8.
Wiedervereinigung von Wissenschaft, Kunst und Religion - Persönlichkeit,
Christentum und Reinkarnationsgedanke
Steiner strebt
nach der Vereinigung von Religion. Die Verselbständigung dieser Bewußtseinsformen
- so notwendig sie menschheitsgeschichtlich gewesen ist - soll also
wieder überwunden werden, die ursprüngliche Einheit der drei Momente
wiedererrungen werden, die ihren ideellen Ausdruck in der Trias der
Ideale von Wahrheit, Schönheit und Güte gefunden haben.[1] In den frühen
Gemeinschaftsformen der Menschen ist das Geistesleben noch keine
separate Sphäre: es durchdringt das gesellschaftliche Sein als
ganzes. Erst allmählich differenzieren sich die Momente auseinander.
Daß es eine religionslose Frühphase der Menschheit gibt, wird von
der Anthroposophie bestätigt: nur führt sie dies darauf zurück, daß
die Verbindung der alten Menschheit mit der göttlich-geistigen Welt,
wenn sie auch in das Halbdunkel des traumhaften Hellsehens getaucht
war, eine derart unmittelbare war, daß eine "Re-ligio“, eine Rück-Beziehung,
unnötig war. Historisch tritt Religion erst auf, als die alte
Sicherheit, mit der man sich in einem geistdurchwalteten Kosmos
aufgehoben fühlte, zu schwinden begann.[2] Für den ethischen
Individualismus hat wirkliche Moralität keinen Klassencharakter, aber
es ist immerhin ein Berührungspunkt, wenn auch die marxistische
Analyse der Entwicklung der gesellschaftlichen Bewußtseinsform Moral
konstatiert, daß diese sich von der Gebots- und Verbotsethik weg zu
einer größeren Selbstverantwortlichkeit der einzelnen hin
entwickelt. Steiner will, wie wir bereits sahen, eine Ethik als
Normwissenschaft nicht mehr dulden, sondern er konzipiert sie als
Naturlehre der Sittlichkeit, welche bloß nachzuzeichnen hat, wie sich
das menschliche Verhalten entwickelt, z.B. wie der Gesetzesgehorsam
des Alten in die Nächstenliebe-Motivation des Neuen Testamentes übergeht.
Dies bedeutet, daß für Steiner jede außergesellschaftliche und außergeschichtliche
philosophische Ethik ad acta gelegt ist. Genauso verhält er sich zur
Ästhetik, von der es bereits in den Anmerkungen zu Goethes Sprüchen
in Prosa heißt, sie könne "nur eine Naturlehre der Kunst sein“
und enthülle "die Gesetze, die im Künstler leben, deren er sich
vielleicht gar nicht bewußt ist, wie die Pflanze nichts weiß von den
Gesetzen der Botanik“.[3]
Steiner vollzieht einen gewissen Bruch mit der idealistischen Ästhetik,
die schließlich bei Hegel in der Formel vom Schönen als dem
sinnlichen Scheinen der Idee mündet. Wenn die Offenbarung der Idee
das Ziel der Kunst ist, dann hätte diese keine spezifische Aufgabe,
die nicht im Grunde auch die Wissenschaft hätte, eine Auffassung, die
der Tod aller künstlerischen Betrachtung sein muß. Das Schöne ist für
Steiner nicht das sinnliche Scheinen der Idee, sondern sinnliche
Erscheinung, die mit derselben Notwendigkeit gestaltet ist, die sonst
nur in der Idee liegt. Er zitiert Goethe zustimmend, wo dieser
schreibt: "Die Würde der Kunst erscheint bei der Musik vielleicht
am höchsten, weil sie keinen Stoff hat, der abgerechnet werden müßte.
Sie ist ganz Form und Gehalt und veredelt alles, was sie ausdrückt.“[4] Es fehlt hier der
Platz zu einer Darstellung von Steiners Auffassungen von den
Stilwandlungen der Kunst und ihren historischen Wurzeln, und dasselbe
gilt für Steiners praktisch-künstlerische Aktivitäten, die
letztlich von der Konzeption geleitet sind, ein künstlerisches
Element in alles gesellschaftliche Leben einzuführen und damit der
Kunst ihren abgehobenen und exklusiven Charakter zu nehmen. Da das
positive Grundverhältnis zur Religion Anthroposophie mit am stärksten
vom Marxismus unterscheidet, muß der Vergleich an diesem Punkt
besonders genau sein. Dieses Verhältnis zur Religion bedeutet nicht,
daß Anthroposophie eine neue Religionsbildung anstreben würde. Die
Anthroposophische Gesellschaft, so wie Steiner sie in der "Weihnachtstagung“ begründete, versteht sich als
Erkenntnisgesellschaft, die nicht in die individuelle Urteilsbildung
ihrer Mitglieder eingreift. Diese haben kein Bekenntnis oder Programm
zu unterstützen, sondern müssen - jedenfalls laut Statut - nur in
der Arbeit einer Institution wie des Goetheanums als Freier Hochschule
für Geisteswissenschaft etwas Sinnvolles sehen. Es gibt also
keinerlei "Priesterschaft“ informeller Art, es wird nicht wie im
religiösen Kultus vom gefühlsmäßigen Bezug zu einer geistigen Welt
ausgegangen. Dem Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft wird
kein bestimmtes Religionsbekenntnis abverlangt, denn Anthroposophie
als "Wissenschaft vom Geiste“ versucht den geistigen Gehalt, den "Weisheitskern“ in allen Religionen
aufzudecken und zu achten. Die "Christengemeinschaft“ als Bewegung
für religiöse Erneuerung ist keine Unterorganisation der
Anthroposophischen Gesellschaft, obwohl der Kultus auf Hinweisen
Steiners fußt, der von Priestern, die mit den traditionellen
christlichen Konfessionen unzufrieden waren, um Hilfe gebeten worden
war. Die Mitgliedschaft in ihr bleibt für den einzelnen
Anthroposophen Privatsache, wie auch umgekehrt die Mitgliedschaft in
den Gemeinden der Christengemeinschaft nicht im mindestens ein
Bekenntnis zur Anthroposophischen Gesellschaft zur Voraussetzung hat.[5] Dennoch: Es ist nicht
daran vorbeizusehen, daß dem Christentum und der Christus-Gestalt
eine zentrale Rolle in der Anthroposophie zukommt. Steiner, mag das in
einer Zeit, wo es selbst unter religiös gesinnten Menschen Mode ist,
in die religiöse Ferne zu schweifen, auch manchem den Zugang zu ihm
erschweren, ist erklärtermaßen ein christlicher Denker, spätestens
seit jenem Datum um die Jahrhundertwende, von dem er schreibt, daß es
ihm "das innere Gestanden-Haben vor dem Mysterium von Golgatha in
innerster, ernstester Erkenntnisfeier“ gebracht habe, auf das es in
seiner Entwicklung besonders angekommen sei.[6]
Die Religionsbekenntnisse werden von Steiner als
gleichberechtigt verstanden, das Christentum aber gilt ihm nicht primär
als Bekenntnis, sondern als Tatsache: zu dieser Tatsache müsse jedes
Religionsbekenntnis ein Verhältnis gewinnen. Steiners "paulinisches“
Christentum stemmt sich gegen den Strom der Theologie seiner Zeit,
soweit sie den Kern der Evangelien mit den Mitteln der historischen
Kritik freilegen will. So erhellend die Untersuchung der historischen
Dokumente, der "Quellen“ der Evangelisten z.B., auch ist, das
wesentliche der religiösen Urkunden bekomme man auf diese Weise so
wenig in den Blick wie das Wesen eines chemischen Gesetzes durch die
Beschreibung der Retorten und Pinzetten, die zu seiner Entdeckung geführt
haben. Seien die religiösen Dokumente doch in einer Mysteriensprache
verfaßt und zeugten sie doch von inneren (Gottes-) Erfahrungen ihrer
Autoren, die sich nur dem erschließen, der sich auf den Weg macht,
der zu den geistigen Quellen dieser Erfahrungen führt.[7] Für eine äußere
Betrachtung kann Christus nie mehr sein als ein hervorragender Mensch,
und sei er auch - im Sinne des Spinoza - der hervorragendste. Ist aber
das Christentum nicht eine Tatsache, hat sich nicht wahrhaftig ein göttliches
Wesen von höchstem Rang, indem es sich inkarnierte, den Tod auf sich
nahm und ihn überwand, mit dem Schicksal der Erde verbunden, so daß
diese nicht -den Gesetzen der physischen Materie gemäß -
dereinst zugrunde gehen muß, sondern sich zu einer neuen
sonnenhaften Existenz wandeln und vergeistigen kann und mit ihr alle
Erdengeschöpfe, -ist alles dies nicht der Fall, dann ist - um mit dem
Apostel zu reden - aller Glaube eitel. Und zu dem eben skizzierten
Christus-Bild arbeitet sich Steiner durch: Christus ist ihm der Logos,
der wesenhafte Geist der Liebe mit dem sich die einzelne menschliche
Persönlichkeit durchdringen und immer mehr identisch machen muß, um
ihr eigenes Urbild und den Sinn der Erde zu finden: die Liebe zu allen
Wesen. Das ist im Sinne Johannes des Täufers gedacht: "Er muß
wachsen, ich aber muß abnehmen“, im Sinne des Paulus-Worts vom "Christus in mir“.[8]
Die Tat des Christus ist der Impuls, ohne den die Schöpfung hätte
verwelken und absterben müssen, ohne die die Entwicklung der
selbstbewußten menschlichen Persönlichkeit fehllaufen, in eine
qualvolle egoistische Verhärtung führen müßte. Durch die Aufnahme
des Christus-Impulses kann der Mensch dieser Gefahr entrinnen. Dieser
Impuls vereinigt die Menschheit über alle Grenzen der Rassen und
Nationen hinweg, eine Menschheit, die ohne ihn im Kampf aller gegen
alle versinken müßte. Die Rede vom "Heiland“ hat für Steiner
keinen bloß "allegorischen oder symbolischen Sinn“, denn Christus
gilt ihm als der universelle Arzt, ohne den die Menschheit an der
