9.
Pädagogische Konzepte - Ein Ausblick
In dieser Arbeit
war häufiger von der Notwendigkeit eines Dialogs die Rede. Ein
besonders interessantes Feld dafür dürfte die Pädagogik sein. Für
beide, Marxismus und Anthroposophie, ist die Erziehungsfrage eine
soziale Frage, beide betonen die Rolle der Praxis für das Lernen,
sprechen von allseitiger Ausbildung der Persönlichkeit. Auf der
anderen Seite stoßen gerade auf dem Feld der Pädagogik die
unterschiedlichen Menschenbilder besonders deutlich aufeinander. Die Waldorfpädagogik
ist das mit am meisten entwickelte Praxisfeld der Anthroposophie. Sie
hat eine erhebliche Ausstrahlungskraft gewonnen, sind doch ihre
Erfolge - besonders vor dem Hintergrund der Defizite des öffentlichen
Bildungswesens in westlichen Ländern und der Krise seiner Reform -
unverkennbar. In den sozialistischen Ländern gibt es bisher kaum
zureichende Informationen über die Waldorfpädagogik - das Fehlen von
Schulen in freier Trägerschaft macht sich hier bemerkbar. Das
bedeutet nicht, daß man nicht pädagogische Trends in aller Welt
aufmerksam zu verfolgen versucht; auch ist ein gewisser Spielraum für
pädagogische Modellversuche durchaus vorhanden, so begrenzt er immer
sein mag. Es gibt Anzeichen dafür, daß z.B. in der Sowjetunion
ein latentes Interesse für die Waldorfpädagogik vorhanden
ist, und zwar auch innerhalb der offiziellen Pädagogik, eher
jedenfalls als in der akademischen Pädagogik etwa der angelsächsischen
Länder.[1] Man vergißt
manchmal, daß Rudolf Steiner der Meinung war, Elemente seiner Pädagogik
könnten durchaus nach und nach auch in das allgemeine Schulwesen
einfließen, die Waldorfpädagogik habe keinen exklusiven Charakter.[2] Selbstverständlich
war dabei stillschweigend unterstellt, daß nicht einzelne Aspekte
herausgegriffen und für einer Erziehung zur Freiheit unangemessene
Erziehungsziele umfunktioniert werden dürften. Man kann dies durchaus
im Auge behalten und trotzdem der Meinung sein, daß in der Pädagogik
am ehesten unmittelbare fruchtbare praktische Auswirkungen eines
Dialogs denkbar sind. Dies gilt natürlich für beide Seiten: so wenig
dem Marxismus ein Ignorieren der Waldorfpädagogik gut ansteht, so
wenig sollte diese darauf verzichten, die Erfahrungen der
sozialistischen Arbeitsschule mitzubedenken. Und die
Auseinandersetzung mit dem Marxismus ist sicher auch geeignet,
innerhalb der Waldorfschulbewegung die Besinnung
auf die eigenen Wurzeln in einer gesamtgesellschaftlichen
Erneuerungsbewegung zu fördern. Das Feld der pädagogischen
Theorie und Praxis ist umfangreich genug, um Stoff für eine eigene
ausgedehnte Untersuchung zu bieten. Hier ist nur ein Ausblick möglich,
eine grobe Skizze der beiden Bildungkonzeptionen und ihrer Entstehung. Für die Marxisten
gilt auch für das Erziehungs- und Bidungswesen die Basis-Überbau-Lehre:
D.h. daß man Erziehung in einem Verhältnis der Entsprechung zu den
ökonomischen Strukturen sieht. Im Kapitalismus sieht man so die
Bildungsschancen der breiten Masse prinzipiell begrenzt durch die
profitorientierte Ordnung: Das Verwertungsinteresse des Kapitals
bestimmt Umfang und Grenzen der Qualifikation: das Bildungssystem
weist daher die verschiedensten sozialen Barrieren und Abstufungen
auf. Unter den Bedingungen der wissenschaftlich-technischen
Revolution, so die marxistische Auffassung, wachsen die Anforderungen
an das Qualifikationsniveau der Werktätigen und an ihre berufliche
Flexibilität. Das Kapital muß daher mehr Bildung gewähren, versucht
die Kosten dafür aber über den Staatshaushalt auf die Allgemeinheit
zu überwälzen. Überhaupt sieht man die Rolle des kapitalistischen
Staates in der Bildung vor allem unter diesem ökonomischen Aspekt. Diese Analyse führt
zu der Überzeugung, daß die Hauptaufgabe für die Durchsetzung eines
den Interessen der arbeitenden Menschen an umfassender Bildung
dienenden Ausbildungssystems die Erkämpfung des Sozialismus ist. Das
heißt aber weder, daß man vor der sozialistischen Revolution einen
Kampf für Reformen dieses Systems als sinnlos ansieht, noch, daß man
nach der sozialistischen Revolution die Lösung der Bildungsfrage
schlicht im Selbstlauf für möglich hält. Was das letzte angeht, so
erachtet man eine „Kulturrevolution“ - freilich nicht im Sinne der
maoistischen Kulturrevolution der 60er Jahre - für einen notwendigen
Schritt des sozialistischen Aufbaus. In seiner pädagogischen
Konzeption knüpft der Marxismus an die Bildungsideale der utopischen
Sozialisten an: Schon der Frühsozialist W. Weitling forderte
umfassende Bildung für alle, wobei der „materielle Nutzen des
Wissens für die Gesellschaft“ im Vordergrund stehen sollte: dem
sollte auch die Verbindung von Unterricht und produktiver Arbeit
dienen.[3] In der „Kritik des
Gothaer Programms“ formulierte Marx wichtige Thesen zur
Bildungsfrage: Er wehrte sich gegen die Forderung nach allgemeiner
Volkserziehung durch den Staat, die in diesem Programm unabhängig von
der gesellschaftlichen Systemfrage formuliert war. „Durch ein
