7.
Moral, Kunst, Religion, Wissenschaft
und menschliche Persönlichkeit im Marxismus
Moral, Kunst,
Religion und Wissenschaft sind für den Marxismus Formen des "gesellschaftlichen Bewußtseins“. Dieses ist für ihn
Widerspiegelung des gesellschaftlichen Seins, ist von den materiellen
Verhältnissen determiniert. Dennoch erkennt man ihm auch eine
relative Selbständigkeit zu. Unter dem gesellschaftlichen Bewußtsein
versteht man die Gesamtheit der für eine Gesellschaft typischen
Anschauungen und Ideen. Es ist mehr als die Summe der Ansichten der
einzelnen, denen es immer schon als ein Vorgegebenes entgegentritt und
die durch die Sozialisation von Wertvorstellungen und Verhaltensstilen
der Gesellschaft, vom Stand ihrer materiellen und geistigen Kultur
geprägt werden. Diese geistige Kultur wird nicht in ihrer Gesamtheit
dem "Überbau“ zugerechnet: Manche ihrer Erscheinungen "wie
Naturwissenschaft, Sprache [...], Normen des logischen Denkens“
gelten als klassen- und systemneutral. Dennoch sieht man letztlich
auch die Kultur von klassenbedingten Strömungen, fortschrittlicher
oder reaktionärer Art, geprägt. Dabei ist es dann noch die Frage,
wie weit oder eng man den Begriff jenes fortschrittlichen Erbes faßt,
das die Arbeiterklasse sich zu eigen machen soll.
Innerhalb des
gesellschaftlichen Bewußtseins trifft man eine Unterscheidung
zwischen gesellschaftlicher Psychologie und Ideologie. Die erstere ist
Teil des Alltagsbewußtseins und umfaßt Meinungen, Stimmungen,
Gewohnheiten usw.; die zweite Ebene ist die der mehr systematisierten
Auffassungen, die Ebene der "Weltbilder“. Für die Produktion der
Ideologie wird den Intellektuellen eine gewisse Rolle zuerkannt, diese
seien aber nicht autonom, sondern formulierten letztlich ihre Thesen
bezogen auf die Interessen einer der gesellschaftlichen Grundklassen.
Der Ideologie erkennt man eine gewaltige Rolle zu im Prozeß der
Formierung einer „Klasse an sich“ zu einer „Klasse für sich“,
d.h. einer bewußten und geschichtlich handlungsfähigen Kraft.
Deshalb mißt man der "kommunistischen Erziehung der Werktätigen“
große Bedeutung zu.
Die
gesellschaftlichen Bewußtseinsformen werden hinsichtlich ihrer
jeweiligen sozialen Funktion und ihres spezifischen
Widerspiegelungsverhältnisses zur Gesellschaft unterschieden. Außer
den genannten gehört zu den gesellschaftlichen Bewußtseinsformen
noch das politische und Rechtsbewußtsein. Die Bewußtseinsformen
differenzieren sich geschichtlich allmählich heraus. Das Bewußtsein
der Urgesellschaft sieht man als ein relativ wenig differenziertes,
weitgehend in den materiellen Verkehr der Menschen verflochtenes an;
erst mit zunehmender Arbeitsteilung beginne das gesellschaftliche Bewußtsein
als scheinbar autonomes Geistesleben ein abgehobenes Dasein zu führen.
Alle Bewußtseinsformen weisen die beiden Schichten -
gesellschaftliche Psychologie und Ideologie - auf. So reicht das
politische und Rechtsbewußtsein vom sogenannten "Rechtsempfinden“
bis zur systematisierten Theorie des Rechts, von politischen
Sympathien bis zur ausgearbeiteten Parteiprogrammatik.
Die Moral sieht man
in der Urgesellschaft noch gänzlich mit der religiösen
Vorstellungswelt verwachsen, die dem einzelnen sein Verhalten durch
starre Muster und Tabus von außen vorgibt. Erst der Tauschhandel, mit
ihm das Kennenlernen fremder Sitten und damit die Möglichkeit von
Normenkonflikten, so argumentiert man, führt zu Verunsicherungen, die
innere Antriebe des Verhaltens erforderlich machen. Die Befolgung
moralischer Normen werde nicht wie die der Rechtsnormen durch
besondere Institutionen mit Gewalt erzwungen, wenn auch der Druck
kollektiver Empfindungen, Rollenerwartungen, Erziehung, auch Androhung
jenseitiger Strafen eine
Rolle spielt. Das moralische Verhalten gilt nicht einfach als
andressiert, - es soll
das Moment der selbstverantwortlichen Bewertung des eigenen Handelns
voraussetzen, das sich im Gewissen offenbart. Entscheidend für die
objektive Bewertung einer Handlung sollen ihre sozialen Folgen sein,
aber man räumt ein, daß die moralische Qualität der Handlung in
inneren Antrieben wurzelt. Während das Recht äußere Ordnung
schaffe, beziehe sich die Moral auf die Sphäre der Freundschaft,
Liebe, Kameradschaft usw., "die weder durch staatliche Organe noch
durch gesellschaftliche Organe regulierbar sind“.
