6.
Anthroposophie, Klassenfrage und Politik
Für Steiner sind
Überlegungen in der Richtung der am Ende des letzten Kapitels
angestellten niemals ein Grund, die Frage nach einer menschengerechten
Gesellschaftsordnung als empirisch gehaltlos beiseitezuschieben. Sie wären
für ihn vielmehr Beweis dafür, daß man unter dem Gesichtspunkt des
sowohl theoretischen wie praktischen Charakters der
Sozialwissenschaften gar nicht darum herumkommt, die Klassenfrage
unter einem doppelten Gesichtspunkt zu diskutieren, dem der
Gegebenheiten und realen Möglichkeiten und dem des Gewollten und
sozial Wünschenswerten. Der entscheidende Gesichtspunkt für die
Beurteilung der marxistischen Analyse von Klassenverhältnissen ergibt
sich aus Steiners Erkenntnistheorie, die in der wechselseitigen
Durchdringung von Wahrnehmung und Begriff den Prüfstein der Wahrheit
sieht. Entscheidend ist nicht, ob man Begriffe wie „Verelendung“,
„Proletariat“ (Lenin selbst verwendet ihn noch oft),
„Klassenantagonismus“ rein definitorisch so fassen kann, daß sie
heute noch „das Wesentliche treffen“, sondern ob sie von den
Erscheinungen selbst als ihr Wesentliches bestätigt werden. Man wird
bei solchem Vorgehen einen Begriff wie Verelendung für den größten
Teil der Lohnabhängigen in den westlichen Industrieländern kaum
verwenden können, ihm aber für Teile der Bevölkerung der dritten
und vierten Welt als neuen „Verdammten dieser Erde“ (Frantz Fanon)
eine neue schreckliche Wahrheit zuerkennen wollen. Daß krude ökonomische
Klasseninteressen sich einen religiösen oder ethischen Anstrich geben
können, darauf weist Steiner z.B. im Zusammenhang mit der Reformation
hin. Er war sich dessen bewußt, daß Klasseninstinkte für reales
Verhalten wichtiger sind als „das, was die Menschen sich vormachen
als ihre Illusionen“.[1]
In den frühen Kulturen indes darf man die Klassenbildung,
folgt man Steiner, nicht primär auf ökonomische Triebkräfte zurückführen.
Die Kasteneinteilung des alten Indien etwa ist aus solchen Motiven
allein unverständlich. Und auch die Sklaverei in Rom und Griechenland
ist keine ausschließliche Frage des ökonomischen Nutzens. Auch ruhte
die Wirtschaft im Mittelmeerraum nicht in dem Maße auf der Sklaverei,
wie es der Ausdruck Sklavenhalterformation zu glauben nahelegt, was
nicht heißt, daß die Tatsache der Sklaverei nicht charakteristisch
ist für den sittlichen Zustand der antiken Gesellschaften. Überhaupt
spielt die Hierarchisierung in den alten Kulturen eine ganz andere
Rolle als in der Moderne, wo sie mit den Selbstbestimmungsansprüchen
des mündig gewordenen einzelnen in Konflikt gerät. Der Klassenkampf
spielt da nicht jene entscheidende geschichtliche Rolle, die der
Marxismus ihm zuweist: gerade die alte Geschichte kennt lange Perioden
der „Stabilität“ ohne nennenswerte Klassenkonflikte. Das Sozialprinzip der
alten Kulturen ist die „Linienorganisation“, und sie hat hier
selbst in der Ausschließlichkeit, mit der sie herrscht, ihre
Berechtigung. Sie entspricht der Kultur der Empfindungsseele. Der in
der Empfindungsseele lebende Mensch ist noch kein Verstandeswesen, das
sich aus Gedanken ein seelisches Gehäuse formt, in dem es sich als
Persönlichkeit zu erleben beginnen kann. Er nimmt die Dinge phänomenal,
Autorität und Beispiel leiten ihn. Das Streben nach Aufhebung der
Herrschaft von Menschen über Menschen ist ein Produkt der
Seelenentwicklung, in deren Rahmen überhaupt erst ökonomische
Strukturen als menschengemäß oder nicht menschengerecht erlebt
