3.
Steiner und die Grundprobleme der Dialektik
Steiners Haltung
zu Hegel ist differenzierter, als die Bemerkung in einem frühen Brief
an E. von Hartmann erwarten läßt, er glaube sich von Hegel "in gar
nichts zu unterscheiden, sondern nur einzelne Konsequenzen seiner
Lehre zu ziehen.“[1]
Auf der einen Seite legt er den Anthroposophen wiederholt Hegels
Dialektik als großartiges Mittel der Denkschulung ans Herz und
beklagt, daß der gesamten offiziellen Wissenschaft und den meisten
Zeitgenossen das dialektische Vermögen der soliden begrifflichen
Arbeit fehle. Auf der anderen Seite strebt er über das
Nur-Dialektische hinaus nach innerer Erfahrung[2],
die mehr ist als die Gehirnerlebnisse, als deren Mystiker er Hegel
einmal bezeichnet. Steiners Verhältnis
zu Hegel ist immer dort ein gespaltenes, wo dessen eigenes Verhältnis
zum Wert der menschlichen Individualität ein zwiespältiges ist: Zwar
gilt Hegel das Bewußtsein der Freiheit als Gradmesser des
historischen Fortschritts, zwar spricht er vom Selbstbewußtsein und
der Würde der Persönlichkeit. Jedoch sucht er den "Weltinhalt in
seiner höchsten Form nicht auf dem Grunde der menschlichen Persönlichkeit“[3],
sondern in einer unpersönlichen Weltidee und läßt sich das
individuelle Ich einer aus seinem eigenen Wesen geholten Abstraktion fügen.
Der einzelne, so Steiner, erscheint dem objektiven Geist gegenüber,
der sich in Recht, Staat, Sittennormen und sittlichen Institutionen
manifestiert, minderwertig und zufällig.[4] Auch wenn Steiner
Hegel den Philosophen der Goetheschen Weltanschauung nennt, will er
doch seiner Gedankenleistung nicht den gleichen Wert zuerkennen wie
der Goethes. Auch wenn beide die Beobachtung des Denkens und damit die
Selbstwahrnehmung hätten vermeiden wollen, so sei dieser Mangel doch
im Rahmen der Naturanschauung weniger ins Gewicht gefallen als bei der
Reflexion über die Ideenwelt selbst. Hegel bleibe wie festgebannt im
Zwischenreich der reinen Begriffe, zwischen physischer und geistiger
Welt stehen, ohne durch die Ideenwelt die Anschauung individuellen
Geist-Daseins zu suchen. Auf die existentiellen Fragen des Menschen
nach dem Wert und Sinn seines persönlichen Daseins, nach
Ungeborenheit und Unsterblichkeit gehe Hegel im Grunde nicht ein.[5] Steiners Auffassung
von der Entwicklung ist der gewöhnlich als dialektisch bezeichneten
dessen ungeachtet jedoch sehr verwandt: Die Entwicklung ist für ihn
nicht so flach und trivial, wie das, was man sich gewöhnlich unter
Widerspruchslosigkeit vorstellt, denn das Lebendige durchläuft
widersprechende Gestalten, und man muß die Einheit im Widerspruch
aufsuchen. Die Weltentwicklung,
so lehrt er, verläuft in Gegensätzen und nicht geradlinig. Das
Einfache ist vielfach das Spätere in der Evolution, die Umwege
einschließt und das Verschlungene erst begradigen muß. Die
Weltgeschichte wird immer wieder vorangetrieben durch Einschläge, die
einen qualitativen Sprung darstellen.[6]
Wo Steiner über die Hegelsche Dialektik hinausgeht, verwirft er
sie nicht, sondern hebt sie gewissermaßen dialektisch auf: das
Instrumentarium dialektisch-logischer Begriffskunst wird bei dem
Schritt zur seelischen Beobachtung nicht zurückgelassen. Steiners
Darstellung der Hegelschen Kategoriendialektik von Wesen und
Erscheinung in dem Vortrag "Das Bilden von Begriffen und die
Kategorienlehre Hegels“ ist ein schönes Beispiel für diesen
Ansatz: "Das Wesen“, sagt er dort, "ist das in sich aufgehaltene
Sein, das sich von sich selber durchdringende Sein [...] Das ,Wesen‘
ist das im Inneren arbeitende Sein [...] Wir sprechen vom Wesen des
Menschen, wenn wir seine höheren Glieder mit den niederen zusammen
anführen [...] Aus dem Begriff des Wesens gewinnen Sie den Begriff
der ,Erscheinung‘, des sich nach außen hin Manifestierens, das
Gegenteil des Wesens [..] Wenn aber inneres Wesen überfließt in die
Erscheinung, so daß die Erscheinung selbst das Wesen enthält, so
sprechen wir von ,Wirklichkeit‘. Kein dialektisch geschulter Mensch
wird den Begriff ,Wirklichkeit‘ anders aussprechen, als daß er
dabei denkt an ,Erscheinung‘ durchdrungen von ,Wesen‘“ [...] "Wesen ist das Sein, das in sich selber zu sich gekommen ist, das
sich manifestieren kann. Wir haben unser Wesen in uns, das arbeitet in
uns. Wenn wir aber den Begriff in uns arbeiten lassen so haben wir
etwas in uns, was nach außen weist“, objektiv ist -, "die Außenwelt
umspannt. So können wir von Wesen, Erscheinung und Wirklichkeit zum
,Begriff‘ aufsteigen.“[7] Wenn man genauer
verstehen will, welche Rolle die Figuren der "Negation“, des "Sprungs“ und des
"Widerspruchs“ für Steiner spielen, hat man
zunächst darauf zu sehen, wie er den Evolutionsbegriff durch die
Begriffe der "Involution“ und der "Devolution“ ergänzt. Für
Steiner existiert nicht nur ein außerer Strom der Evolution, der alle