allgemeines Gesetz die Mittel für die Volksschule bestimmen“,
schrieb er, „ist etwas ganz anderes als den Staat zum Volkserzieher
zu ernennen. Vielmehr sind Regierung und Kirche gleichmäßig von
jedem Einfluß auf die Schule auszuschließen.“[4] In Preußen sei eher
der Staat einer rauhen Erziehung durch das Volk zu unterwerfen. Ziel
der Bildungspolitik der Sozialdemokratie müsse es sein, die
wissenschaftliche Bildung der Arbeiterklasse zu erhöhen und die
Arbeiter zur Leitung der Produktionsprozesse zu befähigen. Gefordert
werden technische Schulen, die theoretischen und praktischen
Unterricht bieten: „Polytechnische Erziehung“ ist das Konzept. Nach der
Oktoberrevolution ergab sich zum ersten Mal die Möglichkeit, die
Ideen des Marxismus über die sozialistische Kulturrevolution in die
Praxis umzusetzen. In Rußland bestand damals insoweit eine besondere
Situation, als der Nachholbedarf an Erziehung und Bildung weit größer
war als in Mittel- und Westeuropa: 1887 waren 73,7% der Bevölkerung
Analphabeten, ein Drittel der (3- bis 4jährigen, meist einklassigen)
Elementarschulen unterstand der Kirche. 1915 existierten erst 1547
Elementarschulen, Innerhalb historisch kurzer Zeit beseitigte der neue
Staat den Analphabetismus. 1918 erließ der Rat der Volkskommissare
eine Deklaration über ein einheitliches, barrierenloses Bildungsystem,
das vom Kindergarten bis zur Universität führen soll: alle sollen
gleiche Bildungschancen erhalten, jedermann kann nun die Leistungen
des Bildungssystems unentgeltlich in Anspruch nehmen. Es entstand eine
„Arbeitsschule“, deren erste Grundlage die psychologische Lehre
sein sollte, „daß nur das aktiv Aufgenommene wirklich erfaßt wird
[...] Unter diesem Gesichtspunkt wirkt sich das Arbeitsprinzip als
aktives, bewegliches, schöpferisches Bekanntwerden mit der Welt aus
[...].“[5] Schon damals wird die
12jährige Schulpflicht angesteuert, allerdings erst später erreicht.
Das Erüben praktischer Fähigkeiten in Schülerwerkstatt, Schulgarten
und im Rahmen von Praktika (Maschinenkunde, Landwirtschaft,
Elektrotechnik usw.) - das sind einige Aspekte der neuen Pädagogik. Der bedeutende
Kunstwissenschaftler und Schriftsteller A. W. Lunatscharski
(1875-1933), erster Volkskommissar für das Bildungswesen, verband
seine marxistischen Ideen mit Ansätzen der Reformpädagogik; Pavel
Blonski (1884-1941) war damals der wohl bedeutendste Theoretiker der
sozialistischen Arbeitsschule. Seine Devise lautete: Kein Abschleifen,
nur „Förderung der inneren Entwicklung der Kinder“, weil jede
andere Ideologie nur Verstümmelung und organisierten Zwang bedeute.[6] Das sind Ideen, die
an die spätere „antiautoritäre“ Pädagogik im Westen denken
lassen. Lenin trat dem gegenüber für „Arbeit, Disziplin und
Ordnung“ ein: Zwar solle die alte „Paukerschule“ nicht
wiederhergestellt werden, aber ohne Wissen und Gedächnisschulung
bleibe die sozialistische Erziehung Phrase.[7] Diese Einstellung
wird zunehmend bestimmend für die sowjetische Pädagogik. 1929 wird
Lenins Witwe Nadeshda Krupskaja (1869-1939) stellvertretende
Volkskommissarin für das Bildungswesen und fördert diese Tendenz. Welche geradezu
unvorstellbar großen Aufgaben damals zu lösen waren, wird klar, wenn
man bedenkt, daß 1922, laut amtlicher Statistik, vor allem infolge
des Bürgerkriegs, in der Sowjetunion 7 bis 9 Millionen eltern- und
obdachloser Kinder existieren. Der Lehrer Anton
Semenovic Makarenko (1888-1939) wird mit seiner Arbeit unter straffällig
gewordenen Jugendlichen zum Pionier der sowjetischen Pädagogik. Jedem
„Antiautoritarismus“ abhold, verwandelt er eine Arbeitskolonie
straffällig gewordener Jugendlicher durch die Errichtung einr
Selbstverwaltunghierarchie in eine funktionierende Gemeinschaft. Die
entscheidende Größe für die Persönlichkeitsbildung sieht er im
Kollektiv, wobei „Kollektiv“ für ihn allerdings keine herdenähnliche
Gemeinschaft bedeutet, sondern ein Gebilde, „das in seiner
Einmaligkeit des einzelnen ebenso abhängig ist wie dieser von der
Einmaligkeit des anderen“.[8] Verständlicherweise
wurde dieser Aspekt von Makarenkos Lehre in der Stalin-Zeit und
teilweise auch danach eher unterbelichtet. Die starke Betonung von
Fleiß und Disziplin überwiegt bis heute häufig gegenüber einer
Erziehung zu Selbständigkeit und Selbstverantwortung. Da die
marxistisch-leninistische Ideologie und ihre philosophischen Prämissen
grundlegend sind und alle Fächer durchdringen, sind Sinnfragen immer
schon vorentschieden, die eigene Urteilsbildung des Heranwachsenden
wird zu wenig angeregt. Die Kinderorganisation bzw. der kommunistische
Jugendverband sollen Mitverantwortung der Schüler einüben, aber
binden diese zugleich von früh an in vorgegebene
politisch-ideologische Denkstrukturen ein. Tendenzen zu äußerer
Anpassung bei innerer Gleichgültigkeit und Karrierementalität können
die Folge sein. Die praktische Ausbildung betont stark die technische
Seite, und die Körperbeherrschung wird von vornherein stark in die
Richtung des Leistungssports orientiert.
