4.
Der Marxismus zum Wesen der menschlichen Erkenntnis
In
Selbstdarstellungen der marxistischen Erkenntnistheorie wird
unterstrichen, ihre Grundlage sei die Anerkennung der objektiven
Realität als unabhängig von Bewußtsein und Empfindung: Gegenstand
der Erkenntnis sei die Materie und ihre Dialektik. Für den
Materialisten sei das faktisch Gegebene die in den Empfindungen
abgebildete Außenwelt, während für den subjektiven Idealisten nur
die Empfindung ,,gegeben“ sei: Ihm werde die Welt zum
Empfindungsaggregat. ,,Für den Agnostiker ist ebenfalls die
Empfindung ,unmittelbar gegeben‘, er geht aber nicht darüber
hinaus, weder zur materialistischen Anerkennung der Realität der Außenwelt,
noch der idealistischen Behauptung, daß die Welt unsere Empfindung
sei.“[1] Indem man den
dialektischen Materialismus und die materialistische Dialektik zur
Grundlage der Erkenntnistheorie erklärt und dieser damit inhaltliche
Aussagen über Materie und Bewußtsein, Bewegung und ihre Gesetze usw.
vorschaltet, die vor aller erkenntnistheoretischen Reflexion gewiß
sein sollen, ist die Frage nach dem Wesen der Erkenntnis eigentlich
vorab beantwortet. Der marxistischen Erkenntnistheorie bleibt die
Aufgabe der näheren Ausführung und der Untersuchung einer Reihe von
Einzelfragen unter den gemachten Voraussetzungen. Diese
Voraussetzungen aber sollen Erkenntnisse darstellen, also Bestandteil
dessen sein, was Erkenntnistheorie gerade zu hinterfragen, in seinem
Wert zu beleuchten, in seinem Vollzug zu beobachten hat. Begründet
wird diese Herangehensweise, die sich gegenüber dem Vorwurf der
Zirkelhaftigkeit rechtfertigen muß, damit, daß ohnehin ,,sich eine
voraussetzungslose Erkenntnistheorie als unmöglich erweisen“ muß.[2]
Denn Erkenntnis, neues Wissen, werde als Resultat der
praktischen Tätigkeit gewonnen: die praktische Wechselwirkung des
Subjekts ,,menschliche Gesellschaft“ und des Objekts ,,Natur“ sei
der Schlüssel zum Verständnis der Erkenntnis. Im gesellschaftlichen
Arbeitsprozeß wird das Objekt Natur den Bedürfnissen dieser Menschen
entsprechend verändert. Die Arbeit schafft jedoch, wie Marx sagt,
nicht nur einen Gegenstand für das Subjekt, sondern auch ein Subjekt
für den Gegenstand: In der Subjekt-Objekt-Dialektik erwerben sich
die Menschen ihre zweite Natur, -
Kultur, Zivilisation.[3]
Die erkenntnismäßige Subjekt-Objekt-Relation gilt nur als
Teilmoment des gesellschaftlichen Lebensprozesses, in dem die Menschen
durch Arbeit in einem Stoffwechselprozeß mit der Natur ihre
Existenzmittel erzeugen müssen. Außerhalb der Gesellschaft gebe es
kein Subjekt der Erkenntnis, und der Erkenntnisprozeß habe
gesellschaftlichen Charakter. Auf den naheliegenden Einwand, daß
nicht die Gesellschaft als solche, sondern Individuen - Pythagoras,
Newton usw. - erkennen,
hat man die Antwort parat, daß das Niveau der Erkenntnis nicht durch
die natürlichen und individuellen Besonderheiten der Menschen
bestimmt werde, sondern vor allem durch die gesellschaftlichen
Bedingungen und Möglichkeiten. Newton habe eben - bei aller Genialität
- die Relativitätstheorie nicht schaffen können: das war beim damals
gegebenen Stand der Wissenschaft und Technik unmöglich. Erkenntnis ist eine
Relation zwischen Subjekt und Objekt, wobei als Objekt jener Teil der
objektiven Realität aufzufassen ist, mit dem das Subjekt in eine
praktische bzw. erkenntnismäßige Wechselwirkung getreten ist. Was