- Ein bemerkenswerter
Satz! Andererseits verteidigt man die Rolle des Staates bei der
moralischen Erziehung, deren Objekt nicht nur die Jugendlichen,
sondern auch die Erwachsenen sein sollen. Kein Parteitag einer
regierenden kommunistischen Partei, der sich nicht auch zu Moralfragen
wie z.B. zur "kommunistischen Einstellung zur Arbeit“ äußerte;
Walter Ulbrichts "10 Gebote der sozialistischen Moral‘ waren nur
das vielleicht extremste Beispiel in dieser Richtung.
Die Moral hat für
den Marxismus Klassencharakter: ethische Systeme gelten als historisch
bedingt: Wenn das Bürgertum vermeinte, im Namen der menschlichen "Natur“ auftreten zu können, so war dies eine Illusion: jede
Klasse bringt, so meint man, ihre eigenen Vorstellungen über Gut und
Böse hervor. Man sieht Gemeinsamkeiten in der Moral verschiedener
Klassengesellschaften: christlich-feudale und aufklärerisch-bürgerliche
Moral kämen z.B. in der Verteidigung des Privateigentums als gut überein.
Das Gute ist für die Kommunisten primär von den Interessen der
Arbeiterklasse her zu bestimmen: Haß gegen Ausbeutung, revolutionäres
Standvermögen, Solidarität usw. sind erstrebenswerte moralische
Qualitäten. Bemerkenswerterweise will man aber doch einigen
Moralnormen einen allgemeingültigen Charakter zumessen, Moralnormen,
die sich gegen Gewalttätigkeiten und andere "Exzesse“ richten, die
Achtung der Menschenwürde und des Friedens beinhalten. Diese Normen würden
vom Imperialismus ständig mit Füßen getreten, erst der Kommunismus
setze sie endgültig durch, erst in ihm verliere die Moral endgültig
ihren Klassencharakter.
Die frühgeschichtliche
Forschung zeigt, daß Kunstgegenstände schon in ältester Zeit
existierten. Je mehr die Menschen im Stoffwechselprozeß mit der Natur
ihre Fähigkeiten und Bedürfnisse steigerten, so wird dazu
argumentiert, um so mehr wuchs auch das Bedürfnis nach dem Schönen
und mit ihm die künstlerische Produktion, d.h. die Herstellung von
Gegenständen, die niemals bloße Arbeitsmittel sind, sondern schöpferische
Phantasie als Selbstzweck verkörpern, und mit der künstlerischen
Produktion bildete sich so der Geschmack. In der Klassengesellschaft
verselbständige sich die künstlerische Sphäre: "Die exklusive
Konzentration des künstlerischen Talents in einzelnen und seine damit
zusammenhängende Unterdrückung in der großen Masse ist Folge der
Teilung der Arbeit“, heißt es in der "deutschen Ideologie“.
Die sozialistische Kunst gestaltet die "herangereiften Probleme
der gesellschaftlichen Entwicklung“, ist darauf orientiert, "bewußt
ihre ideologische Funktion“ in der Gesellschaft wahrzunehmen“, die
Kunst wird im Sozialismus immer mehr zum "unentbehrlichen
Bestandteil“ des Lebens. Die "alte Trennung von Kunst und Volk, die
sich auch in der Trennung von Volkskunst und Berufskunst zeigt“,
wird überwunden. "Die Breite des künstlerischen Volksschaffens
nimmt [...] in starkem Maße zu [...]“
Die Quelle auch der künstlerischen
Produktion erblickt man letztlich in der objektiven Realität, aber
man will sich das Verhältnis von Gesellschaft und künstlerischer
Widerspiegelung nicht mechanisch und linear vorstellen. Schon Marx
bemerkt, daß die antike Kunst in vieler Hinsicht immer noch
unerreichtes Muster ist, während die technisch höherentwickelte
moderne kapitalistische Gesellschaft "geistigen Produktionszweigen,
wie z.B. der Kunst und der Poesie feindlich gegenüber“ steht.