Ich-Entwicklung erkranken müßte, der Sünde verfallen, wie der alte
Ausdruck dafür lautet. Denn die natürlichen Kräfte, in denen sich
der "Vater“ offenbart, vermögen - im Menschen sich selbst überlassen
- ohne die Hilfe des "Sohnes“ nicht, die moralisch-ethische "Krankheit zum Tode“ zu überwinden, die ihn immer wieder neu in
Gestalt der beiden Versuchermächte bedroht. Die eine will ihn in
Selbstüberhebung von der Erde lösen, die andere ihn in
Geistblindheit an die Materie fesseln. Steiner verfolgt diese beiden
sich berührenden Extreme bis hin zu ihren wesenhaften Verursachern,
die er in der Gestalt des Luzifer und des Ahriman erschaut. Für das
erste Goetheanum hat er eine Gruppe in Holz gestaltet, bei der
Christus als ,Menschheitsrepräsentant“, zwischen diesen beiden Kräften
sich im Gleichgewicht haltend, die Linke zur Ich-Gebärde erhoben,
vorwärtsschreitet: Es handelt sich nicht darum, vor diesen Kräften
zu fliehen, sondern darum, sie auszuhalten und die Prüfung zu
bestehen.[9] Der Sündenfall, von
der Bibel im Bild des Apfels und der Schlange (für die luziferische
Versuchermacht) ausgedrückt, ist Verstrickung, aber letztlich eine
solche Verstrickung, durch die hindurch sich die Logik der Schöpfung
durchsetzt, indem er den Menschen "zur Freiheit verurteilt“, ihm
die "Erkenntnis des Guten und Bösen“ zuweist: nur ein Wesen, das
des Bösen fähig ist, ist auch im wahrsten Sinne frei, das Gute aus
innerem Entschluß, ohne Nötigung durch seine Veranlagung zu wollen.
Der Mensch kann den "alten Adam“, die Macht der selbstsüchtigen
Begierden, durch das Opfer des Christus überwinden und so zu der "herrlichen Freiheit der Kinder Gottes“ (Paulus)[10]
gelangen. So löst sich für Anthroposophie auch das alte
Problem der Theodizee, der Frage nach der Rechtfertigung Gottes für
das Übel und das Böse in der Welt. Gäbe es für die Menschen nur
das eine Leben, wo doch offensichtlich die Lebenschancen so ungleich
verteilt sind, und wäre wirklich, wie die Augustinische Prädestinationslehre
annimmt, einem Teil der Menschheit die ewige Verdammnis
vorherbestimmt, so müßte in der Tat an der Güte Gottes verzweifeln,
wer nicht schon vorher an seiner eigenen Vernunft irregeworden ist und
ihr einfach die Fähigkeit abgesprochen hat, über die höheren
Lebenstatsachen etwas auszumachen. Wenn jedoch der Mensch durch
verschiedene Erdenleben hindurch an sich arbeiten kann, wenn
Ungerechtigkeit durch "karmischen“ Ausgleich gutgemacht werden
kann, wenn in der Existenz des Bösen ein Evolutions-Sinn gesehen
werden kann, dann ist Theodizee möglich: Die Frage nach der
Vereinbarkeit der Existenz des Bösen mit der göttlichen Allmacht,
beantwortet Steiner ausdrücklich dahingehend, daß Gott aus seiner
All-Liebe heraus seine Allmacht opfert, um die kosmische Schöpfung
der Freiheit des Menschen zu ermöglichen.[11] Gegen Steiners
Christologie wurden die verschiedenartigsten Einwände erhoben, von
klerikaler wie von atheistischer Seite, kurioserweise sogar manchmal
auch die gleichen. So vermeint Ernst Bloch zu erkennen, bei Steiner
sei das Christentum "völlig, nach heidnischer und unchristlicher
Weise, in die Natur versenkt und eine Art gnostischer Lückenbüßer
Haeckelscher "Erkenntnisse“ geworden; ja das Sonnenwesen Christus,
wie es sich in die Erde versenkt, könnte schließlich, mit leichter
Drehung, genau so gut Mithras heißen, so wenig“ habe "Christus
hier mit dem Paradoxon Eckarts oder Kierkegaards gemein“.[12]
Der Einwand verkennt, daß nicht Naturalisierung des Göttlichen,
sondern Erhöhung und Verklärung des Natürlichen gemeint ist: Die
Menschwerdung des Gottes heiligt die Erde, und wenn das Blut des Erlösers
ihr die Tendenz einpflanzen soll, das Sonnenlicht nicht nur von außen
zu empfangen, sondern selber Sonne zu werden, sich einst wieder mit
der Sonne zu vereinigen, so versteht Steiner dabei die Sonne als äußeren
Ausdruck einer sich in ihr gleichsam physiognomisch offenbarenden
geistigen Realität. Mit dem gleichen Recht kann man auch von einer "solaren“ Natur des Denkens sprechen. Der kosmische Christus ist für
Steiner allerdings nicht außerhalb der Natur, so daß man eine gänzlich
materialistische Naturwissenschaft und Technik haben und das
Christentum in einer die Natur nicht berührenden Glaubenssphäre
einsperren könnte. Christus kann seit Golgatha in der Natur gefunden
werden, so wie ihn Wagner im Karfreitagszauber findet, so wie ihn
Novalis fand: "Er ist der Stern, er ist die Sonn“, er ist des
ew’gen Lebens Bronn, aus Kraut und Stein und Meer und Licht,
schimmert sein kindlich Angesicht.“[13]
Christus kann für Steiner "kein Gott Mithras sein“, der das
Schwert "der niederen Natur in die Seite stößt, um sie zu ertöten
[...] Der Christus stellt sich dar als das Lamm Gottes, das die
niedere Natur an sich nimmt“, um sie zu erlösen: Der
Christus-Gedanke ist deshalb nicht zu trennen von Leiden, Tod und
Auferstehung.[14]
Und wenn Anthroposophie über den bloßen Glauben hinaus zur
Christus-Erkenntnis strebt, dann nicht um das "Irrationelle“ und "Paradoxe des Christentums“ auszulöschen.[15]
Es ist ein Widerspruch bei Luther, Paulus zum Zeugen eines bloßen
Glaubenschristentums machen zu wollen, wo dieser doch den Christus
seinem eigenen Zeugnis nach geschaut hat: es werden - so Steiner - in
unserem Jahrhundert mehr Menschen zu einer wahrhaften und wesenhaften
Christus-Begegnung kommen können, in einem ähnlich existentiell
erschütternden Sinn, wie ihn diese Begegnung einst für den
fanatischen Christentumsgegner Saulus hatte.[16] In der Betonung der
Unauslotbarkeit des Göttlichen durch den bloßen Verstand berührt
sich anthroposophische Christologie mit negativer Theologie, die "alle Prädikate negiert, [...] nicht spricht vom Sein Gottes,
sondern von dem Übersein Gottes, [...] nicht spricht von der Persönlichkeit,
sondern von der Überpersönlichkeit [...][17]
Recht verstandene negative Theologie kommt nicht ins Unbestimmte, ist
nicht ein Räsonnieren darüber, was Gott nicht ist. Vielmehr ist sie
das Gewahrwerden des Unausmeßlichen im Schauen und im Vorwärtsdringen
des Geistes, der nach Paulus alles erforscht, "auch die Tiefen der
Gottheit“.[18] Aus kirchlichen
Kreisen kann man hören, Steiner habe, indem er Selbsterlösung
predige, das Christentum verdorben und verkannt, es handele sich um
eine Neuauflage gnostischer Irrlehren, der Reinkarnationsgedanke sei
dem Christentum wesensfremd und mit ihm unvereinbar. Steiner hat
solche Vorwürfe mit Vehemenz zurückgewiesen und sie mit dem Vorwurf
eines engstirnigen und einseitigen Verständnisses des Christentums
gekontert. J. Hemleben schreibt
dazu, der meditative Weg Steiners widerspreche nicht der Lehre von
Gnade und Erlösung, denn die dabei erstrebte innere Aktivität solle
neben "anderen zu entwickelnden Fähigkeiten [...] dem seelisch
ausgehöhlten Menschen der Gegenwart das Vermögen der inneren Ruhe,
des Hören- und Lauschen-Könnens, des Verehrens und der Andacht
wiedergeben. Auf diesem Wege begegnet er der göttlichen Gnadenmacht,
die so notwendig für das Wachstum der Seele ist wie die Sonne für
die Pflanze.“[19]
Steiner läßt denn auch den Karma-Gedanken nicht gegen den der Erlösung
und Gnade ausspielen: Karma bedeute zunächst nur, daß Handlungen
Folgen haben, die ausgeglichen werden müssen, "aber es muß nicht
immer von einem selbst ausgeglichen werden“. Gerade weil ein Karma
existiere, könne die Hilfe eines göttlichen Wesens dazu beitragen,
dasselbe zu bewältigen, Menschen helfen, auszugleichen, was sie
allein nicht ausgleichen könnten, weil sie zu schwach dazu sind.[20] Gewichtiger als der
genannte Einwand ist wohl ein anderer: warum denn die Evangelien den
Reinkarnationsgedanken nicht predigen? Steiner bestreitet das nicht,
wenn er auch versteckte Hinweise auf die Reinkarnation in den
Evangelien findet. Daß der Reinkarnationsgedanke so lange Zeit "vergessen“, öffentlich nicht gelehrt wurde, darin sieht er eine
menschheitspädagogische Notwendigkeit, um den Ernst und die
entscheidende Bedeutung des einen Lebens zwischen Geburt und Tod
deutlich werden zu lassen. Erst jetzt sei die Zeit reif, den
Reinkarnationsgedanken - auf christlicher Basis, wie ihn zuerst
Lessing und Widemann konzipiert haben - öffentlich zu verbreiten.[21] Methodisch geht
Steiner immer so vor, daß er zuerst nach den realen Erfahrungen
forscht, die diesem oder jenem Text des Alten oder Neuen Testaments
zugrunde liegen, die Dechiffrierung der Texte im Detail ist der zweite
Schritt, zu dem der erste den Schlüssel liefern muß. Widersprüche
in den religiösen Urkunden werden dabei weder geleugnet noch vordergründig
bloß auf verschiedene Schichten und Quellen der Überlieferung zurückgeführt.
