II.
Teil: Dialektik, Logik, Erkenntnistheorie
1. Geschichtliches
Bei der Frage
der philosophischen Dialektik geht es nicht zuletzt darum, ob und
wie das menschliche Denken Leben und Bewegung erfassen kann. Sind
diese unerkennbar oder allenfalls einem ahnenden Fühlen zugänglich,
oder gibt es eine Denkart, die fähig ist, in den Strom des Werdens
einzutauchen? Das Verstandesdenken ist dazu nicht in der Lage, darin
herrscht Einigkeit zwischen Marxismus und Anthroposophie. So
notwendig es ist, um den Begriffen Bestimmtheit und Kontur zu geben,
man kommt auf diese Weise doch nur zum Operieren mit "Abstraktionen
nach einem streng vorgegebenen Schema, einer Schablone [...]“; der
Verstand "zerlegt das Ganze, Einheitliche in einander ausschließende
Gegensätze“. Es gibt jedoch ein schöpferisches Denkvermögen,
die Vernunft, die imstande ist, die Begriffe "beweglich, flexibel,
plastisch, miteinander verbunden und ineinander übergehend“ zu
bilden. So liest es sich in dem Buch "Grundlagen der
marxistisch-leninistischen Philosophie“.[1]
Steiner, obwohl er nicht den Terminus Dialektik zur
Charakterisierung seiner eigenen Anschauungsweise verwendet, äußert
sich in diesem Punkt ganz ähnlich: Der Verstand unterscheide die
Dinge voneinander, die Vernunft verbinde "die vom Verstand
gewonnenen isolierten Begriffe zu einem einheitlichen Bilde. Das
Werden, das Entstehen ist ein ewiger Fluß, in dem die Dinge, von
denen der Verstand isolierte Begriffe entwirft, entstehen und
vergehen. Der Verstand kann daher nur die gewordenen Dinge erfassen,
das Werden ist Gegenstand der Vernunft, deren Obliegenheit es ist,
die Begriffe in den Fluß zu bringen, der dem Werden der
Wirklichkeit entspricht.“[2] Die genannten
Fragen haben seit je die Denker bewegt, und im Kontext der
Geschichte von Dialektik, Logik und Erkenntnistheorie ergeben sich
zahlreiche Gesichtspunkte für den Vergleich zwischen marxistischem
und anthroposophischem Ansatz. Mit den
"Anfängen
des Nachdenkens über das Denken vom Kosmos“[3]
in der antiken Philosophie, setzt das Bemühen um Selbstverständigung
des wissenschaftlichen Denkens über das Geschäft ein, das es
betreibt: das Erkennen. Erkenntnis
wird philosophiegeschichtlich im selben Maße immer mehr zum
Problem, in dem das Subjekt die Gedanken als seine eigenen
Hervorbringungen erlebt und sich damit die Frage nach dem Verhältnis
von Denken und Wirklichkeit immer schärfer stellt. Eben damit hängt
auch zusammen die bewußte Beschäftigung mit den Problemen der Logik,
d.h. mit den Formen und Methoden des richtigen Denkens. Man
fragt, wie die Geltung der von der Logik aufgewiesenen Kategorien
und Denkgesetze begründet werden kann, in welchem Verhältnis
Denkgesetze und Seinsgesetze zueinander stehen. Das Verhältnis von
Sinneswahrnehmung und Denken, Subjekt und Objekt in der Erkenntnis
werden hinterfragt, man sucht nach einem sicheren Kriterium der
Wahrheit des Wissens. Für ein
vorwissenschaftliches Bewußtsein ist Wahrheit unproblematisch
gegeben -
durch Herkommen, religiöse und sittliche Autorität. Nun
muß sie errungen werden: durch widersprechende Meinungen und die Überwindung
dieser Widersprüche im Gespräch kommt sie prozeßhaft zustande. Wo
dieses Vorgehen Methode hat, wird es zur "Unterredungskunst“ (Dialektik).
Unter dem Gesichtspunkt des Denken-Sein-Verhältnisses entsteht
in bezug auf solche Dialektik die Frage, ob die Bewegung des Denkens
in Gegensätzen und ihrer Vermittlung (Synthesis) ein fundamentum in
re habe, ob also die Gegensätze nur Aspekte der Betrachtung oder
auch Seiten der betrachteten Sache selbst seien und ob die Bewegung
der Entstehung, Zuspitzung und Auflösung von Widersprüchen nur ein
subjektives Erkenntnisgesetz oder der Ausdruck des Werdens der
Wirklichkeit selbst ist. Bei den Griechen -
und auch in anderen Kulturkreisen, z. B. in der
Vorstellungswelt des Frühbuddhismus und Taoismus - war die
Auffassung einer durch Urpolaritäten geprägten Natur diejenige, zu
der man spontan tendierte. Engels nennt die noch gleichsam naturwüchsige
objektive Dialektik bei den Griechen eine geniale Intuition. Der
Grundgedanke sei der, daß die Welt nicht als ein Komplex von
fertigen Dingen, sondern von Prozessen aufzufassen ist. Zwar werde
der Gesamtzusammenhang der Naturerscheinungen in der Antike nicht im
Detail nachgewiesen, sondern sei Resultat unmittelbarer Anschauung.[4]
Aber die ganzheitliche Naturbetrachtung der Griechen wird doch
zum Urbild aller späteren Versuche, die Welterscheinungen in ihrem
inneren Zusammenhang aufzufassen. Das Verhältnis von
Sinneswahrnehmung und Denken in der Erkenntnis wird erstmals bei
Parmenides zum Problem. Indem sein Schüler Zeno die Antinomien der
Bewegung so deutet, daß diese Schein sei, das wahre Sein ruhend,
unbewegt gedacht werden müsse, wird er paradoxerweise in einem und
zugleich zum Vater aller dialektischen Begriffskunst und aller
undialektischen Ontologie. Der Antipode dieser "Eleaten“ ist
Heraklit. Für ihn ist der Kampf der Gegensätze "Vater aller
Dinge“, Triebkraft der Entwicklung und Bewegung. Die Dialektik ist
hier der Atem der alles durchwaltenden worthaften Vernunft, des "Logos“, den die menschliche Vernunft in der Erkenntnis vernimmt.