Objekt wird, hängt also immer auch vom Grad der Naturbeherrschung,
von der Entwicklung der Gesellschaft ab. Mehr noch, die
sinnlich-gegebene Welt ist in gewissem Maße sogar Produkt des
menschlichen Handelns, das die Natur immer weiter überformt. Praxis
wird im Marxismus aufgefaßt als gegenständlich-materielle Tätigkeit;
die materielle Beziehung zur Welt erscheint als die für den Menschen
primäre, er selber als ein primär materielles Wesen. Daß er über
Bewußtsein und Willen verfügt, beeinflusse seine Wechselwirkung mit
den Naturdingen zwar wesentlich, ändere aber nichts an ihrem
materiellen Charakter.[4] Alle Formen der Tätigkeit
basieren für den Marxismus letztlich auf dem Arbeitsprozeß. Das heißt
nicht, daß man die Praxis schlicht auf materielle Produktionstätigkeit
reduziert - man sieht vielmehr, daß dadurch der Mensch in ein bloß
ökonomisches Wesen verwandelt würde, dessen Bewußtsein rein
technischen Charakter hätte. Dem Menschen als künstlerisch-schöpferischem
Wesen z.B. würde das nicht gerecht. Der Begriff „basieren“
bedeutet in bezug auf das letztere nur, daß man betont, es sei die
Arbeit, die die Hand so vervollkommnet habe, daß sie schließlich die
Fähigkeit erlangte, ,Paganinische Musik und Thorvaldsensche
Statuen‘ hervorzubringen.[5] Quelle der
Entwicklung der Erkenntnis sind also die praktischen
gesellschaftlichen Bedürfnisse und Notwendigkeiten. Die so sich
ergebende sozialökonomische Abhängigkeit des Erkenntnisprozesses,
sein historischer Charakter, schließt indes für den Marxismus eine
gewisse Eigengesetzlichkeit, eine relative Selbständigkeit nicht aus.
Dadurch erklärt man sich auch, daß Erkenntnis der Praxis
vorauseilen, zukünftige Entwicklungen vorweg-nehmen, ja im Zuge der
heutigen Verwissenschaftlichung der Produktion industrielle Praxis in
gewissem Sinne sogar erst möglich machen kann. Andererseits verliere
ein Denken, das sich gegenüber der Praxis übermäßig verselbständigt,
seinen Realitätsbezug und seine Objektivität. Ein zweiter Schlüsselbegriff
der marxistischen Erkenntnistheorie ist der Begriff der Widerspiegelung. Das Wissen soll die objektive Realität
widerspiegeln, das „im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte
Materielle“ sein.[6]
Die Metapher von der Widerspiegelung bedeutet nicht, daß das
Wissen als tote Kopie, passiver Abklatsch oder mechanischer Abdruck
der Dinge aufgefaßt wird, sie soll nur den objektiven Inhalt des
Wissens hervorheben. Widerspiegelung wird dialektisch gefaßt, als
Prozeß, als schöpferische, zielgerichtete Tätigkeit des Subjekts,
das mit seinen Wahrnehmungsmustern und Denkformen an die Welt
herantritt: Erkenntnis ist ,Aneignung der Wirklichkeit durch den
denkenden Kopf‘.[7]
Bei letztinstanzlicher Determination durch das Objekt geht das
Subjekt in seinem physiologisch-biologisch und sozialhistorisch
doppelbestimmten Widerspiegelungsprozeß relativ frei mit den ideellen
Abbildern des Objekts und seiner einzelnen Seiten um, wobei die Ziele
und Wünsche des Menschen, das jeweilige erkenntnisleitende Interesse,
eine Rolle spielen. Sogar in bezug auf mögliche Dinge hält man den
Terminus Widerspiegelung für anwendbar. „In dem Augenblick,
wo wir die Dinge, je nach den Eigenschaften, die wir in ihnen
wahrnehmen, zu unserem eigenen Gebrauch anwenden, in demselben
Augenblick unterwerfen wir unsere Sinneswahrnehmungen einer
unfehlbaren Probe auf ihre Richtigkeit oder Unrichtigkeit“, schreibt
Engels: „Waren diese Wahrnehmungen unrichtig, dann muß auch unser