Dinge und Wesen sich in eine unendliche ferne Zukunft hinein vorwärtsbewegen
läßt, sondern zugleich ein Gegenstrom, der ständig in den ersten
eingreift. Dieser Strom der "Involution“ ist vergangenheitswärts
gerichtet, in ihm senkt sich das Ewige ununterbrochen in die sichtbare
Realität ein. "Es involviert sich“, schreibt dazu E. Schuré, "so
der Geist, welcher im Keime die Zukunft enthält, in der Materie; die
Materie, welche den Geist empfängt, evolviert nach der Zukunft hin. Während
wir also blind einer unbekannten Zukunft entgegengehen, geht diese
Zukunft bewußt uns entgegen [...] Dergestalt ist die doppelte Bewegung der Zeit, die Ausatmung und
Einatmung der Weltseele, die von der Ewigkeit kommt und zur Ewigkeit
zurückkehrt.“[8]
Die "Devolution“ ist der dem Werden gegenüberstehende
Prozeß des Welkens, der Zurückbildung, der Auflösung und des
Absterbens. Diese "Aufhebung“ des Gewordenen schafft der Involution
und damit dem Einschlag des Neuen erst den Raum des Wirkens: Der Rückbildung
der äußeren Erscheinung entspricht ein Mächtigerwerden des
Wesenhaften.[9] Wir beachten den
vergangenheitswärts gerichteten Gegenstrom der "Involution“ gewöhnlich
nicht, weil wir gewohnt sind, das Spätere als Wirkung des Früheren
anzusehen, eine Denkart, die gegenüber der anorganischen, physischen
Welt auch berechtigt ist. Wenn eine rollende Kugel beispielsweise eine
zweite durch Anstoß in Bewegung setzt, dann ist deren Bewegung durch
Masse, Richtung und Geschwindigkeit der ersten eindeutig
vorherbestimmt. Dagegen kann man in der organischen Natur nicht mehr
in dieser Weise davon sprechen, daß ein Späteres das Resultat einer
früher stattgehabten äußeren Einwirkung sei. Der Same ist sowenig
die "Ursache“ der Blüte, wie die Ricke die "Wirkung“ des
Rebkitzes ist. Die verschiedenen Entwicklungsstadien sind hier Momente
eines sich selbst hervorbringenden, von innen heraus formenden Ganzen.
Die aktuelle Gestalt eines Organismus hängt mit ihrer zukünftigen
nicht weniger zusammen als mit ihrer früheren. Die gestaltbildenden
Kräfte übergreifen die vergehenden Entwicklungsphasen und erhalten
sich ihnen gegenüber; in diesen Kräften ist immer der gesamte
Entwicklungszyklus als Zeitorganismus anwesend. Insofern "widerspricht“
der Organismus den Gesetzen des Anorganischen und hebt sie zugleich in
sich auf. Während sich bei der Pflanze die bildenden Kräfte ganz in
der Ausbildung der äußeren Gestalt ausleben, setzt sich das
Lebendige des Tieres noch einmal zur Körperlichkeit in Widerspruch
und gebraucht sie als sein Werkzeug. Ein Zentrum bildet sich aus, ein
innerer Erlebnisraum, dem die Organe des Tiers dienen. Aus diesem
Zentrum heraus bewegt es sich und tritt zur Umwelt in eine seinen
Trieben entsprechende Beziehung, während sich das Pflanzendasein in
vollendetem Wachstum (Evolution) und erneuter Involution im Samen, der
die äußere Erscheinung auf ein Minimum reduziert, erschöpft.[10] Das Tier lebt in
einer instinktiven Einheit mit seiner Umwelt. Diese Einheit wird in
der menschlichen Existenzweise noch einmal negiert. Der Mensch ist als
Sinneswesen so organisiert, daß ihm die Weltelemente in einer
unverbundenen Form zufließen; er selbst muß als Erkennender und
Handelnder Einheit und Zusammenhang in seine Welt bringen, muß sich
seinen Weg zur Wirklichkeit erst bahnen. Dieser Wirklichkeitsaufbau
geschieht vermittels des Denkens. Dieses muß die Negation der
Wirklichkeit durch die menschliche Organisation in einer Negation der
Negation wieder aufheben, das organische Eigenleben zurückdrängen
und sich selbst an dessen Stelle setzen. Im Denken kann das "Gesetz
der doppelten Strömung“ zur inneren Erfahrung werden: Der
Denkinhalt ist überzeitlich, d.h. ein jeder Begriff drückt in seiner
Allgemeinheit nicht nur die aktuell bestehenden, sondern auch die
vergangenen und zukünftigen Ausprägungen der gemeinten
Gattungshaftigkeit aus. Insofern in der Aktualisierung eines Begriffs
der in der Zeit verlaufende Denkakt von dem Inhalt, auf den er zielt,
rückbestimmt ist, hat er an dessen Überzeitlichkeit teil; das Denken
ist in einen "durch sich selbst bestimmten“, d.h. keiner zwingenden
äußeren Notwendigkeit unterstehenden und gleichwohl gesetzmäßigen "Zusammenhang einlaufendes Hervorbringen“.[11]
In der Rückbestimmung des Denkakts durch den Denkinhalt ist das
Denken vergangenheitswärts, vom Resultat her bestimmt, das sich in
ihm, wie Hegel sagt, selbst hervorbringt. Zukunftswärts ist an
den Wesen nur das erfaßbar, was sie von außen modifiziert. Insofern
die zukunftswärts entstehende Erscheinung durch Vergänglichkeit
charakterisiert ist, erfaßt man in dieser Richtung letztlich nicht
das Lebendige, sondern nur das Tote. Das Innerliche der Wesen, in dem
die Zukunft sich in das Gegenwärtige einsenkt, erfährt man nur "vergangenheitswärts“.