Wo sie nicht aus Mißverständnissen späterer Zeiten herrühren, aus
Umdeutungen und Dogmatisierungen, da sind sie nach Steiner auf die
unterschiedliche Rezeption der religiösen Gehalte aus verschiedenen
Mysterientraditionen heraus zurückzuführen, oder aber sie deuten auf
unaufgelöste Rätsel in den religiösen Tatsachen selbst hin. Das
letztere wird von Steiner für den Widerspruch in den Stammbäumen
Jesu zwischen Matthäus- und Lukas-Evangelium geltend gemacht: das
alte theologische Problem der "zwei Jesusknaben“ findet durch
Rudolf Steiner die überraschende Deutung, daß tatsächlich zwei
Jesusknaben existiert haben, und daß nach dem Tod des einen dessen
Wesen in gewissem Sinn mit dem des anderen verschmolz; gerade durch
diese Verschmelzung sei das "Gefäß“, seien die "Hüllen“
zubereitet worden, in die sich mit der Jordan-Taufe die göttliche
Christus-Wesenheit einsenkte und drei Jahre bis zum Kreuzestod lebte.
Daß dieser Gedanke zunächst phantastisch und seltsam anmutet, wurde
von Steiner bewußt in Kauf genommen. Er will nicht etwa die Widersprüche
zwischen den beiden Stammbäumen "wegerklären“; daß sie nicht in
abweichenden Überlieferungen ihre Wurzel haben, ergibt sich für ihn
aus seinen "okkulten Forschungen“ heraus. Max Dessoirs Einwand,
die unterschiedlichen Versionen über Homers Herkunft veranlaßten
schließlich auch niemanden, die Existenz von sieben Homer-Knaben zu
postulieren, geht an diesem Motiv vorbei und ignoriert auch die
Einmaligkeit der Christus-Jesus-Existenz, die denkbar macht, was sonst
als absurd abzutun wäre.[22] Die Aufklärung hat
sich am meisten am "Wunderglauben“ des kirchlichen Christentums
gestoßen. Nach Steiner verkannte sie dabei aber, daß die Auffassung
der religiösen Urkunden in einem platten physisch-tatsächlichen
Sinne bereits eine Vulgarisierung, eine Dekadenzerscheinung darstellt,
durch die erst das abergläubische Element in das Evangelien-Verständnis
hineinkommt. So mochte sich die Volksreligion erst in der Zeit des Übergangs
vom "Mythos“ zum abstrakt-logischen Denken die Götter immer
platt-sinnlicher vorstellen, so wäre noch im Frühmittelalter keinem
eingefallen, das Sechs-Tage-Werk der Schöpfungsgeschichte in einem
platten Sinne als Aussage über die tatsächliche zeitliche Dauer der
Schöpfung anzusehen. Es wird meist verkannt, daß der "Sturmvogel
der griechischen Aufklärung“, Xenophanes, den Anthropomorphismus
der volkstümlichen religiösen Vorstellungen keineswegs aus "modern-religionskritischer“, sondern aus Mysteriensicht
kritisiert.[23]
So darf man nach Steiner auch die Weltuntergangserwartung der frühen
Christen nicht im heute mit diesem Wort verbundenen Sinne auffassen:
sie beziehe sich in Wahrheit auf den Untergang der alten Welt, in der
dem Menschen aus seinen Blutskräften, ohne sein bewußtes Zutun,
instinktive Erkenntnis zufloß. Als man später im 9.-11. Jahrhundert
wieder in eine Weltuntergangsstimmung gerät, ist schon
materialistisch-Abergläubisches im Spiel. "Und so entsteht aus
dieser Stimmung heraus die Stimmung der Kreuzzüge: den Christus
materiell im Orient in seinem Grabe wenigstens noch zu suchen [...]“[24] Nach Steiner muß man
die Wunder aus dem Charakter der Mysteriensprache der Evangelien
verstehen: "Sie sollen die physische Gesetzmäßigkeit der Welt
durchbrechen. Das tun sie nur solange, als man sie für Vorgänge hält,
die sich im Physischen, im Vergänglichen, so zugetragen haben sollen,
daß sie die gewöhnliche Sinneswahrnehmung ohne weiteres hätte
durchschauen können. Sind sie aber Erlebnisse, die nur auf einer höheren,
auf der geistigen Daseinsstufe durchschaut werden können, dann ist es
von ihnen selbstverständlich, daß sie nicht aus den Gesetzen der
physischen Naturordnung begriffen werden können.“[25]
Das heißt andererseits nicht, daß es sich z.B. bei den
Heilungen Christi um allegorische oder symbolische Beschreibungen
handelt: sie gelten Steiner durchaus als real, wunderbar allerdings
nur in einem ähnlichen Sinne, in dem etwa bestimmte Heilweisen der
alt-chinesischen Medizin für die Moderne nicht erklärlich sind. Die
Auferweckung des Lazarus deutet Steiner als Einweihungsvorgang, den
Jesus Christus öffentlich vornimmt: In den Mysterienstätten der
Antike wurde der Einzuweihende in einen todähnlichen Schlaf versetzt.
