat kann man nichts als mechanische Operationen hervorbringen. Die Intuition komme jedoch nicht aus dem Nichts, habe nichts Mystisches an sich; lange Suche gehe ihr voran, der Funke entstehe nach langer Reibung. Nur die Plötzlichkeit der Eingebung erzeuge den Schein einer übernatürlichen Erleuchtung, von der jedoch nicht die Rede sein dürfe.

Alle Überlegungen zur Dialektik des Erkenntnisprozesses machen die hervorragende Bedeutung der Methodenfrage deutlich. Hegel nannte die Methode das Bewußtsein über die Selbstbewegung des Inhalts, lehnte es also ab, das Methodenproblem bloß formal zu betrachten. Darin wird er für den Marxismus vorbildlich, dem es immer wieder um den inneren Zusammenhang der verschiedenen von der Wissenschaft angewandten Methoden geht. Die wissenschaftliche Methode stellt dabei nur dasjenige in entwickelter Gestalt dar, „was in einfacher Form jeder Mensch anwendet“.[28]

Das Wissen entwickelt sich auf der Grundlage der praktischen Tätigkeit und „dient ihr, insofern sie Urbilder möglicher und dem Menschen notwendiger Dinge und Prozesse schafft. Deshalb muß sich das Wissen letztlich als praktisch realisierbar erweisen.“[29] Dazu muß es die entsprechende Form erlangen, muß zur Idee werden, worunter man mit Hegel einen Gedanken versteht, „der die höchste Stufe von Objektivität, Vollständigkeit und Konkretheit erlangt hat und gleichzeitig auf praktische Realisierung zielt.“[30] In diesem Sinne könne man von der Idee der sozialistischen Revolution, der Idee der Eroberung des Weltraums usw. sprechen. Zur Realisierung einer Idee bedürfe es nicht nur der materiellen Mittel, sondern auch der Emotion und des Willens. Die Überzeugtheit von der Wahrheit einer Idee, der Notwendigkeit und realen Möglichkeit ihrer Realisierung spiele für die Motivation des Handelnden eine große Rolle. Auf bloßen Dogmenglauben hin, so kann man lesen, entsteht nicht jene innere Begeisterung und persönliche Überzeugtheit, ohne die nichts Großes in der Welt vollbracht wird.[31] Wahre Worte!

Die Fruchtbarkeit einer Idee stelle sich erst im Prozeß ihrer Vergegenständlichung heraus. Andererseits werde aber auch zurecht das Bestehende und bisher praktisch Erreichte an der Idee gemessen, das was ist, an dem, was sein soll, wobei immer zu fragen sei, ob die Nichtidentität von Realität und Idee den Unreife der Bedingungen, der mangelhaften Ausarbeitung der Idee oder anderen Faktoren geschuldet sei. Die Praxis verwirkliche die Ziele, die sich der Mensch aus seiner Rationalität heraus setze, habe aber auch ein nichtrationales Moment an sich: Es entsteht Neues, an das niemand gedacht hat, unerwünschte Nebeneffekte technischer Praxis in Form von Umweltbelastungen etwa, die die Menschen erst wieder beherrschen lernen müssen. Auch gehe das Denken über die bestehenden logischen Formen immer wieder hinaus und bewirke dadurch eine Entwicklung des Logischen.

In ihrer praktischen Bedeutung für den Menschen sind die Dinge „Güter“ oder „Werte“. Man darf nach marxistischer Auffassung Erkennen und Werten bei aller Gegensätzlichkeit nicht gänzlich auseinanderreißen, denn sie sind zwei Seiten einer Medaille.

Man weist darauf hin, daß Erkenntnisresultate nicht nur nach gnoseologischen Kriterien wie wahr, falsch, wesentlich, unwesentlich, wahrscheinlich, zuverlässig usw. eingeschätzt werden. Es wird auch nach dem Nutzen für den einzelnen und die Gesellschaft und nach der Anwendbarkeit gefragt, danach, welche geistig-sittlichen Bedürfnisse durch sie befriedigt werden.

Das Erkennen, so wird gesagt, strebe nach Herausarbeitung der Wahrheit in reiner Form, nach Widerspiegelung der Gegenstände, wie sie außerhalb von uns existieren, während beim wertenden Verhältnis zur Wirklichkeit die Beziehung der Gegen­stände zum Menschen in den Mittelpunkt gerückt wird: es spiele eine entscheidende Rolle vor allem im moralischen und künstlerischen Bereich. Natürlich setze das Werturteil voraus, daß man einen gewissen Erkenntnisbegriff von der zu bewertenden Sache hat.[32]