Das sich der Vergänglichkeit gegenüber Erhaltende ist im Mineral
noch nicht zur äußeren Gestaltung, in der Pflanze noch nicht zum
Erleben und im Tier noch nicht zum individuellen Selbstbewußtsein
gekommen. In bezug auf das Einzeltier und seine inneren Erlebnisse ist
der Tod abstrakte Negation, hebt nicht dieses Erleben in ein höheres
Erleben auf, sondern setzt ihm ein Ende: Das Tierseelische erhält
sich nur als Kollektivpsyche der Gattung. Im Menschen dagegen ist das
sich erhaltende Wesenhafte im geistigen Ich als echte, aus der Zukunft
entspringende Schöpferkraft selbst anwesend. Jede wahrhaft freie
menschliche Handlung ist nur durch sich selbst bedingt und so eine
Involution des Geistes in die Materie, deren kausale Gesetzmäßigkeit
sie benutzt, um gewissermaßen als Schöpfung aus dem Nichts etwas zu
verwirklichen, was aufgrund dieser Gesetze allein nie eingetreten wäre. Für den Menschen ist
der Tod nicht Ende, sondern Lebenswandlung. Er hebt die Erfahrungen
eines Lebens in das im Denken eines Menschen wirkende Wesenhafte auf
und bildet dadurch die Keimanlage für eine neue Biographie -
"Man stirbt [...]
am kommenden Leben“.[12] "Ohne
Schöpfung aus dem Nichts wäre nur Kreislauf, nicht Entwicklung“, so
Steiner.[13]
Das Neue ist eben das noch nicht Dagewesene, seine Entstehung ist immer ein Abbrechen der
materiellen Kontinuität, ein Sprung. Der Sprung ist der Ausdruck der
Überkausalität des die neue Qualität hervorrufenden Geschehens, das
immer einen geistigen Einschlag darstellt, ohne den die Negation des
Alten abstrakte, zerstörende Negation bliebe, keinen gerichteten,
aufwärtsstrebenden Charakter hätte. Die Sprengung des Maßes,
jenseits dessen Wachstum nicht mehr geordnet werden kann, läßt an
sich offen, ob "Desintegration oder der Sprung zu einem neuen
Ordnungsniveau auftreten“[14]
Alte Sinnbilder für das Gesetz des Abbrechens der
materiellen Kontinuität sind zwei ineinanderliegende Spiralen - das
Zeichen des "Krebses“ - oder das Füllen und die Eselin.[15]
In den verschiedenen Natur-reichen manifestiert sich dieses Gesetz in
verschiedener Weise: Der aus dem verfaulenden Samenkorn hervorgehende
Sproß ist materiell ebenso eine Neubildung, wie die Bildung der Blüte
ein Entwicklungssprung ist, "denn niemand könnte sie aus den
Gesetzen der vegetativen Teile vorausvorkünden, der sie nicht aus
Erfahrung kennte“.[16]
In der Evolution des Pflanzenreichs, soweit es von der Paläontologie
inzwischen erforscht ist, zeigen sich höchst bemerkenswerte Sprünge -
Entwicklungsreihen brechen ab, erst ein neuer Einschlag
setzt die Entwicklung fort und bringt Gestaltungen hervor, auf die
sich am Ende der vorhergehenden Periode bereits Andeutungen zeigen ("prophetische Formen“). Die neue Form entwickelt sich nicht allmählich,
sondern ist gleich zu Anfang einer neuen Periode dem Prinzip, dem
Bauplan nach mit allen wesentlichen Merkmalen da. So treten die Blütenpflanzen
(Angiospermen) plötzlich und zahlreich an verschiedenen Punkten der
Erde auf, jedoch nicht als physische Nachfahren der "prophetischen
Form“ der Bennettiteen (Nacktsamer, die bereits eine Art Blumenkrone
besaßen). Diese sterben vielmehr aus. "Das Neue knüpft an neue
Anfänge an, von welchen wir aus dem paläontologischen Fundmaterial
keine Kunde empfangen.“ In der menschlichen
Psyche entstehen fortwährend Schöpfungen aus dem Nichts, insofern
nicht nur die Tatsachen der Welt zu inneren Erlebnissen führen,
sondern auch die Relationen zwischen den Tatsachen, die der Mensch
selbst herstellt, etwa die freudige Beziehung, in die er sich zu einer
Tatsache bringt.[17]
Der Mensch hebt so das bloß Tatsächliche in immer neuen durch ihn
gestifteten Zusammenhängen auf und schafft durch sein Handeln
qualitativ Neues. Für Steiner ist das
Verhältnis des menschlichen Denkens zur Wirklichkeit weder das der
Widerspiegelung zu einem ungeistigen Widergespiegelten, noch gibt es für
ihn eine Identität der Bestimmungen des Denkens mit den äußeren
Tatsachen in dem Sinne, daß die ersteren "nicht rein ideelle seien,
sondern tatsächliche“[18],
ein Mißverständnis, das bei Hegel nicht konsequent genug
vermieden ist. In Wahrheit könne von einer "Identität“ nur in dem
Sinne die Rede sein, daß im menschlichen Innern dieselben Wesenheiten
als Begriffe vorhanden sind, die in der Außenwelt als Naturgesetze
erscheinen. Diese könne man nicht aus der Logik deduzieren, und
insofern habe Marx Hegel in fruchtbarem Sinne verstanden, als er die
ökonomischen Gesetze in den ökonomischen Tatsachen selbst aufsuchte.