Jesu Verfolgung durch die führenden jüdischen Kreise sei in Wahrheit
wegen "Mysterienverrates“ erfolgt, damals ein todeswürdiges
Verbrechen.[26] Die moderne
Religionswissenschaft geht an die religiösen Vorstellungen der
Menschheit so heran, daß sie sie beschreibt, untereinander
vergleicht, analysiert, Beeinflussungen der einen durch die anderen
aufzuweisen versucht usw. Für Steiner dagegen lassen sich die
Beziehungen der religiösen Vorstellungen untereinander nur dann
entschlüsseln, wenn man die Beziehungen dieser Vorstellungen zur
Ebene einer wesenhaften geistigen Realität durchschaut, auf die sie
sich beziehen: Die Mythen verschiedener Völker schildern - in
unterschiedlicher Bildsprache, unter verschiedenen Namen - oft
dieselben geistigen Vorgänge und Wesen. Von daher ergeben sich überraschende
Beziehungen zwischen den "Göttern“ der heidnischen Tradition und
den Erzengeln, Thronen, Seraphimen usw. der esoterisch-christlichen
Tradition, die über Paulus und die "Dionysius-Areopagita-Schriften“[27]
auch einen gewissen Eingang in das Christentum der römischen
Kirche gefunden hat. Erst die Dogmatisierung des Religiösen führt für
Steiner zu den unüberbrückbaren Gegensätzen und der Verständnislosigkeit,
die die Voraussetzung für alle Glaubens- und Religionskriege ist. Für Steiner sind die
Mythen und Sagen der Völker nicht Ausgeburten der Volksphantasie,
vielmehr die letzten Erinnerungen an die Schauungen eines instinktiven
Hellsehens der menschlichen Frühgeschichte, an jenes vorreligiöse
Bewußtsein, das noch im unmittelbaren Kontakt mit der geistigen Welt
stand. In der Zeit des Verblassens dieser alten Spiritualität ist es
noch möglich, daß einzelne Menschen einen solchen Kontakt
aufrechterhalten: die verschiedenen "Mysterien“ sind die Orte
seiner Pflege, ihre "Einweihungspraktiken“ das Mittel, ihn
herzustellen. Nicht umsonst geht Steiners erste Schrift über das
Christentum von dessen Beziehung zum antiken Mystenenwesen aus. "In
den vorchristlichen Mysterienreligionen“, schreibt Hemleben, "lebte ein Wissen“ um die ewige Wesenheit des Christus,
"so daß
sich die Prophetie auf den kommenden Messias, den zu erwartenden
Weltenheiland herausbilden konnte.“[28]
Die Fleischwerdung des Logos macht den Wiederaufstieg in die
geistige Welt, der in den Mysterien nur wenigen Auserwählten zugänglich
war, tendenziell allen Menschen möglich. In der vollen Anerkennung
der Tatsache dieser Fleischwerdung, seiner sinnlich-irdischen Präsenz
in Palästina in der Gestalt des Jesus Christus liegt der
entscheidende Unterschied zwischen den Hauptströmungen der Gnosis, zu
denen Anthroposophie von klerikaler Seite oft gerechnet wurde, und den
verschiedenen, ebenfalls von der Kirche vielfach verketzerten, Strömungen
des esoterischen Christentums, der Strömungen der Templer, der
Katharer und Albigenser, Manichäer, der Rosenkreuzer usw.[29] Steiner sucht den
Zugang zur Geschichtlichkeit der religiösen Vorstellungen nicht
dadurch, daß er den übergeschichtlichen, den Ewigkeitskern in den
Religionen überhaupt ableugnet. Bei den verschiedenen religiösen
Erscheinungen, die er untersucht, werden durchaus sehr "reale“
gesellschaftliche Bedingungen einbezogen, so, wenn er den ursprünglichen
Sinn des Totemismus von der gesellschaftlichen Arbeitsteilung in den
Frühkulturen her deuten will. Trotzdem schließt er nicht etwa aus
der buchstäblichen Bedeutung des Totemtiers kurz, alle Tiermotivik in
Religion und Mythologie sei schlicht aus Vorbildern in der materiellen
Produktion herzuleiten. So hat die Adler-Löwe-Stier-Symbolik nichts
zu tun mit einer "religiös verzerrten“ Widerspiegelung von
Rinderzucht, Löwenjagd und Vogelfang, und ebensowenig steht das Tier,
"das hatte zwei Hörner wie ein Lamm“, welches in der Apokalypse
geschildert wird, in irgendeiner wie immer entfernten Verbindung mit
der Schafzucht. Steiner deutet es als verschlüsselten Hinweis auf das
sogenannte Sonnen-Dämonium (Sorat), die Macht der schwarzen Magie, für
die es ein altes okkultes Zeichen gebe, das in zwei "Hörner“ ausläuft.
Platt und naiv sei auch die Deutung der Zahl 666 als Hinweis auf Nero
als den Antichristen - eine Deutung, die von Engels übernommen wurde,
um das Christentum "materialistisch ableiten“ zu können, wobei er
wie viele andere meinte, die Weltuntergangserwartung der frühen
Christen im materiell-buchstäblichen Sinne nehmen zu müssen.[30]
Nach Steiner zielt die Zahl 666 der Apokalypse, die ein in der
Mysteriensprache verfaßtes okkultistisches Dokument ist, auf den
kritischen Punkt der Evolution, wenn die Erde den 6. Unterabschnitt
des 6. Abschnitts ihres 6. Entwicklungszustandes durchmachen wird:
Wenn die Erde sich wieder mit der Sonne vereinigt, wird Sorat als
diejenige Wesenheit, die im Gegensatz zur Sonne steht, alles in den
Abgrund reißen, was mit Kräften des Bösen ausgestattet ist, während
Christus, das Lamm, diejenigen, die ihr Menschentum nicht verleugnet
haben, mit sich vereinigen wird: die Apokalypse nennt das den
Untergang "Babylons“ und die "Hochzeit des Lammes“. Die
Metapher vom "anderen Tod“ deutet auf das drohende Schicksal der
auf diese Weise aus dem normalen Evolutionsstrom herausfallenden
Menschen. Dieses Schicksal kann man als furchtbar empfinden, es hat
jedoch nicht den Charakter jener ewig-unabänderlichen Verdammnis, den
ihm die kirchliche Lehre, die die Schilderung der Höllenqualen als
Mittel der "Volkspädagogik“ einzusetzen pflegte, zumißt. Die Möglichkeit
der Wiedereingliederung in den Strom des Werdens bleibt offen. Das
entspricht einer Einsicht, die in der vielfach verkannten "manichäischen“
Strömung des Christentums immer gelebt hat, der Erkenntnis, daß
letztes Ziel der Auseinandersetzung mit dem Bösen nicht seine
Ausrottung und Vernichtung sein kann, sondern nur seine Verwandlung
und Erlösung.[31] Steiners Verhältnis
zur Religion ist, wie man sieht, von jenem zeitgenössischen Bewußtsein,
das allenfalls eine recht abstrakte Gottesvorstellung zur inneren
Beruhigung und Erbauung akzeptieren will, recht weit entfernt. Die
Wissenschaftlichkeit seines Vorgehens liegt seiner eigenen Einschätzung
nach darin, daß er die Bilderwelt der Religion für ein modernes Bewußtsein
dechiffrierbar macht durch die wissenschaftliche Erforschung der
geistigen Tatsachen, die sich in diesen Bildern aussprechen, in denen
sie lange Zeit allein überhaupt vermittelbar waren. So erhält z.B.
die Fegefeuer-Vorstellung wieder einen nachvollziehbaren Sinn durch
die Schilderun eines "Kamaloka“ genannten Bewußtseinszustandes,
den der Abgeschiedene auf seinem Weg zwischen den Inkarnationen
durchzumachen hat. Es ist der verbleibende Durst nach Erlebnissen, die
nur die physischen Organe gewähren können, die dem Verstorbenen
fehlen - eine vorübergehende Entbehrung, die qualvoll sein kann, aber
die einzige Möglichkeit der Weiterentwicklung darstellt.[32]
Steiner verficht auch im Religiösen nicht einen
platt-linearen Entwicklungsbegriff, für den die Entwicklung vom
Ahnenkult über den Polytheismus zum Monotheismus schlicht als ein
Fortschritt sich darstellen würde.[33]
Es gibt für ihn einen Standpunkt, von dem aus Monotheismus und
Polytheismus vereinbar erscheinen: auch das mittelalterliche
Christentum fand nichts dabei, zugleich an den einen Gott und an die "himmlischen Heerscharen“ zu glauben. Die Gottheit, der alles
durchwaltende und tragende Weltgrund, stellt sich dar als Trinität.