werden. Ebenso aber ist die Verquickung von gesellschaftlicher Autorität
und Machtprinzip nichts ursprünglich Gegebenes. Die Theokratie ist
ursprünglich der Versuch, die Gesichtspunkte des Regierens aus den
Inspirationen einer geistigen Welt zu holen, erst später wird das
Mysterienprinzip zum Machtprinzip.[2]
Erst wo heute im Herrschaftsgebaren charismatischer Diktatoren
an die alte Empfindungsart angeknüpft wird, da erhält sie den
Charakter einer Ideologie, die ganz andere Motiv- und
Interessenkonstellationen verschleiert. Die Ausgestaltung der
Verstandesseele ist verbunden mit der Entstehung eines entwickelten
Rechtslebens - das römische Recht ersetzt persönliche Abhängigkeiten
bereits in starkem Maße durch abstrakte Regeln, die „oben“ und
„unten“ definieren. Der Durchbruch der Bewußtseinsseele im 15.
Jahrhundert führt dazu, daß das Streben nach Befreiung des einzelnen
und seiner Gleichstellung mit allen anderen Menschen, dessen Keime
schon im Urchristentum gelegt wurden, sich mächtig entwickelt. Die
Forderung der Aufklärung nach den allgemeinen Menschenrechten ist der
Ausdruck dafür. Demokratie ist das Gegenteil des alten
„Gottesgnadentums“. Nun wird die Herrschaft nicht von oben
abgeleitet und von den Unteren hingenommen, sondern soll -
zunächst der Theorie nach -von unten nach oben ausgerichtet
sein. Wo vertikale Arbeitsteilung herrscht, soll sie sich allein von
den Bedürfnissen der einzelnen, der Mehrheit, her legitimieren. Diese
Durchsetzung des Persönlichkeitsrechts vollzieht sich in zwei Schüben,
ihre Dialektik ist der Prozeß der Herausbildung der bürgerlichen
Gesellschaft und das Streben nach einer sozialistischen. Diese soll
die bloß formal gebliebenen Ideale der bürgerlichen Revolution für
alle real verwirklichen: sie vollendet damit ebensogut den mit der
Aufklärung begonnenen Prozeß, als sie einen Widerspruch zu seiner
ersten Phase bildet. Mit der Bewußtseinsseelenkultur
tritt der unternehmerische Typ, der homo oeconomicus, auf den Plan. Wo
er sich als „häßlicher Kapitalist“ geriert, provoziert er die
Rebellion der vielen einzelnen, die bei seiner Art der
Wirtschaftsorganisation zu kurz kommen und deren Selbstbewußtsein
zugleich durch die gesellschaftlichen Verhältnisse geschärft wird.
Steiner schildert den ganzen Prozeß in vielfacher Hinsicht parallel
zu Marx, doch mit deutlich anderer Akzentsetzung: In der neueren Zeit
will sich der Mensch bewußt „auf die Spitze seiner eigenen Persönlichkeit
stellen“. Die „neuere kapitalistische Produktionsweise trägt dem
Individualismus in einer gewissen Weise Rechnung. Die alten
Berufsgemeinschaften wurden zersprengt, die wirtschaftliche Initiative
ging an die einzelnen Menschen über an die Kapitalisten, welche
Unternehmer waren und von deren Risikomut es abhing, ob nun das
wirtschaftliche Leben gedieh oder nicht gedieh. Daneben entwickelte
sich das moderne technische Wesen, welches ganz und gar umgestaltet,
das ganze Wirtschaftsleben, welches eigentlich erst schuf die moderne
Proletarierklasse. Und die Folge davon war, daß sich auf der einen
Seite der Kapitalismus, auf der anderen Seite das Proletariat
entwickelte“ und daß „durch die Unaufmerksamkeit und
Uninteressiertheit der führenden Menschen“ für die Nöte der
unteren Schichten „zuletzt ein völliges Nichtverstehen zwischen den
führenden Kapitalisten und ihrem Anhange und der arbeitenden
Proletarierbevölkerung eintrat.“[3] Der Bewußtseinsseelenkultur
ist eine hierarchisch-autoritäre Sozialstruktur nicht mehr gemäß.
