Christoph Strawe: Marxismus und Anthroposophie - I. Teil: Materie und Bewusstsein
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2. Die materialistische Dialektik

Wie kommt es zu der Verbindung zwischen Dialektik und Materialismus im Marxismus? Marx empfindet den Hegelschen Idealismus als mystische Hülle, aus der es den rationellen Kern der Dialektik erst herauszuschälen gilt. Auch wenn Hegels Dialektik nicht bloße Begriffskunst, sondern Theorie der Selbstbewegung der Wirklichkeit sein will, sieht man sie dennoch letztlich eingeschlossen in der Sphäre logischer Abstraktionen. Marx und Engels sind aber auch unzufrieden mit dem mechanischen Materialismus, der der Materie ihren sinnlichen Glanz raubt und unfähig ist zu jener historischen Betrachtungsweise, die bei Hegel so ausgebildet ist. Der alte Materialismus kam über diese Beschränktheit nicht hinaus, weil die Naturwissenschaft erst in jüngerer Zeit, durch Lyell, Darwin usw., von einem statischen Naturbild zum Gedanken der Historizität der Natur­erscheinungen durchgedrungen war. Goethe und auf seinen Spuren wandelnde Naturforscher wie C. E. von Baer und L. Oken werden vom Marxismus als Vorbereiter dieses Durchbruchs gerühmt, jedoch ohne daß man der geistigen Seite ihres Naturbildes noch etwas abgewinnen könnte.[1]

Ein dialektischer Materialismus, eine materialistische Dialektik, sie vermeiden, so denkt man, sowohl die Schwächen der idealistischen Dialektik wie die des mechanischen, unhistorischen Materialismus; nur auf diesem Wege glaubt man zu einem wirklichkeitsgemäßen Weltbild und einer wirklichkeitsgemäßen Denkmethode gelangen zu können.

„In unserer Zeit“, schreibt Lenin, „ist die Idee der Entwicklung, der Evolution, nahezu restlos in das gesellschaftliche Bewußtsein eingegangen, jedoch auf anderen Wegen, nicht über die Philosophie Hegels. In der Formulierung, die ihr Marx und Engels, ausgehend von Hegel, gegeben haben, ist diese Idee viel umfassender, viel inhaltsreicher als die landläufige Evolutionsidee.“[2]

Indem man die Hegelsche Dialektik materialistisch umstülpte, die Ideen „wieder als Abbilder der wirklichen Dinge, statt die wirklichen Dinge als Abbilder dieser oder jener Stufe des absoluten Begriffs“ faßte, „reduzierte sich die Dialektik auf die Wissenschaft von den allgemeinen Gesetzen der Bewe­gung, sowohl der äußeren Welt wie des menschlichen Denkens - zwei Reihen von Gesetzen, die der Sache nach identisch, dem Ausdruck nach aber in­sofern verschieden sind, als der menschliche Kopf sie mit Bewußtsein anwenden kann, während sie in der Natur und bis jetzt auch größtenteils in der Menschengeschichte sich in unbewußter Weise, in der Form der äußeren Notwendigkeit, inmitten einer endlosen Reihe scheinbarer Zufälligkeiten durchsetzen. Damit aber wurde die Begriffsdialektik selbst nur der bewußte Reflex der dialektischen Bewegung der wirklichen Welt, und damit wurde die Hegelsche Dialektik auf den Kopf, oder vielmehr vom Kopf, auf dem sie stand, wieder auf die Füße gestellt.“[3]

Es ist klar, daß unter diesen Bedingungen die Kategorien „Negation“, „Widerspruch“ usw. zumindes­tens partiell einen anderen Sinn haben müssen als jenen, der ihnen in der Hegelschen Selbstbewegung des Begriffs zukam. Der Subjekt-Objekt-Dialektik der klassischen Philosophie wird die „objektive Dialektik“ vorgeschaltet, die Bewegung der Materie in Gegensätzen, von der die „subjek­tive Dialektik“ die Widerspiegelung in den Abbildern ist, die der menschliche Kopf von ihr entwirft. Der Widerspiegelungsbegriff soll den Agnostizismus abwenden: die Gesetze der subjektiven Dialektik sind in letzter Instanz durch den objektiven Inhalt, der widergespiegelt wird, determiniert. Darin besteht nun die Grundlage für das Postulat der Einheit von Dialektik, Logik und Erkenntnistheorie.[4]