Die "Widerspiegelung“ ist eine durch Stil und künstlerische
Individualität vermittelte, auch ist sie bei Malerei und Literatur
direkter als etwa bei der Musik. Aber auch diese ,abstrakte‘ Kunst
par excellence sei ohne gesellschaftliche Analyse nicht zu verstehen:
Jede Kunst ist das Kind ihrer Epoche, die sie zugleich zu bewältigen
versucht. Selbst die L‘art-pour-l‘art-Gesinnung, die die
Gesellschaftlichkeit von Kunst leugnet, widerspiegelt so noch den
Konflikt des Künstlers mit der antagonistischen Gesellschaft und ist
eine gesellschaftliche Erscheinung. Man konstatiert, daß die
Geschichte der Kunst vielfach dergestalt verläuft, daß die
Nationalkulturen sich gegenseitig befruchten.
Die marxistische Ästhetik
ist realistisch, doch soll Realismus nicht die Wirklichkeit kopieren,
sondern in sie eindringen und sie ausdrücken. Der Künstler kann, so
heißt es, der Parteinahme in den epochalen
Klassenauseinandersetzungen letztlich sich nicht entziehen. So fordert
man vom Künstler im Sozialismus Parteilichkeit, will es aber
gleichzeitig fertigbringen, ihn nicht zu reglementieren - die "Shdanow-Ära“
soll nicht wiederkehren.
Wissenschaft und Kunst werden nicht isoliert voneinander
gesehen, gelten als zwei Weisen der Wirklichkeitsaneignung. Beide
streben für den Marxismus nach Allgemeingültigkeit, aber die Kunst
„verallgemeinert“ bildhaft, ihr Prinzip ist Individualisierung,
Darstellung des Typischen in einzelnen lebensvollen Gestalten, während
die Wissenschaft zur Theorie strebt.
Die Religion ist, so sagt man, später entstanden als die Kunst, für
die früheste Geschichte ist sie nicht nachweisbar. Die religiösen
Vorstellungen gelten allesamt als verzerrte Widerspiegelung durchaus
irdischer Mächte in der phantastischen Verkleidung als jenseitige.
Mangelnde Naturerkenntnis und -beherrschung soll die Ursache dieser
Verzerrung sein, zu der sich mit dem Zerfall der Urgesellschaft die
Undurchschaubarkeit und Unbeherrschbarkeit des gesellschaftlichen
Prozesses dazugesellt.
Die Frühformen der
Religion sollen auf der Vergottung von Naturkräften beruhen, von
Pflanzen und Tieren (Aninismus -
Totemismus). Relikte davon erhalten sich bis in spätere
Zeiten. Die gelegentliche Verwandlung des Zeus in einen Stier, der
Menschenkörper und der Hundekopf beim ägyptischen Gott Anubis werden
dafür als Beispiele angeführt. Mit der Vergottung auch sozialer Kräfte
verändere sich die Funktion der alten Götter: Ares/Mars wird aus dem
Gott des Wachstums zum Kriegsgott, Hephaistos aus dem Gott des Feuers
zum Gott des Schmiedehandwerks. Alle Religion sei ursprünglich
polytheistisch. Die Entstehung des Monotheismus in ihren verschiedenen
Etappen stellt man sich so vor: Die Götter der besiegten Völker müssen
denen der Siegervölker Platz machen, nehmen dabei aber einige ihrer
Charakterzüge an. Stammesverschmelzungen führen zu
Religionsverschmelzungen. Die Klassenhierarchie wird ins Überirdische
projiziert. Engels ist überzeugt, daß "der eine Gott ohne den einen
König nie zustandegekommen wäre, die Einheit des die vielen
Naturerscheinungen kontrollierenden, die widerstreitenden Naturkräfte
zusammenhaltenden Gottes nur das Abbild des Einen, die
widerstreitenden und in ihren Interessen kollidierenden Individuen
scheinbar oder wirklich zusammenhaltenden orientalischen Despoten ist
[...]“
Mangelnde
technisch-rationale Naturbeherrschung ist es, die zu Versuchen
magisch-irrationaler Einflußnahme auf die Naturmächte in der
Urgesellsehaft führen soll: Medizinmänner und Schamanen versuchen
durch Zauber und Opfer, die anthropomorph vorgestellten Naturkräfte
gnädig zu stimmen. Hier hat nach marxistischer Auffassung aller
religiöse Kultus seine Quelle. Mit der Herausbildung einer
Priesterschicht wird der religiöse Dienst zu einer Sphäre der
gesellschaftlichen Arbeitsteilung, die Kirchen verfügen bald über
eine enorme Macht über das Denken der Menschen, die durch die
Verwandlung einzelner Religionen in Staatsreligionen noch verstärkt
wird.