Das ist der tiefere Grund für die Notwendigkeit einer „klassenlosen
Gesellschaft“: „Unser Zeitalter strebt über die Stände, strebt
über die Klassen hinaus. Unser Zeitalter kann nicht mehr die Menschen
in Klassen einteilen, sondern muß den Menschen in seiner Gesamtheit
gelten lassen und in eine solche soziale Struktur hineinstellen, daß
nur das von ihm Abgesonderte sozial gegliedert ist.“[4]
D.h. daß die von Steiner anvisierte Dreigliederung des sozialen
Organismus nichts mit einer ständischen Ordnung im Sinne etwa von
Platos Wehrstand-Lehrstand-Nährstand-Gliederung zu tun haben soll.
Steiner betont die Notwendigkeit von Demokratie: „Heute ist die
Zeit, wo man lernen muß den Unterschied zwischen herrschen und
regieren [...] Herrschen muß heute das Volk, die Regierung darf nur
regieren. Das ist es, worauf es ankommt.“[5] Die historische
Stunde für die „Emanzipation der Volksmassen“ hat geschlagen.
Aber diese Emanzipation ist in Wirklichkeit eine der vielen einzelnen:
kollektivistische Bewußtseinshaltungen sind Rückfälle, die sie
entstellen. Klassenlagen sind heute mehr denn je von einzelnen
durchlebte Schicksalsumstände. Daß Solidarität, gemeinsames
Handeln, kollektive Aktion, Organisation usw. ihre Berechtigung haben,
ist unbestritten; es geht um das Ziel: die neue Gesellschaft muß von
dem Schutz des einzelnen ausgehen, seinem individuellen
Handlungswillen alle möglichen Spielräume eröffnen; alles andere wäre
reaktionär. Die Unterordnung der gesamten Gesellschaft unter eine
Parteihierarchie ist nicht etwa eine besonders moderne Sozialgestalt,
sondern eine Reminiszenz: eine säkularisierte Form theokratischer
Herrschaft. Daß es dazu kommt, in stärkerem oder schwächerem Maße,
hängt nicht zuletzt mit der Todfeindschaft zusammen, gegen die der
Sozialismus sich behaupten mußte, und mit den Denkgewohnheiten der
Massen. Auf diese Situation schien es historisch nur zwei Antworten zu
geben: die des Kompromisses mit dem System, wie ihn die
Sozialdemokratie beschritt, und den des revolutionären Machterwerbs
mit anschließender autoritärer Machtsicherung in Form einer
kommunistischen „Erziehungsdiktatur“. Diese Antwort entgeht aber
letztlich nicht dem von Marx beschriebenen Paradoxon, die Gesellschaft
„in zwei Teile - von denen der eine über den anderen erhaben ist
- sondieren“ zu müssen.[6] Steiners
„soziologisches Grundgesetz“ drückt die geschichtliche
Grundtendenz angemessen aus: „Die Menschheit strebt am Anfang der
Kulturzustände nach Entstehung sozialer Verbände; dem Interesse
dieser Verbände wird zunächst das Interesse des Individuums
geopfert; die weitere Entwicklung führt zur Befreiung des Individuums
von dem Interesse der Verbände und zur freien Entfaltung der Bedürfnisse
und Kräfte des einzelnen.“[7]
Am Anfang der Kulturzustände gibt es menschheitspädagogisch
keine Alternative zur Erziehungsdiktatur, diese war totalitär,
insofern kein Lebensgebiet von der Regelung durch Gebote ausgespart
blieb. Und sie war elitär, insofern sie von einer Minderheit
Eingeweihter ausgeübt wurde, die dem Volk das Wissen um die
Geheimnisse der Evolution voraushatten; aus diesem besonderen Wissen
leiteten sie ihre Sonderstellung her. Auch Marx und Engels stellen die
zeitweilige historische Notwendigkeit einer die Interessen vieler
Individuen opfernden sozialen Struktur mit wenigen Bevorrechtigten
heraus und sehen die Entwicklung auf eine „Assoziation“ zulaufen,
in der „die freie Entwicklung eines jeden die Voraussetzung für die
freie Entwicklung aller ist.“ (Manifest der Kommunistischen Partei)[8].