Das heißt allerdings nicht, daß künstlerische Aspekte gar nicht
beachtet würden: Künstlerische Begabungen werden durchaus gezielt
gefördert. Die marxistischen
Parteien des Westens treten alle in dieser oder jener Form für eine
bessere materielle Ausstattung der Bildungseinrichtungen ein, für
eine „demokratische Bildungsreform“, die durch Gesamtschule und
Gesamthochschule ein einheitliches Ausbildungssystem schafft. Sie kämpfen
für materielle Sicherstellung der Chancengleichheit und für
Mitbestimmung und „demokratische Kontrolle“ im Bildungsbereich,
gegen die Unterordnung des Bildungswesens unter die Interessen der großen
Konzerne. Das Verständnis für die Funktion freier Schulen ist sehr
schwach entwickelt, ja vielfach besteht die Tendenz, in freien Schulen
von vornherein „Privatschulen“ für eine begüterte Elite zu
sehen, die nicht erhaltenswert sind. Diese Tendenz findet sich übrigens
bis weit in die Kreise der Gewerkschaften und auch zahlreicher
sozialdemokratischer Parteien hinein, weshalb es für die Anhänger
eines freien Schulwesens äußerst wichtig wäre, die hier vorhandenen
Informationsdefizite und Vorurteile abbauen zu helfen. Die marxistische Pädagogik
will neben einem hohen fachlichen Standard bestimmte durch die
marxistisch-leninistische Ideologie geprägte Bildungsinhalte
vermitteln. Fortschrittliches Kulturerbe, sozialistische Moral,
weltanschauliche Klarheit und Prinzipienfestigkeit sind Stichworte.
Sieht man einmal von diesen Punkten ab, so sind die Unterschiede zu
der in den kapitalistischen Ländern betriebenen Pädagogik oft
geringer als die Unterschiede zwischen dieser und der Waldorfpädagogik.
Die marxistische Pädagogik nimmt die Lerninhalte - von den
politisch-ideologisch brisanten Themen einmal abgesehen - relativ
unkritisch aus den verschieden Fachwissenschaften auf. Das didaktische
Problem sieht man primär in der „Vermittlung“ dieses vorgegebenen
Stoffs. Für die Bestimmung von Curricula ist ein vorgegebener
„gesellschaftlicher Bedarf an Qualifikationen“ maßgebend. Das
Ideal ist, durch psychologisch abgesicherte Erziehungsmethoden
voraussehbare Ergebnisse hervorbringen zu können; die Problematik
eines solchen gewissermaßen „bewußtseinstechnologischen“
Ansatzes wird wenig gesehen. Dennoch darf man den
Diskussionsstand über Fragen der Entwicklungspsychologie unter den
Marxisten nicht unterschätzen: Es existieren eine Reihe
bemerkenswerter Ansätze, die entwicklungsfähig sind und letztlich
neue Denkwege eröffnen könnten. Hier soll nur kurz von der Situation
der sowjetischen Psychologie gesprochen werden. Für deren Verständnis
ist es zunächst wichtig zu sehen, wie in der Entwicklung der
psychologischen Wissenschaft in der Sowjetunion die
mechanisch-materialistische Konzeption von Pawlow und Bechterew durch
eine weit differenziertere dialektisch-historisch-materialistische zurückgedrängt
bzw. überlagert wurde, für die Namen wie Wygotski, Leontjew und
Tubinstein stehen. Klaus Hozkamp und Volker Schurig haben diesen Prozeß
eindrucksvoll nachgezeichnet.[9] Die
allgemein-theoretischen und methodologischen Prämissen der
marxistischen Entwicklungspsychologie sind im Rahmen der
vorangegangenen Darstellung, besonders in den Abschnitten über die
Theorie des Bewußtseins und die Persönlichkeitstheorie, behandelt
worden; diese Darstellung muß hier nicht wiederholt werden. Es wurde
gezeigt, daß für den Marxismus eine entscheidende Kategorie die der
Praxis ist. Wygotski betont in diesem Sinne die Aktivität des
Menschen in der Subjekt-Objekt-Wechselwirkung und wendet sich gegen
eine reduktionistische Behandlung von Sprechen und Denken bzw. von
ihrem Zusammenhang. Er akzeptiert eine gewisse innere Aktivität des
Bewußtseins, ohne sich völlig von der Lehre von den bedingten
Reflexen abzuwenden. Wygotski lobt den Schweizer Psychologen Jean
Piaget, weil dieser in seiner Lehre von der kindlichen
Intelligenzentwickung die qualitative Eigenart des kindlichen Denkens
positiv zu charakterisieren versucht habe, wenn er auch Piagets
Diagnose des frühkindlichen Egozentrismus kritisiert: für Wygotski
ist bereits das kleine Kind ein soziales Wesen. Piaget hat diese
Kritik zum Teil aufgenommen.[10] Wygotski wendet sich
gegen einen mechanischen Materialismus, der die Existenz bewußter
Willenshandlungen leugnen muß. Er vertritt die These, daß diese real
existierenden Handlungen ihre Wurzeln nicht im Gehirn haben, sondern
daß diese Wurzeln im „Verhältnis des Kindes zum Erwachsenen, also
in den sozialen Formen der Tätigkeit des Kindes“ liegen.[11] Später hat Leontjew,
anschließend an Wygotski, die Theorie der Herausbildung geistiger
Handlungen und damit der intellektuellen Entwicklung durch
Verinnerlichung äußerer Handlungen entwickelt: „Die
Interiorisierung, das heißt die allmähliche Umbildung äußerer in
innere Handlungen ist ein Prozeß, der sich in der Ontogenese des
Menschen zwangsläufig vollzieht. Er ist insofern notwendig, als es
der Hauptinhalt der kindlichen Entwicklung ist, die Errungenschaften
der menschlichen Erkenntnisse zu erwerben.“[12] Solche Überlegungen
wurden von Rubinstein, Galperin, Elkonin, Dawydow und Talysina
weitergeführt und für die pädagogische Psychologie verwendet.