Dialektik ist sowohl allgemeine Theorie wie Methode des Marxismus. Sie ist die „Wissenschaft von den allgemeinsten Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens“, „Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs“[5]. Die Gesetze der Dialektik seien aus der „Geschichte der Natur wie der menschlichen Gesellschaft“ abstrahiert:

„Sie sind eben nichts anderes als die allgemeinsten Gesetze dieser beiden Phasen der geschichtlichen Entwicklung sowie des Denkens selbst. Und zwar reduzieren sie sich der Hauptsache nach auf drei:

das Gesetz des Umschlagens von Quantität in Qualität und umgekehrt;

das Gesetz von der Durchdringung der Gegensätze;

das Gesetz der Negation der Negation.

Alle drei sind von Hegel in seiner idealistischen Weise als bloße Denkgesetze entwickelt: das erste im ersten Teil der ,Logik‘, in der Lehre vom Sein; das zweite füllt den ganzen zweiten und weitaus bedeutendsten Teil seiner ,Logik‘ aus, die Lehre vom Wesen; das dritte figuriert als Grundgesetz für den Aufbau des ganzen Systems. Der Fehler liegt darin, daß diese Gesetze als Denkgesetze der Natur und Geschichte aufoktroyiert, nicht aus ihnen abgeleitet werden. Daraus entsteht nun die ganze gezwungene und oft haarsträubende Konstruktion: Die Welt, sie mag wollen oder nicht, soll sich nach einem Gedankensystem einrichten, das selbst wieder nur das Produkt einer bestimmten Entwicklungsstufe des menschlichen Denkens ist. Kehren wir die Sache um, so wird alles einfach und die in der idealistischen Philosophie äußerst geheimnisvoll aussehenden dialektischen Gesetze werden sofort einfach und sonnenklar.“[6]

Die letzte Bemerkung von Engels erscheint übertrieben, denn gerade die Umdeutung der Kategorien und Gesetze zu Produkten der Abstraktion führt zu einer erkenntnistheoretischen Aporie: Kant hatte seine kopernikanische Wende, die Erkenntnisbegründung vom Subjekt her, als Rettungsaktion zur Sicherung von Allgemeinheit und Notwendigkeit der Erkenntnis unternommen. Weil jeder Erfahrungsinhalt der durch die Anschauungsstruktur - Raum und Zeit - und die Kategorien gegebenen Form sich fügen muß, sind Gesetzesaussagen möglich, was nicht der Fall wäre, wenn die Denkstrukturen (Kategorien usw.) nur durch Induktion - als Verallgemeinerung aus Erfahrungen, und seien es die vielfältigsten, entstanden wären. Hegel gewinnt mit seinem Postulat der Identität von Vernunft und Wirklichkeit die Möglichkeit, das unerkennbare Ding an sich wieder einzuziehen, ohne damit das Allgemein-Notwendige der kategorialen Verhältnisse antasten zu müssen: die Kategorien sind die allgemeinsten Formen der Wirklichkeit selbst und ihrer Bewegung. Werden sie dagegen zu bloßen Spiegelungen herabgesetzt, die durch Abstraktion aus Erfahrungen entstehen, wird der Erkenntnis der Schutzschild entzogen, durch den sie vor der Humeschen Induktionskritik bewahrt werden sollte. Ob der Rekurs auf die Praxis ausreicht, um mit diesem Problem fertig zu werden, ist zumindest fraglich, da die Deutung praktischer Erfahrungen nicht ohne Kategorien möglich ist.

Die materialistische Umdeutung der Dialektik führt noch zu einem anderen Problem: Bei Hegel wächst eine Kategorie aus der anderen gleichsam hervor, die Negation ist in dieser Begriffsentwicklung das Treibende und Kraftende; gerade dadurch erhält das Kategoriensystem seine organismische Ganzheitlichkeit als Metamorphosenreihe der sich entfaltenden Idee. Im Marxismus werden Gesetze und Kategorien zwar nach bestimmten Ordnungsgesichtspunkten aneinandergereiht, jedoch nicht auseinander entwickelt. Die Quantität sprießt nicht aus der Qualität, der Widerspruch nicht durch verschiedene Verwandlungen aus der Identität hervor: die bestimmte Negation wird dann konsequenterweise zum Gegenstand eines separaten, des „dritten Grundgesetzes der Dialektik“, statt die bewegende Seele des ganzen zu bilden.