Urteil über die Verwendbarkeit eines solchen Dings unrichtig sein,
und unser Versuch, es zu verwenden, muß fehlschlagen. Erreichen wir
aber unseren Zweck, finden wir, daß das Ding unseren Vorstellungen
von ihm entspricht, daß es das leistet, wozu wir es anwandten, dann
ist dies positiver Beweis dafür, daß innerhalb dieser Grenzen unsere
Wahrnehmungen von dem Ding und seinen Eigenschaften mit der außer uns
bestehenden Wirklichkeit stimmen [...]“[8]
Man müsse die Erkenntnis als Abbild auffassen, denn “Zeichen und
Symbole“ seien „auch in bezug auf eingebildete Gegenstände
durchaus möglich“, sagt Lenin zur Rechtfertigung der
Widerspiegelungstheorie.[9] Eine relative
Berechtigung wird dem Begriff des Zeichens aber im Zusammenhang mit
der Sprache, der Existenzform des Wissens, zuerkannt. Zeichen, auch
nichtsprachliche wie Verkehrszeichen, Noten etc., verweisen auf
Gegenstände, Ereignisse, Handlungen, - darin liegt das, was wir die
Bedeutung der Zeichen nennen. Entscheidende
Bedeutung in der Erkenntnistheorie kommt dem Wahrheitsproblem zu. Wie
kommt Wahrheit zustande und was ist ihr Kriterium? Der Marxismus
akzeptiert die Adäquationsthese, nach der wahres Wissen durch seine
Übereinstimmung mit der Sache, die erkannt werden soll, bestimmt ist,
fordert aber zugleich, diese Definition zu präzisieren: Objektive
Wahrheit muß ein Wissen sein, dessen Inhalt weder vom Menschen noch
von der Menschheit abhängt[10]
- was vom Menschen abhängt, ist nur die Form: Wahrheit ist eine
Eigenschaft von Aussagen. Sie ist keine Frage der „Denkökonomie“,
wie Ernst Mach meinte. Die Wahrheitsfrage ist mehr als die Frage der
angewandten Erkenntnismethoden, sie ist auch nicht mit dem Hinweis auf
den Nutzen abzutun. Zwar ist das Streben nach Vereinfachung legitim,
aber das Denken ist letztlich nur dann ökonomisch, „wenn es die
objektive Wahrheit richtig widerspiegelt“.[11]
- Die deutliche Abgrenzung, die Lenin damit von jeder
utilitaristischen, positivistischen oder pragmatistischen
Wahrheitskonzeption vornimmt, ist von manchen Kritikern des Marxismus
übersehen worden. Der Marxismus
anerkennt eine Dialektik von absoluter und relativer Wahrheit: Wir
streben nach Vollständigkeit des Wissens, jedoch „[...] die Souveränität
des Denkens verwirklicht sich in einer Reihe höchst unsouverän
denkender Menschen“[12]
Wer absolute Wahrheiten will, läuft einer Schimäre nach
oder bringt es nur zu wenig informationshaltigen ‚Erkenntnissen‘
vom Typus ‚XY wurde im Jahr Z geboren‘. Aber in unserem relativ
wahren Wissen, sind gewissermaßen Körnchen der absoluten Wahrheit
enthalten. Der Skeptizismus bleibt einfach bei der Feststellung der
Relativität des Wissens stehen, übersieht, daß die relative
Wahrheit eben auch relative Wahrheit
ist. Der Marxismus ist relativistisch nicht im Sinne der Leugnung
der objektiven Wahrheit, sondern im Sinne der Anerkennung der
geschichtlichen Bedingtheit der Grenzen der Annäherung unserer
Kenntnisse an die absolute Wahrheit. Die Grenzen der Gültigkeit einer
Aussage können durch die Entwicklung der Wissenschaft und der Technik
enger oder weiter gezogen werden. Die permanente Überprüfung von
Wissen in der Praxis muß immer wieder falsche Absolutsetzungen
relativieren und eliminieren.[13] Die Beweisbarkeit
eines Satzes allein sei als Wahrheitskriterium nicht ausreichend, denn
im Beweis trete das Wissen nicht aus seiner eigenen Sphäre heraus.