An derselben Stelle findet sich aber auch eine Formulierung, die wie
ein Nachhall jenes Anfangs der Kulturzustände anmuten kann, nämlich
die Feststellung, die Kommunisten hätten zwar keine von denen des übrigen
Proletariats getrennten Interessen, jedoch dem übrigen Proletariat
die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen
Resultate der proletarischen Bewegung voraus.[9]
Wer je verfolgt hat, wie kommunistische Parteiveranstaltungen
gleichsam zelebriert werden, hat eine Ahnung von jenem Bewußtsein,
das im Extremfall dazu führt, daß die Partei als organisierter
Vortrupp des historischen Subjekts Proletariat für sich in Anspruch
nimmt, stellvertretend für diejenigen handeln zu dürfen, die noch
nicht reif sind zur Subjektivität. Im Ziel der freien
Entwicklung eines jeden gibt es weit eher Übereinstimmung als in den
Schritten dorthin. Für Steiner ist die effektivste Revolution und
zugleich die subversivste die Bewußtseinsrevolution: den „neuen
Menschen“ schafft nur sie, denn dieser ist der freie Geist, zu dem
sich jeder nur selber machen kann. Man kann niemanden zur Freiheit
zwingen; das ist das Paradoxon, in dem sich Erziehungsdiktaturen
verstricken müssen. Unterschiede gibt es
auch in der Frage nach dem Wesen der Klassen. Anthroposophie kann die
Ursache der Klassenstruktur weder bloß in biologischen noch in rein
gesellschaftlichen Bedingungen sehen, weil sie eine Schicht im
Menschen anerkennt, die weder durch die Erbmasse noch durch das
gesellschaftliche Umfeld bestimmt ist. Es ist die Schicht der
individuellen Veranlagungen, die mit dem Reinkarnationsaspekt der
Individualität zusammenhängen. Die Ursache der Ungleichheit unter
den Menschen, sowohl was die Richtung als auch was das Maß der
Begabung angeht, liegt nicht einfach in der gesellschaftlichen
Struktur - diese ist vielmehr immer auch ein Ausfluß der Ungleichheit
der Menschen. Die wiederum ist nicht einfach biologisch bedingt,
weshalb auch soziale Ungleichheit nie als eine „Naturgegebenheit“
gerechtfertigt werden kann. Im System der horizontalen und vertikalen
Arbeitsteilung (d.h. der Arbeitsteilung zwischen mehr leitenden und
mehr aus- und durchführenden Tätigkeiten) reflektieren sich u.a.