Welchen Status und Inhalt haben die Grundgesetze und Kategorien in der materialistischen Dialektik?

Das Gesetz vom Umschlagen quantitativer Veränderungen in qualitative und umgekehrt soll den „Mechanismus der Entwicklung“[7] wissenschaftlich erfassen. Man geht davon aus, daß ein sich ent­wickelnder neuer Zustand weder bloße Vergrößerung oder Verkleinerung eines Vorhandenen sein, noch durch ein Wunder aus dem Nichts entstehen darf, sondern sich im Bestehenden bereits materiell vorbereitet haben muß.

Die Qualität eines Dings oder Vorgangs ist gleichbedeutend mit seiner Einheit, Ganzheit, relativen Stabilität, Strukturiertheit. Mit der Auflösung des bestehenden Strukturzusammenhangs hört der Gegenstand auf, derselbe zu sein; neue Strukturzusammenhänge konstituieren auch neue Gegenstände mit neuen Eigenschaften. Reale Gegenstände weisen stets sowohl eine qualitative wie eine quantitative Bestimmtheit auf. Nur in der Abstraktion läßt sich das eine vom anderen ablösen. Solche Abstraktion - wie sie besonders die Naturwissenschaften mit ihren quantifizierenden mathemati­schen und statistischen Methoden erfolgreich praktizieren - gilt aber als ein wichtiger Erkenntnis-Durchgangspunkt. Man verwahrt sich gegen die Reduktion von Qualität auf Quantität. Doch wenn wir bei Konstantinow lesen, gerade die quantitative Analyse habe die Ursache der qualitativen Unterschiedlichkeit der Farben begreiflich gemacht, die durch die unterschiedliche Länge elektromagnetischer Wellen bedingt sei, so ist zu fragen, wie man bei solcher Argumentationsweise dem Reduktionismus entgehen will. - Denn was „erklärt“ eigentlich eine Welle an der gesehenen Farbe? Aus den Naturwissenschaften wird Material zusammengetragen, das dieses und die anderen Grundgesetze der Dialektik illustrieren soll: Die Zahl der Protonen bestimmt die „Qualität“ des Atoms, d.h. sie legt fest, von welchem Element es das Atom ist. Die Quantelung der Materie ist ein Beweis für die Dialektik von Kontinuität und Diskontinuität. Aber bieten solche Beispiele schon die von Engels versprochene Ableitung der Gesetze?[8] Andererseits finden wir da, wo nicht auf der Ebene von Beispielen operiert wird, dann doch wieder den Rekurs auf Denknotwendigkeiten.

Wie arbeitet der Mechanismus des Qualitätsumschlags? Die Bewegung der Materie vollzieht sich zunächst kontinuierlich, minimale Veränderungen summieren sich dabei stetig, sprengen schließlich die ursprüngliche Harmonie zwischen Quantität und Qualität, das „Maß“ des Gegenstandes. Das Neue entsteht prinzipiell durch einen Sprung, dessen Formen aber vielfältig und nicht immer im wörtlichen Sinne „sprunghaft“ sind: Es gibt auch allmähliche qualitative Übergänge. Dabei „verän­dert sich das Objekt nicht sofort und nicht ganz, sondern in einigen seiner Teile, und auf dem Wege der allmählichen Ansammlung qualitativer Veranderungen, als Ergebnis derselben, geht es von einem Zustand in einen anderen über.“[9] Diese Form trete etwa bei der Entstehung neuer Tierarten auf, während wir den „klassischen Sprung“ bei der chemischen Verbindung beobachten.