Die Religion, so
liest es sich, ist eine beharrende Kraft, doch letztlich unterliegt
auch sie der Veränderung. Eine solche ist z.B. die Herausbildung des
Christentums, die man im Zusammenhang mit der Zersetzung der
Sklavenhalterordnung betrachtet. Das Christentum „übernehme“
Elemente der von ihm verdrängten Religionen in sein eigenes
Glaubensgebäude: den Monotheismus und die Messias-Vorstellungen des
Alten Testaments, das Motiv vom Leiden, Sterben und Auferstehen eines
Gottes aus den Mythen östlicher Völkerschaften, dazu -
wie man meint, "vulgarisierte“ -
Vorstellungen aus der griechischen Philosophie (Logos-Lehre)
und aus der Stoa. Innerhalb des Imperium Romanum als Religion der
unterdrückten Massen entstanden, habe sich das Christentum später in
die offizielle Ideologie der herrschenden Klassen verwandelt. Damit
seien auch einige demokratische Wesenszüge des Urchristentums
verloren gegangen. Das Christentum "feudalisierte“ sich, die römisch-katholische
Hierarchie entstand. "Im 16. Jahrhundert löste sich mit der
Herausbildung und Stärkung der Bourgeoisie der Protestantismus mit
seiner Idee vom unmittelbaren Umgang des Menschen mit Gott, seinem
Appell an die Einzelpersönlichkeit und seiner Predigt solcher
Tugenden wie Sparsamkeit, Fleiß usw. aus der feudalen katholischen
Kirche heraus.“
Die Entwicklung des Kapitalismus zwinge andererseits auch den
Katholizismus zur Anpassung. Daß sich soziale Bewegungen religiös
geben, wird nicht als Widerspruch zur These vom Überbaucharakter der
Religion empfunden: den ausschließlich mit religiöser Ideologie gefütterten
Massen mußten ihre eigenen Interessen in religiöser Verkleidung
vorgeführt werden, um einen großen Sturm zu erzeugen“, schreibt
Engels über die Bauernkriege.
Man konstatiert, daß
sich zahlreiche Anhänger der Religion heute für sozialen Fortschritt
und Frieden einsetzen. Die Kommunisten streben gemeinsames Handeln mit
den religiös beeinflußten Werktätigen an, wollen aber dabei nicht
dasjenige vergessen, was sie die reaktionäre Rolle der religiösen
Ideologie, ihren unwissenschaftlichen, vernunftwidrigen Charakter
nennen. Die regierenden kommunistischen Parteien gewähren zwar
Religionsfreiheit, stecken den religiösen Gemeinschaften aber einen
relativ engen Rahmen der Betätigung und führen zugleich eine massive
atheistische Propaganda, die zuweilen sicher nicht weniger
Anpassungsdruck erzeugt als die mittelalterliche Kirche. Wenn die
Religion sich als zählebiger erweist, als angenommen, ihr
prognostiziertes Absterben auf sich warten läßt, so erklärt man
sich das mit den vorhandenen Resten überlebter Produktionsweisen,
aber auch mit der existentiellen Erschütterung für viele Menschen
durch die Kriege und Katastrophen unseres Jahrhunderts.
Die Wissenschaft sieht man zur Religion im unversöhnlichen Gegensatz.
Die Philosophie allerdings, in der sich der Logos vom Mythos
emanzipiert, sei in ihren idealistischen Formen noch vielfach mit der
Religion verbunden, die marxistische Philosophie sei die erste
konsequent wissenschaftliche. Die Herausbildung der
Einzelwissenschaften sieht man als Moment im Prozeß der
gesellschaftlichen Arbeitsteilung, Wissenschaft ist letztlich bedingt
durch praktische Bedürfnisse, vor allem der Produktion. "Das
Entstehen von Astronomie, Mathematik und Mechanik wurde durch die Bedürfnisse
der künstlichen Bewässerung, der Seefahrt, der Errichtung großer öffentlicher
Bauwerke, der Pyramiden, Tempel usw. hervorgerufen“; Handel und
Steuerwesen stimulierten die Entwicklung der Arithmetik.
Die Wissenschaftsentwicklung macht zwei große Schübe, in der
Antike und der Renaissance, durch. Die moderne experimentelle
Naturwissenschaft und die moderne industrielle Entwicklung sind
miteinander untrennbar verbunden: Dampfmaschine und Wärmetheorie,
mechanischer Webstuhl und Mechanik, Stromerzeugung und Elektrizitätslehre,
Bergbau und Geologie usw. In diesem Wechselverhältnis soll die
Produktivkraft-Evolution gegenüber der Wissenschafts-Evolution
letztlich primär sein, aber die Wissenschaft, die jetzt bewußt
technisch eingesetzt wird, soll auch revolutionierend auf die
Produktion zurückwirken.