Leontiew selbst untersucht in seinem Werk „Probleme der Entwicklung
des Psychischen“ u.a. auch solche Fragen wie die Entwicklung der höheren
Gedächtnisformen. Die Bildung von Fähigkeiten wird dort unter dem
Aspekt der Herausbildung funktionaler Hirnsysteme betrachtet: d.h. es
wird die Rolle der Tätigkeit auch für die Herausbildung der
Hirnfunktionen analysiert, ohne daß dabei allerdings der
Materialismus kritisch hinterfragt würde. Leontjew sieht, daß
Einsichten allein noch nicht den Willen ergreifen, und untersucht
unter diesem Gesichtspunkt unterschiedliche Lernmotivationen der Schüler
verschiedener Altersstufen. Für die ersten Klassen etwa sei das
Lernen als solches wichtig, später erst würden äußere
Leistungsnachweise in Form von Zensuren oder die ehrenhafte Erfüllung
der Schülerrolle im Kollektiv wichtig, und noch später erst würden
die Berufsaussichten zum Lernmotiv. Das kleine Kind steht für
Leontjew noch ganz unter der Herrschaft seines Wahrnehmungsfeldes, das
höhere Verhältnis zwischen Motiven muß von außen, durch den
Erzieher, geschaffen werden. Die Schulreife sieht Leontjew
psychologisch abhängig von der Fähigkeit, mit Motiven umgehen zu können,
dergestalt, daß von einer elementaren Möglichkeit der Steuerung des
eigenen Verhaltens gesprochen werden kann. Alles in allem ist in
der marxistischen Psychologie das Bestreben deutlich, die Pädagogik
auf eine wissenschaftliche Betrachtung des Menschen und der Stufen
seiner geistigen und psychischen Entwicklung zu gründen, eine
Forderung, die sich schon bei Pestalozzi findet und die besonders auch
in der Anthroposophie erhoben wird. Wenden wir uns nun
der „Erziehungskunst“ Rudolf Steiners zu. In dem Wort
„Erziehungskunst“ ist schon enthalten, daß Steiner keine
abgehobene pädagogische „Theorie“ vorschwebt, sondern eine
Anschauung des heranwachsenden Menschen, die sich in der unmittelbaren
pädagogischen Praxis verifizieren und betätigen kann. Alles kommt
seiner Meinung nach darauf an, die Lehrer zu jener
erkenntnisgeleiteten pädagogischen Kreativität zu befähigen, die
durch kein pädagogisches Bücherwissen zu erwerben ist. Lebendig
werdende Wissenschaft, Kunst und Religion - das soll aller Unterricht
werden. Heute kann man
gelegentlich hören, Steiners Pädagogik sei nichts als eine Variante
der Reform-Pädagogik mit besonderer weltanschaulicher Ornamentik.
Abgesehen davon, daß Steiner die Waldorfschule bewußt nicht als eine
Weltanschauungsschule konzipiert hat, stimmt auch der erste Teil des
Arguments nicht. Nimmt man z.B. die Unterschiede der pädagogischen
Akzentsetzung bei Blonski und Lenin, wie sie referiert wurden, so würde
Steiner - anders, als man erwarten würde - durchaus nicht mit Blonski
konform gegangen sein. In einem seiner pädagogischen Vorträge warnt
Steiner auf das dringlichste vor den Lunatscharskischen Schulreformen,
wobei aus dem Kontext völlig klar wird, daß die Sorge antiautoritären
Erziehungsexperimenten gilt. Denn im unmittelbaren Zusammenhang mit
der Aussage wird der Besuch einer Schule geschildert, in der eine
antiautoritäre Reformpädagogik dazu geführt hat, daß sich die Schüler
nach Belieben auf den Banken räkeln und herumschwatzen. Was Steiner
damals kritisiert, das ist viel weniger in den sozialistischen Ländern
zu weiterer Entfaltung gekommen, sondern hat vielmehr in den 60er und
70er Jahren im Westen seine Neuauflagen erlebt.[13] Steiners pädagogisches
Konzept ist bereits weitgehend ausgereift, als ihn der Fabrikant Emil
Molt kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges bittet, die Leitung einer
neuzugründenden Schule für Arbeiterkinder der
Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik zu übernehmen. Molt hatte damals
bereits seit einiger Zeit begonnen, innerbetriebliche
Bildungsveranstaltungen für die Arbeiter zu organisieren, bei denen
dadurch der Wunsch aufgekommen war, für ihre Kinder eine bessere
Schulbildung zu erhalten.[14] Steiners Hauslehrertätigkeit
vor der Jahrhundertwende hatte ihn reiche pädagogische Erfahrungen
sammeln lassen, ebenso seine Arbeit an der Berliner
Arbeiterbildungsschule. Bereits 1907 war seine kleine Schrift „Die
Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft“