Bei Empedokles regiert die Polarität von Liebe und Haß, nicht nur
im Menschen, sondern als Verbindung und Trennung der Elemente auch
in der Natur. Inneres und Äußeres
sind durchs gleiche Prinzip verbunden: gleiches wird nach Empedokles
nur durch gleiches erkannt, die Elemente der Außenwelt durch ihnen
verwandte Kräfte in unserem Innern. In der Linie
Demokrits und derjenigen Platons trifft der Gegensatz von
Materialismus und Idealismus aufeinander: Demokrit unternimmt den
ersten Versuch einer materialistischen Abbildtheorie der Erkenntnis.
Für Plato dagegen kommt wahres Sein nur den ewigen Ideen zu, die
sinnlich wahrnehmbaren Dinge sind lediglich Nachbilder, Schatten
dieser Urbilder, sind nur kraft ihrer Teilhabe an jenen, was sie
sind. Das Erkennen ist ein Hervorzaubern der Erinnerung an die
reinen Urbilder aus der Seele, die sie vor ihrer Geburt in
leibfreiem Zustande geschaut hat. In den Dialogen Platos ist die
Dialektik als Kunst, durch Widersprüche zur Wahrheit vorzustoßen,
klassisch ausgeprägt - wobei
Plato und sein Lehrer Sokrates sich von der relativistischen
Dialektik der Sophisten abgrenzen. Bei Sokrates wird der Aufweis von
Widersprüchen in der Position des Gegenübers zum Mittel der "Hebammenkunst“, die die Wahrheit durch Einsicht im Gegenüber
zustandekommen läßt. Aristoteles
kritisiert die Tendenz der Platonischen Philosophie zum Dualismus,
zur Verselbständigung der Ideen- gegenüber der Sinneswelt. In
Wirklichkeit sei das Allgemeine, die Idee, mit den sinnlich
wahrnehmbaren Dingen untrennbar verbunden und in ihnen -
als ihre "Entelechie“, ihr Wesen -
verkörpert und wirksam. Die Entelechie ist die der
vergänglichen Materie der raum-zeitlich bestimmten Einzeldinge
gegenüber dauernde Form, und die schöpferische Vernunft ist das
Organ der Auffassung dieses Dauernden im Wechsel, des Allgemeinen in
der Erscheinung. Diese Frage des Verhältnisses von Allgemeinem und
Einzelnem und seiner Dialektik prägt dann den Disput über
Erkenntnisprobleme in der mittelalterlichen Scholastik in Gestalt
des Universalienstreits. Die Realisten halten die Ideen für
Wirklichkeiten; die Nominalisten für bloße Namen, die
bekanntlich Schall und Rauch sind, für
zusammenfassende Bezeichnungen, Abkürzungen für eine jeweilige
Vielheit von einzig und allein wirklichen sinnlichen Einzeldingen.
Auch die Dialektik als Kunst des Pro und Contra bringt die
Scholastik zu hoher Blüte. Aristoteles ist der
eigentliche Begründer der Logik als Wissenschaft von den
Denkformen. Die Definition der Begriffe, ihre Verbindung zu
Urteilen, die Verbindung von Urteilen zu Schlüssen und Schlußketten
(Beweise), all das hat er erstmals untersucht, ebenso wie die Rolle
der Kategorien und Denkgesetze. Die Kategorien sind die höchsten,
nicht weiter ableitbaren Begriffe: Wesen, Größe, Beschaffenheit,
Verhältnis zu andern Gegenständen, Ort und Zeit des Vorkommens,
was er tut oder was mit ihm geschieht und der Habitus können von
jedem Gegenstand ausgesagt werden. Ebenso unableitbar wie die
Kategorien sind die Denkgesetze: Der Satz vom ausgeschlossenen
Widerspruch, der Satz der Identität, der Satz vom ausgeschlossenen
Dritten und der vom zureichenden Grunde. Sie bedürfen nach
Aristoteles auch keiner Ableitung, sondern sind unmittelbar evident. Aristoteles hat
gezeigt, daß der Schluß vom Allgemeinen aufs Besondere (Deduktion)
notwendig wahre Resultate liefert, während die Verallgemeinerung
von Einzelbeobachtungen (Induktion) nur Wahrscheinlichkeit mit sich
führt. Trotzdem müssen wir in der Praxis oft gerade diesen Weg
gehen. Der Aufschwung der empirischen Naturforschung zu Beginn der
Neuzeit führt denn auch in der Logik zunächst zur Ausarbeitung der
Theorie der induktiven Schlüsse durch Francis Bacon u. a. Diese
neuzeitliche philosophische Entwicklung führt zunächst zur
Entwicklung eines Denkstils, welcher der Dialektik entgegengesetzt
ist - mit Hegel kann man ihn den metaphysischen nennen. Es ist dies
ein Denken in unvermittelten Gegensätzen, starren Ordnungen und
Einteilungen, das sich vor allem für die Einzelfakten, nicht für
den großen Zusammenhang interessiert. Engels charakterisiert diesen
Denkstil treffend, wenn er schreibt, die moderne Naturwissenschaft
habe erst einmal die Naturgegenstände sammeln, zergliedern und
klassifizieren müssen, um sie zu erforschen. Dieses Vorgehen sei
geradezu die "Grundbedingung der Riesenfortschritte, die die
letzten 400 Jahre unserer Kenntnis der Natur gebracht. Aber es hat
uns auch die Gewohnheit hinterlassen, die Naturdinge und Naturvorgänge
in ihrer Vereinzelung, außerhalb des großen Gesamtzusammenhangs
aufzufassen; daher nicht in ihrer Bewegung, sondern in ihrem
Stillstand, nicht als wesentlich veränderliche, sondern als feste
Bestände, nicht in ihrem Leben, sondern in ihrem Tod.“[5]
Durch die Empiristen Bacon und Locke sei diese Denkweise aus der
Naturwissenschaft in die Philosophie eingedrungen. Am Beginn der
neuzeitlichen Philosophie stehen sich Empirismus und Rationalismus
schroff gegenüber - bis Kant seine Synthese, eine Art empiristisch
gemilderten Rationalismus, versucht. Sind für die Empiristen
Empfindung, Wahrnehmung und Vorstellung, sind Sinnesbeobachtung und
Experiment Primärquellen des Wissens, so für die Rationalisten das
durch die Erfahrung bloß veranlaßte begriffliche Denken, daß sich
in Schlußfolgerung, Hypothese, Theorie und Intuition bewegt.