Die relative Selbständigkeit
der Wissenschaft, wie die aller gesellschaftlichen Bewußtseinsformen,
sieht man darin begründet, daß der wissenschaftlich Tätige
unmittelbar am vorliegenden Gedanken- und Vorstellungsmaterial anknüpft
und sich der Wirklichkeit über dieses Medium nähert, nicht
unmittelbar. Wissenschaft nach einer vordergründigen Staatsraison zu
reglementieren, widerspreche dieser relativen Eigengesetzlichkeit: "Ohne Meinungsstreit und Freiheit der Kritik läuft die Wissenschaft
Gefahr, dogmatisch zu werden, auf der Stelle zu treten.“
- Man weiß nach der Stalin-Ära, wovon man da redet. Die heutige
Rolle der Wissenschaft - schon
quantitativ am explosiven Wachstum des Bildungswesens ablesbar -
berechtigt dazu, von einer wissenschaftlich-technischen
Revolution zu sprechen. In ihr wird die Wissenschaft zur "unmittelbaren Produktivkraft“, denn die Technik ist
"vergegenständlichte
Wissenskraft“.
Automatisierung, EDV und die Ausnutzung neuer Energieträger
charakterisieren diese Revolution, die sich vor unsern Augen abspielt.
Mit ihren sozialen Folgen könne der Kapitalismus nicht fertig werden,
er pervertiere die neuen Produktivkräfte immer wieder zu Destruktivkräften.
Nur die sozialistische Planwirtschaft kann, davon gibt man sich überzeugt,
den wissenschaftlich-technischen Fortschritt gezielt für die Bedürfnisse
der werktätigen Massen nutzen; der wissenschaftlich-technische
erfordert den sozialen Fortschritt. Im Kommunismus wird die
Wissenschaft, so glaubt man, den entscheidenden Platz im
gesellschaftlichen Bewußtsein erhalten, während die Religion, die
politische und Rechtsideologie absterben und die Funktion der
Verhaltensregulierung ganz auf die -
nunmehr von wissenschaftlicher Erkenntnis über den Menschen
getragene -Moral übergehen
werden.
Bewußtseinsformen können
sich erhalten, auch wenn die Bedingungen, unter denen sie entstanden
sind, längst nicht mehr existieren. Daraus ergeben sich die Probleme
der „ideologischen Erziehungsarbeit“ der kommunistischen Partei an
der Macht: „Antisoziale Einstellungen“ und „falsches Bewußtsein“
verschwinden nicht automatisch, da ideologische und ökonomische
Entwicklung nicht unmittelbar zusammenfallen und die Ökonomie sich
nur in „letzter Instanz“ durchsetzt. Man konstatiert, daß die
gesellschaftlichen Bewußtseinsformen in einem komplizierten
Wechselverhältnis zueinander und zu den materiellen
gesellschaftlichen Verhältnissen stehen, das jeweils konkret
analysiert werden muß. Ideen sind für den Marxismus zwar nicht die
treibenden Geschichtsmächte, dies bedeutet aber keineswegs, daß er
ihre Wirkung gleich 0 setzt. Welchen Sinn hätte sonst wohl auch das
Wort des jungen Marx von der Idee, die zur materiellen Gewalt wird,
wenn sie die Massen ergreift?
Die Rolle der geistigen Auseinandersetzung wird deshalb vom
Marxismus nicht gering veranschlagt: in seiner Sicht spielt sie sich
in unserer Epoche in erster Linie zwischen den fortschrittlichen Ideen
der Arbeiterbewegung und der reaktionären bürgerlichen Ideologie ab.
Ein Drittes zwischen sozialistischer und bürgerlicher Ideologie kann
es nach einem vielzitierten Lenin-Wort nicht geben.
Diese Auffassung führt in der Praxis oft zu einem relativ
simpel-dualistischen Weltbild, bei dem alles geistige Ringen über den
Leisten des ideologischen Klassenkampf-Schemas geschlagen wird. "Dritte Wege“ gelten dann als besonders raffiniert getarnte
Varianten bürgerlicher Ideologie, als Mittel einer subtilen Diversion
durch den Klassengegner; abweichende Interpretationen des Marxismus
sind da leicht als ideologische Konterbande, die in den Marxismus
eingeschmuggelt werden soll, abgetan. Wenn der Westen von Demokratie
und Menschenrechten spricht, so ist dies dann nur eine raffinierte und
verlogene antikommunistische Demagogie, die "Industriegesellschaftstheorie“ soll nur vom Kapitalismus-Problem
ablenken, die Konvergenztheorie ist nur zur Aufweichung des
Sozialismus erdacht, die Thesen der ,Neuen Linken‘ nur dazu angetan,
die ,antiimperialistische Front‘ zu spalten: solche Verkürzungen
sind die Folge einer allzu simplen Sicht der geistigen
Auseinandersetzung unserer Epoche.