individuelle Verschiedenheiten der Menschen. Ebenso offensichtlich
ist, daß es sozialstrukturelle Unterschiede zwischen Menschen und
Menschengruppen gibt, die nicht durch das „Fähigkeitsgefälle“
bedingt sind. Wie Fähigkeiten entwickelt und Anlagen ausgelebt werden
können, das ist in hohem Maße eine Frage der gesellschaftlichen
Ordnung. Die Praxis zeigt, daß auch in den sozialistischen Ländern
eine gewisse gesellschaftliche Pyramide besteht: eine Polarität
zwischen Arbeitsleitung und Arbeitsleistung. Dies wird zum einen mit
dem Reifegrad des Sozialismus/Kommunismus begründet, in dem noch das
Prinzip „Jedem nach seinen Fähigkeiten“, noch nicht das Prinzip
„Jedem nach seinen Bedürfnissen“ gelte. Doch kann dieses Argument
nur gelten, wenn man die Existenz eines „Fähigkeitsgefälles“
anerkennt: man wendet sich ja auch expressis verbis gegen
„Gleichmacherei“. Andererseits verwahrt man sich ausdrücklich
gegen jeden Versuch, die gesellschaftliche Pyramide im Sinne einer
neuen Klassenspaltung zu interpretieren, wie das z.B. Djilas in seinem
Buch „Die neue Klasse“ getan hatte. Er und verwandte Denker haben
ihre These damit begründet, daß eine elitäre Funktionärsschicht -
wiewohl formell nicht Eigentümer der Produktionsmittel - faktisch über
diese nach Maßgabe ihrer bürokratischen Herrschaftsinteressen verfüge.
Auch das nicht unerhebliche Einkommensgefälle wird im Sinne solcher
neuen Klassenherrschaft interpretiert. Hier sollen weniger
diese Argumente pro und contra interessieren, vielmehr die Frage des
Aufbaus von sozialen Strukturen, der durch das Fähigkeitsgefälle
bedingt ist, und des Abbaus solcher Strukturen, wenn sie durch ihre
Verfestigung mit der realen Fähigkeitsverteilung in Konflikt geraten,
was letztlich zu einer Umschichtung der Klassenverhältnisse führen
muß, sei es auf evolutionärem, sei es auf revolutionärem Wege.
Klassenkampf tritt nicht einfach da auf, wo vertikale Arbeitsteilung
herrscht, sondern da, wo sie nicht mehr sachlich begründet ist, wo
Urteilsfähigkeit und Mündigkeit der Mehrheit mißachtet wird. Die Art der sozialen
Strukturen, die aus dem Handeln der Individuen hervorgehen, ist nicht
unabhängig von den Antrieben, denen sich diese Handlungen verdanken.
Letztlich muß Machtstreben Unfreiheit und Unterdrückungsstrukturen
schaffen, während nur wirkliche Menschenliebe Einrichtungen der
echten Sorge um den Menschen zustandebringt. In der Dialektik von
Herrschaft und Knechtschaft, Gewalt und Gegengewalt sind es die
starken Individualitäten, die sich mit den von anderen geschaffenen
und verteidigten Verhältnissen nicht abfinden wollen und gegen sie
rebellieren. Aus der Klassenlage
allein, ohne ihre Vermittlung mit bewußtseinsmäßigen
Konstellationen, die schließlich immer wieder auf die
Seelenentwicklung des einzelnen und der ganzen Menschheit verweisen,
ist weder zu erklären, warum die Arbeiterschaft zeitweise revolutionär
und sozialistisch, warum sie in anderen Zeiten in ihrer Mehrheit
antirevolutionär gestimmt, „ins System integriert“ war. Denn es
kommt darauf an, wie gesellschaftliche Verhältnisse erlebt, ob sie
lethargisch erduldet werden oder zu folgenreicher Empörung führen.
Dennoch bleibt unbestritten, daß an der Marxschen These vom
Proletariat als der Klasse „mit radikalen Ketten“ zumindest dies
eine wahr ist: daß eher diejenigen massenhaft zu Trägern eines neuen
Bewußtseins werden und eine Erneuerung der Gesellschaft anstreben,
die mit dieser Erneuerung keine Privilegien zu verlieren, sondern nur
Hoffnung zu gewinnen haben. Und ohne Konflikte zwischen retardierenden
Kräften und Trägern eines neuen Bewußtseins ist Fortschritt überhaupt
nicht zu haben. Diese Trägerschaft allein am Klassenbegriff
festmachen zu wollen, ist sicher ebenso falsch, wie klassenmäßige
Voraussetzungen für die Entstehung und Schaffung von Bewußtsein zu
negieren: Daß Steiner Klassenbewußtsein durch Menschenbewußtsein
ersetzen will, hindert ihn nicht daran, von der untergehenden bürgerlichen
Lebensauffassung und den Zukunftskräften im Proletariat zu sprechen.[10] Die Konflikte, ohne
die eine neue Gesellschaft sich nicht durchsetzen kann, stellt Steiner
sich nicht schlicht im Sinne eines Kampfs „Klasse gegen Klasse“
vor - vielmehr sind die überraschendsten Konstellationen denkbar.