-
Eine Feststellung, ohne die Steiners Charakterisierung der
Marxschen Methode der Politischen Ökonomie als negatives
materialistisches Gegenbild der Hegelschen Logik unvollständig
bleiben muß.[19] Steiner reduziert
nicht die Welt auf die Tatsachen der Logik, sehr wohl aber anerkennt
er eine Logik der Tatsachen, in die das menschliche Denken
einzutauchen vermag. Dabei stößt er ebenso wie die Dialektiker auf
das Problem des Geltungsbereichs der von Aristoteles aufgewiesenen
Denkgesetze. Wie der Anthroposoph Carl Unger in seiner wertvollen
Abhandlung über dieses Problem schreibt, wird das wichtigste
Aristotelische Denkgesetz, der Satz der Identität, gewöhnlich so
verstanden, daß er letztlich besagt: Wenn A einmal aus einem
zureichenden Grunde als B bezeichnet worden ist, dann hat es dabei zu
bleiben.[20]
Dies ist auch durchaus richtig in bezug auf die Logik des Raumes: Da
kann niemals etwas an die Stelle eines anderen treten, ohne es
aufzuheben. Begriffsreihen, bei denen sich nebengeordnete Begriffe im
Sinne der Kontradiktion oder Kontrarietät ausschließen, gipfeln
letztlich alle in den Oberbegriffen: Körper - Ausdehnung - Raum. Die
Beine eines Stuhls sind nicht der Sitz, die Rückenlehne ist nicht mit
den Seitenlehnen identisch, alles ist hübsch nebeneinander angeordnet
und schließt das andere aus. Anders verhält es sich mit Same,
Stengel, Blüte und Frucht einer Pflanze, denn zu deren Wesen gehört
es gerade, daß das eine aus dem anderen wird. Man kann davon abstrahieren und nur den Umstand berücksichtigen,
daß auch eine Pflanze ein Körper im Raum ist, aber dann hat man das
Spezifische des Pflanzlichen schon aus dem Auge verloren. Um diesem
gerecht zu werden, müssen die unter den Oberbegriff Pflanze fallenden
Begriffe so gedacht werden, daß sie einen in sich zurücklaufenden
Kreis bilden: Same - Stengel - Blüte - Frucht - Same usw.; vom
Pflanzenbegriff muß zu den Begriffen des Lebewesens und der Zeit
aufgestiegen werden. Begriffe und Begriffsreihen, bei denen das
Zeitverhältnis das wesentliche ist, folgen einer Logik, in der der
Satz der Identität nicht gilt und der (räumliche) Widerspruch zu
Recht besteht. "Für den Grundsatz der Identität tritt in dem
Begriff des Werdens der Widerspruch am schärfsten hervor, weil er nur
durch das völlige Ineinandertauchen von Sein und Anderssein zu
vollziehen ist. Der Begriff des Werdens verlangt, daß wir an keiner
Stelle des Übergangs vom Einen zum Anderen einen Einschnitt“
denken, "wo wir sagen können, auf der einen Seite sei das Eine, auf
der anderen das Andere.“[21]
Für das Tierische ist eine noch höhere Logik erforderlich als die
Logik der Zeit. In der Logik des Raums, des Nebeneinander, schließt
jeder Begriff das ihm andere aus, in der Logik des Nacheinander schließt
er das ihm andere ein; kommt das Leben nach inneren Antrieben hinzu,
wirkt jeder Begriff durch das ihm andere (Logik des Wegeneinander).
Der Mensch unterliegt als körperliches Wesen der Logik des
Nebeneinander, als belebtes der des Nacheinander, als beseeltes der
des Wegeneinander, als Ich schafft er sich selbst aus dem ihm anderen:
das ist die Logik des Selbstbewußtseins. In dieser Logik münden alle
Begriffsreihen in den Begriff des Begriffs. Dieser ist der Inbegriff
aller Denkmöglichkeiten oder die Fähigkeit zu denken, das reine Ich.
In diesem Ich strebt der Mensch über sich hinaus, "um sich als
schaffendes Wesen zu vollenden.“[22] Das gewöhnliche
Denken, so Steiner, bleibt bei der Logik des Raumes stehen, führt das
Zeitliche auf das Räumliche zurück. Das ist auch für das gewöhnliche
Leben ganz berechtigt: z. B. machen wir die Zeit gerade durch die räumlichen
Veränderungen der Uhrzeiger meßbar. "Wir haben im Grunde genommen
auch in unseren physikalischen Formeln denselben Vorgang. Kurz, wir
kommen darauf, daß das gewöhnliche Denken ein kombinierendes ist,
ein solches, das auseinanderliegende Begriffe zusammenfaßt. Dieses
Denken brauchen wir auch für die gewöhnliche Wissenschaft. Dasjenige
Denken aber, das zum Behufe der Erkenntnis höherer Welten hinzukommen
muß [...], das ist ein Denken, welches ich nennen möchte das
morphologische Denken, das Denken in Gestalten. Dieses Denken bleibt
nicht im Raume stehen, dieses Denken ist durchaus ein solches, welches
im Medium der Zeit so lebt, wie das andere Denken im Medium des
Raumes.“[23] Steiner zeigt, wie
sich erst vor einem solchen Hintergrund das alte
Nominalismus-Realismus-Streitthema befriedigend behandeln läßt: Dem
Nominalismus sind die Allgemeinbegriffe bloße Namen, weil niemand den
Löwen an sich oder das Dreieck im allgemeinen vorführen kann,
sondern nur spezielle Exemplare. Wie soll denn auch ein Dreieck
gleichzeitig spitzwinklig, stumpfwinklig usw. sein? Zunächst
erscheint es aussichtslos, ein allgemeines Dreieck hinzuzeichnen, "das alle Eigenschaften, alle Dreiecke enthält. Und weil es
aussichtslos nicht nur erscheint, sondern für das gewöhnliche
menschliche Denken auch ist, deshalb steht hier alle äußere
Philosophie an einer Grenzscheide [...]“[24]
Nun denke man aber ein Dreieck, bei dem man "jeder einzelnen Seite“
erlaubt, "daß sie sich nach jeder Richtung, wie sie will, bewegt.