Evidenzerlebnisse, wie sie aus Mathematik und Logik bekannt sind,
sind das entscheidende Wahrheitskriterium; die Ideen gelten als dem
Menschen angeboren. Ansätze
dialektischen Denkens hat es auch in Periode der Vorherrschaft der
metaphysischen Denkweise gegeben. Nicolaus Cusanus mit seiner Lehre
vom Zusammenfallen der Gegensätze und Giordano Bruno sind Beispiele
dafür. Und Descartes bringt nicht nur mit der variablen Größe
Bewegung in die Mathematik, sondern wird vor allem dadurch ein
Vorbereiter für die Dialektik bei Fichte, Schelling und Hegel, daß
er das denkende Ich zum Hebelpunkt der Erkenntnis macht. Das
Subjekt, das sich in seiner denkenden Tätigkeit selbst zu erfassen
sucht, gerät in den Widerspruch zugleich Subjekt und Objekt eines
Erkenntnisaktes zu sein, einen Widerspruch, aus dem die
Subjekt-Objekt-Dialektik der klassischen deutschen Philosophie
entsteht. In England, der
Heimstatt des Empirismus, der dort schließlich in den Positivismus
eines J. St. Mill und Herbert Spencer münden wird, tritt John Locke
Descartes entgegen: Erfahrung ist für ihn die einzige
Erkenntnisquelle, äußere Sinnes- und innere Selbstwahrnehmung sind
nur graduell verschiedene Dinge. Die Ideen entstehen nicht an,
sondern aus der Erfahrung, unmittelbar oder durch Kombination und
Abstraktion, als Konstrukte des Verstandes, der sich eine Rechenmünze
fertigt, um sich die Aufzählung der Einzelheiten zu ersparen.
Angeborene Ideen gibt es nicht, die Seele ist "tabula rasa“, ehe
sich äußere Eindrücke in sie eingeschrieben haben. Während die
französischen Enzyklopädisten den Sensualismus der Engländer im
Sinne einer mehr oder weniger materialistischen Abbildtheorie der
Erkenntnis weiter ausbauen, nimmt er in England selbst durch die
spezifische Manier von Berkeleys Kritik an der Lehre von den primären
und sekundären Qualitäten zunächst eine Wendung ins Phänomenalistisch-Idealistische. Auch David Hume
geht vom Primat der Erfahrung aus. Doch im Unterschied zu Berkeley,
der alle Bewußtseinserscheinungen als "ideas“ bezeichnet,
unterscheidet er deutlich zwischen Gedanken und Vorstellungen auf
der einen, Sinneseindrücken auf der anderen Seite. Die letzteren
sind stark und eindringlich, während die ersteren nur ihre
schwachen Abbilder sind. "Relations of ideas“ und "matters of
facts“ sind streng zu unterscheiden. Die mathematischen Sätze
sind allgemeingültig und notwendig wahr. Ansonsten sind alle
Aussagen, die über das Konstatieren von Einzelwahrnehmungen
hinausgehen, unsicher. Denn das Verknüpfen der Einzelwahrnehmungen
folgt psychologischer Nötigung und Gewöhnung. Wir bilden z. B. den
Begriff der Kausalität, wenn zwei Ereignisse in räumlicher
Nachbarschaft wiederholt aufeinander gefolgt sind. Da jede induktive
Verallgemeinerung bestenfalls Wahrscheinlichkeit mit sich bringt,
ist der Erkenntniswert der Kausalitätsvorstellung prinzipiell
zweifelhaft. Hume geht noch über Berkeley hinaus, wenn er nicht nur
die Existenz einer körperlichen Substanz (Materie), sondern auch
die einer geistigen (Seele, Ich) in Abrede stellt. Humes Philosophie
habe ihn aus dem dogmatischen Schlummer geweckt, bekennt Kant
einmal. Dogmatismus ist es seiner Meinung nach, im Sinne der
Metaphysik der Leibniz-Wolffschen Schule ohne erkenntnistheoretische
Reflexion auf das Leistungsvermögen der reinen Vernunft die letzten
Fragen über Gott, Seele und Unsterblichkeit abmachen zu wollen und
damit die Grenzen gesicherten Wissens zu überschreiten. Man beachte
dabei nicht, daß Begriffe ohne empirischen Inhalt leer und
gehaltlos bleiben müssen. Darin allerdings ist Kant mit Leibniz
einig, daß Erkenntnis nicht allein aus den Sinnen stammen kann. Das
sinnliche Material wäre ein chaotisches Gewühl, wenn es nicht
durch unseren Erkenntnisapparat strukturiert würde. Dieser enthält
die reinen Formen der Anschauung und des Verstandes: das
Raum-Zeit-Raster und die Kategorien. Jede mögliche Erfahrung muß
sich nach diesem Apriori unseres Erkenntnisapparats richten. Die
umgekehrte Auffassung, die Erkenntnis habe sich nach den Gegenständen
zu richten, ist als vermeintlich naiv abgetan. Durch diese "kopernikanische Wende“ hat Kant gegenüber Hume Allgemeingöltigkeit
und Notwendigkeit der Erkenntnis zurückerobert: Der Satz, daß jede
Veränderung ihre Ursache hat (Kausalitätsprinzip) z.B., ist ein "synthetisches Urteil a priori“, nach dem sich jede mögliche
Erfahrung richten muß, und als solches ist es vollständig gewiß,
nicht unsicher und Gewohnheitssache, wie Hume meinte. Aber der
Preis, den Kant für diesen Vorteil zahlt, ist hoch und besteht in
der Preisgabe des Begriffs der objektiven Wahrheit und im
Agnostizismus: Wie die außerhalb des Bewußtseins und unabhängig
von ihm existierenden "Dinge an sich“ beschaffen sind, die durch
ihre reale Einwirkung auf uns die Empfindungen erzeugen, können wir