Er offenbart sich im weiteren in einer Stufenfolge von relativ selbständigen
Wesenheiten. Auf der letzten Stufe erscheint der Mensch:
unvollkommener als die Hierarchien über ihm, aber der Schöpfermacht
ebenbildlich in seiner Anlage zur Autonomie -er kann und soll sich zur
künftigen Hierarchie der Freiheit und Liebe entwickeln. Ein wichtiger Prüfstein
für die marxistische These von der durchweg sozialreaktionären Rolle
der Religion, aber zugleich auch ein Kriterium für den
historisch-gesellschaftlichen Gehalt von Steiners Religionsbetrachtung
ist der Prozeß der Ausbreitung des Christentums. Steiner schildert
ihn z.B. in seinen Kursen an der Berliner Arbeiterbildungsschule.[34]
Dabei geht er aus von den sozialen Konflikten im Imperium
Romanum, von dessen alles Gemüthaft-Persönliche ertötenden
Rechtsdogmatik und Beamtenmentalität. Die Verwaltungsgliederung der römisch-katholischen
Kirche mit ihren Diözesen sei keine vom Christentum geschaffene Form,
sondern sie sei entstanden "nach der Schablone des römisch-dogmatisierten
Staates [...] In diesen Staat hinein [...] verpflanzte sich das
Christentum vom Osten hinüber [...]“ Man muß dabei den
Sittenverfall Roms, die Oberflächlichkeit des kulturellen Lebens, die
grausigen Vergnügungen im Auge haben, den Gegensatz von äußerstem
Luxus und unbeschreiblicher Armut und Elend. Man importierte die Kulte
der Provinzen und versuchte sie in den römischen cäsaristischen
Staatskult einzuschmelzen. Eine völlige Veräußerlichung des religiösen
Lebens ergab sich. Dieser Veräußerlichung stellte sich, zunächst
aus dem Judentum hervorgehend, dessen Religiösität noch einen
tieferen Gehalt besaß, das Christentum entgegen: Da "sollte mit
Verzicht auf jegliches Weltliche, bloß aus dem Innersten des Menschen
heraus, des menschlichen Gemüts heraus, das Religiöse erneuert
werden.“ "Tief veranlagte“, "gelehrteste Männer“, wie
Klemens von Alexandrien und Origenes stellten sich in den Dienst der
neuen Idee. In den urchristlichen Gemeinden praktizierte man Brüderlichkeit
im wirtschaftlichen Leben, eine Art Gütergemeinschaft. In der
Apostelgeschichte heißt es über diese Praxis: "Es war auch keiner
unter ihnen, der Mangel hatte, [...] man gab einem jeglichen, was ihm
not war [...]“ "Das war es, was man entgegensetzte dem römischen
Staatsleben.“ Die frühen Christen erlebten den Christus-Impuls noch
in seiner Realität als den eigentlich menschheitsverbindenden, den
wahrhaft sozialistischen Impuls, den Impuls der Brüderlichkeit, des "Liebe-deinen-Nächsten-wie-dich-selbst“. Sie anerkannten noch im
innersten Empfinden "in jedem Erdenmenschen“, auch im "Zöllner
und Sünder“, "die Wahrheit des Wortes: ,Was du dem geringsten
meiner Brüder tust, das hast du mir getan.‘“[35]
Durch die praktizierte Brüderlichkeit "schaltete sich das
Christentum so schnell ein in die Herzen derer, die nichts zu hoffen
hatten.“ Es gab kein festgestelltes Dogma, sondern das lebendige
Wort, den freien Diskurs über die Wahrheit. Erst als die Verfolgungen
aufhörten und das Christentum durch Konstantin zur Staatsreligion
wurde, wurde das anders. Denn der Preis für die Anerkennung war, daß
es seinen ganzen Einfluß den Machthabern zur Verfügung stellen, also
tatsächlich jene Rolle übernehmen mußte, die der Marxismus der
Religion überhaupt als die wesentliche zuschreibt. Die Kirche übernahm
römische Verwaltungsprinzipien, und das Christentum wurde zur "staatstragenden“ Religion umgeformt. Karl der Große empfängt
die Kaiserkrone aus den Händen des römischen Papstes, des Pontifex
Maximus (das ist der Titel, den sich Augustus als oberster Priester
eines veräußerlichten Staatskultus zulegte). Der Geist des Imperium
Romanum wirkt so über dessen Untergang hinaus fort, und das gesamte
mittelalterliche Christentum, ja man kann hinzufügen, die gesamte
Entwicklung bis zum päpstlichen Unfehlbarkeitsdogma des 19.
Jahrhunderts und darüber hinaus, ist nur dadurch zu verstehen, daß "in das ursprüngliche Christentum die römische Staatsidee
hineingeflossen ist“. Das Mönchtum war immer ein Aufbäumen gegen
diese "politische Gestalt des Christentums“, ist aber selbst eine
Abweichung von dessen ursprünglicher Gestalt, "weil diese Art von
Vereinsamung, von Zurückziehen von der Welt, ihm ganz fremd war
[...]“[36] Nur aus dieser
Entwicklung heraus sind die Ketzerverfolgungen zu verstehen, die
Inquisition, die Unfreiheit und der Gewissenszwang, über den so viele
freie Geister in den Kirchen geklagt haben. Und nur aus der Einschätzung
dieser Entwicklung ist Steiners Prognose zu verstehen, daß die Blütezeit
des Christentums, die Zeit der breitesten Entfaltung seines innersten
Impulses noch vor uns liegt. Es ist aber auch die skizzierte
Entwicklung, die den Widerspruch zwischen Wissen und Glauben zu einem
so unüberbrückbaren macht, wie er uns in der christlichen Tradition
bis zum Luthertum hin entgegentritt. Wenn heute in den Kirchen
Unzufriedenheit mit dem Dogmenglauben auftritt, das Streben nach einem
verstärkten, über das Karitative hinausgehenden sozialen Engagement
sich regt, das sich teilweise als Politisierung darstellt, dann wirken
hier Impulse einer Erneuerung, die nicht zu unterschätzen sind, -
auch wenn sie manchmal - z.B. in Tendenzen zur gänzlichen Auflösung
von Religion in Politik -fehlgeleitet erscheinen. Der Widerspruch
zwischen Wissen und Glauben ist es, der heute vom Marxismus als
Fundament der These von der Unversöhnlichkeit von Wissenschaft und
Religion herangezogen wird. Dabei bedient sich der Marxismus in seinem
Bestreben, dem falschen, religiösen, ein richtiges,
wissenschaftliches Bewußtsein entgegenzustellen, oft - trotz
verfassungsmäßig eingeräumter Religionsfreiheit in den
sozialistischen Staaten -jener machtpolitischen Mechanismen und
Verwaltungsmethoden, die über die römische Staatsidee in das
offizielle Christentum eingewandert waren. Es kann wohl keine Rede
davon sein, daß im realen Sozialismus bereits jene "freieste
Diskussion“ herrscht, die für das Urchristentum typisch war. Selbst
innerhalb der herrschenden Lehre werden Meinungsverschiedenheiten über
diese oder jene Linie immer noch oft durch Machtworte der
marxistisch-leninistischen Partei entschieden, auch wenn nicht
verkannt werden soll, daß sich die Situation gegenüber den 30er
Jahren, in denen die Gesinnung der Inquisition in den GPU-Kellern
auflebte, sehr gebessert hat. Den sozialistischen Ländern
wurde immer wieder vorgehalten, in ihnen habe der Materialismus selbst
religiösen Charakter angenommen, fungiere als "innerweltliche
Heilslehre“ mit einem Kultus, der von der Jugendweihe bis zu den
Beifallsritualen der Parteitage und den Fahnenwäldern der verordneten
Aufmärsche reiche. Die Empfindlichkeit, mit der man auf den Vorwurf
zu reagieren pflegt, braucht kein Zeichen von dessen Schwäche sein.
Die Berufung darauf, daß der Unterbau der Parteiideologie vor dem
wissenschaftlichen Denken Bestand habe, ist, solange er nicht auch in
wissenschaftlichen Diskursen kritisch hinterfragt werden darf, selber
noch nicht dem Status einer Glaubensfrage entwachsen. Doch sei dem,
wie es wolle, das Bestreben, die weltanschaulich relevanten Fragen dem
Denken zugänglich zu machen, sie durch Erkenntnis zu entscheiden, ist
ein positives Moment am Marxismus, und vielleicht ist es in der Lage,
über das Gegebene hinauszutragen und die verfassungsmäßig
garantierte Religions- durch ebensolche Philosophiefreiheit zu ergänzen.
Darin, und nicht in der Übernahme von allerlei fragwürdigen "Segnungen“ des westlichen Systems, läge ein entscheidender
Fortschritt in der Entwicklung des real existierenden Sozialismus. In der kirchlichen
Entwicklung hat es Versuche gegeben, den Gegensatz von Wissen und
Glauben, wenn nicht aufzuheben, so doch in seiner Schärfe zu mildern.
Es ist dies ein Gegensatz, der geschichtlich erst entstehen kann mit
dem Beginn einer materiellen Kultur: In Griechenland steht die Wiege
einer intellektuellen Entwicklung, die zum Ergreifen der Sinneswelt
und ihrer technischen Beherrschung, zugleich aber zum partiellen
Vergessen der geistigen Daseinsdimension führt. Demgegenüber bleibt
in Asien das Interesse an der äußeren Welt geringer, und es bildet
sich eine mehr spirituelle Kultur. Wenn Steiner die Wiedervereinigung
von Wissenschaft, Kunst und Religion anstrebt, dann durch einen
modernen Erkenntnisweg, der das Naturbild vergeistigt und zugleich das
Herankommen an die geistige Welt verwissenschaftlicht. Dazu muß sich
Steiner gegen Kant stellen, der den Wissen-Glauben-Gegensatz
philosophisch festschreiben will. Demgegenüber sieht er in der
Philosophie des Thomas von Aquino Anknüpfungspunkte für den Versuch,
den Gegensatz aufzulösen. Der Neothomismus, der bei Thomas
stehengeblieben ist, statt über ihn hinauszugehen, vermag diese
freilich nicht zu nutzen. Für Thomas wird "Aristoteles“
Weltanschauung zum Führer bis zu jener Grenze, bis zu der das
menschliche Seelenleben mit seinen eigenen Kräften dringen kann;
jenseits dieser Grenze liegt, was im Sinne des Thomas griechische
Weltanschauung nicht erreichen konnte. Für Thomas von Aquino bedarf
also das menschliche Denken eines anderen Lichtes, von dem es
erleuchtet werden muß. Er findet dieses Licht in der Offenbarung.“[37]
Steiner läßt für ein kirchliches Monopol der Auslegung eines
ein für allemal Offenbarten keinen Raum mehr, hält aber gleichzeitig
an der Frage des Thomas fest: Wie wird das Denken christlich gemacht?