Das zweite Grundgesetz, das „Gesetz vom Kampf und der Einheit der Gegensätze“ ist das entscheidende: Die materialistischen Dialektiker gehen davon aus, daß „alle anderen Gesetze“ bzw. Kategorienverhältnisse den „Inhalt dieses hauptsächlichen Gesetzes“ enthüllen, konkretisieren und ergänzen. „Die Subordination der Gesetze der Dialektik wird auf der Grundlage dieses Gesetzes vollzogen: Es wird der Platz der anderen Gesetze in der Lehre von der Entwicklung als der Einheit und dem Kampf der Gegensätze bestimmt.“[10] Ausgangspunkt ist die Annahme, daß die Bedeutung der verschiedenen Seiten, Momente und Beziehungen der objektiven Realität für den Verlauf von Entwicklung und Bewegung unterschiedlich ist. Unter ihnen müssen solche unterschiedlichen Seiten und Tendenzen existieren, die sich notwendig bedingen und in diesem Sinne für die entsprechende Erscheinung grundlegend, mit ihrem Wesen identisch sind, die aber gleichzeitig auch miteinander unverträglich sind, sich abstoßen, miteinander „im Kampf liegen“. Dadurch schließen sie sich aus, ,negieren‘ sich, bilden einen Widerspruch, und zwar keinen logischen, sondern einen solchen der Wirklichkeit selbst. Ihr Kampf ist der innere Entwicklungsimpuls, ihr Widerspruch das jeweilige „energische, zur Auflösung treibende Verhältnis“[11]. Der Widerspruch sprengt die ursprüngliche Einheit, wenn er auf die Spitze getrieben ist, und setzt dadurch das im Schoße des Alten vorbereitete Neue frei. In jedem Realitätsbereich sieht man eine spezifische Dialektik am Werk: Von dem Verhältnis positiver und negativer Elektrizität, über Aufbau- und Abbauprozesse im organischen Bereich, Erregung und Hemmung in der hoheren Nerventätigkeit bis zum Phänomen des Klassenkampfes will man so die Brücke schlagen. Die Einheit der jeweiligen Gegensätze ist dabei relativ, absolut der Kampf, ebenso absolut wie die Bewegung, die er hervorruft.

Die Aufgabe des dritten dialektischen Hauptgesetzes, des Gesetzes der Negation der Negation soll darin bestehen, die Ursache der Gerichtetheit und Unumkehrbarkeit der Entwicklung aufzuzeigen. Diese steigt vom Einfachen zum Komplizierten, vom Niederen zum Höheren auf, stellt also weder richtungsblinden und chaotischen Wandel noch ewige Wiederkehr des Gleichen dar. Ihre Zyklizität ist einer Spirale vergleichbar, Wiederholungen vollziehen sich auf einem jeweils höheren Niveau. Die Entwicklungsdynamik kommt an keinen Endpunkt. Strenggenommen dürfe man von Höher-entwicklung nur in bezug auf endliche Systeme sprechen: im unendlichen Universum halten die absteigenden den aufsteigenden Prozessen die Waage. Die ,abstrakte‘ Negation ist bloße Zerstörung des Alten, wie sie der Hagel an der Blüte vollzieht oder ein menschlicher Fuß, der ein Insekt zertritt. In der „Negation“ der Blüte durch die Frucht oder der Insektenlarve durch den schlüpfenden Schmetterling ist jeweils ein bestimmter für die jeweilige Erscheinung typischer positiver Zustand das Resultat. Indem sie den alten Zustand aufhebt, bricht die Negation die Kontinuität ab, indem sie einige seiner Züge aufbewahrt, ist auch das Moment der Kontinuität vorhanden. Das Alte wird im doppelten Wortsinn „aufgehoben“: Indem die erste Negation sich als Einseitigkeit erweist, entsteht die Gegentendenz zur „Synthese“ der Gegensätze, die jedoch nicht den alten Zustand wiederherstellen kann, in dem sich die Unmöglichkeit ihrer Koexistenz bereits erwiesen hat. Die Gegensätze streben nach einem neuen gemeinsamen Rahmen, in dem sie sich wiedervereinigen können. Im Entwicklungszyklus kommt es daher zu einer „Restauration“ einiger Züge des Ausgangszustands im Zuge der zweiten Negation, der Negation der Negation. Entwicklung vollzieht sich auf diese Weise nicht glatt und gradlinig, sondern schließt Umwege ein, die Verkehrung ursprünglichen Fortschritts ins Gegenteil, das Zur-Regel-Werden der Ausnahme usw.[12]