nicht wissen. Wovon wir wissen können, sind Erscheinungen für uns
(auch "Vorstellungen“ genannt). Als gänzlich unerkennbar und
unerfahrbar sind die zunächst recht materialistisch anmutenden
Dinge an sich dann auch wiederum bloße Gedankendinge. Kant nennt
sie denn auch "Noumena“ im Gegensatz zu den "Phänomena“. "Das eigentliche Problem [...], wie das menschliche Bewußtsein zu
allgemeingültigen Erkenntnissen nicht über eine von ihm selbst
bestimmte Erscheinungswelt, sondern über die vom Bewußtsein unabhängige
objektive Welt kommen kann, blieb bei Kant ungelöst.“[6]
Aus dieser Schwäche machen dann manche Nachfolger Kants eine
vermeintliche Tugend, indem sie die These von der Objektivität des
Ding an sich als eine Inkonsequenz Kants deuten. Und zwar
argumentiert man auf einer ähnlichen Linie wie früher Berkeley
gegenüber Locke: Das Gegebene sind die Sinnesempfindungen, jeder
Versuch, ihre Übereinstimmung mit einem sie verursachenden
objektiven Gegenstand zu prüfen, führt uns nur zu weiteren
Sinnesdaten oder wirft uns auf die "reinen“, apriorischen
Elemente unseres Erkenntnisvermögens zurück. Bereits die Annahme
des Ding an sich ist aus den Sinnesempfindungen gar nicht ableitbar,
denn das Kausalprinzip, das Kant hier zu Hilfe nimmt, ist doch, wie
er selbst in aller Deutlichkeit herausstellt, kein objektives
Prinzip, sondern ein Apriori unseres Geistes. Besonders der
Neukantianismus verfängt sich in diesem "erkenntnistheoretischen
Paradoxon“, aus dem man keinen Ausweg mehr ins Objektive findet. Nach Kant muß die
reine Vernunft sich notwendig in Antinomien verstricken, wenn sie
die Erfahrungsgrenzen überschreitet und das Absolute ergründen
will. Die Dialektik, die dabei entsteht, ist nur eine "Logik des
Scheins“. Kants Nachfolger sehen das anders: Das Absolute wäre
gar nicht absolut, wenn es nicht alle Gegensätze umgreifen würde.
Daher ist es selbst die höhere Einheit des Widersprüchlichen, und
der Widerspruch darf folglich nicht als Erkenntnisgrenze
interpretiert werden. "Das Absolute zu konstruieren“, schreibt
Hegel 1801, "ist Aufgabe der Philosophie; da aber das Produzieren
wie die Produkte der Reflexion nur Beschränkungen sind, so ist dies
ein Widerspruch. Das Absolute soll reflektiert, gesetzt werden;
damit ist es aber nicht gesetzt, sondern aufgehoben worden, denn,
indem es gesetzt wurde, wurde es beschränkt. Die Vermittlung dieses
Widerspruchs ist die philosophische Reflexion.“[7]
Fichtes „Ich, das das Nicht-Ich setzt“, Schellings
„Wesensidentität von Geist und Natur“ sind Antworten auf
dasselbe Problem. Hegel versucht das subjektive Subjektiv-Objekt des
einen und das objektive des anderen Denkers durch ein "absolutes
Subjekt-Objekt“ zu überbieten: Bei Hegel kehrt die
Idee, das Absolute in seinem Anundfürsichsein (als solches ist es
Gegenstand der "Logik“) aus ihrer Ausdehnung in Raum und Zeit
(als die sie Gegenstand der Naturphilosophie ist) in sich selbst zurück
und wird in der menschlichen Geschichte zum absoluten Geist, der
sich in Kunst, Religion und Wissenschaft betätigt
(Geistphilosophie). Diese "Odyssee des Geistes“, durch die dieser
sich zum Bewußtsein seiner selbst hinarbeitet, ist nicht eigentlich
eine Aufwärtsentwicklung in der Zeit, sondern ein "Kreis von
Kreisen“, in welchem das Zeitliche im Ewigen urständet wie mündet. Hegels System ist
im ganzen und in allen Teilen im Rhythmus des Dreischritts von
These, Antithese und Synthese konzipiert. Das zentrale Motiv der
Dialektik ist hier in einmaliger Konsequenz zugleich als Denk- und
Seinsprinzip ausgearbeitet: Hegels Philosophie ist eine Philosophie
der Identität von Denken und Sein. Doch entsteht durch diese
Konsequenz zugleich ein Verzicht auf erkenntnistheoretische
Reflexion und Begründung im engem Sinne. Durch die Identifikation
von Denken und Sein ist Hegels "Wissenschaft der Logik“ zugleich
Lehre vom Sein, die "Logik des Begriffs“ ist in ihr nur ein Teil,
dem die "Logik des Seins“ und die "Logik des Wesens“
vorgeschaltet sind. Dialektik als Ontologie und Dialektik als Logik
fallen zusammen. Dadurch erscheint aber auch "das von der
Erkenntnistheorie zu lösende Problem der Wirklichkeitstreue der
Erkenntnis gelöst; eine eigene Erkenntnistheorie erübrigt sich,
ihre Aufgabe ist von der Logik schon mitgelöst.“[8] Das heißt jedoch
nicht, daß Hegel nicht wesentliche Gedanken ausspricht, die als
Bausteine für eine Erkenntnistheorie dienen können. Wesentlich neu
ist vor allem die Historisierung des Erkenntnisbegriffs, der
erstmalig - in der "Phänomenologie des Geistes“ -
in Verbindung mit der sozialen und individuellen Bewußtseinsentwicklung
und ihren gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gebracht wird; der
Geschichtlichkeit der Wissenschaft wird erstmals Rechnung getragen.