Diese Frage ist für Steiner identisch mit der anderen: wie kann das
menschliche Denken, das in der neuzeitlichen Wissenschaft nur fähig
ist, das Tote zu begreifen, die Gesetze der anorganischen Welt und ihr
Wirken in den organischen Wesen, dazu kommen, das Lebendige zu
begreifen, den selbstbeweglichen Geist als den Grund allen Seins und
Werdens? Und die Antwort lautet, daß das Denken sich dazu nicht bloß
anderen Inhalten zuwenden, sondern sich in seinem innersten Wesen
wandeln, verlebendigen und spiritualisieren muß. Durch eine innere Überwindung,
für die man ein altes Bild in dem Michael-Kampf mit dem Drachen
findet, kann der Mensch die Kälte seines Denkens überwinden und zu
einer in geistiger Art wirkenden Kraft der Liebe finden, die in das
innerste Wesen der Dinge eintaucht. Ein solches Denken kann dann nicht
nur die einmal geoffenbarten geistigen Wahrheiten einsehen, es kann
sich ihm der Geist selbst offenbaren: Die innere Durchlichtung und
Durchchristung des Denkens ist die "spirituelle Sündenerhebung“,
die den "intellektuellen Sündenfall“ überwindet, der den
Erkennenden vom Wesen der Welt abschneidet und ihn nur ihre Außenseite,
ihre tote Rinde erkennen läßt, diese allerdings immer präziser. Es
ist ein im Goetheanismus angelegtes "lebendiges Naturerkennen“,
das in den durch die Dialektik des wissenschaftlichen Fortschritts
immer mehr zerfaserten Einzelheiten - den scheinbar konkreten, in
Wahrheit höchst abstrakten Gegenständen der Einzelwissenschaften -
wieder das geistige Band, den lebendigen Zusammenhang auffindet.[38] Steiners positives
Verständnis der modernen naturwissenschaftlichen Entwicklung ist begründet
in der Einsicht in ihre bewußtseinsgeschichtliche Notwendigkeit.
Wissenschaft, auch als technisches Verfügen-Wollen über
Naturprozesse, hält er für nützlich und berechtigt. Für die
Erforschung der eigentlichen Welträtsel indessen ist das aus Nützlichkeitsantrieben
heraus gewonnene Wissen nicht geeignet. Die Aussagen der modernen
Naturwissenschaft werden einer späteren Zeit ebenso in ihrer
Standortgebundenheit und Relativität erscheinen, wie uns heute das
Weltbild des Ptolemäus als zeitbedingt erscheint. Trotz seiner Bejahung
des wissenschaftlich-technischen Fortschritts ist für Steiner die
Technik nicht "neutral“, nur durch das Wie der Anwendung
menschlich relevant. Für ihn haben die modernen Techniken durchaus ",an sich“ eine moralische Seite, die mit den Natur- und vor allem
Unternatur-Qualitäten zu tun hat, auf denen sie aufbauen. Daß die
Plastik- und Elektro-Welt unserer Kultur zunehmend als steril, kalt,
trostlos usw. erlebt wird, hat darin seine tieferen Ursachen. Doch
Steiner plädiert nicht für ein Rückwarts, im Gegenteil, er fordert
dazu auf, mit den neuen Realitäten leben zu lernen, sie zu bewältigen
durch eine Ästhetik des Alltags, durch eine soziale Kunst, eine neue
Pädagogik usw.: "Im naturwissenschaftlichen Zeitalter, das um die
Mitte des 19. Jahrhunderts beginnt, gleitet die Kulturbetätigung der
Menschen allmählich nicht nur in die untersten Gebiete der Natur,
sondern unter die Natur
hinunter. Die Technik wird Unter-Natur [...] Das erfordert, daß der
Mensch erlebend eine Geist-Erkenntnis finde, in der er sich ebenso
hoch in die Über-Natur erhebt, wie er mit der unternatürlichen
technischen Betätigung unter die Natur hinuntersinkt. Er schafft in
seinem Innern die Kraft, nicht unterzusinken.“[39]
"Der Mensch“ ist in dieser Aussage kein Abstraktum, sondern
einzelne Individualität. Die Frage nach der Individualität ist das
Kernproblem, um das sich das Verständnis des Unterschieds von
Marxismus und Anthroposophie dreht. Die Formulierungen der
marxistischen Philosophie von der Wesenskräfteentwicklung als
Selbstzweck, dem "individuellen Gemeinwesen“ usw.[40]
umkreisen, anthroposophisch betrachtet, die eigentliche
Kernfrage nach dem Wesen der Selbstidentität des Menschen, nach
dessen ",Ich“, ohne diesen Kern zu treffen: die Aufhebung des
spekulativ-idealistischen Ich-Begriffs bleibt abstrakt, weil ihr die
Realität des Ich verlorenging, nicht "aufbewahrt“ wurde. Steiners
Individualismus ist durchaus nicht die Marxsche Einsicht vom Menschen
als dem Wesen, das nur in Gesellschaft sich vereinzeln kann, entgangen[41]:
Aber er insistiert darauf, daß nur freie Persönlichkeiten zur
wahrhaften Gemeinschaftsbildung - im Gegensatz zur bloßen
Herdenbildung - imstande sind. Sozialität ist Anerkennung des Ich im
anderen: Die Leugnung des Ich mit sozialistischen Argumenten hebt mit
dem Ich den Sozialismus auf. Gemeinschaftlichkeit und Kollektivität
sind nicht dasselbe: In agierenden Massen kann der einzelne u.U. sehr
wenig Subjekt, d.h. seiner mächtig sein, in hohem Maße dagegen von
rauschhaften Zuständen bewegt sein. Die Schwäche des Marxismus in
der Kardinalfrage der Persönlichkeitsauffassung spricht Sartre an,
wenn er feststellt, daß man die Spezifik der Persönlichkeit eines
Flaubert eben nicht aus seiner allgemeinen bürgerlichen
Klassensituation ableiten kann.[42]
Schließlich wird eben nicht jeder bürgerliche Intellektuelle
Flaubert. Wenn nicht in der Theorie, so ist der Marxismus doch in
seiner Praxis immer wieder auf dieses Problem gestoßen: Warum jemand
im KZ unter Einsatz seines Lebens dem Kameraden das Leben rettet, weiß
ich eben nicht (allein) dadurch, daß ich seine Klassen- und
Parteizugehörigkeit kenne, weiß, welche politischen und sonstigen
Erfahrungen er gemacht hat. Das Leben zeigt, daß Menschen, die in
dieser Hinsicht über annähernd gleiche Voraussetzungen verfügen,
sich doch in "Grenzsituationen“ unterschiedlich verhalten. Warum
wird der eine Arbeiter ein Revolutionär, während ein anderer sein
ganzes Lebensglück in der Pflege eines Schrebergärtchens erblickt?
Der Existentialismus hat sich diesem Problem mit der Kategorie der
Grenzsituation und der Frage nach der Echtheit und "Eigentlichkeit“
der subjektiven Handlungsantriebe nähern wollen, ohne dieser
Eigentlichkeit jedoch einen wirklichen Inhalt geben zu können: die
Individualität bleibt der ewig unerklärliche Rest, dessen Sinn sich
dem Denken, das doch die Sinnfrage stellen muß, permanent entzieht. Steiner dagegen will
sich der Mystifikation jenes "Surplus“, den ein Mensch über
Erbanlagen und Milieuprägung hinaus darstellt, durch den
Reinkarnationsgedanken entziehen: Sowenig wie man eine Tierart aus dem
Nichts entstanden denken kann, sosehr man sie als durch Evolution
hervorgebracht ansehen muß, in demselben Maße kann die Individualität
in ihrer gegebenen Gestalt nur als das Ergebnis der Evolution ihrer
Vorformen angesehen werden. Dieser Zusammenhang muß aber ein
immanenter sein, ein Zusammenhang der Individualität mit sich selbst:
die Individualität kann nur durch Selbstentstammung entstanden
gedacht werden: "Als ein gefährlicher Ketzer galt der tonangebenden
Weisheit des 17. Jahrhunderts der italienische Naturforscher Francesco
Redi, weil er behauptete, daß auch die niederen Tiere durch
Fortpflanzung entstehen. Nur mit knapper Not entging er dem Märtyrerschicksal
Giordano Brunos und Galileis [...] Nichts anderes hatte Redi
behauptet, als was heute allgemein anerkannt ist, daß alles Lebendige
von einem Lebendigen abstamme.“ "In einer ähnlichen Lage wie der
italienische Denker ist heute der Anthroposoph. Er muß auf Grund
seines Wissens das von dem Seelischen
sagen, was Redi von dem Lebendigen gesagt hat. Er muß behaupten:
Seelisches kann nur aus Seelischem entstehen. Und wenn die
Naturwissenschaft in derselben Richtung sich weiterbewegt, die sie
seit dem 17. Jahrhundert genommen hat, dann wird auch die Zeit kommen,
in der sie selbst - aus sich heraus - diese Anschauung vertreten
wird.“[43] Die Verketzerung
greife zwar heute nicht mehr zum Mittel des Scheiterhaufens, sondern
behelfe sich mit der öffentlichen Diskreditierung des Gegners als
Schwarmgeist und Wirrkopf. "Daß die Seele geistige Eigenschaften
habe, wie der Wurm physische“, führe heute noch nicht dazu, "an
die eine Tatsache mit derselben Forschergesinnung heranzutreten wie an
die andere [...] Gewiß: es wird zur Not zugegeben, daß auch die
seelischen Eigenschaften eines Menschen geradeso irgendwoher stammen müssen
wie die physischen. Es werden Erwägungen darüber angestellt, wie es
denn komme, daß sogar Zwillinge in wesentlichen Eigenarten
voneinander abweichen, die stets an demselben Orte, unter der Obhut
einer Amme, gewesen sind. Man führt wohl auch gelegentlich an, daß
es von den siamesischen Zwillingen heißt, ihre letzten Lebensjahre wären
infolge ihrer entgegengesetzten Sympathien im nordamerikanischen Bürgerkriege
recht unbehaglich gewesen.“ "Es ist zweifellos
berechtigt, wenn man zur Erklärung der niederen seelischen
Eigenschaften zu den physischen Vorfahren hinaufsteigt und ebenso von
Vererbung spricht, wie man es für die körperlichen Merkmale tut.“
Aber das eigentlich Geistige im Menschen ist so nicht zu begreifen,
die höheren Seeleneigenschaften sind nicht bloß graduell vom
Tierseelischen verschieden. Daß die Gesetze der organischen Natur
Steigerungen jener der unorganischen sind, wird heute kein
Einsichtiger mehr im Sinne der Urzeugungsthese interpretieren, nach
der Würmer aus Schlamm entstehen. Doch inkonsequenterweise wird gegenüber
dem Geistig-Seelischen immer noch nach solcher Logik verfahren. Man
begreift nicht, "daß für den einzelnen Menschen die Biographie
dieselbe grundwesentliche Bedeutung hat, wie für das Tier die
Beschreibung der Art [...] Der einzelne Mensch ist mehr als ein
Exemplar der Menschengattung. Er hat in demselben Sinne seine
Gattungsmerkmale mit seinen physischen Vorfahren gemein wie das Tier.