Denn Vernunft und Unvernunft gibt es in allen gesellschaftlichen und
politischen Lagern. Wenn Steiner das Marxsche Klassenkampfmodell
kritisiert, dann allerdings nicht von der Position eines Ideologen
einer „Sozialpartnerschaft“, die das „Klassenkampfdenken
vergangener Zeiten“ abschaffen will, ohne den Klassenantagonismus
anzutasten. Steiners Konzept sozialer Neuordnung sieht vor, die Ursachen
des Klassenkampfs - den
Handel mit Rechten und Fähigkeiten, das Verhältnis von
„Kapitalist“ und „Lohnarbeiter“ - abzuschaffen, um so erst
eine echte Partnerschaft zwischen den vorwiegend körperlich und den
vorwiegend geistig Arbeitenden herzustellen. Die Marxsche Konzeption
bedeutet für Steiner, daß der Grundgedanke der bürgerlichen
Ideologie vom Zusammenfallen des allgemeinen Wohls mit dem ökonomischen
Interesse der Bourgeoisie nur umgepolt wird: Statt die Interessen- und
Standpunktlogik über Bord zu werfen, wird nur die Klasse
ausgetauscht, deren Interessen mit denen des Allgemeinen identisch
sein sollen. Dadurch überstrapaziert Marx den Begriff des Interesses.
Interessen, z.B. auch konkurrierende Interessen innerhalb der
Arbeiterklasse, sind immer Egoismen. Diese können etwas höchst
Berechtigtes an sich haben, reichen aber nie aus, um eine soziale
Ordnung zu begründen. Dies erfordert vielmehr bewußte Verständigung,
die Suche von Vernünftigen nach vernünftigen Lösungen. Auch unter den
Marxisten ist das Klassenkampfproblem kontrovers diskutiert worden. So
schreibt der „Austromarxist“ Adler: „Der Klassenkampf ist [...]
nicht, wie die meisten Bekämpfer des Marxismus meinen, ein Kampf bloßer
ökonomischer Interessen, sondern weil er dies nur im Rahmen der
ideologischen Formen des Bewußtseins sein kann, welche ihm die
Gestalt eines Kampfs von
Wertungen geben, so ist er immer zugleich ein Kampf um höhere
Vernunft, um höhere Moral, um vollkommenere Kultur. Aller
Klassenkampf ist Kulturkampf, ist Geistesbewegung.“[11]
Man wird das Wort „immer“ -
bedenkend, was etwa in der Stalin-Ära mit der These von der
Verschärfung des Klassenkampfes an Praxis gerechtfertigt wurde -
nicht akzeptieren können. Aber akzeptieren muß man, daß das
Ringen um gerechtere Verhältnisse unter den Bedingungen des
Widerstands retardierender Kräfte, die sich an ihre Privilegien
klammern und die keineswegs brutalen Klassenkampf scheuen, den
Konflikt mit diesen nicht gut vermeiden kann: Man hat dann
keine Wahl als den Angriff anzunehmen oder zurückzuweichen. Sehr wohl
hat man indes die Wahl der Mittel: Und die Arbeiterbewegung darf die höhere
Moral nicht der Logik des Klassenkampfes opfern, wenn sie nicht den
moralischen Sinn ihres Kampfs für eine gerechtere
Gesellschaftsordnung negieren will. Nur wer die Existenz einer
geistigen Welt für eine Ausgeburt der Phantasie hält, wird sich
nicht entscheiden wollen, ob Unrecht leiden besser sei als Unrecht tun
und sich dafür blind machen, daß Gewalt immer wieder nur Gewalt
zeugt. Ob Steiner Adlers
Formel akzeptiert hätte, erscheint mehr als fraglich. Er hätte
vermutlich den Einwand gemacht, wenn man schon die höhere Vernunft