erschienen. Nicht allgemeine Redensarten, so heißt es bereits damals,
könnten die Grundlage einer echten Erziehungskunst sein, sondern nur
wirkliche Menschenerkenntnis: „Man muß wissen, auf welchen Teil der
menschlichen Wesenheit man in einem bestimmten Lebensalter einzuwirken
hat und wie eine solche Einwirkung sachgemäß geschieht.“[15] Als die Schrift
erschien, hatten Steiners Anhänger noch nichts mit der
Erziehungsfrage als sozialer im Sinn; man suchte allenfalls Steiners
Rat bei familiären Erziehungsproblemen. Nach dem I. Weltkrieg war
eine neue Situation entstanden. Steiner hatte den Aufruf „An das
deutsche Volk und an die Kulturwelt“ verfaßt, mit dem er jene
Bewegung für die Dreigliederung des sozialen Organismus in Gang
setzte, von der schon in früheren Kapiteln die Rede war. Ein entscheidendes
Moment des Dreigliederungsgedankens war die Auffassung, daß die
Schule von Staat und Wirtschaft nicht gegängelt werden dürfe,
sondern sich frei und selbstverwaltetet in die Gesamtgesellschaft
hineinstellen solle. Die „Einheitsschule der Zukunft“, die Steiner
in diesem Zusammenhang vorschwebte, sollte nicht einfach das
vorhandene, „vom Bürgertum übernommene Wissen“[16],
das bisher nur der oberen Schicht in vollem Umfang verfügbar
war, für alle zugänglich machen. Ein solches Vorgehen hätte nicht
genügend berücksichtigt, daß auch der bestehende
„Wissenschaftsbetrieb ein Ergebnis der kapitalistischen
Wirtschaftsordnung“ ist. Die Schule der Zukunft soll sowohl alle
Bildungsprivilegien beseitigen als auch eine neue Art des Unterrichts
praktizieren, die dem Schüler lebendige Fähigkeiten und lebendige
Begriffe mitgibt. Besonders in seinen damaligen Vorträgen vor
Arbeitern führt Steiner aus, wie sehr das bisherige Geistesleben die
Klassenspaltung verstärkt habe, während das neue freie Geistesleben
„nicht für eine Klasse da ist, sondern für alle Menschen
gleich“.[17] Die Gründung der
ersten Waldorfschule vollzieht sich unter großen Schwierigkeiten, vor
allem auch materieller Art. Die Rechtslage im Land Württemberg ist günstig
und ermöglicht die Schulgründung, zwingt aber zugleich zu einer
Reihe von Kompromissen. Steiner ist Realist genug, um sich hier
flexibel zu zeigen, ohne daß Abstriche im Wesentlichen gemacht werden
müßten. Ein erster Lehrerkreis schart sich um ihn. Als am 20. August
1919 ein Intensivkurs mit Vorträgen Steiners zu den
Menschenkundlichen und methodisch-didaktischen Problemen der neuen Pädagogik
beginnt, ist bereits klar, daß die Dreigliederungsbewegung ihre
gesamtgesellschaftlichen Ziele einstweilen nicht erreichen kann: der
Widerstand der retardierenden Kräfte hat sich als zu stark erwiesen.
Um so größeres Gewicht erhält damit das Waldorf-Experiment: Gelingt
es, so ist ein praktischer Beweis für die Fruchtbarkeit eines freien
Geisteslebens erbracht, bleibt ein Stück Dreigliederung erhalten, das
später ein Keim für neue, größere Initiativen sein kann. Die
Waldorfschule ist für Steiner eine „Kulturtat“, die
„reformierend, revolutionierend“ im Schulwesen wirken soll.[18]
Steiners persönlicher Einsatz für die am 7. September 1919 eröffnete
Schule entspricht dieser Aussage. Wann immer es die Dornacher und
andere Verpflichtungen zulassen, nimmt er an den wöchentlichen
Lehrerkonferenzen teil, gibt Anregungen für den Lehrplan, visitiert
die Klassen, hilft einzelne Schülern. Bald wächst die Waldorfschule über ihre ursprüngliche Rolle
als Werkschule hinaus und emanzipiert sich von der Waldorf-Astoria,
wenn auch Molt als Gründer weiterhin dem Kollegium angehört. Bald
entstehen weitere Schulen. Die Nazidiktatur macht der Existenz der
Waldorfschulen vorübergehend ein Ende. Nach dem II. Weltkrieg breitet
sich die Schulbewegunng in den Ländern, die selbstverwaltete Schulen
zulassen, immer weiter aus. Die internationale Schulbewegung umfaßt
heute über 200 Schulen. In einer Zeit, in der die Schülerzahlen an
öffentlichen Schulen rückläufig sind, wachsen die Waldorfschulen in
einem solchen Maße weiter an, daß nur ein Teil der Bewerbungen um
einen Schulplatz berücksichtigt werden kann. Nach wie vor hat die
internationale Waldorfschulbewegung mit Schwierigkeiten zu kämpfen.