Und zwar erlauben wir ihr, daß sie sich mit verschiedenen
Schnelligkeiten bewege [...] Man muß sich vorstellen, daß die Seiten
des Dreiecks fortwährend in Bewegung sind. Wenn sie in Bewegung sind,
dann kann ein rechtwinkliges oder ein stumpfwinkliges oder ein
spitzwinkliges Dreieck oder jedes andere gleichzeitig aus der Form der
Bewegungen hervorgehen [...] Der allgemeine Gedanke Dreieck ist das,
wenn man den Gedanken in fortwährender Bewegung hat, wenn er versatil
ist.“ Der unbewegliche Gedanke ist in der Tat nicht die in der
Wirklichkeit selbst wirkende Einheit in der Vielfalt, ihm gegenüber
hat der Nominalismus Recht. Bloß abstrakte Begriffe sind nicht mehr
als bloße Namen, denn Abstrahieren heißt eben, etwas aus seinem
wirklichen, lebendigen Zusammenhang herauszulösen und für sich zu
betrachten. "Gefordert wird von uns, wenn wir von dem speziellen
Gedanken aufsteigen sollen, daß wir den speziellen Gedanken in
Bewegung bringen, so daß der bewegte Gedanke der allgemeine Gedanke
ist, der von einer Form in die andere hineinschlüpft. Form, sage ich;
richtig gedacht ist: Das ganze bewegt sich und jedes einzelne, was da
herauskommt durch die Bewegung ist eine in sich geschlossene Form.“ Mit Goethes Begriffen
Urpflanze und Urtier kommt man "nur zurecht, wenn man sie beweglich
denkt. Wenn man diese Beweglichkeit aufnimmt, von der Goethe selbst
spricht, dann hat man nicht einen abgeschlossenen, in seinen Formen
begrenzten Begriff, sondern man hat das, was in seinen Formen lebt,
was durchkriecht in der ganzen Entwicklung des Tierreichs oder des
Pflanzenreichs, wie das Dreieck sich in ein spitzwinkliges oder ein
stumpfwinkliges verändert, und was bald ,Wolf‘ und ,Löwe‘, bald
,Käfer‘ sein kann, je nachdem die Beweglichkeit so eingerichtet
ist, daß die Eigenschaften sich abändern im Durchgehen durch die
Einzelheiten.“[25]
Es handelt sich hier nicht um ein spekulatives Deduzieren der
einzelnen profanen Pflanzen aus dem abstrakten Begriff Pflanze, wie es
Marx und Engels in der Passage "Zur Kritik der spekulativen
Konstruktion“ in der "Heiligen Familie“ zum Gegenstand der Kritik
machen.[26] Für die offenbare
Welt braucht man nur Erinnerungsvorstellungen für dasjenige, was man
in fester Form irgendwo gesehen hat, um sich zu orientieren. Aber
dieses Denken in geprägten Vorstellungen bleibt an der Oberfläche
der Dinge und verläuft in weitem Maße bloß in Worten. Ein Denken,
das tiefer dringt, stellt sich nicht von selbst ein, sondern will
errungen und erübt sein. G. Kühlewind beschreibt die Technik solchen
Übens, bei dem man sich auf eine reine Idee konzentriert, die keine
Erinnerungsmomente und Momente der Einzelwahrnehmung enthält, "sondern das ,Gemeinsame‘ ist, woran und wodurch wir erkennen, daß
alle entsprechenden individuellen Wahrnehmungsobjekte zu diesem
Begriff gehören.“[27]
So kann man bei der Konzentration auf das Thema "Trinkglas“
viele mögliche Ausführungen ersinnen, um deren Gemeinsames erfassen
zu lernen. Dieses wird nun Thema der Konzentration. Das Thema wird zunächst
noch in Worten gedacht, aber als Idee ist es kein ,Wörtliches‘
mehr. Eher ist es "Bild, aber keins, das einer sinnlichen Wahrnehmung
ähnlich wäre. Idee und Bild sind auf dieser Stufe eins, wie sie
ursprünglich eins waren, nämlich beim ersten Hervorbringen, beim
Schaffen eines Glases. Als Intuition waren Begriff und Bild, Idee und
Vorstellung ungeschieden.“ Der Begriff Urbild meint diese ursprüngliche
Einheit. Die - urbildhafte - Idee ist das Allgemeine in den
Erscheinungen, das Muster, nach dem die Sinnes-Dinge gebildet sind,
welches aber selbst nicht sinnlich erscheint, im Einzelnen und
Besonderen immer nur in einer seiner Schattierungen, Ausprägungen,
Momente usw. existiert. Steiner bezeichnet
ausdrücklich die aristotelische Lösung des Problems des
Zusammenhangs von Allgemeinem, Besonderem und Einzelnem als die gegenüber
der platonischen richtigere: Daß für den Menschen die Sinneswelt
eine Scheinwelt bleibt, wenn er sie nicht mit dem Licht der Ideen
beleuchtet, bedeutet nicht, daß nur den Ideen wahre Wirklichkeit
zukommt. "Nur im menschlichen Geiste können die Ideen ein selbständiges
Dasein haben. Aber in dieser Selbständigkeit kommt ihnen keine
Wirklichkeit zu. Bloß die Seele kann sie abtrennen von den
wahrnehmbaren Dingen, mit denen zusammen sie die Wirklichkeit
ausmachen.“[28] Für die bloße
Sinneserfahrung ist in zwei Dingen gleicher Gattung schlechthin nichts
Gemeinsames, dieses -
eben das Gesetz, nach dem zwei verschiedene Dinge gebildet
sind und das sie erst zu Gattungsexemplaren macht - erschließt sich
nur dem Denken. Gegenüber mathematischen "Gegenständen“ ist das
für unser heutiges Bewußtsein noch am ehesten nachzuvollziehen. Ein
vollkommener Kreis z.B. ist nirgends sinnlich-materiell gegeben, "aber allen kreisförmigen Gebilden liegt dieser gedachte Kreis als
ihr Gesetz zugrunde.“[29]
Gegenüber der Natur ist eine solche Einsicht schwieriger zu
erringen, aber zugleich der einzige Weg, der zum Wesen des Organischen
führt. Das Allgemeine in der Natur faßt Steiner mit Aristoteles als
die gattungs- und artbildende Kraft auf. Wenn wir in dem Lehrbuch "Grundlagen der marxistisch-leninistischen Philosophie“ als
Beispiel für eine objektive-reale Gemeinsamkeit zwischen Einzeldingen
die allgemeine Gestalt von Ahornblättern angeführt finden[30],
dann kann man da anschließen und sich klarmachen, daß das Gesetz,
nach dem diese Ahornblätter gebildet sind, nichts sinnlich Gegebenes
sein kann, sondern nur dem Auge des Geistes erscheint, das das