Außer den drei Grundgesetzen wird im Marxismus das dialektische Verhältnis verschiedener korrelativer Kategorien behandelt. Kategorien und Gesetze der Dialektik sind wechselseitig aufeinander bezogen: die Gesetze sind nur mit Hilfe von Kategorien formulierbar, die Kategorien stehen in gesetzmäßigen Verhältnissen zueinander. Die Kategorien gelten als gedanklicher Ausdruck der allgemeinsten Zusammenhänge der materiellen Realität, als ihre Widerspiegelung. Das Allgemeine und Notwendige in der verwirrenden Fülle der Einzelerscheinungen ist aber zugleich das Gesetzmäßige; Gesetze sind wesentliche, stabile, immanente Zusammenhänge der Dinge und Prozesse der objektiven Realität, die sich unter den gleichen Bedingungen mit Notwendigkeit wiederholen. Erst die Erkenntnis von Gesetzen ermöglicht planvoll-zielgerichtetes Handeln zur Realisierung von Zwecken. Ein großer Teil von Gesetzen hat - wie die dialektischen Grundgesetze - den Charakter von Entwicklungsgesetzen. An Kants aprioristischer Konstruktion erkennt man ein Körnchen Wahrheit: Kategorien und logische Gesetze sind tatsächlich unabhängig von der Erfahrung des Individuums, sind ihr vorgegeben, nicht jedoch sind sie erfahrungsunabhängig in bezug auf das Subjekt „menschliche Gattung“: „Die praktische Tätigkeit des Menschen mußte das Bewußtsein des Menschen milliardenmal zur Wiederholung der verschiedenen logischen Figuren führen, damit diese Figuren die Bedeutung von Axiomen erhalten konnten“, schrieb Lenin.[13] „Bevor die Gegenstände eine besondere Artbezeichnung erhalten und in einer bestimmten Klasse zusammengefaßt werden, müssen die Menschen erkennen, daß dies Gegenstände zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse sein können. Sie müssen durch wiederholte Handlungen in gewissem Maße über sie verfügen und sie aufgrund von Erfahrungen von anderen Gegenständen der äußeren Welt unterscheiden können“, schreibt P. V. Kopnin.[14] Das Kategorien-system ist nichts ein für allemal Gegebenes, das Logische hat letztlich historischen Charakter. In der Geschichte des menschlichen Denkens wird das kategoriale Instrumentarium entwickelt, verfeinert und ausgebaut.

Die Behandlung einzelner Kategorienverhältnisse wird in marxistischen Darstellungen gewöhnlich mit dem Verhältnis von Allgemeinem, Besonderem und Einzelnem begonnen, dem Grundproblem der Begriffsbildung überhaupt. Die marxistische Behandlung dieses Problems hat stark nominalistische Züge. So spricht etwa Engels von Worten wie Materie und Bewegung als Abkürzung zum Zwecke der Zusammenfassung verschiedener Dinge nach ihren gemeinsamen Eigenschaften. Bei Konstantinow lesen wir, die Allgemeinbegriffe bezeichneten die Klasse oder Menge, als deren Elemente die Einzeldinge wie ein Kristall, eine Pflanze oder ein Mensch auftreten. Oder es heißt, das Allgemeine und Gesetzmäßige sei nur Ausdruck der Wechselwirkung der Einzeldinge und ihrer Elemente.[15] Auf der anderen Seite ist man aber doch auch wieder bemüht, gegenüber dem reinen Nominalismus eine Abgrenzung vorzunehmen. Das Allgemeine existiere real als materieller Zusammenhang, als reale Gemeinsamkeit, als Ähnlichkeit zwischen Eigenschaften und Seiten eines Objekts. Ahornblätter z. B. haben eine real gemeinsame Formgebung und Färbung, obwohl sie räumlich getrennt und nicht zwei von ihnen identisch sind. So betrachtet, als Widerspiegelung realer Allgemeinheit, müssen die Begriffe dann doch wieder mehr als Abkürzungen für die einzig realen Einzeldinge sein. Deren Vereinzelung sei nur relativ, das Einzelne existiere nur im Zusammenhang, der zum Allgemeinen führe. Das Allgemeine existiere aber auch nicht vor und außerhalb des Einzelnen. Die Kategorie Besonderheit widerspiegele, daß jeder Gegenstand eine Einheit allgemeiner und einzelner Züge darstelle.[16]