Vielfach sind größte finanzielle Opfer erforderlich, um Schulgründungsinitiativen
durchzutragen. Die Lehrer in Staaten, wo es wenigstens Zuschüsse zur
Schulfinanzierung gibt, dürfen sich im Vergleich zu anderen noch glücklich
schätzen. Ein gewisses Problem ist oft auch die Anerkennung von
Abschlüssen, obwohl sich hier in vielen Ländern in der Praxis ein
vernünftiger modus vivendi herausgebildet hat. Die soziale
Zusammensetzung der Schülerschaft z.B. in der Bundesrepublik ist repräsentativ
für die Gesamtbevölkerung. Allen Unkenrufen zum Trotz ist die
Waldorfschule nicht zur Eliteschule geworden, sondern bemüht sich,
ihrem ursprünglichen sozialen Auftrag treu zu bleiben. Was sind nun die
reformierenden und revolutionierenden Aspekte des Waldorf-Modells, von
denen Steiner spricht? - Da ist zunächst einmal die Sozialgestalt der
Schule: Rechts- und Wirtschaftsträger ist jeweils ein Schulverein,
dem die Eltern, Lehrer und Freunde der Schule angehören. Das pädagogische
Leben wird kollegial vom Kollegium verwaltet, wobei in
Unterrichtsfragen jeder einzelne Lehrer frei und selbstverantwortlich
agieren kann. Über die allwöchentlichen Konferenzen ist jeder auch
an der Verwaltung beteiligt, es gibt keinen Direktor, keine
Rangunterschiede im Kollegium, auch nicht in der Gehaltsordnung - wenn
diese im einzelnen auch je nach Schule unterschiedlich gestaltet sein
kann. Die bundesdeutschen Schulen sind im „Bund der Freien
Waldorfschulen“ zusammengeschlossen. Bürokratischer Zentralismus
existiert nicht, dafür gibt es Lehrertagungen und andere
Veranstaltungen, bei denen Erfahrungen ausgetauscht und pädagogische
Anregungen entwickelt werden.[19] Das ist der soziale
Rahmen für eine neuartige Pädagogik. Als die Schule gegründet
wurde, war Koedukation von Jungen und Mädchen oder Überkonfessionalität
durchaus keine Selbstverständlichkeit. Das Gesamtschulprinzip
(Einheitsschulprinzip) ist es etwa in der Bundesrepublik bis heute
noch nicht; und da, wo es im Zuge der Bildungsreform zu Gesamtschulgründungen
kam, sind teilweise andere Wege eingeschlagen worden als an der
Waldorfschule, durchaus nicht immer zum Nutzen der Schüler, wie auch
frühere Befürworter heute zugeben. Revolutionär ist auch der
Gedanke, auf das formale System der Zensuren (nicht jedoch auf
Zeugnisse!) und das „Sitzenbleiben“ zu verzichten. Dieser Verzicht
auf Konkurrenzdruck und Angst als Motivationsfaktoren stellt an das pädagogische
Geschick der Lehrer hohe Anforderungen, hat jedoch die Bewährungsprobe
längst bestanden: Daß auch unter dem Leistungsaspekt Waldorfschüler
keineswegs hinter anderen zurückstehen, ist eine inzwischen auch
durch entsprechende empirische Erhebungen gesicherte Tatsache.[20]
Die Waldorfpädagogik setzt auf Interesse und Identifikation.
Der künstlerischen und praktischen Erziehung wird ein hoher
Stellenwert eingeräumt. Wissensbildung und Gedächtnistraining werden
nicht unterschätzt, aber auch nicht in einseitiger Weise gegenüber
Gefühls- und Willensbildung verabsolutiert. Im Gegensatz zum zerstückelnden
Kurssystem der staatlichen Gesamtschulversuche legt man großen Wert
auf den sozialen Zusammenhang der Klasse. In den ersten acht Jahren
wird diese von ein- und demselben Klassenlehrer betreut. Die
differenzierung, die in den vier Jahren der Oberstufe dadurch
eintritt, daß je nach Begabung und Neigung unterschiedliche Abschlüsse
angestrebt werden, führt nicht zur Aufspaltung des Klassenverbandes.
Diejenigen Schüler, die das Abitur ansteuern, absolvieren in der
Bundesrepublik noch ein 13. Schuljahr. Im Gegensatz zur
zerstückelnden Stoffverteilung, wie sie sonst üblich ist, pflegt man
den „Epochenunterricht“: Der Hauptunterricht wird in Einheiten von
drei bis vier Wochen erteilt, in denen ein Themenkomplex behandelt
wird. Das bietet die Möglichkeit einer starken Konzentration und
allseitigen Erfassung des Themas. Die Schüler können sich in die
Problematik des jeweiligen Fachs wirklich einleben. Der „Lehrplan“
--das Wort steht in Anführungszeichen, da es sich nicht um einen
Kanon verbindlicher Vorschriften handelt - ist kein Aggregat von
„durchzunehmendem Stoff“, sondern Instrument der Erziehungskunst,
das den Schülern helfen soll, sich individuell mit der Welt zu
verbinden. Ein - zunächst
formaler Bezug - zur sozialistischen Pädagogik ist die starke
Betonung praktischer Momente: Die Schüler beschäftigen sich mit
Feldmessen und technischem Zeichnen, jede Schule hat in der Regel
ihren Schulgarten. Im Werken - Schnitzen, Spinnen usw. - sollen
Umgangserfahrungen mit verschiedenen Materialien gemacht, Wille und
Bewußtsein im Überwinden des Widerstandes der Gegenständlichkeit
geschult und geschärft werden: Aneignung der Welt ist Sache des
ganzen Menschen, nicht bloß des Kopfmenschen. Der
Handarbeitsunterricht an der Waldorfschule ist selbstverständlich
keine Sache bloß für die Mädchen. Technologie ist Bestandteil des
Lehrplans. Dabei geht es weniger um unmittelbare Berufsvorbereitung -
einige Waldorfschulen bieten auch dies -, sondern um Erfahrungen, die
zum Durchschauen der technischen Welt notwendig sind. Dazu gehört natürlich,
daß die Schüler eine Vorstellung davon bekommen, wie eine Elektrolok