Ein rein formales Wahrheitskriterium, wie es etwa die positivistische
Kohärenztheorie der Wahrheit anbietet, sei ungenügend; auch dürfe
man nicht die Denkgesetze als bloße Konvention auffassen, wenn man
nicht den Gedanken der objektiven Wahrheit zerstören wolle. Eine rein
empirische Begründung der Wahrheit gilt ebenfalls als unmöglich, da
„die Empirie der Beobachtung allein“, wie Hume und Kant durchaus
richtig gezeigt hätten, „nie die Notwendigkeit genügend
beweisen“ kann: „Das ist so richtig, daß aus dem steten Aufgehen
der Sonne des Morgens nicht folgt, sie werde morgen wieder
aufgehen.“[14]
Da die jeglicher Evidenz widersprechende Paradoxie nichts
Ungewöhnliches für die heutige Wissenschaft sei, will man auch von
einem Evidenzkriterium der Wahrheit nichts wissen. Einzig und allein
in der menschlichen Tätigkeit, und zwar in der
gesellschaftlich-historischen Praxis der ganzen Menschheit, sei ein
Wahrheitskriterium letzter Instanz gegeben. Die technische
Machbarkeit, die experimentelle Reproduzierbarkeit eines Vorgangs aus
seinen Existenzbedingungen beweist, daß unser Wissen das Ding an sich
richtig widerspiegelt, und widerlegt jeden Agnostizismus. ,,[...] in
der Praxis wird die Objektivität des Wissens zur sinnlichen Gewißheit.“[15]
Man überwinde durch das Praxiskriterium die schlechte Unendlichkeit
des Aufzählens von Beispielen und Tatsachen. Die Dampfmaschine bewies
die These der Physik von der Umwandlung der Wärmeenergie in
mechanische Energie, und ,,100 000 Dampfmaschinen bewiesen das nicht
mehr als eine“.[16]
Die Anwendung der Kernenergie sei der Beweis der objektiven Wahrheit
der physikalischen Vorstellungen vom Aufbau des Atoms. Andererseits ist man
sich dessen bewußt, daß nicht jede Aussage unmittelbar praktisch überprüft
werden kann, sondern nur gewisse entscheidende Glieder der
formal-logischen Beweiskette. Das Praxis-Kriterium, so Lenin, könne
dem Wesen der Sache nach niemals eine menschliche Vorstellung vollständig
bestätigen oder widerlegen, sei zugleich aber auch „bestimmt
genug“, „um gegen alle Spielarten des Idealismus und Agnostizismus
einen unerbittlichen Kampf zu führen.“[17] Der Marxismus will
das Erkenntnisproblem konsequent dialektisch angehen. Das bedeutet zunächst
einmal, Erkenntnis nicht für etwas Fertiges und Abgeschlossenes zu
nehmen, sondern zu untersuchen, wie „Wissen aus Nicht-Wissen
entsteht“, wie das Wissen vervollkommnet wird.[18]
Erkenntnis entwickelt sich gemäß den drei Grundgesetzen
jeglicher Entwicklung. Es wirkt in ihr das Gesetz des Qualitätsumschlags:
Neue bahnbrechende Entdeckungen, durch Phasen des Sammelns von
Beobachtungsmaterial vorbereitet, sind die „Sprünge“ in der
Wissenschaftsentwicklung. Die Erkenntnis wird vom Kampf der Gegensätze
vorangetrieben, zuallererst von der Dynamik des
Subjekt-Objekt-Widerspruchs. Auch die Erkenntnis macht gemäß dem
Gesetz der Negation der Negation eine Höherentwicklung durch. Gegensätzliche
Ansichten und Theorien - z. B. die Korpuskel- und Wellentheorie des
Lichts - werden in einer höheren Synthese zusammengefaßt. Die
Kategorien der Dialektik sind nicht nur Instrumente der Erkenntnis der
Welt, sondern auch auf die Erkenntnis selbst anwendbar, in der
allgemeine und einzelne, formale und inhaltliche, wesentliche und
unwesentliche Momente eine Rolle spielen. Die Erkenntnistheorie
soll Wechselwirkung und Zusammenhang der verschiedenen Seiten und Momente
des widersprüchlichen Erkenntnisprozesses bestimmen, darunter der
sinnlichen und der rationalen. Mit dem Sensualismus teilt der
Marxismus die Auffassung, daß die „Empfindungen tatsächlich die
einzige Quelle unserer Kenntnisse“ sind[19]:
die Sinnesorgane verbinden den Menschen mit der objektiven Realität.