Während etwa bei Aristoteles das Allgemeine nicht Widerspiegelung der gemeinsamen Gattungs- oder Arteigenschaften, sondern die gattungsbildende Kraft selbst ist, ist es im Marxismus unmöglich geworden, das Allgemeine als Entelechie, im Sinne z.B. der Goetheschen Urpflanze in bezug auf die Blütenpflanzen zu denken. Da die Universalien als Abstraktionsresultate erscheinen, muß sich die Suche nach einem immanenten Ideengehalt der Wirklichkeit als Mystifikation und Selbsttäuschung darstellen: Wenn ich mir „einbilde, daß meine aus den wirklichen Früchten gewonnene abstrakte Vor­stellung ,die Frucht‘ ein außer mir existierendes Wesen [...] sei, so erkläre ich - spekulativ ausgedrückt - ,die Frucht‘ für die ,Substanz‘ der Birne, des Apfels [...] Man gelangt auf diese Weise zu keinem besonderen Reichtum an Bestimmungen. Der Mineraloge, dessen ganze Wissenschaft sich darauf beschränkt, daß alle Mineralien in Wahrheit das Mineral sind, wäre ein Mineraloge - in seiner Einbildung. - Die Spekulation [...] muß daher, um zu dem Schein eines wirklichen Inhalts zu gelangen [...] von der Substanz wieder zu den wirklichen verschiedenartigen profanen Früchten [...] zurückzukommen‘, und dabei die Preisgabe der Abstraktion in den Prozeß der Selbstunterscheidung der Idee umdeuten, die sich die Existenzweise des Apfels, der Birne usw. gibt.[17]

Weitere vom dialektischen Materialismus behandelte Kategorienverhältnisse sind die zwischen Ursache und Wirkung, zwischen Notwendigkeit und Zufälligkeit bzw. Notwendigkeit und Freiheit, zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit, Inhalt und Form, Wesen und Erscheinung. Die Kausalitätsbeziehung dürfe nicht mit dem Grund-Folge-Verhältnis verwechselt werden, denn die Ursache rufe die Wirkung durch materielle Einwirkung hervor. Man müsse Wegeneinander und Nacheinander auseinanderhalten, zwischen Bedingung, Ursache und Anlaß sauber unterscheiden, ebenso zwischen unmittelbaren und mittelbaren, tieferliegenden Ursachen. Die Praxis, in der der Mensch die Probe auf die Kausalität macht, indem er Wirkungen aus ihren Ursachen wiederholt hervorbringt, widerlege den Humeschen Skeptizismus.[18] Man will die mechanische Form der Kausalität, bei der das Prinzip actio = reactio gilt, nicht verabsolutieren. Der dialektische Determinismus soll es erlauben, auch solche Effekte kausal zu erklären, bei denen, im Sinne der Negation der Negation, die Ursache sozusagen überboten wird und ihr gegenüber eine Steigerung eintritt. Jede neue Qualität soll kausal bedingt sein, ohne daß sie auf ihre Ursachen reduziert werden könnte. Man müsse auch beachten, wie Wirkungen auf ihre Ursache zurückwirken und sie modifizieren, wodurch eine Art Wechselwirkung mit Dominante entstehen kann.

Notwendig ist ein Vorgang, der unter den gegebenen Bedingungen nicht unterbleiben kann, - so ruft die Ursache mit Notwendigkeit ihre Wirkung hervor. Viele Philosophen glaubten, in einer durchgängig von Naturgesetzen bestimmten Welt der Verkettung von Ursachen und Wirkungen bleibe für den Zufall nirgends Raum. So weit will der dialektische Materialismus nicht gehen: Die Notwendigkeit breche sich nur durch die milliardenfache Zufälligkeit Bahn. Ereignisse, deren Eintreffen bloß wahrscheinlich, nicht notwendig sei, seien durchaus kausal determiniert. Ob der Schwanz des Hundes 1/2 Zoll länger oder kürzer ist, ob eine Erbsenschote eine Erbse mehr oder weniger enthält, das ist, so Engels, nicht im gleichen Sinne notwendig bestimmt wie die Bewegungen der Himmelskörper. Der Zufall trete als Erscheinungsform und Ergänzung der Notwendigkeit auf. Man kann z. B. das Zusammentreffen zweier oder mehrerer Ursachenketten, die weder durch ihre eigene Natur noch durch eine fremde Ursache auf dieses Zusammentreffen gerade an diesem bestimmten Punkt hingeordnet sind, als zufällig betrachten.[19]