Aber wo das Gattungsmäßige aufhört, da beginnt für den Menschen
das, was seine besondere Stellung, seine Aufgabe in der Welt bedingt.
Und wo diese anfängt, da hört alle Möglichkeit der Erklärung nach
der Schablone der tierisch-physischen Vererbung auf. Ich kann
Schillers Nase und Haare, vielleicht auch gewisse
Temperamentseigenschaften auf Entsprechendes bei seinen Vorfahren zurückführen,
aber nicht sein Genie.“ Die Höherentwicklung
im Tierreich stellt man sich so vor, "daß eine Tierart aus einer ähnlichen
hervorgeht, die nur um einen Grad tiefer steht als sie. Also muß
Newtons Seele aus einer solchen hervorgegangen sein, die ihr ähnlich,
nur um einen Grad tiefer steht als sie. Das Seelische in Newton umfaßt
mir seine Biographie [...] Ich erkenne Newton aus seiner Biographie,
wie ich einen Löwen aus der Beschreibung seiner Art erkenne. Und ich
verstehe die Löwenart, wenn ich mir vorstelle, daß sie aus einer im
Verhältnis zu ihr niedrigeren Art hervorgegangen ist. Also verstehe
ich das, was ich in Newtons Biographie umfasse, wenn ich es mir
entwickelt denke aus dem Biographischen einer Seele, die ihr ähnlich,
als Seele mit ihr verwandt
ist. Demnach war Newtons Seele in anderer Form bereits da, wie die Löwenart
in anderer Form vorher da war. Für ein klares Denken gibt es kein
Entrinnen aus dieser Anschauung [...] Durch sie ist aber das
Wiedererscheinen der Wesenheit, die man in der Biographie umfaßt,
gesichert.“ "Man lasse entweder
die ganze naturwissenschaftliche Entwicklungslehre fallen, oder man
gebe zu, daß sie auf die seelische Entwicklung ausgedehnt werden müsse.
Es gibt nur zweierlei: entweder ist jede Seele durch ein Wunder
geschaffen, wie die tierischen Arten durch Wunder geschaffen sein
müßten, wenn sie sich nicht auseinander entwickelt haben; oder die Seele hat sich entwickelt und ist anderer Form früher
dagewesen, wie die tierische Art in anderer Form da war.“ Man muß
den Mut zum Wunderglauben haben, wenn man den anderen Mut nicht haben
kann ,zur anthroposophischen Ansicht von dem Wiedererscheinen der
Seele oder der Reinkarnation‘“ Die spätere Biographie ist in
gewissem Maße die Wirkung der früheren, aus der sie erklärt werden
muß. "Dies ist der Inhalt des Karma-Gesetzes,
das besagt: alles, was ich in meinem gegenwärtigen Leben kann und
tue, steht nicht abgesondert da als Wunder, sondern hängt als Wirkung
mit den früheren Daseinsformen meiner Seele zusammen, und als Ursache
mit den späteren.“ Das Kausalitätsverhältnis
ist kein mechanisches: Im Zusammenhang der Kette der Biographien wirkt
die Metamorphose, - Charakter, Fähigkeiten usw. sind in hohem Maße
als Metamorphosen der Erlebnisse, Einstellungen und Erfahrungen
vergangener Inkarnationen zu denken. Steiners Konzeption
ist weit entfernt von einer fatalistischen Version des Karma, das als
selbstgeschaffenes Schicksal gerade durch die freien Handlungen und
Bemühungen des Menschen modifiziert und erleichtert werden kann. Das
gilt auch gegenüber dem anderen Menschen, dem es zu helfen gilt, sein
Schicksal zu bewältigen und durchzutragen. Karma vollzieht sich nicht
nur, es entsteht auch permanent und wandelt sich, wobei auch der
Zufall hierbei eine Rolle spielen kann.[44]
Der Reinkarnationsgedanke bei Steiner hat nichts zu tun mit
einer primitiven Rechtfertigung sozialer Ungleichheiten durch den
Hinweis auf ihre Verursachung durch frühere Verfehlungen, nach dem
Motto, die sozial Schwachen seien selber schuld. Er ist im Gegenteil
ein Mahnruf zur Schaffung sozial gerechter Verhältnisse, die der
Individualität die besten biographischen Entfaltungsmöglichkeiten
bieten. Der Reinkarnationsgedanke macht den Menschen für das
Schicksal der Erde mitverantwortlich: denn gemäß dieser Anschauung
verläßt er die Erde nicht, um im Jenseits des jüngsten Tages zu
harren, sondern um erneut auf ihr zu wirken. Er kann nicht sagen: Nach
mir die Sintflut.[45]
Die Individuen machen die Geschichte, indem sie durch die
verschiedenen geschichtlichen Epochen hindurchgehen. Wo Marx von der
Selbsterzeugung der Gattung durch Arbeit spricht, da begreift Steiner
auch den einzelnen als Produkt seiner eigenen Arbeit, nicht nur an der
Natur, sondern auch an sich selbst, durch verschiedene Biographien
hindurch. Die bestimmte geistige Gestalt des Menschen muß als Produkt
seiner eigenen Arbeit begriffen werden: d.h. sie kann nicht von der
Beschaffenheit der stofflichen Keime herrühren, und auch nicht allein
von den Prägungen des Milieus, denn es ist ein in sich bestimmtes
Seelisch-Geistiges, das die Wechselwirkung mit dem Milieu eingeht,
keine tabula rasa. Ich muß also die Arbeit an mir vor meiner Geburt
aufgenommen haben, aber meine Präexistenz kann ich nicht als rein
geistige denken: "Was aus der physischen Umgebung bestimmend für
die Menschenseele ist, das ist so, daß es wirkt wie ein im physischen
Leben Erfahrenes auf ein früher in gleicher Art Erfahrenes.“[46]
D.h. es äußert sich als Fähigkeit zu einer bestimmten Tat,
als Geschicklichkeit zu einer bestimmten Verrichtung. Dem
Reinkarnationsgedanken gemäß erscheint der Geist in einer Biographie
als Wiederholung seiner selbst mit den Früchten der vergangenen
Erdenleben. Diese Früchte sind in der Zeitspanne zwischen dem Tod und
einer neuen Geburt gereift, in der die Erfahrungen der vergangenen
Biographie vom Menschen im Verein mit den höheren Wesen der geistigen
Welt in Fähigkeiten für die künftige Biographie, in die Keimanlage
für ein neues Leben umgebildet werden. Bei der Inkarnation spielt das
Milieu und die Eignung der physischen Anlagen, die ein bestimmtes
Elternpaar zur Verfügung stellen kann, eine wichtige Rolle, hängt es
doch davon mit ab, ob und wie die Individualität ihre Lebensziele
erreichen kann: So betrachtet, ist die Inkarnation der
Johann-Sebastian-Bach-Individualität in einer Musikerfamilie durchaus
kein Argument für die physische Vererbtheit seines Genies.[47]
Auf dem Erdenschauplatz trifft der Mensch in dieser oder jener Form
mit den Folgen der Taten der vergangenen Biographie zusammen. Der
Reinkarnationsgedanke bedeutet, daß sich das Subjekt nicht nur im
unmittelbaren Sinne in dem Objekt der Arbeit vergegenständlicht,
sondern auch in den äußeren und inneren Bedingungen, Möglichkeiten
und Hindernissen seiner künftigen Existenz. Seine Taten treten ihm
nun als gleichsam objektivierte Mächte gegenüber, eben als
Schicksal.[48] Was Steiner zur
"Technik des Karma“ sagt und schreibt, zu den nachtodlichen
Schicksalen der Menschen, zu einer - durchaus nicht im spiritistischen
Sinne zu denkenden - Wechselwirkung zwischen der Welt der Lebenden und
der der Toten, über das Hineinspielen höherer geistiger Wesenheiten
in den Lebenslauf, dies alles kann hier nicht weiter behandelt werden.