Die Empfindung soll auf einer Wechselwirkung materieller Elemente, der
Reizquelle und des Nerven-Sinnes-Systems beruhen, wobei das letztere
zwar die Ausformung, nicht aber den Inhalt der Empfindung bestimmen
soll. Es existiere eine evolutionsgeschichtlich bedingte ,Übereinstimmung‘
- was immer das heißen soll - zwischen den Angaben der Sinnesorgane
und der objektiven Welt. Die Problematik solcher Aussagen wurde
bereits im ersten Teil dieses Buches behandelt. Wenn die Erkenntnis
nach gängiger marxistischer Auffassung auch mit der lebendigen
sinnlichen Anschauung beginnt, so soll das jedoch nicht für jeden
einzelnen Erkenntnisakt gelten: Das Individuum geht immer schon von
tradiertem Wissen aus und setzt vorhandene rationale Erkenntnismittel
ein. Mit Hilfe der Denkformen geht das Wissen über die Grenze der
anschaulichen Vorstellung hinaus. „Selbst ein so einfacher Satz wie
,die Rose ist rot‘ ist eine Form des Zusammenhangs von Empfindungen
und Wahrnehmungen auf der Grundlage der Begriffe der Blume und der
Farbe. Ohne Begriffe kann der Mensch seine sinnlichen Erfahrungen
nicht sprachlich ausdrücken. Eben deshalb gibt es auch keine
,reine‘ sinnliche Anschauung. Beim Menschen ist sie immer vom Denken
geprägt. Aber es gibt für den Marxismus auch kein ,reines‘ Denken,
letzteres ist immer mit dem Anschauungsmaterial verbunden“ und verkörpert
sich in Form anschaulicher Abbilder und Zeichen.“[20]
Die Empfindung sei nur insofern unmittelbar, als sie uns mit der
Dingwelt unmittelbar verbinde. Ansonsten sei unsere vermeintlich rein
sinnliche Gewißheit immer bereits durch die vorausgegangene Praxis
und die Sprache bedingt und vermittelt. So erscheint das Wissen als
untrennbare Einheit von sinnlicher und rationaler Widerspiegelung der
Wirklichkeit. Es enthält aber auch empirische
und theoretische Momente. Als Empirisches wird
die Ebene des Wissens aufgefaßt, deren Inhalte im wesentlichen aus
der Erfahrung, d.h. aus Beobachtung und Experiment stammen. Auf der
theoretischen Wissensebene werde das Objekt tiefer erfaßt: Auch hier
sind Sinnesdaten die Ausgangsbasis, aber das Objekt wird jetzt in
bezug auf jene Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten widergespiegelt,
die nicht durch die Erfahrung, sondern unmittelbar durch abstraktes
Denken gewonnen werden, durch das die „sichtbare, bloß erscheinende
Bewegung auf die innere wirkliche Bewegung“[21]
reduziert wird. Solches Wissen ist nicht nur unanschaulich, sondern
oft geradezu paradox. Zwischen beiden
Wissensebenen wird ein enger Zusammenhang gesehen: Theoretische
Konstruktionen werden auf der Basis der Verallgemeinerung vorliegenden
Wissens vorgenommen, d.h. gehen unmittelbar oder mittelbar auf ein
empirisches Fundament zurück. Allerdings kann das theoretische
Wissen die Erfahrungsdaten überflügeln, -
die Existenz der Bakterien und der Anti-Teilchen beispielsweise
wurde vor ihrer experimentellen Entdeckung postuliert. Solche
Beispiele sind kein Zufall, wendet man sich doch der Erfahrung nicht
auf gut Glück zu, sondern meist, um eine theoretische Annahme bestätigt
zu erhalten. Man unterscheidet in
der marxistischen Erkenntnistheorie die Wissensebenen nicht nur
hinsichtlich der Art der Wissensgewinnung, sondern auch hinsichtlich
der Einseitigkeit oder Allseitigkeit der Widerspiegelung. „Grundsätzlich
hat das Wissen das Bestreben, konkret, d.h. vielseitig zu werden und
das Objekt als Ganzheit zu erfassen. Die Konkretheit kann aber sehr
verschieden sein.“[22]
Die sinnliche Konkretheit ist verschwommen, das auf ihr begründete
Wissen haftet an der Oberfläche der Dinge. Dabei kann die Erkenntnis
aber nicht stehenbleiben, sie muß zur Herauslösung einzelner Seiten