Aber es sind auch tatsächliche Destabilisierungsversuche
und negative Einflüsse des westlichen Lebensstils auf die Bürger der
sozialistischen Länder, die die Kommunisten einen permanenten
,ideologischen Klassenkampf‘ für erforderlich halten lassen. Daß
ihre Agitation und Propaganda auf die Massen nicht immer emotional
motivierend wirkt, ist Anlaß immer neuer Appelle der Führungen zur
Verstärkung dieses Kampfes. Doch die Menschen empfinden die Parolen
vom Gemeinwohl und der Planung als dem Gegenbild zu
privatkapitalistischem Profitprinzip, von Solidarität und
Kollektivgeist als Gegenbild zu "Egoismus und Individualismus“ oft
als inhaltlich zu unausgewiesen. Prekär ist vor allem die von der
Propaganda immer noch vorgenommene Identifikation von Egoismus und
Individualismus. Ist doch derselben Propaganda zufolge die "allseitige Persönlichkeitsentfaltung“ das erklärte Ziel des
Sozialismus. Und was soll diese anderes zum Inhalt haben als die
Bildung sozialistischer, also nicht egoistischer Persönlichkeiten,
d.h. Individualitäten? Ausdrücklich spricht Marx von der
sozialistischen Gesellschaft als einer "Assoziation“, d.h.
Gemeinschaft, in der "die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung
für die freie Entwicklung aller ist.“
Die Entfaltung der menschlichen Wesenkräfte als
Selbstzweck, von der als Ziel des Kommunismus im dritten Band des "Kapital“ gesprochen wird
ist vor dem Hintergrund dieser zentralen Aussage des "Manifests“
nicht einfach im Sinne einer Entfaltung der Gattungsfähigkeiten der
Menschheit zu verstehen, sondern als Persönlichkeitsentwicklung des
einzelnen, dessen Interessen mit denen der Gesellschaft im Kommunismus
zur Harmonie gebracht sein sollen. Daß die Gesellschaft ein
organisches System sei, bedeute nicht, daß das Individuum einer Zelle
zu vergleichen sei, ohne eigenständige Bedeutung sei.
Trotz der Betonung
der Rolle der Persönlichkeitsentfaltung durch die
Marxisten-Leninisten entzündet sich die Kritik an ihrem System des
realen Sozialismus immer wieder an der Bevormundung des einzelnen
durch den kraft der Legitimation durch das Konzept der proletarischen
Diktatur und des ,demokratischen Zentralismus‘ omnipotenten Staat
mit seiner Staatspartei und den auf der gleichen Linie operierenden
Massenorganisationen. Einerseits soll der Sozialismus -
durch die Brechung des Bildungsprivilegs der Reichen und die
Sicherung von Chancengleichheit für alle - dafür sorgen, daß der
Mensch seine individuellen Anlagen ausleben kann, während sein
individuelles Schicksal in der antagonistischen Gesellschaft immer
noch in hohem Maß von der Klassenzugehörigkeit bestimmt sei.
Andererseits wird dem Individuum, da die Versöhnung zwischen ihm und
der Gesellschaft prinzipiell erreicht sein soll, Kritik am
gesellschaftlichen status quo des Sozialismus in toto nicht mehr
verstattet. Weil kein Klassengegensatz mehr existiere und damit wahre
Freiheit verwirklicht werde, sei auch die politisch-moralische Einheit
des Volkes erreicht. Meinungsstreit sei zwar noch möglich und auch nötig:
doch müßten sich die Meinungsverschiedenheiten auf ,einzelne
Unklarheiten‘ und ungelöste Fragen und Probleme des
gesellschaftlichen Lebens beziehen, nicht jedoch auf die
Grundprinzipien und Grundfragen der Ideologie. Durch die Einbeziehung
aller Werktätigen in die Leitung des Staates und durch die
Entwicklung der sozialistischen Demokratie gebe der Sozialismus jedem
Bürger die Möglichkeit, seine Meinung zu allen Fragen des
gesellschaftlichen Lebens zu äußern. Das klingt alles recht gut -
doch wer entscheidet, was Grundfrage der Ideologie ist - und
damit tabu - und was ,einzelne Unklarheit‘?