oder ein Computer funktionieren. Das praktische und künstlerische Tun
- zum Leben der Schule gehören Monatsfeiern, Klassenspiele usw. -
soll auch Eigeninitiative und soziale Fähigkeiten fördern.[21] Die Stoffverteilung,
das Ineinandergreifen von mehr intellektueller und künstlerisch-praktische
Betätigung, all das wird von menschenkundlichen Überlegungen
bestimmt. Man benutzt den Schlaf-Wach-Rhytmus aus, in dem man den erzählten
Stoff sich über Nacht „setzen“ läßt und ihn erst am nächsten
Tag bespricht und gedanklich durchdringt. Ständiges Leitziel ist ein
altersgerechter Unterrricht, der die Entwicklung der Schüler optimal
fördert, weil er von den jeweiligen physiologischen und
entwicklungspsychologischen Gegebenheiten ausgeht. So wird man, um nur
ein Beispiel zu nennen, im Geschichtsunterricht der 5. und 6. Klasse
die Geschichte der alten Kulturen vor allem erzählend, an Personen
und ihren Motiven entwickeln, während in der 10. Klasse dieselbe
Thematik - dem Verständnisvermögen dieses Alters für größere
Zusammenhänge entsprechend - unter dem Gesichtspunkt der
Herausbildung der jeweiligen Kulturen in der Auseinandersetzung mit
ganz bestimmten geographischen Voraussetzungen behandelt werden kann.[22] Im letzten Kapitel
des ersten Teils dieser Arbeit wurde bereits darauf hingewiesen, wie
sich dem entsprechend geschulten Bewußtsein eine Wesensgliederung des
Menschen ergeben kann, die im „Ich“ ihren Mittelpunkt findet. Es
ist konstitutiv für Steiners Pädagogik, daß sie die Entwicklung des
Heranwachsenden als Veränderung im Verhältnis dieser Wesensglieder
zueinander zu erfassen vermag.[23]
Ganz grob kann man
die folgenden Entwicklungsschritte bei Steiner beschrieben finden: Im
ersten Lebensjahrsiebt bilden Psyche und Lebensprozesse mit dem
Physischen noch weitgehend eine Einheit. Das Kind gibt sich der Welt
mit allen Sinnen hin, kann sich noch nicht von den unmittelbaren
Wahrnehmungen distanzieren. Die menschliche Selbstgestaltungskraft
lebt sich zunächst im Aufbau des Körpers, im Erwerb von aufrechtem
Gang, Sprache und Denkvermögen aus. Lernen geschieht durch
Nachahmung, die schließlich bis ins phantasievolle Rollenspiel geht.
Diese Phase der Dominanz der Nachahmung wird durch den physiologischen
Einschnitt des Zahnwechsels beendet. Die Lebenskräfte, die in der
Ausformung des Organischen bis dahin gebunden waren, werden nun zum
Teil frei und stehen dem Kind als Vorstellungskräfte zu Verfügung:
Die Vorstellung vermag sich nun von der Wahrnehmung zu lösen. Innenwelt und Außenwelt
beginnen sich voneinander abzuheben. Für das Kind wird jetzt die
Autorität wichtig, nicht im Sinne des äußeren Zwanges, sondern im
Sinne der Möglichkeit, durch Orientierung an der richtunggebenden
Persönlichkeitskraft einer geliebten Person zu lernen. Der
Waldorflehrplan rechnet mit dieser Notwendigkeit. Die Waldorfpädagogik
lehnt es ab, die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten künstlich zu
beschleunigen, auf Kosten etwa der Phantasiekräfte. So wie die
Menschheit als ganze das Verstandesmäßige aus einer mehr am Bild
haftenden Bewußtseinsverfassung entwickelt hat, vom Mythos zur Logik
gekommen ist, so sollen auch die Schüler zunächst noch stark
bildhaft lernen, z.B. bei der Aneignung der Buchstabenformen. Fabeln
und Legenden haben in den ersten Jahren ihren festen Platz im
Unterricht. Man beginnt gleich im ersten Jahr mit dem
Fremdsprachenunterricht, denn in diesem Alter lernen die Kinder
Sprachen noch leicht und fast spielerisch. In der Bundesrepublik haben
die Schüler der Waldorfschulen neben der ersten Fremdsprache Englisch
meist die Wahl zwischen Französisch und Russisch. Mit dem dritten
Jahrsiebt, mit dem entscheidenden Einschnitt der Geschlechtsreife,
wird auch das Seelische freier: Die Jugendlichen bilden eine eigene
Gefühls- und Gedankenwelt aus. Das kann sich nach vielen Seiten hin
äußern: in der Auflehnung, in plötzlicher Verschlossenheit, genauso
aber in einer neuen Fähigkeit, sich mit der Welt und anderen
Menschen, mit denen man nun nicht einfach verwachsen ist, bewußt zu
verbinden. Das Prinzip des Unterrichtens kann jetzt nicht mehr
dasselbe sein wie vorher. Nicht Autorität, sondern Übung und
Ausbildung der Urteilskraft steht im Mittelpunkt. Die Schüler wollen
sich jetzt an Idealen orientieren. Aber ein gedankenblasser Idealismus
ist ungut, gefragt sind vielmehr
„Ideale mit Willenscharakter“. Das Ziel ist Erziehung zur
Freiheit: Keine fertigen Inhalte sollen eingetrichtert werden, sondern
die Fähigkeit zur Auseinandersetzung mit der Welt soll vermittelt,
nicht ein vorgefaßtes Charakterbild soll ausgeprägt, sondern die Fähigkeit
zur lebenslangen Arbeit an sich selbst - im Sinne der jeweils eigenen
Intentionen und moralischen Intuitionen - soll veranlagt werden. In der
Charakterisierung einzelner Entwicklungsschritte ergeben sich
zahlreiche Parallelen zwischen Steiners von 1907 datierender
Darstellung und einzelnen Ergebnissen nicht anthroposophischer
Entwicklungspsychologie, besonders der handlungstheoretischen Ansätze,
denen auch die angeführten Ergebnisse Leontjews zuzurechnen sind. C.