Eine absolute, fatumhafte Notwendigkeit würde menschliche Freiheit zur Illusion machen. Welchen Sinn hätte dann aber noch der Appell an die Arbeiterklasse, das Werk ihrer Befreiung zu vollbringen? Einen gewissen Gestaltungsspielraum muß die Notwendigkeit der Freiheit lassen. Hegel sei der erste gewesen, schreibt Engels, „der das Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit richtig darstellte. Für ihn ist die Freiheit die Einsicht in die Notwendigkeit. ‚Blind ist die Notwendigkeit nur, insofern dieselbe nicht begriffen wird‘. Nicht in der geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen liegt die Freiheit, sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze, und in der damit gegebenen Möglichkeit, sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen. Es gilt dies mit Beziehung sowohl auf die Gesetze der äußeren Natur, wie auf diejenigen, welche das körperliche und geistige Dasein des Menschen selbst regeln [...] Freiheit des Willens heißt daher nichts anderes als die Fähigkeit, mit Sachkenntnis entscheiden zu können. Je freier also das Urteil eines Menschen in Beziehung auf einen bestimmten Fragepunkt ist, mit desto größerer Notwendigkeit wird der Inhalt dieses Urteils bestimmt sein; während die auf Unkenntnis beruhende Unsicherheit, die zwischen vielen verschiedenen und widersprechenden Entscheidungsmöglichkeiten scheinbar willkürlich wählt, eben dadurch ihre Unfreiheit beweist, ihr Beherrschtsein von dem Gegenstande, den sie gerade beherrschen sollte. Freiheit besteht also in der, auf Erkenntnis der Naturnotwendigkeiten gegründeten Herrschaft über uns selbst und über die äußere Natur, sie ist damit notwendig ein Produkt der geschichtlichen Entwicklung.“[20]

Daß Freiheit für den Marxismus denkbar ist, hängt auch mit der Interpretation des Verhältnisses von Möglichkeit und Wirklichkeit zusammen. Die Wirklichkeit ist realisierte Möglichkeit, die Möglichkeit potentielle Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist das Primäre, denn Möglichkeiten existieren nur im Wirklichen. Es gibt ständige und unwiederholbare Möglichkeiten, es gibt das bloß Denkmögliche (abstrakt-formal Mögliche) und das konkret-real Mögliche. In der Geschichte gibt es im Rahmen der gesetzmäßigen Grundrichtung Entwicklungsalternativen, verschiedene objektive Möglichkeiten, wobei es vom Menschen abhängt, wie sie genutzt werden.[21]

„Alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge zusammenfielen“, schrieb Marx.[22] Die Kategorien Wesen und Erscheinung sollen verschiedene Seiten der Dinge und zugleich ein unterschiedliches Niveau der Erkenntnis des Objekts widerspiegeln. Das Wesen ist das Bestimmende und Notwendige im Objekt, seine Entwicklungstendenz, seine innere Organisation. Gesetz und Wesen sind „Begriffe gleicher Ordnung“ (Lenin).[23] Die Erkenntnis vertieft sich von der Erscheinung zum Wesentlichen - die Erscheinung ist das Äußere des Wesens, wobei Inneres und Äußeres in diesem Zusammenhang keine räumliche Beziehung ausdrücken, sondern „die objektive Bedeutung für den Gegenstand selbst.“[24] Die Erscheinung ist, da mit Unwesentlichem durchsetzt, auch reicher als das Wesen, zum Schein wird sie da, wo sie den Betrachter über das Wesen zunächst täuscht. Es gibt keine chinesische Mauer zwischen Wesen und Erscheinung, wie Kant sie annahm; es ist das Ding an sich, das in seinen Erscheinungen hervortritt. Kennen wir alle Erscheinungen des Dings, dann kennen wir auch das Ding selbst. Wir müssen nur unterscheiden zwischen dem Erkannten und dem noch nicht Erkannten: nicht alle Dinge an sich sind schon zu Dingen für uns geworden.