Es existiert im
realen Sozialismus einstweilen ein unaufgelöster Widerspruch zwischen
der Schaffung einiger wesentlicher Bedingungen von Persönlichkeitsentfaltung,
etwa in Gestalt eines barrierenlosen oder wenigstens barrierearmen
Bildungswesens, und der Verweigerung anderer ebenso wichtiger in
Gestalt der Freiheit des Bildungs- und Geisteslebens. Immerhin: die Theorie
sieht heute das individuelle Bewußtsein nicht nur von Milieuprägungen
bestimmt, sondern auch von der Stufe der individuellen Entwicklung:
der Arbeitsbegriff des Marxismus, demzufolge ein Subjekt in hohem Maße
als das Produkt seiner eigenen Arbeit begriffen werden muß, ist hier
ein Schlüssel, der möglicherweise das Schloß zu einem tieferen
Verständnis des Problems des individuellen Bewußtseins öffnen kann.
Das gesellschaftliche Bewußtsein ist zwar dem individuellen
vorgegeben, aber man räumt ein, daß vom "Individuum ausgehende
Gedanken und Überzeugungen zum Gemeingut der Gesellschaft und zur
sozialen Kraft werden“ können
Und das Denken, so sehr der Denkprozeß mit gesellschaftlich
vorgegebenen Kategorien operiert, soll nur existieren "als das
Einzeldenken von vielen Milliarden vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger
Menschen [...]“
„[...] das
menschliche Wesen“, schrieb Marx, ist "kein dem einzelnen
Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das
ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.“
Aus dieser Bestimmung des Persönlichkeitsbegriffs soll jedoch
nicht folgen, daß der Marxismus den Menschen ganz und gar auf
Gesellschaft oder Gattung reduziert. Der einzelne Mensch scheint auch
für Marx - jedenfalls an manchen Stellen seines Werks - ein "Eigener“ zu sein: ein
"besonderes Individuum [...] und gerade
seine Besonderheit macht ihn zu einem Individuum und wirklichen
individuellen Gemeinwesen.“
Diese Besonderheit
des Menschen stellt sich dar in den physischen und geistigen Anlagen,
Fähigkeiten und Kräften und den Bedürfnissen des einzelnen. Das
Prinzip des Kommunismus, von Marx in der Kritik des Lassalleschen
Gothaer Programms formuliert als „Jedem nach seinen Fähigkeiten,
jedem nach seinen Bedürfnissen“, ist durchaus nicht
gleichmacherisch, fetischisiert den Konsum sowenig wie es ihn
asketisch verteufelt, wenn auch einem absoluten Individualismus
Stirnerscher Prägung entgegengearbeitet wird und das Parteiprogramm
der KPdSU jenes Prinzip -durch Erfahrung mit den im Sozialismus
durchaus noch virulenten antisozialen Trieben belehrt -
dahingehend präzisiert, daß es sich um die vernünftigen Bedürfnisse
reifer Individuen handele.
Man leugnet also das
Individuelle nicht, ja man versucht es zu verstehen: Die Individualität
äußere sich in den natürlichen Anlagen und seelischen Eigenheiten
des Menschen, den Besonderheiten seines Gedächtnisses und seiner
Vorstellungswelt, seinen besonderen Geschicklichkeiten für diese oder
jene Tätigkeit, den Besonderheiten seines Temperaments, seines
Charakters, seiner Physiognomie, all seiner tätigen Lebensäußerungen.
Das Individuum dürfe nicht auf die Summe seiner Eigenschaften
reduziert werden, sondern müsse als selbstbewußtes Subjekt
betrachtet werden, das sozial wollend und materiell tätig, zugleich
aber sozial denkend und fühlend sei. Wie erklärt sich der Marxismus
dieses Individuelle, z.B. die Unterschiede in den Fähigkeiten der
Menschen? Man will hier weder die biologischen noch die sozialen
Determinanten isoliert betrachten. Erbanlage und Milieu wirken
zusammen: den Einfluß der ersteren erkennt man in der Tatsache, "daß
bei gleichen Lebensbedingungen und gleicher Erziehung die
individuellen Unterschiede in den Fähigkeiten recht beträchtlich
sein können“
den Einfluß des letzteren erblickt man darin, daß erst die
Einwirkung der Gemeinschaft mit anderen Menschen Fähigkeiten zur
Reife bringt: Die Sprachentwicklung ist nur das signifikanteste
Beispiel, aber auch Eigenschaften wie Willensstärke und
Zielstrebigkeit sind nicht einfach angeboren, sondern entwickeln sich
in der Zusammenarbeit bzw. im Wettstreit mit anderen. Persönlichkeitstypen
seien historisch und sozial geprägt, die Persönlichkeit
verinnerliche jedoch in hohem Maße ihre soziale Rolle und entwickele
in der Auseinandersetzung mit ihr den eigenen Verhaltensstil.