aus dem Ausgangskonkretum schreiten, wobei sie von allen anderen
Seiten absehen, d.h. abstrahieren muß. Bei den dergestalt gewonnenen
Abstraktionen ist aber wiederum nicht stehenzubleiben, das Denken muß
nun wieder nach Vereinigung der einzelnen, abstraktiv gewonnenen
Seiten streben und auf diesem Wege eine Konkretheit höherer Ordnung
zu erreichen suchen. Die Abstraktion gilt
als eine der wichtigsten Methoden zum Erfassen des Gegenstandes: Beim
Hervorheben einzelner Eigenschaften und Beziehungen der Dinge könne
das Denken am Ende sogar von den Dingen und Erscheinungen selbst
abstrahieren, denen diese Eigenschaften zukommen. Werde ,abstrakten
Gegenständen‘ wie Weisheit, Schönheit, Güte usw. ein wesenhaftes
Sein zuerkannt, gelange man zum Idealismus; -
die Platonische Ideenwelt z. B. besteht nach Auffassung der
Marxisten aus lauter hypostasierten Abstraktionen. Richtige
Abstraktionen dagegen entfernten sich nicht von der Wirklichkeit,
sondern näherten sich ihr.[23] Bei der Zerlegung
eines Gegebenen in abstrakte Bestimmungen, der Analyse, dienen diese
zum Aufbau neuen konkreten Wissens. Die Denkbewegung, die dieses
Wissen hervorbringt, nennt man das Aufsteigen vom Abstrakten zum
Konkreten. Diese Bewegung soll aber nicht, wie die der Hegelschen
Idee, das Objekt selbst hervorbringen, sondern nur eine gedankliche
Reproduktion desselben, die durch Synthese der abstrakten Bestimmungen
entsteht. „Das Konkrete ist konkret“, so Marx, „weil es die
Zusammenfassung vieler Bestimmungen ist, also Einheit des
Mannigfaltigen. Im Denken erscheint es daher als Prozeß der
Zusammenfassung, als Resultat, obgleich es der wirkliche Ausgangspunkt
und daher auch der Ausgangspunkt der Anschauung und der Vorstellung
ist. Im ersten Weg wurde die volle Vorstellung zu abstrakter
Bestimmung verflüchtigt; im zweiten führen die abstrakten
Bestimmungen zur Reproduktion des Konkreten im Wege des Denkens.“[24]
Analyse und Synthese sind dialektisch verbunden. Die Erkenntnis und
ihr Gegenstand haben jeweils eine Geschichte, sind das, was sie
geworden sind. Diese Gewordenheit kann durch zwei Erkenntnismethoden
rekonstruiert werden, die logische (oder logisch-historische) und die
historische im engeren Sinne, die man auch die real-historische
genannt hat.[25]
Die letztere geht streng chronologisch vor, wobei alles Einzelne
und Besondere mitberücksichtigt wird. Dagegen systematisiert die
logisch-historische Methode stärker, sie beginnt mit der entwickelten
Form des Gegenstandes, das Historische wird durch das Prisma von
Kategorien gesehen, beispielsweise durch das Prisma der die
Entwicklung des Kapitalismus resümierenden Kategorien der
Wissenschaft ,Politische Ökonomie‘. Dieses Verfahren führt oft
einfacher zum Ziel. Man betont im Marxismus den Zusammenhang beider
Methoden: Da die Kategorien im großen und ganzen die Entwicklung
eines Gegenstandes zusammenfassen, ist die kategoriale Entwicklung
keine spekulative Konstruktion. Wenn Marx das „Kapital“ mit der
Analyse der „Ware“ beginnt, so ist dies die Zellenform, aus der
sich die kapitalistischen Produktionsverhältnisse auch real
entwickelt haben, nur daß diese Entwicklung nicht chronologisch
nacherzählt wird. „Womit die Geschichte anfängt, damit muß der
Gedankengang ebenfalls anfangen, und sein weiterer Fortgang wird
nichts anderes sein, als das Spiegelbild, in abstrakter und
theoretisch konsequenter Form, des historischen Verlaufs; ein
korrigiertes Spiegelbild, aber korrigiert nach Gesetzen, die der
historische Verlauf selbst an die Hand gibt, indem jedes Moment auf
dem Entwicklungspunkt seiner Reife, seiner Klassizität betrachtet
werden kann.“[26] Allen Denkformen
erkennt man historischen Charakter zu, insofern in ihnen die