Allgemeine am einzelnen Fall erschaut, das Einzelne in die
Allgemeinheit erhebt. Man kann sich nun fernerhin klarmachen - und
wird dabei immer weiter von einer materialistischen "Lösung“ des
Universalienproblems weggeführt -, daß nicht nur der
Blattgestalt, sondern der Erscheinung, sagen wir des Spitzahorns, als
ganzer ein Bildegesetz zugrundeliegen muß, an dem wir erkennen, daß
die einzelnen Bäume dieser Spezies zugehören. Und wenn von einem
Bildegesetz gesprochen wird, dann bedeutet das, daß es sich um mehr
handeln muß, als um spezifische außerliche Merkmale, die in zufälliger
Weise verbunden sind. Es müßte sich um
ein Gesetz handeln, das durchschaubar macht, warum wir bei einem Ahorn
keine Früchte in der Form von Eicheln und keine Blätter wie bei der
Kastanie finden, sondern gerade jene Blatt- und Fruchtform, die wir
als Ahornblätter und -früchte erkennen. Die innere Notwendigkeit,
warum die ganze Gestalt so und nicht anders gebildet ist, müßte sich
durch jenes Gesetz enthüllen. Und in der Tat findet man, E. M.
Kranich hat das Beispiel beschrieben, wenn man die Formen nicht nur
registriert, sondern mit dynamischer Vorstellungskraft im Anschauen
nachgestaltet, ein Bildungsgesetz, das alle Gestaltungsgebärden
durchzieht und das man als "das harmonische In-Beziehung-Treten zum
umgebenden Raum und das gleichmäßige Sich-Eingliedern in diesen“
bezeichnen kann.[31]
Die relativ gleichmäßige Krone, die relativ gerade nach allen
Richtungen wachsenden und sich gabelig teilenden, d.h. mit der stärkeren
Ausdehnung der Krone zunehmend die Beziehung zum Umkreis aufnehmenden
Äste, die auffallend langen Stiele der Blätter, durch die die
Blattflächen relativ weit in die Umgebung der Sprosse hinausgetragen
werden, das sind Manifestationen der Bildgebärde "Ahorn“. Welch
ein Kontrast etwa zur Eiche mit ihrer knorrigen Verästelung, die sich
gleichsam gegen den Umkreisraum stemmt und ihren Eigenraum bildet! "Mit ihrer handförmig gelappten Form gliedern“ sich die Ahornblätter
"nach allen Richtungen in den Raum ein. Eine runde Blattfläche wäre
dagegen in sich abgeschlossen.“ Länge des Stiels und Form der
Blattfläche stehen also nicht in einer zufälligen Beziehung, die
Blattbildung insgesamt "hat eine der ganzen Baumform entsprechende
Gestaltung. -
Die gelbgrünen Blüten entwickeln sich in lockeren
Doldenrispen [...]; sie wenden sich so in ihrer Gesamtheit dem Umkreis
zu. Nach der Bestäubung entstehen die Früchte, die sich mit den
beiden eigentümlich langen Flügeln stark ausdehnen. Dieses
Hinausdringen in den Luftraum steigert sich noch: Die Früchte
zerteilen sich als sogenannte Spaltfruchte in zwei Hälften, von denen
jede für sich zu Boden wirbelt. Dabei drehen sich die Flügel um das
dickere Mittelstück, das den Samen in sich birgt, und weisen durch
diese kreisende Bewegung im Hinunterwirbeln in alle Richtungen.“ Das Allgemeine in den
Erscheinungen materiell - d.h. in dinglicher Art - aufzeigen zu
wollen, ist ein Widerspruch in sich. Ebenso unmöglich ist es, dieses
Allgemeine nur dem Subjekt zurechnen und nur den Einzeldingen
Wirklichkeit zuerkennen zu wollen. Die Allgemeinbegriffe, darunter die
allgemeinsten Begriffe, die Kategorien, entstehen nicht durch
Abstraktion aus vielen Beobachtungen, denn "schon das Ordnen des
Beobachteten setzt das ordnende Prinzip voraus und dieses ist eben die
Kategorie. Die Kategorie ,Sein‘ entsteht nicht durch die
Beobachtungen von vielen seienden Dingen, daß ich diese als seiende
erkenne, geschieht durch die Kategorie ,Sein‘, die noch keinen
sprachlichen Ausdruck haben muß.“[32]
Die Kategorien sind die Urbegriffe, die gegenüber "den anderen
begrifflichen Gebilden als die umfassenden ordnenden Funktionen
erscheinen. Da sie ebenso Selbstgestaltungen der sich im totalen
Wirklichkeitswesen selbstschöpferisch erfassenden menschlichen
Individualität wie Gestaltungen des Zusammenhangs der
Welterscheinungen sind, wird die Logik als Wirklichkeitswissenschaft
zur Freiheitswissenschaft.“[33] Der Mensch hat an der
Welt des Allgemeinen, der schöpferischen Urbilder, Anteil: In der
Erkenntnis bringt er das Einzelne selbst schöpferisch hervor, denn für
den allgemeinen Erkenntnisbegriff schafft er durch seine
Erkenntnisakte selbst erst den besonderen Inhalt. Dies ist der Quell
der menschlichen Freiheit, daß der Mensch aus dem Erkennen heraus
seinem Handeln Ziele setzen kann. Dadurch bringt er für einen
weiteren Begriff die Wahrnehmungselemente, den einzelnen und
besonderen Inhalt hervor: für seinen eigenen Begriff als "freier
Geist“. Für den übrigen Weltinhalt ist Allgemeines und Einzelnes
schon vor der Erkenntnis vereinigt, und nur für den Erkenntnisprozeß
treten die beiden Momente zunächst gesondert auf, als gegebenes
Wahrnehmungsmaterial und als hervorgebracht-gegebener Begriff, mit dem
der Mensch den Wahrnehmungsinhalt durchtränken muß, um seinen vor
der Erkenntis vorhandenen immanenten Zusammenhang zu gewahren. Als körperliches
Einzelwesen fällt der Mensch aus der Allheit des geistigen
Zusammenhangs heraus, steht als einzelner einzelnen Gegenständen
gegenüber. Indem er denkt, ragt der Geistgehalt der Welt in ihn
hinein, tritt das universelle Element im speziellen durch dessen und
als dessen Tätigkeit auf.[34] Am Hervorbringen des
Gegenstandes "Erkenntnis“ und im gegenständlichen Handeln aus Erkenntnis läßt sich beobachten, wie sich die Konstitution von
Gegenständen, von Welt, wie sich die "Strukturbildung“[35]
überhaupt vollzieht: sie ist ein Sich-Selbst-Hervorbringen.