Aus solchen Überlegungen
leitet sich eine entschiedene Frontstellung gegen den Biologismus etwa
sozialdarwinistischer Prägung ab, der Soziales auf Biologisches
reduziert: Die Eigenschaften des Menschen entwickeln sich, haben
historischen Charakter, sind keine biologischen Konstanten. Es gibt
keine angeborene "Aggressivität“, keinen angeborenen unabänderlichen
"Eigentumsinstinkt“: d.h. es gibt keine biologische Rechtfertigung
für Kapitalismus und Krieg, Rassismus und Genozid. Machtstreben,
Konformismus, Zerstörungswille usw. sind nicht primär von der
Psychologie her zu bekämpfen, sondern durch die revolutionäre
Beseitigung ihrer gesellschaftlichen Wurzeln.
Der Mensch ist also für
den Marxismus ein biosoziales Wesen, und seine individuellen Fähigkeiten
entstehen aus der Dialektik von Vererbung und Milieueinfluß,
entstammen also letztlich nicht der Individualität selber, die als
entstanden und vergänglich gedacht wird, sondern entstehen aus etwas
außer ihr Liegendem und ihr Vorausgehendem. Der Mensch bleibt immer
ein Geschöpf natürlicher und sozialer Verhältnisse. Doch ist in
einem Satz von Marx aus dem Vorwort zum Kapital, der dies konstatiert,
zugleich die Rede davon, daß der einzelne sich subjektiv, auch wenn
dies weitgehend folgenlos bleibt, über die ihn prägenden Verhältnisse
erheben kann. Wer ist aber das Subjekt dieser Erhebung, wenn alle
Subjektivität doch von biosozialen Determinanten produziert sein
soll? An diesem Punkt läßt uns Marx im Stich. Die Individualität
bleibt unerklärlich, da sie aus anderem erklärt werden soll. Der Weg
zum Verständnis der ,ungeselligen Geselligkeit des Menschen‘ (Kant)
ist so teilweise verbaut: Die Versöhnung zwischen Persönlichkeit und
Gesellschaft im Marxismus kippt immer wieder in die Vergesellschaftung
der Persönlichkeit um. Der Individualismus wird letztlich doch immer
wieder auf Egoismus, auf einen ideologischen Reflex von Konkurrenz und
Anarchie der Produktion, auf einen Ausdruck kleinbürgerlicher
Mentalität reduziert. Immerhin wird zugegeben, daß im Sozialismus
durchaus noch Konflikte zwischen gesellschaftlichen Interessen,
Gruppeninteressen (und auch -egoismen) und persönlichen Belangen
existieren, ja selbst im Kommunismus die Interessenidentität nichts
automatisch Gegebenes sein werde. Jedoch sei der kapitalistische Kampf
aller gegen alle im Sozialismus beseitigt, die objektiven Bedingungen
für Solidarität, die den Schwächeren miteinbezieht und die soziale
Initiative des Starken fordert, gegeben.
Der Marxismus leugnet
die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte nicht. Aber er
kritisiert alle Formen elitärer Massenverachtung, die wähnt,
einzelne große Politiker oder Intellektuelle machten die Geschichte,
während die Volksmassen bloß passives Material seien. Diese Meinung
habe ein gewisses Fundament im faktischen Ausschluß der Massen von
der Gestaltung ihrer eigenen Geschicke in der antagonistischen
Gesellschaft; doch machten die Herrschenden Politik nicht im
luftleeren Raum, sondern unter bestimmten, maßgeblich durch die
materielle Arbeit der Volksmassen geschaffenen Bedingungen. Gleichwohl
ist vom Wirken führender Persönlichkeiten Verzögerung oder
Beschleunigung des Geschichtsverlaufs durchaus abhängig, wenn auch
letztlich nicht seine Grundrichtung: Die Entwicklung der Produktion,
aber auch die der Wissenschaft und Kunst gilt als gesetzmäßiger
Prozeß. D.h. daß der pythagoräische Lehrsatz, die
Schwerkraftgesetze und die Lokomotive auch ohne Pythagoras, Stephenson
und Newton eines Tages gefunden worden wären, daß die Zeit für die
materialistische Geschichtsauffassung z.B. einfach "reif war und sie
eben entdeckt werden mußte“,
auch ohne Marx und Engels, wenn auch in diesem Fall vielleicht etwas
später, daß die sozialistische Revolution auch ohne Lenin irgendwo
die erste Bresche in das imperialistische Weltsystem geschlagen hätte.
Es ist dies ein Punkt, wo man deutlich Unsicherheit herausspürt:
Beinahe im gleichen Atemzug wird die Genialität von Marx, Engels und
Lenin, die eminente Rolle der Parteiführer überhaupt in den höchsten
Tönen gepriesen, aber es wird auch auf die Gefahren des
Personenkults, wie sie in den Verletzungen der sozialistischen
Gesetzlichkeit in der Stalin-Ära hervorgetreten seien, hingewiesen.