Lindenberg hat diese Parallelen für Steiner und Jean Piaget
detailliert aufgewiesen. Piaget, um nur ein Beispiel anzuführen,
zeigt z.B., wie erst mit sieben Jahren Kinder einen gewohnten äußeren
Ablauf in der inneren Handlung des Vorstellens umkehren können, und
bestätigt damit Steiners These vom Freiwerden der Vorstellungskräfte
mit dem Beginn des zweiten Jahrsiebts.[24]
Solche Parallelen können dazu ermutigen, im Bemühen um Verständigung
nicht nachzulassen, auch wenn man - speziell, was den Marxismus angeht
- die Schwierigkeiten nicht unterschätzen darf, die sich aus dem
materialistischen Weltbild ergeben. Sie beginnen bei der Frage nach
der Quelle der inneren und äußeren Handlungen und enden bei dem
Problem, wieweit man den einzelnen Schüler letztlich doch von äußeren
Instanzen vorgegebenen Maximen unterordnet oder wieweit man bereit
ist, voll auf die Selbst- und Weltverantwortlichkeit des Ich zu
setzen. Man unterrichtet anders, wenn man in dem einzelnen Schüler
die Individualität sieht, die eine Ewigkeitsbedeutung hat. Es sollte aber möglich
sein, unabhängig von den bestehenden Auffassungsunterschieden zu
einem besseren Verständnis des pädagogischen Konzepts der jeweils
anderen Seite zu gelangen. Und es gibt genug Berührungspunkte in den
pädagogischen Konzeptionen, um bei einigem guten Willen zu einem
fruchtbaren Gespräch zu kommen. Besonders wichtig wäre es, mit der
Zeit immer mehr Gelegenheiten zu schaffen, pädagogische Praxis aus
unmittelbarer Anschauung kennenzulernen. Denn für einen ernsthaften
Meinungsaustausch über die jeweiligen Erfahrungen ist die Wahrnehmung
eine notwendige Voraussetzung. Wie nützlich das „Studium vor Ort“
sein kann, erwies z.B. der Besuch der leider so früh verstorbenen
bulgarischen Kultusministerin Ludmilla Schivkova bei
Waldorfeinrichtungen in Schweden, im Rahmen eines offiziellen
Aufenthalts auf Einladung des schwedischen Unterrichtsministeriums.
Ludmilla Schivkova faßte ihre Eindrücke damals, im Spätsommer 1980,
zusammen, indem sie sinngemäß ausführte, in den Kindern liege die
Zukunft. „Wenn man das Ziel hat, daß in die Zukunft hinein die
Menschen in der sozialen Entwicklung immer mehr und mehr schöpferisch
tätig sein sollen, dann ist es die Pädagogik, die eine derartige
Entwicklung vorbereiten und unterstützen muß. Eine solche Pädagogik
muß durch und durch künstlerisch sein, Steiners Pädagogik, so äußerte
sie sich, ist von diesem Element durchdrungen. Sie ist deshalb eine Pädagogik
der Zukunft. Sie ist nicht nur etwas für Schweden oder Bulgarien,
sondern sie ist eine Menschheitspädagogik.“[25] [1] Vgl. Wilenius 1983. [2] Vgl. GA 305, S. 149; GA 307, S. 246 [3] Nach Kirsch 1979, S. 267 ff. Vgl. dort auch zur Entwicklung der sozialistischen Schule. [4] MEW 19, S.30 f. S. dort auch i.f. [5] Deklaration über die Einheits-Arbeitsschule (1918) zit. nach Kirsch, a.a.O., S. 28 [6] Zit. nach Kirsch, S. 288 [7] LW 31, S. 277, nach ibd. [8] Nach Kirsch 290 f. [9] In der Einführung zur dtsch. Ausgabe von Leontjew, Probleme der Entwicklung des Psychischen. [10] Nach Jaroschewski 1975, S. 322 ff. [11]
Lurija 1978, S. 644. [12]
Leontjew 1977, S. 196. [13] Die Stelle findet sich in GA 293, S. 75 ff. [14] Zur Geschichte der Waldorfschule vgl. etwa Wehr 1982, Kühn 1978; zur Pädagogik - neben den einschlägigen Werken Steiners -vor allem Schneider 1985, Lindenberg 1975 und 1981, Leber (Hg.) 1985, Carlgren 1973. Zur Sozialgestalt der Waldorfschule s.a. Leber 1978 und Kugler 1981. [15] Einzelausgabe Dornach 1981, S. 20f. [16] Am 23.4.1919 vor Waldorf-Astoria-Arbeitern, nach Lindenberg 1075, S. 171 [17] ibd. [18] Am 20.8.1919 bei der Begrüßung der 17 Teilnehmer des ersten Lehrerkurses, GA 293, S. 214. [19] Berichtsheft des „Bundes“ 1985, S. 29. [20] Es handelt sich um eine 1982 veröffentlichte, vom Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft geförderte, statistisch gesicherte Untersuchung über „Bildungslebensläufe ehemaliger Waldorfschüler“. Näheres bei Leber 1982. [21] Zum „Lehrplan“ vgl. auch Heydebrand 1979. [22] Vgl. Lindenberg in Leber (Hg.) 1885, S. 211ff. In diesem Buch finden sich ebenfalls wichtige Erläuterungen zum „Lehrplan“ verschiedener Fächer. [23] Vgl. Steiner, Die Erziehung des Kindes, und Lindenberg, Lebensbedingungen, 1981. [24] Vgl. Lindenberg a.a.O., S. 43ff. [25] Raab/Klingborg 1982, S. 17.
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