Daher hat man "ein wahres Erkenntnisrecht“[36]
den durch-sich-selbst-seienden Geist als tragenden Grund
der Welt zu sehen. Der Geistgehalt der Welt, der der Erkenntnis immer
mehr aufgeht, offenbart sich letztlich als "Hierarchie geistiger
Wesenheiten, die aus ichhafter Mitte, aus innerem Lichtursprung, sich
selbst durchleuchten“; sie bilden Elemente, Gruppen und Gattungen,
ihre ,Leiber‘ sind Bewußtseinszustände.[37]
Der Geist der Welt bedient sich nicht der menschlichen Individualitäten,
wie in der Hegelschen Philosophie der absoluten Idee, um sich zum Bewußtsein
seiner selbst emporzuarbeiten. Dieser sich selbst genügende
Geistgrund der Welt hat sich aus Liebe in die Welt ausgegossen, um an
der Gegenständlichkeit selbstbewußtes Leben heranzubilden: den
Menschen als künftige Hierarchie der Freiheit und der Liebe.[38] Steiners
Auffassungsweise in bezug auf die Kategorien leugnet nicht den
historischen Aspekt des Logischen. Dieser besteht darin, daß in der
Geschichte des menschlichen Denkens und der Wissenschaft neue
Kategorien geschaffen, alte präzisiert werden, wobei die Erfahrungen
der Praxis keine geringe Rolle spielen. Doch bezieht sich dieser
historische Aspekt auf die Aktseite des Denkens, nicht auf die des
Inhalts. Der objektive Inhalt der Kategorie Quantität bestand, ehe
ein Mensch diesen im Denken fixierte. Für den
Materialismus erweist sich ausgerechnet die Kausalität als prekäre
Kategorie, obwohl er doch in der Rückführung aller Erscheinungen auf
materielle Ursachen seine Stärke sieht. Doch eine materielle Ursache
des Gesetzes vom Kampf und der Einheit der Gegensätze und der anderen
dialektischen Grundgesetze ist nicht anzugeben: das Verhältnis von
Ursache und Wirkung ist selber eine Einheit im Kampf liegender Gegensätze,
eine widersprüchliche Identität, also ein Spezialfall des
Hauptgesetzes der Dialektik. Wie könnte aber der besondere Fall den
allgemeinen begründen? Engels schrieb, daß die Materie ihre eigene
Endursache sei, causa sui.[39]
Das ist konsequent gedacht; Durch-sich-selbst-Sein und
Sein-durch-anderes wird unterschieden - die Materie kann aber ihr Sein
nicht durch anderes haben, ohne daß ihr behaupteter Primat hinfällig
würde. Andererseits darf sie selber keine Ursache haben, sondern muß
die Ur-Sache von allem und vor allem anderen sein. Nun kann ein
kontingentes, endliches Sein nicht die eigene Ursache sein, nicht
durch sich selbst bestehen, da es ja sonst gewesen müßte, als es
noch nicht war. Die Materie als solche soll nun nach Engels reine
Gedankenschöpfung und Abstraktion sein.[40]
Die einzelnen wirklichen Materien können -
da endlich - nicht
ihre eigenen Endursachen sein, die Materie als solche aber kann sich -
da als solche nicht materiell existierend - auch nicht selber
materiell verursachen. Man sieht nicht, wie man ohne dogmatischen
Abbruch des Begründungsverfahrens aus diesem Dilemma entrinnen will,
wenn man sich eben auch - aus gutem Grund - weigert, zur materiell,
als Urmaterie, Atom usw. vorgestellten Materie als solcher zurückzukehren. Steiners Auffassung
des Problems Kausalität scheint da stringenter; sie erlaubt, gegenüber
Hume und Kant die Objektivität des Kausalprinzips zu betonen, ohne
sich im bloß Kausal-Mechanischen zu verfangen. Kausalität ist
demnach nicht bloßes Denkprinzip, das über die Dinge an sich nichts
ausmachen kann. Daß es die Form besorgt, in der Wahrnehmungen gesetzmäßig
verbunden werden, bedeutet nicht, daß sich die Erfahrung einer
apriorisch gegebenen Form zu fügen hat, sondern daß das Denken die
in den Sinneswahrnehmungen unoffenbare Gesetzmäßigkeit a posteriori
zum Vorschein bringt. Wir bestimmen nämlich nach Steiner den
Kausalnexus gar nicht, wie Hume meinte, aus räumlicher Nachbarschaft
und zeitlicher Folge: Wenn ich morgens beim Weg zur Arbeit eine Straße
überquere und kurz nach mir eine bestimmte Person ebenso regelmäßig
dasselbe tut, wird es mir nicht im Traum einfallen, aus Gewöhnung auf
einen ursächlichen Zusammenhang zu schließen. Ich bestimme den
Kausalzusammenhang in Wirklichkeit entsprechend der inhaltlichen
Bedeutung der in Frage kommenden Elemente des Weltinhaltes.“[41] In der anorganischen
Welt liegen Ursache und Wirkung auf einer Ebene. Was die Ursache
bewirkt, ist dabei von der materiellen Beschaffenheit dessen, worauf
gewirkt wird, abhängig: Eine Metallplatte wird von der Sonne schnell
und stark erwärmt, eine Asbestplatte kaum. Jeder Kausalnexus ist
immer bereits ein Wechselwirkungszusammenhang. Im Anorganischen kann
die Wirkung prinzipiell nicht den Vollkommenheitsgrad der Ursache übersteigen.