Den Dialektiker interessiert weniger das fertige Wissen als die
Frage, wie Wissen aus Nicht-Wissen entsteht. Erkenntnistheoretisch
bedeutsam ist Hegels Auseinandersetzung mit Kant, so, wenn er den
Ding-an-sich-Begriff als haltlose Abstraktion bezeichnet, weil die
Dinge an sich zu nehmen gleichbedeutend damit sei, von ihrer
Beziehung auf anderes zu abstrahieren, wodurch sie zu einem reinen
Nichts würden.[9] Hegels Dialektik
ist Selbstbewegung des Begriffs. Jeder Begriff -
analysiert man ihn nur gehörig -
zeigt sich mit einem Widerspruch behaftet, der ihn in seine
Antithese "umschlagen“ läßt. Diese läßt sich in ihrer
Einseitigkeit nicht festhalten und wird ihrerseits wiederum negiert.
Das Widersprechende löst sich aber nicht in ein abstraktes Nichts
auf, "sondern wesentlich nur in die Negation seines besonderen
Inhalts“.[10]
Das Resultat des Widerspruchs hat als "bestimmte
Negation“ einen positiven Inhalt. "Sie ist ein neuer Begriff,
aber der höhere reichere Begriff als der vorhergehende, denn sie
ist um dessen Negation oder Entgegengesetztes reicher geworden, enthält
ihn also, aber auch mehr als ihn und ist die Einheit seiner und
seines Entgegengesetzten“, ihre Synthese.[11] Sehr schön
beschreibt Vinzenz Knauer die Hegelsche Begriffskunst am Beispiel
des Anfangs der "Logik“: Die Philosophie beginnt "als ganz
,voraussetzungslose Wissenschaft‘ mit dem inhaltsleersten aller
Begriffe, mit dem des reinen Seins. Dieses aber ist seiner gänzlichen Inhaltslosigkeit
und Unbestimmtheit gleich dem reinen
Nichts. Diese beiden Begriffe schlagen also ineinander um, d.h.
sie sind jeder für sich, in seiner Isoliertheit im Denken, nicht
festzuhalten, und ihre Wahrheit liegt in einem dritten höheren
Begriff, in dem des reinen Werdens nämlich, denn den Übergang vom Sein zum Nichts
nennen wir ein Werden. Aber auch mit diesem Begriff beruhigt sich
das Denken nicht [...][12]
Aus dem Begriff des Werdens entsteht in dieser Metamorphosenreihe
der des Daseins, des Gewordenen als Resultat des Werdens. Das Dasein
ist nicht mehr Sein schlechthin, sondern bestimmtes Sein, diese
Bestimmtheit wird durch den Begriff der Qualität
erfaßt. Etwas ist
durch seine Qualität das, was es ist. Über verschiedene
Zwischenschritte ergibt sich Hegel das Gegenteil der Qualität, die Quantität.
Die Quantität bleibt gegenüber der Qualität gleichgültig,
aber nur innerhalb der durch bestimmte Maßverhältnisse gesetzten
Grenzen, jenseits derer sie gesprengt wird und einer anderen Qualität
Platz machen muß. Das Maß ist so das qualitative Quantum, die höhere
Einheit von Quantität und Qualität. Von der Logik des
Seins gelangt Hegel zu der des Wesens, in der die Gegensätze nicht
mehr einfach ineinander übergehen, sondern sich durchdringen. Das
Wesen als Selbstbeziehung ist Identität. Die abstrakt-formale
Verstandeslogik unterscheidet die Identität von der Nichtidentität.
Aber indem sie unterscheidet, gibt sie stillschweigend zu, daß die
Identität selber ein Verschiedenes ist, nämlich das von
Verschiedenheit, die ihrerseits auch wieder mit sich selbst
identisch sein muß, Verschiedene. Über die äußerliche
Verschiedenheit geht die kategoriale Entwicklung zum Unterschied,
Gegensatz und dialektischen Widerspruch fort. Im Widerspruch ist der
Unterschied zum polarischen Verhältnis des sich zugleich Ausschließens
und Bedingens geworden. Für Hegel ist der Widerspruch tiefer und
wesenhafter als die Identität, denn diese ist ihm gegenüber "nur
die Bestimmung des einfachen Unmittelbaren, des toten Seins; er aber
ist die Wurzel aller Bewegung und Lebendigkeit; nur insofern etwas
in sich selbst einen Widerspruch hat, bewegt es sich, hat Trieb und
Tätigkeit.“ Die äußere sinnliche Bewegung ist der "daseiende
Widerspruch selbst [...] Ebenso ist die innere, die eigentliche
Selbstbewegung, der Trieb überhaupt
[...] nichts anderes, als daß etwas in
sich selbst und der Mangel, das
Negative seiner selbst, in einer und derselben Rücksicht ist.
Die abstrakte Identität mit sich ist noch keine Lebendigkeit [...]
Etwas ist [...] lebendig, nur insofern es einen Widerspruch in sich
enthält, und zwar diese Kraft ist, den Widerspruch in sich zu
fassen und auszuhalten.“[13] Das Wesen existiert nicht jenseits der Erscheinung, diese ist vielmehr
seine Manifestation, ist das Wesen in seiner Existenz. Das
Wesentliche in den Erscheinungen ist das Gesetz,
das Hegel auch das ruhige Abbild der erscheinenden Welt nennt.