Es muß noch ein Wort zur politischen Relevanz der materialistischen Dialektik verloren werden: für die Strategie und Taktik der marxistisch-leninistischen Parteien, seien sie regierende oder nichtregierende, kommt ihr hohe Bedeutung zu: So soll die Dialektik von Quantität und Qualität beweisen, daß man nicht über eine Summe von Reformen, ohne den qualitativen Sprung der Revolution, friedlich in den Sozialismus hineinwachsen kann, wie es die Sozialdemokratie vermeine. Doch ebenso wenig darf man - so wird aus dem Gesetz herausgelesen - den Sprung unvorbereitet versuchen, eine putschistische Taktik anwenden. Aus dem Gesetz vom Kampf und der Einheit der Gegensätze soll beispielsweise hervorgehen, daß „antagonistische“ Widersprüche, etwa zwischen Kapitalisten und Arbeiterklasse, nur auf dem Wege des Klassenkampfs und der sozialen Revolution lösbar sind, während nichtantagonistische Widersprüche auch zwischen verbündeten Klassen und Schichten möglich sind. Mit den übrigen werktätigen Schichten, die im antagonistischen Verhältnis zum Monopolkapital stehen, kann die Arbeiterklasse eine antimonopolistische Front bilden. Im Sozialismus ist der gesellschaftliche Antagonismus durch die Macht der Arbeiterklasse beseitigt, es bleiben aber noch Widersprüche zwischen den Klassen und Schichten, beispielsweise zwischen Arbeitern und Genossenschaftsbauern, vorwiegend körperlich und vorwiegend geistig Arbeitenden. Die Kunst, mit Begriffen zu operieren, die - so Lenin - „eins in den Gegensätzen“ sind[25], steht politisch hoch im Kurs: Demokratie und Zentralismus, Nationales und Internationales, Persönliches und Gesellschaft werden mit ihrer Hilfe von der führenden Partei ins rechte Lot gebracht. Das Gesetz der Negation der Negation ist nicht nur für die Begründung der historischen Unvermeidlichkeit des Sozialismus relevant, sondern auch für das Verhältnis der Kommunistischen Parteien zu Erbe und Tradition, deren progressive Momente „aufgehoben“, d.h. erhalten werden sollen. Die Dialektik von Allgemeinem, Einzelnem und Besonderem findet in der Auseinandersetzung mit der Konzeption national-besonderer Sozialismus-“Modelle“ Anwendung, bei der man die Gefahr der Preisgabe allgemeingültiger revolutionärer Erfahrungen und die Abkehr vom „proletarischen Internationalismus“ befürchtet; andererseits wendet man sich auch gegen eine Unterschätzung konkret-besonderer Kampfbedingungen und nationaler Traditionen, die in Dogmatismus und ins sektiererische Abseits führen müsse.



[1] S. MEW 23, S. 27; MEW 20, S. 319f. Zum gesamten Kapitel vgl. z.B. Konstantinow, S. 118-180; Kopnin 1970; Kumpf 1968.

[2] Lenin, LW 21, S. 42.

[3] Engels, MEW 21, S. 293.

[4] Vgl. Engels MEW 20, S. 481.

[5] Engels, MEW 20, S. 132, 307.

[6] ibd. 348.

[7] Konstantinow, S. 124.

[8] Vgl. Wetter 1977, S. 122.

[9] Konstantinow, S. 131.

[10] Kopnin 1970, S. 114.

[11] Marx, Erg.bd. 1, S. 533.

[12] Vgl. a. Engels, MEW 20, S. 126ff., 564.

[13] LW 38, S. 181.

[14] Kopnin 1970, S. 283.

[15] S. Engels, MEW 20, S. 503; Konstantinow, S. 154 und ff.; Gropp, nach Sandkühler 1973, S. 97f.

[16] Vgl. Konstantinow, 153ff.

[17] Marx/Engels, MEW 2, S. 60ff.

[18] Engels, MEW 20, S. 498.

[19] S. MEW 20, S. 488.

[20] MEW 20, S. 106.

[21] S. a. Stiehler 1972.

[22] MEW 25, S. 825.

[23] LW 38, S. 142.

[24] Konstantinow, S. 178.

[25] LW 38, S. 339.


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