Nur dies soll noch einmal betont werden, daß Steiner den
Reinkarnationsgedanken mit dem christlichen Grundimpuls, der geistigen
Gemeinschaft aller Menschen, unzertrennlich zusammenhängend denkt:
Indem der Mensch in verschiedenen Epochen und Kulturkreisen,
abwechselnd als Mann und Frau, einmal in dieser, einmal in jener Rasse
und Nation sich inkarnierend aufgefaßt wird, erscheinen jene die
Menschheit differenzierenden Bestimmungen als die unwesentlicheren,
nicht den eigentlichen Kern des Menschlichen betreffend: die im Ich
gegebene Selbstidentität. Dieses "Ich-bin“ im jeweils anderen zu
achten, den Menschen um seiner selbst willen zu lieben, ist aber das
Wesentliche des Christentums. Deshalb erschien Steiner die Verbindung
von Christentum und Reinkarnationsgedanke so entscheidend. Man hat gegen den
Reinkarnationsgedanken oftmals eingewandt, man erinnere sich doch
nicht an vergangene Leben. Dem könnte man entgegnen, man erinnere
sich auch so gut wie nicht an seine ersten drei Lebensjahre, oder an
seine Embryonalzeit. So wie das Vergessen der vielen einzelnen
Verrichtungen, die man hat vornehmen müssen, um das Schreiben zu
erlernen, eine Bedingung dafür ist, daß man diese Kunst jetzt
beherrscht - müßte man sich mühsam an alle Details erinnern, könnte
man nicht flüssig schreiben -, so ist in gewissem Maß das Vergessen
der Erfahrungen des vergangenen Lebens eine Voraussetzung dafür, daß
sie in Fähigkeiten verwandelt im jetzigen Leben in Erscheinung treten
können. Das bedeutet aber nicht, daß diese überbewußte Quelle der
Tätigkeit nicht von einem durch entsprechende Übung erweiterten Bewußtsein
erreichbar ist. Steiner ist auch der Meinung, die menschliche Bewußtseinsentwicklung
werde zu einem Zustand führen, in dem Rückerinnerungen an vergangene
Leben das Normale sein werden.[49] Steiner betont die
Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte, aber nicht so, daß nur
die besondere, die geniale Persönlichkeit beachtet würde. Auch faßt
er die Rolle der Persönlichkeit nicht im subjektiv-idealistischen
Sinne auf, der keinen Raum läßt für geschichtliche Notwendigkeiten.
So wenig man das individuelle Fähigkeitswesen des Menschen in
allgemein-gesellschaftliche Kategorien auflösen darf, so wenig darf
man vergessen, daß das Auftreten eines "großen Mannes“
gewissermaßen nur das Symptom dafür ist, daß gewisse geistige Kräfte
und Mächte da sind. "Er ist das Tor, durch das diese Kräfte
hineinsprechen in das geschichtliche Werden.“ "Das widerspricht
nicht dem, daß nicht auch vieles von der Individualität, von der
Subjektivität solcher führender Persönlichkeiten hinauswirkt in
weite Kreise.“ "Stellen Sie sich einmal vor, was alles
eingeflossen ist in das Leben der modernen Menschheit durch die
Entdeckung Amerikas.“ Man kann sich vorstellen, daß Kolumbus durch
eine Gehirnschädigung nicht in der Lage gewesen wäre zu seiner Tat,
aber nicht kann man sich vorstellen, daß dadurch die Entdeckung
Amerikas unterblieben wäre. Es besteht kein Zweifel für Steiner, "daß
die Weltereignisse selber sich aufrufen diejenigen menschlichen
Individuen, die durch ihr Karma für dies oder jenes, was die
Weltereignisse fordern, besonders geeignet sind“.[50] Daß die Persönlichkeit
in den Grenzen ihrer Epoche wirken muß, daß sie objektive
Bedingungen ihres Handelns vorfindet, das ist zwischen Marxismus und
Anthroposophie nicht strittig. Doch die Frage nach Wert und Würde der
Person ist mit dem Hinweis auf die Bedingungen, unter denen sie wirkt,
nicht beantwortet. Ist aber nicht diese Frage auch die eigentliche
soziale Frage? Ist "Kapitalismus“ nicht darum unmenschlich, weil
er den einzelnen Arbeitenden als austauschbaren Kostenfaktor
behandelt, nicht als Individualität? Ist der real-humanistische
Protest gegen den Krieg nicht letztlich daher begründet, daß der
einzelne im Krieg zum Menschenmaterial degradiert und einer
abstrakt-allgemeinen Notwendigkeit geopfert wird? Mit der Reduktion
des Menschen auf ein biosoziales Wesen materieller Prägung begibt
sich der Marxismus des stärksten Arguments für eine grundlegende
gesellschaftliche Erneuerung vom Menschen aus, also für jenen "realen Humanismus“, der Inbegriff der Marxschen Zielprojektion
ist. In diesem Defizit liegt einer der wesentlichsten Gründe für die
Notwendigkeit eines Dialogs von Marxismus und Anthroposophie. [1] Vgl. etwa GA 156, Vortr. 20.12.1914; GA 220, Vortr. 19.1.23. [2] Vgl. etwa GA 213, Vortr. 8.7.22; ferner Heyer, Kaspar Hauser, S. 48ff. [3] Anm. Steiners zu Goethe, Sprüche in Prosa, S. 164. [4] "Goethe als Vater einer neuen Ästhetik“, in GA 271, S. 25. [5] Vgl. GA 78, Vortr. 6.9.21; R. u. W. Gädecke 1983; GA 54, Vortr. 16. 11.05. [6] GA 28, S. 259. [7] Vgl. GA 8, S. 16f., s. a. im Literaturverzeichnis zum Thema "Christologie“. [8] Johannes 3, 30; Galater 2, 20. [9] Vgl. in GA 165, GA 104; GA 114, Vortr. 26.9.19; GA 79, S. 219ff.; GA 125, Vortr. 22.12.10; GA 35, S. 409ff.; über die plastische Gruppe GA 1S7, Vortr. 10.6.15. [10] Römer 8, 21. [11] Vgl. etwa GA 178, Vortr. 19.11.17 und Schroeder 1984. [12] Bloch 1964, S. 85. [13] Novalis, Dichtungen, S. 83. [14]
GA 172, S. 212ff. [15]
GA 79, S. 230. [16]
S. GA 118. [17] GA 204, S. 285. [18] 1. Korinther 2, 10. [19] Hemleben 1977, S. 95. [20] GA 96, S. 118. [21]
Vgl. Bock 1975. [22]
Vgl. Dessoir 1979, S. 486. [23]
Vgl. GA 8, S. 34f. [24]
GA 204, S. 289, vgl. S. 288. [25]
GA 8, S. 114. [26]
Vgl. in GA 8. [27] Dazu vgl. in GA 93a, Vortr. 8.10.05, und GA 204, 15.4.21. [28] Hemleben 1977, S. 100. [29] Zu diesen Strömungen vgl. z.B. GA 93, Vortr. 4. u. 11.11.04. Speziell zu Christian Rosenkreutz GA 130, 18.12.12, und GA 233a, 13.1.24. [30] Zum Totemismus GA 193, S. 33f.; Zur Apokalypse und dort besonders zum 13. Kap., 11, s. in GA 104. Engels, MEW 22, S. 468f. [31] S. in GA 104, zum Manichäismus in GA 93. Vgl. a. Schütze 1982, 86f. [32]
Vgl. GA 9, S. 83ff. [33]
Vgl. GA 172, S. 202ff. [34] GA 51, S. 82ff. Dort auch, soweit nichts anderes angegeben, die folgenden Zitate. [35]
GA 172, S. 20Sf. [36]
GA 51,a.a.O. [37]
GA 18 I, S. 73f. [38] Zu Thomas GA 74, S. 71f.; [39] GA 26, S. 259. [40] Vgl. im vorigen Kapitel. [41] Marx, Grundrisse, S. 6. [42]
Sartre 1964, 49ff., 112ff. [43] GA 34, S. 67ff. Dort auch die weiteren Zitate. [44] Vgl. in GA 34 den Aufsatz "Gibt es einen Zufall?“ und GA 163. [45] Vgl. Verbrugh 1982. [46] GA 9, S. 58. [47] Vgl. GA 283, Vortr. 26.11.1906. [48] Vgl. in GA 9, besonders S. 67 f. [49] GA 166, s. Vortrag. [50] GA 196, S. 135, 38.
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