Die Einheit von Wesen und Erscheinung, Innerem und Äußerem ist die
Wirklichkeit. Sie enthält
in sich die Möglichkeit und
die Notwendigkeit. Weiterhin
analysiert Hegel die Kategorien Substanz
und Akzidenz, Ursache,
Wirkung und Wechselwirkung,
wobei sich ihm schließlich als die ,Wahrheit der
Notwendigkeit‘ die Freiheit, als ,Wahrheit der Substanz‘ der Begriff ergibt. Im dritten Teil der
Logik, der Logik des Begriffs, diskutiert Hegel das Verhältnis von
Begriff, Urteil und Schluß, besonders unter dem Gesichtspunkt der
Dialektik von Allgemeinem, Besonderem und Einzelnem. "Die Wahrheit
ist das Zusammenfallen des Begriffs mit der Objektivität. Sie ist
immer konkret [...] Das ist aber schon nicht mehr die Konkretheit
des sinnlich wahrgenommenen einzelnen Gegenstandes, sondern die
logische Konkretheit eines Ideenorganismus.“[14]
Im tiefsten Sinne genommen, bedeutet Wahrheit aber nicht bloß, daß
der Begriff seinem Gegenstande, sondern auch daß dieser seinem
Begriff entspreche. Um das Existierende zu dem umzugestalten, was es
sein soll, bedarf es aber der Tätigkeit. Die Wahrheit erscheint
jetzt einmal als theoretische, dann als praktische Idee, bis sie als
Einheit von Theorie und Praxis zur absoluten
Idee wird. Immer wieder von
neuem hat der dialektische Prozeß, angefacht vom Widerspruch,
begonnen, bis "alle der Wirklichkeit zugrundeliegenden
Hauptbegriffe der Reihe nach entwickelt“ waren, "ganz richtig
erwogen, sich von selbst entwickelt haben, bis hinauf zum Begriff
des Selbstzwecks, mit dem das ,diamantene Netz‘, welches Erde
und Himmel im reinen Denken enthalten soll, geschlossen ist. Die
Gedankenwelt nämlich, welche in ihren Kategorien die Gesetze der
wirklichen Welt enthält, ist ein geschlossener Organismus, und wie
in einem solchen kein einziges Glied vollkommen verständlich ist
ohne die Kenntnis des ganzen Organismus, so weist auch jeder Begriff
gerade durch seine Unvollkommenheit, durch seinen Widerspruch auf
den ganzen Denkorganismus hin, auf die Idee“[15],
die sich am Ende der Logik in die Natur ,entäußert‘. Daß Hegel bei
seinem Versuch, der toten Materie der Logik Bewegung und Leben
einzuhauchen und das Kategoriensystem gemäß der Bewegung des
Denkens vom Abstrakten zum Konkreten, vom Einseitigen zum
Vielseitigen aufzubauen, die von Aristoteles aufgewiesenen
Denkgesetze entscheidend einschränkt, haben ihm die Kritiker der
Dialektik bis heute nicht verziehen. So meint Karl R. Popper, die
Dialektik sei ein doppelt verschanzter Dogmatismus, der sich durch
die Zulassung des Widerspruchs gegenüber dem Aufweis von
Inkonsistenzen der Argumentation und Widersprüchen zwischen
Behauptungen und Tatsachen kritikimmun mache. -
Die Dialektiker halten dagegen, Popper vermöge nicht
zwischen absurden und dialektischen Widersprüchen zu
differenzieren.[16] Sowohl Steiner wie
auch die marxistische Hegel-Rezeption sprechen mit Recht von einer
gewissen Verwandtschaft zwischen dem Denken Hegels und Goethes.[17]
Während Hegel den sich metamorphosierenden Gedanken, den
Organismus der reinen Idee zu erfassen sucht, spürt Goethe in
seinen naturwissenschaftlichen Arbeiten den Gesetzen der
Pflanzenmetamorphose nach und gelangt so zur Idee des Organismus. Goethe sucht nach
einer Naturanschauung, die dem Wesen des Lebendigen gerecht wird und
seine Gesetze nicht auf die des Unlebendigen reduziert. Dem bloß
zergliedernden Verfahren, wie es der Leichenzerschneider, der
Anatom, praktizieren muß, setzt er ein ganzheitliches entgegen, das
die Ergebnisse von Anatomie wohl zu integrieren weiß, aber nicht
bei ihnen stehenbleibt. Der äußeren sinnlichen Anschauung ist an
einem Organismus nur das Nebeneinander der Glieder offenbar, wie es
auch noch am Leichnam vorhanden ist. Aber dieser ist schon kein
Organismus mehr: "Es ist jenes Prinzip verschwunden, welches alle
Einzelheiten durchdringt. Jener Betrachtung, welche das Leben zerstört,
um das Leben zu erkennen, setzt Goethe frühzeitig die Möglichkeit
und das Bedürfnis einer höheren entgegen.“[18]
Goethe kommt zu einem großartigen gedanklichen Aufbau der
lebendigen Totalität der Bildegesetze, die die Entwicklung der
Pflanze bestimmen: Macht man diesen gedanklichen Aufbau in sich
lebendig, dann bemerkt man, daß er die "in die Idee
übersetzte Natur der Pflanze selbst ist, die in unserem Geiste
ebenso lebt wie in dem Objekt; man bemerkt auch, daß man sich einen
Organismus bis in die kleinsten Teile hinein belebt, wenn man ihn
nicht als toten abgeschlossenen Gegenstand, sondern als sich
Entwickelndes, Werdendes, als die stete Unruhe in sich selbst
vorstellt.“[19] In der Welt des
Organischen ist das Allgemein-Notwendige im Meer der
Einzelerscheinungen, ihr immanentes Ordnungsprinzip, nicht wie in
der anorganischen Natur die Regel, nach der ein Vorgang ursächlich
aus einem anderen folgt. Die Idee drückt hier nicht nur aus, was
sinnenfällig geschieht, sondern bringt das im Sinnenfälligen
wirksame, aber für die Sinne nicht erscheinende Prinzip des Ganzen
zum Vorschein: das Gesetz ist hier Entwicklungsgesetz, die
Strukturierung eines zeitlichen Geschehens, in dem keine Phase übersprungen
werden kann. "Es ist in der Natur des Ganzen bedingt, daß ein
bestimmter Zustand als der erste, ein anderer als der letzte gesetzt
wird; und auch die Aufeinanderfolge des mittleren ist in der Idee
des Ganzen bestimmt, das Vorher ist von dem Nachher und umgekehrt
abhängig; kurz im lebendigen Organismus ist Entwicklung