Die marxistische Auffassung des Verhältnisses von Erkennen und Werten hat vor allem deshalb immer wieder Anstoß erregt, weil sie unmittelbar politische Bedeutung gewonnen hat in der These von der Notwendigkeit proletarischer Parteilichkeit der Theorie, vom „Klassenstandpunkt“, ohne den es keine Objektivität und Wahrheit gebe. Die Kritiker des Marxismus haben hier häufig mit der Gegenthese eingehakt, Objektivität und Parteilichkeit müßten a priori ein Widerspruch sein, Aussagen über das Sein und solche über ein Sollen lägen auf Ebenen, zwischen denen kein Übergang stattfinde. In der Praxis ist die These von der Parteilichkeit im Marxismus sehr unterschiedlich aufgefaßt worden. Marx selbst spricht relativ allgemein davon, daß seine Theorie, sofern sie überhaupt die Interessen einer Klasse vertrete, nur die der Arbeiterklasse verfechten könne.[33] Darauf konnte man sich sowohl berufen, wenn es darum ging, soziale Verantwortung der Wissenschaft für die Unterprivilegierten zu postulieren, als auch bei der These von der Partei, die immer recht hat und die - in der Stalin-Ära - daraus das Recht ableitet, „Abweichler“ im Namen der durch das Politbüro ausgelegten Wahrheit zu verfolgen.

Heute liest es sich meist so, daß die von der „bürgerlichen Wissenschaft“ geforderte Wertfreiheit Heuchelei oder wenigstens Illusion sei; ein solcher Objektivismus verberge nur die bürgerlich-prokapitalistische Parteilichkeit: In einer klassengespaltenen Gesellschaft könne es keine über den Klassen schwebende Position geben, denn letztlich ordneten sich auch die geistigen Auseinandersetzungen in den Kontext des nationalen und internationalen Klassenkampfes ein. Man will allerdings zwischen Klassen-, Interessen- und Wahrheitsproblem hinsichtlich der Natur- und Sozialwissenschaften unterschieden sehen. Bei der ersteren seien die Ergebnisse unmittelbar klassen-neutral und nur hinsichtlich ihrer weltanschaulichen Interpretation parteilich zu behandeln. Diese Auffassung ist sicher auch die Frucht der Einsicht in die schädlichen gesellschaftlichen, vor allem auch ökonomischen Folgen, die ideologisch motivierte Eingriffe der Partei in den wissenschaftlichen Prozeß hatten, - man denke an den Fall Lyssenko und die Verdammung der Kybernetik als ,bürgerlich‘. Der Klassenstandpunkt allein, so die heute herrschende Meinung in den sozialistischen Ländern, verbürgt noch nicht die Wahrheit. Er soll nur die Voraussetzung vorurteilsloser Forschung sein: Nur das Proletariat, weil objektiv an grundlegender gesellschaftlicher Veränderung interessiert, habe keine klassenbedingten Erkenntnisscheuklappen in bezug auf die Aufdeckung der Gesetze der Geschichte. Anders die Bourgeoisie, die zwar Naturwissenschaft und Technik zu entwickeln bestrebt sei, aber an gesamtsoziologischer Erkenntnis desinteressiert, da sie sich darüber täuschen wolle, daß ihr gesellschaftliches System zum Untergang verurteilt.


[1] LW 14, S. 105. Vgl. zu diesem Kapitel insgesamt Konstantinow, S. 181-250.

[2] Marxistische Philosophie, S. 502.

[3] Vgl. Grundrisse, S. 14. Zur Subjekt-Objekt-Dialektik auch Lektorski 1968.

[4] S. Konstantinow, S. 188.

[5] MEW 20, S. 446. S. a. Erg.bd. 1, S. 517.

[6] MEW 23, S. 27.

[7] Grundrisse, S. 22.

[8] MEW 19, S. 530.

[9] LW 14, S. 233.

[10] ibd., S. 116.

[11] ibd., S. 166.

[12] Engels, MEW 20, S. 80.

[13] Vgl. LW 14, S. 129, 132.

[14] Engels, MEW 20, S. 497.

[15] Konst., S. 104, vgl. MEW 20, S. 498; MEW 21, S. 27Sf.

[16] MEW 20, S. 496.

[17] LW 14, S. 137.

[18] ibd., S. 96.

[19] ibd., S. 121.

[20] Konst., S. 207.

[21] MEW 25, S. 324.

[22] Konst., 214.

[23] Vgl. LW 38, S. 160.

[24] Grundrisse, S. 22.

[25] Vgl. Holzkamp 1974.

[26] Engels, MEW 13, S. 47S.

[27] Zur „dialektischen Logik“ vgl. Kopnin 1970.

[28] Konst., S. 236.

[29] ibd. 230.

[30] ibd.

[31] ibd. 230f.

[32] S. a. MEW Erg.bd. 1, S. S38.

[33] MEW 23, S. 22.


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