Geschichte der menschlichen Erkenntnis geronnen und enthalten sei. Die
Denkformen können auf zweierlei Weise betrachtet werden: rein formal
(traditionelle oder moderne formale Logik) und forminhaltlich
(dialektisch-logisch). Die dialektische Logik interessiert sich vor
allem für die Bewegung der Begriffe in der Entstehung des
wissenschaftlichen Wissens.[27] Den Anfang der
Entstehung des Wissens macht für die marxistische Erkenntnistheorie
die Problemstellung, eine erste Annäherung, oft eine geniale
Vermutung oder Ahnung (die noch kein Wissen, aber auch schon kein
reines Nicht-Wissen mehr ist, also einen Keimpunkt des Wissens
darstellt). Durch die Problemstellung wird der Forschungsprozeß
zielgerichtet. Das zweite ist die Tatsachenbasis, das gesicherte
Wissen, das bleibt, selbst wenn erklärende Hypothesen
zusammenbrechen. Tatsachensammlung, Beobachtung, Experiment auf der
einen, - Vermutung, Hypothese, Theorie auf der anderen Seite - in
dieser Spannung bewegt sich der Forschungsprozeß. Bei der Entstehung
der Vermutung läßt sich -
dies wird im Marxismus klar gesehen -
der Begriff der Intuition nicht umgehen. Ohne Erfindungsgeist,
ohne Kreativitat kann man nichts als mechanische Operationen
hervorbringen. Die Intuition komme jedoch nicht aus dem Nichts, habe
nichts Mystisches an sich; lange Suche gehe ihr voran, der Funke
entstehe nach langer Reibung. Nur die Plötzlichkeit der Eingebung
erzeuge den Schein einer übernatürlichen Erleuchtung, von der jedoch
nicht die Rede sein dürfe. Alle Überlegungen
zur Dialektik des Erkenntnisprozesses machen die hervorragende
Bedeutung der Methodenfrage deutlich. Hegel nannte die Methode das
Bewußtsein über die Selbstbewegung des Inhalts, lehnte es also ab,
das Methodenproblem bloß formal zu betrachten. Darin wird er für den
Marxismus vorbildlich, dem es immer wieder um den inneren Zusammenhang
der verschiedenen von der Wissenschaft angewandten Methoden geht. Die
wissenschaftliche Methode stellt dabei nur dasjenige in entwickelter
Gestalt dar, „was in einfacher Form jeder Mensch anwendet“.[28] Das Wissen entwickelt
sich auf der Grundlage der praktischen Tätigkeit und „dient ihr,
insofern sie Urbilder möglicher und dem Menschen notwendiger Dinge
und Prozesse schafft. Deshalb muß sich das Wissen
letztlich als praktisch
realisierbar erweisen.“[29]
Dazu muß es die entsprechende Form erlangen, muß zur Idee
werden, worunter man mit Hegel einen Gedanken versteht, „der die höchste
Stufe von Objektivität, Vollständigkeit und Konkretheit erlangt hat
und gleichzeitig auf praktische Realisierung zielt.“[30]
In diesem Sinne könne man von der Idee der sozialistischen
Revolution, der Idee der Eroberung des Weltraums usw. sprechen. Zur
Realisierung einer Idee bedürfe es nicht nur der materiellen Mittel,
sondern auch der Emotion und des Willens. Die Überzeugtheit von der
Wahrheit einer Idee, der Notwendigkeit und realen Möglichkeit ihrer
Realisierung spiele für die Motivation des Handelnden eine große
Rolle. Auf bloßen Dogmenglauben hin, so kann man lesen, entsteht
nicht jene innere Begeisterung und persönliche Überzeugtheit, ohne
die nichts Großes in der Welt vollbracht wird.[31]
Wahre Worte! Die Fruchtbarkeit
einer Idee stelle sich erst im Prozeß ihrer Vergegenständlichung
heraus. Andererseits werde aber auch zurecht das Bestehende und bisher
praktisch Erreichte an der Idee gemessen, das was ist, an dem, was
sein soll, wobei immer zu fragen sei, ob die Nichtidentität von
Realität und Idee den Unreife der Bedingungen, der mangelhaften
Ausarbeitung der Idee oder anderen Faktoren geschuldet sei. Die Praxis
verwirkliche die Ziele, die sich der Mensch aus seiner Rationalität