des einen aus dem anderen [...]“[20] Goethe findet, daß
die Pflanze ein Wesen ist, "welches in aufeinanderfolgenden Zuständen
gewisse Organe entwickelt, welche alle, sowohl untereinander wie
jedes einzelne mit dem Ganzen nach ein und derselben Idee gebaut
sind [...]“[21]
Der "lebendige Begriff“, der die räumlichen Gestaltungsformen,
welche die Pflanze in ihrem Wachstum annimmt, "rückwärts und vorwärts
verbindet“, ist der des "wechselnden
Ausdehnens und Zusammenziehens“, also der Begriff einer sich
in Gegensätzen, in der
Polarität von Diastole und Systole vollziehenden Entwicklung. Die
Pflanze nimmt dabei eine Reihe von einander wenn man so will
negierenden, sich widersprechenden und "ausschließenden“
Gestalten an und bleibt dabei doch mit sich identisch, eine Identität,
die ganz im Sinne Hegels den Unterschied, Gegensatz und Widerspruch
an sich hat. Man wird erinnert an eine Stelle aus der Vorrede der
Hegelschen "Phänomenologie des Geistes“, wo es heißt: "Die
Knospe verschwindet in dem Hervorbrechen der Blüte, und man könnte
sagen, daß diese von jener widerlegt wird; ebenso wird durch die
Frucht die Blüte für ein falsches Dasein der Pflanze erklärt, und
als ihre Wahrheit tritt jene an die Stelle von dieser. Diese Formen
unterscheiden sich nicht nur, sondern verdrängen sich auch als
unverträglich miteinander. Aber ihre flüssige Natur macht sie
zugleich zu Momenten der organischen Einheit, worin sie sieh nicht
widerstreiten, sondern eins so notwendig als das andere ist; und
diese gleiche Notwendigkeit macht erst das Leben des Ganzen aus.“[22] Im Samen sind die
pflanzenbildenden Kräfte auf einen Punkt konzentriert, dann streben
sie im Stengel in die Höhe und breiten sich in der Blattbildung
an verschiedenen Achsenpunkten aus, um sich an einem Punkt des
Stengels im Kelch wieder zusammenzuziehen und in der Blumenkrone
erneut auszudehnen. Sodann kontrahieren sie ein weiteres Mal in
Staubgefäßen und Stempel, um sich in der Frucht noch einmal zu
dehnen, bis sich schließlich die "ganze Kraft des Pflanzenlebens
(das entelechetische Prinzip) wieder im höchst zusammengezogenen
Zustand im Samen“ (bzw. in modifizierter Weise in der Knospe)
verbirgt.[23]
"Die ganze Pflanze stellt nur eine Entfaltung, eine Realisierung
des in der Knospe oder im Samenkorn der Möglichkeit nach Ruhenden
dar.“[24]
Man mag heute mit guten Gründen einzelne biologische Thesen
Goethes in Frage stellen, entscheidend bleibt seine Entdeckung der
wichtigsten Eigenschaft des rein Pflanzlichen, der "Fähigkeit,
sich aus sich selbst zu erneuern, sich im rhythmischen Wechsel
auszudehnen, zusammenzuziehen und wieder auszudehnen [...]“[25] Inbegriff der die
einzelnen Wachstumsphasen und das Verhältnis der Teile zueinander
bedingenden ,Natur des Ganzen‘ wird für Goethe die "Urpflanze“.
Sie ist ein Wesen, "welches in ständiger Verwandlung begriffen ist
und dabei doch immer identisch bleibt.“[26]
Dieses eine, in allem Wechsel Dauernde, sucht Goethe in der
unendlichen Menge der Pflanzengestalten. - Im Tierreich spürt er
ihm später als dem "Typus“ nach. Dabei denkt er nicht an eine
einzelne ausgestorbene Spezies als Vorfahr der heutigen Pflanzen-
oder Tierwelt, aus der diese sich durch eine Kette materieller
Kausalitäten entwickelt hätten. Die Urpflanze ist auch kein
abstrakter, nominalistisch gefaßter Begriff, keine bloße
Abbreviatur für die einzelnen Pflanzenindividuen. Er ist wie die
Hegelsche "Idee“ in der Objektwelt selbst wirksam, hat aber
anders als diese einen anschaulichen, prototypischen, urbildlichen
Charakter. Er ist die eine Grundform in aller Mannigfaltigkeit: "Eine solche muß es doch geben! Woran würde ich sonst erkennen,
daß dieses oder jenes Gebilde eine Pflanze ist, wenn sie nicht alle
nach einem Muster gebildet wären.“[27] Die Urpflanze ist
Idee, insofern sie etwas nur gedanklich Festzuhaltendes ist; sie ist
aber nicht gestaltlos-abstrakt und unanschaulich. Man hält bei ihr
in der Idee fest, "was bei jedem einzelnen Pflanzenindividuum die
Natur gleichsam zugrundelegt und woraus sie dieselbe als eine Folge
ableitet und entstehen läßt.“[28]
Charakteristisch für das Urbild ist die Unerschöpflichkeit
seiner Ausformungsmöglichkeiten. Es ist kein starres Modell, das
alle Bewegungen festlegt, wie die Idee eines Mechanismus. Es ist
lebendig-beweglich: "Mit diesem Modell
und dem Schlüssel dazu“, so Goethe, "kann man alsdann noch
Pflanzen ins Unendliche erfinden, die konsequent sein müssen, d.h.
die, wenn sie auch nicht existieren, doch existieren könnten und
nicht etwa bloße dichterische Schatten und Scheine sind, sondern
innerliche Wahrheit und Notwendigkeit haben. Dieses Gesetz wird sich
nun auf alles Lebendige anwenden lassen.“[29] Die Urpflanze ist
nicht eine bloße begriffliche Einheit zur äußerlichen
Zusammenfassung des Mannigfaltigen, sondern die im Mannigfaltigen
selber wirkende Einheit; sie ist Entelechie im Sinne des
Aristoteles, das Thema, von dem alle einzelnen Pflanzenindividuen
nur Variationen sind. Die begriffliche Produktivität, die aus dem
Urbild mögliche Pflanzenformen ersinnt, ist eines Wesens mit der
Produktivität der Natur, die das Muster, das Typische und
Wesenhafte von Pflanze und Tier in immer neuen Gattungen, Arten und
Individuen verwirklicht. Steiner nennt den Begriff der Urpflanze,
weil er nicht aus Abstraktion stammt, sondern einen aus sich fließenden
Gehalt hat, einen intuitiven. Nur
durch einen solchen Begriff könne ein Organismus begriffen werden.