Es gilt das Prinzip "actio = reactio“. Bewegung im Unorganischen
entsteht durch Anstoß von außen, während sie im Pflanzen- und
Tierreich innere Ursachen hat. Materialistische Denker mit einem
gewissen Phänomensinn nähern sich dieser Einsicht, ohne sie jedoch
konsequent vollziehen zu können. Sie konstatieren, daß außerorganismische
Wechselwirkungsvorgänge symmetrisch sind, während die Wechselwirkung
von Organismus und Umwelt asymmetrisch ist, -
die äußere Materie ist passiv, der Organismus aus sich
bewegt, aktiv.[42] Doch auch die inneren
Ursachen in der Natur erzwingen noch ihre Wirkungen: Einem Kirschbaum
steht es nicht frei, ein Pflaumenbaum zu werden, und vergeblich wird
man versuchen, einen Löwen vom Wert des Vegetariertums zu überzeugen.
Selbst der Mensch handelt noch gezwungen, wo er Instinkten, Trieben
und Leidenschaften blind folgt. Das Freie der Handlungen entwickelt
sich aus dem sinnlichkeitsfreien intuitiven Denken, das auf der "Aufhebung“ jener natürlichen Prozesse beruht, bei denen die
Ursachen ihre Wirkungen zwingend nach sich ziehen. Das ideelle Motiv
und die Liebe zur Tat sind der Grund von Handlungen, erzwingen sie
jedoch nicht. Die äußere Notwendigkeit setzt der Freiheit nur den
Bedingungsrahmen.[43]
Das Kausalitätsprinzip gewinnt bei Steiner noch eine ganz neue
Seite gegenüber der früheren Philosophie in der Frage nach der
Ursache des Individuellen im Menschen, seiner Neigungen, seines
Charakters, Temperaments, seiner Talente, seiner Denkart, der Stärke
seines Begehrens und seiner Ich-Stärke. Seine Antwort auf diese Frage
ist der Reinkarnationsgedanke. Darauf wird zurückzukommen sein. [1] Brief vom 1. 11.
1894. [2] Vgl. GA 212,S. 212; GA 185a, S.98; Brief an F. Th. Vischer vom 20.6. 1882. Zur Steiner-Hegel-Beziehung s. a. Schneider 1985, S. 92ff. und Savoldelli 1980; zu Goethe, Hegel und Steiner Wulf 1985. [3]
Vgl. GA 6, S. 206. [4] Der Individualismus in der Philosophie, in GA 30. [5]
Vgl. GA 6, S. 208f.; GA 189, S. 153ff.; GA 212, S. 210. [6]
Vgl. GA 104, S. 249 f.; GA 88, S. 109ff. [7]
GA 108,S. 213f. [8] Schuré, in Beiträge 1973, S. 7. [9] Vgl. zum gesamten Komplex GA 107, S. 295ff. [10]
Vgl. GA 1, S. 48, 51, 66, 68. [11] Witzenmann 1978, S. 82; zum gesamten Komplex vgl. dort S. 77ff., a.i. folgenden. [12]
Wulff 1985, S. 368. [13]
GA 107, S. 304. [14]
Lievegoed 1974, S. 11. [15]
GA 123,S. 224ff. [16] Grohmann 1981, Bd. 1, S.
204; das folgende Zitat S. 207; vgl. insg. 201
ff. [17]
GA 107, S. 304. [18]
GA 2, S. 40. [19] GA 51, S. 61 und GA 199, Vortr. v. 28. 8. 1920. [20] C. Unger, 1, 1964, S. 152. Vgl. dort, S. 147ff., a.i. folgenden. [21] Unger, a.a.O., S. 155. [22] ibd., S. 168. [23] GA 79, Vortr. vom 26. 11. 1921. [24] GA 151, S. 14. S. 14ff. auch die folgenden Zitate. [25] ibd., S. 18. [26] Vgl. MEW 2, S. 59ff. und S. 114 in diesem Buch. [27] Die Zitate in diesem Absatz bei Kühlewind 1980, S. 41ff. [28]
GA 6, S. 28. [29]
GA 245, S. 25. [30] Konstantinow, S. 154. [31] Kranich 1976, S. 17. Dort, 16f., auch das Folgende. Vgl. a. Schad, Zur Biologie, 1982. [32] Kühlewind 1982, S. 18. [33] Witzenmann 1977, S. 99. [34] Vgl. Witzenmann 1978, 47ff. und GA 4, S. 167ff. [35] Vgl. Witzenmann 1983. [36] Witzenmann 1977, S. 32. [37] ibd. [38] Besonders eindrucksvoll ist dies dargestellt bei Belyj 1975. [39]
MEW 20, S. 519. [40]
ibd., vgl. 502 f. [41] GA 4, 148f. [42] z.B. Holzkamp 1973, S. 67. [43] Vgl. Kühlewind 1983, S. 228ff. GA 4, 191ff.; GA 23S, Vortr. v. 23. 2. 1924.
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