heraus setze, habe aber auch ein nichtrationales Moment an sich: Es
entsteht Neues, an das niemand gedacht hat, unerwünschte Nebeneffekte
technischer Praxis in Form von Umweltbelastungen etwa, die die
Menschen erst wieder beherrschen lernen müssen. Auch gehe das Denken
über die bestehenden logischen Formen immer wieder hinaus und bewirke
dadurch eine Entwicklung des Logischen. In ihrer praktischen
Bedeutung für den Menschen sind die Dinge „Güter“ oder
„Werte“. Man darf nach marxistischer Auffassung Erkennen und
Werten bei aller Gegensätzlichkeit nicht gänzlich auseinanderreißen,
denn sie sind zwei Seiten einer Medaille. Man weist darauf hin,
daß Erkenntnisresultate nicht nur nach gnoseologischen Kriterien wie
wahr, falsch, wesentlich, unwesentlich, wahrscheinlich, zuverlässig
usw. eingeschätzt werden. Es wird auch nach dem Nutzen für den
einzelnen und die Gesellschaft und nach der Anwendbarkeit gefragt,
danach, welche geistig-sittlichen Bedürfnisse durch sie befriedigt
werden. Das Erkennen, so wird
gesagt, strebe nach Herausarbeitung der Wahrheit in reiner Form, nach
Widerspiegelung der Gegenstände, wie sie außerhalb von uns
existieren, während beim wertenden Verhältnis zur Wirklichkeit die
Beziehung der Gegenstände zum Menschen in den Mittelpunkt gerückt
wird: es spiele eine entscheidende Rolle vor allem im moralischen und
künstlerischen Bereich. Natürlich setze das Werturteil voraus, daß
man einen gewissen Erkenntnisbegriff von der zu bewertenden Sache hat.[32] Die marxistische
Auffassung des Verhältnisses von Erkennen und Werten hat vor allem
deshalb immer wieder Anstoß erregt, weil sie unmittelbar politische
Bedeutung gewonnen hat in der These von der Notwendigkeit
proletarischer Parteilichkeit der Theorie, vom
„Klassenstandpunkt“, ohne den es keine Objektivität und Wahrheit
gebe. Die Kritiker des Marxismus haben hier häufig mit der Gegenthese
eingehakt, Objektivität und Parteilichkeit müßten a priori ein
Widerspruch sein, Aussagen über das Sein und solche über ein Sollen
lägen auf Ebenen, zwischen denen kein Übergang stattfinde. In der
Praxis ist die These von der Parteilichkeit im Marxismus sehr
unterschiedlich aufgefaßt worden. Marx selbst spricht relativ
allgemein davon, daß seine Theorie, sofern sie überhaupt die
Interessen einer Klasse vertrete, nur die der Arbeiterklasse
verfechten könne.[33]
Darauf konnte man sich sowohl berufen, wenn es darum ging, soziale
Verantwortung der Wissenschaft für die Unterprivilegierten zu
postulieren, als auch bei der These von der Partei, die immer recht
hat und die - in der Stalin-Ära - daraus das Recht ableitet,
„Abweichler“ im Namen der durch das Politbüro ausgelegten
Wahrheit zu verfolgen. [1] LW 14, S. 105. Vgl. zu diesem Kapitel insgesamt Konstantinow, S. 181-250. [2] Marxistische Philosophie, S. 502. [3] Vgl. Grundrisse, S. 14. Zur Subjekt-Objekt-Dialektik auch Lektorski 1968. [4] S. Konstantinow, S. 188. [5]
MEW 20, S. 446. S. a. Erg.bd. 1, S. 517. [6] MEW 23, S. 27. [7] Grundrisse, S. 22. [8]
MEW 19, S. 530. [9]
LW 14, S. 233. [10]
ibd., S. 116. [11]
ibd., S. 166. [12] Engels, MEW 20, S. 80. [13]
Vgl. LW 14, S. 129, 132. [14]
Engels, MEW 20, S. 497. [15]
Konst., S. 104, vgl. MEW 20, S. 498; MEW 21, S. 27Sf. [16]
MEW 20, S. 496. [17]
LW 14, S. 137. [18]
ibd., S. 96. [19] ibd., S. 121. [20] Konst., S. 207. [21] MEW 25, S. 324. [22] Konst., 214. [23] Vgl. LW 38, S. 160. [24] Grundrisse, S. 22. [25]
Vgl. Holzkamp 1974. [26]
Engels, MEW 13, S. 47S. [27] Zur „dialektischen Logik“ vgl. Kopnin 1970. [28] Konst., S. 236. [29] ibd. 230. [30]
ibd. [31]
ibd. 230f. [32]
S. a. MEW Erg.bd. 1, S. S38. [33] MEW 23, S. 22.
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