Entelechie ist das sich aus sich selbst Bestimmende, die sich selbst
ins Dasein rufende Kraft, das Selbstbewegte schlechthin. "Die
anorganischen Wirkungsreihen haben nirgends Anfang und Ende; das
folgende steht mit dem Vorhergehenden nur in einem zufälligen
Zusammenhang. Fällt ein Stein zur Erde, so hängt es von der zufälligen
Form des Objekts, auf welches er fällt, ab, welche Wirkung er ausübt
[...] Die auf sich gebaute Entelechie enthält eine Anzahl
sinnlicher Gestaltungsformen, von denen eine die erste, eine andere
die letzte sein muß; bei denen immer in ganz bestimmter Weise die
eine auf die andere folgen kann. Die ideelle Einheit setzt aus sich
heraus eine Reihe sinnenfälliger Organe in zeitlicher
Aufeinanderfolge und in räumlichem Nebeneinandersein und schließt
sich in ganz bestimmter Weise von der übrigen Natur ab. Sie setzt
ihre Zustände aus sich heraus [...]“ "Der unorganische Körper
ist abgeschlossen, starr, nur von außen zu erregen, innen
unbeweglich. Der Organismus ist die Unruhe in sich selbst, vom
Innern“ (als der Quelle der Selbstbewegung) "heraus stets sich umbildend,
verwandelnd, Metamorphosen bildend.“[30]
Ein totes Ding
entsteht und wird zerstört, aber es wird nicht geboren und stirbt
nicht, macht keinen Wachstums- und Reifeprozeß durch, bildet keinen
Keim, aus dem ein neues Wesen gleicher Art erwächst, das dieselbe
Form wiederholt. Der Organismus ist qualitativ etwas anderes als der
unorganische Körper, gleichwohl den Gesetzen des Unorganischen mit
unterworfen. Seine Entwicklung wird wesentlich modifiziert durch die
äußeren Umstände, unter denen die Entelechie sich verwirklichen
muß. Wegen dieser "widrigen“ Umstände ist sie sich selbst in
der Erscheinung nie ganz angemessen, als solche nur in der Idee
festzuhalten. Sie ist der wahre "elan vital“, der die Evolution
zu immer vollkommeneren Formen führt. Durch Polarität und
Steigerung vollzieht sich diese Evolution, das ist Goethes Fassung
des Grundgedankens der Entwicklung durch den Kampf der Gegensätze
und die Negation der Negation.[31] Die materialistische Dialektik
Wie
kommt es zu der Verbindung zwischen Dialektik und Materialismus im
Marxismus? Marx empfindet den Hegelschen Idealismus als mystische Hülle,
aus der es den rationellen Kern der Dialektik erst herauszuschälen
gilt. Auch wenn Hegels Dialektik nicht bloße Begriffskunst, sondern
Theorie der Selbstbewegung der Wirklichkeit sein will, sieht man sie
dennoch letztlich eingeschlossen in der Sphäre logischer
Abstraktionen. Marx un
[1] Konstantinow 1972, S. 233. [2]
Anm. Steiners zu Goethes Sprüche in Prosa“, dort S. 42. S.
a. GA 2, S. 52ff. [3] Vorländer 1, S. 24ff. Vgl. i. f. a. Vorländer 1963-78, Störig 1979, Erdmann 1976 u. 78, Klaus/Buhr 269ff., 356ff. [4]
MEW 20,
S. 320; MEW 21, S. 293; MEW 20, S. 333. [5] MEW 20, S. 20. [6] Klaus/Buhr, S. 362. [7] Hegel, Differenzschrift (1801), S. 17. [8] Wetter 1977, S. 129. [9] Hegel, Logik I, S.142. [10] ibd., S. 51. [11] ibd. 51 f. Zur logischen Struktur der bestimmten Negation und ihrer Vorgeschichte in den limitierenden Urteilen bei Kant vgl. Erdei 1972. [12] Knauer 1892, S. 310. [13] Logik II, S. 50. [14] Gulyga 1974, S. 142. Vgl. dort a.i.f. [15] Knauer, a.a.O. [16] Vgl. Popper 1975, Erdei 1972, Strawe 1978. [17] Steiner GA 1, 3, 6; Gulyga 1974. Überhaupt ist das Interesse der marxistischen Denker in der Sowjetunion an der Weimarer Klassik sehr ausgeprägt. [18]
GA 1, S. 8. [19]
ibd. 11. [20] ibd. 24, vgl. S. 51. [21] ibd. 25, ebenso das folgende Zitat. [22] Hegel, Phänomenologie, Vorrede. [23] ibd. 26. [24] ibd. 67. [25] Grohmann 1981 Bd. 1, S. 10. Suchantke 1983 etwa stellt die These in Frage, daß alle Pflanzenteile nur metamorphosiertes Blatt sind. Steiner geht in seinen späteren Untersuchungen z. B. über kosmische Einflüsse auf die pflanzliche Gestaltbildung über Goethe hinaus. [26]
GA 1, S. 14. [27] Goethe am 17. 4. 1787, nach GA 1, S. 23. [28] GA 1, S. 23. [29] 17. 5. 1787 an Herder, nach ibd., 23f. [30]
GA 1, S. 63, vgl. S. 59. [31] Das persönliche Verhältnis Goethes und Hegels ist von gegenseitiger Anerkennung geprägt, Einzelheiten s. etwa bei Gulyga 1974.
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