vertreten wolle, dann solle man den Arbeitern nicht bloß ein
Klassenbewußtsein, sondern ein allgemein-menschliches Bewußtsein
bringen, sie nicht nur hinsichtlich ihrer ökonomischen Lage
agitieren, sondern sie in ihren geistigen Bedürfnissen, wie immer
diese zugeschüttet seien, ernst nehmen. Denn darin liege die Not der
Arbeiterklasse, daß sie in einer Lage sei, in der sich die Arbeiter
in ihrem Menschentum nicht ernst genommen fühlen können. Dieses Übel
nur von der Ökonomie her kurieren zu wollen, erscheint Steiner
absurd. Es ist vor allem auch eine Bildungsfrage. Für deren Lösung
sind ökonomische Voraussetzungen wichtig, aus denen sie sich jedoch
nicht von selbst ergibt. Bildungsfragen sind immer auch Fragen der
Bildungsinhalte und der Gestaltungsprinzipien des Kulturlebens. Wenn
Steiner das Problem der Menschenwürde des Arbeiters in den
Vordergrund stellt, dann tut er das freilich nicht in idealistischer
Manier, unter Ausklammerung der Frage nach menschengemäßer Ernährung,
Wohnung und Kleidung, Problemen, zu deren Lösung er in
Landwirtschaft, Architektur und Volkspädagogik durchaus konkrete und
vielfältige Anregungen zu geben wußte. Für Steiner ist die
Debatte, ob die These von der Notwendigkeit des Sozialismus mit der
physischen Verelendung stehe und falle, weitgehend irrelevant. Ihre
Relevanz für die innermarxistische Diskussion erhielt sie, was häufig
übersehen wird, nur durch die materialistische These von der
Geschichte als naturgeschichtlichem Prozeß. Erwies sich die
Verelendung als zu schwach, um die Arbeiter in die Revolution zu
zwingen, so zerrann die Hoffnung auf den Sozialismus oder mußte -
wenigstens stillschweigend - auf Zusatzannahmen gestützt werden. Daß
bei Lenin der subjektive Faktor und damit die Partei größere
Bedeutung gewinnt, das Klassenbewußtsein den Arbeitern von außen
gebracht werden muß, hängt mit dieser Problemlage zusammen, wenn
auch die Unterschiede zwischen Marx und Lenin in der Parteifrage nicht
überschätzt werden dürfen. Die Schwächen der
marxistischen Klassentheorie sind im anthroposophischen Verständnis
keine Gründe für die Apologie des Bestehenden, die aus ihnen häufig
abzuleiten versucht wird. G. A. Wetter z.B. behauptet, das im Westen
bestehende parlamentarische System mit seinem Interessenausgleich
zwischen freien Gewerkschaften und Unternehmerverbänden und seinen Möglichkeiten
zum Volkskapitalismus durch Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand
mache Klassenkampf und Systemveränderung überflüssig.[12]
Diese Art Kritik ist nicht
im Sinne der von Steiner vorgetragenen Überlegungen, der immer wieder
darauf hinweist, wie hinter der Fassade der demokratischen Verfahren
von - durchaus aristokratisch-elitär organisierten - Minderheiten die
Fäden gezogen werden können, wie formale Demokratie und Herrschaft
des Großkapitals prächtig koexistieren können. Er weist darauf hin,
wie der Freiheitsbegriff, der dem westlichen Demokratieverständnis
zugrundeliegt, primär einer der Freiheit des ökonomischen Handelns
ist, nicht einer der Freiheit des Geisteslebens: eine Ideologie des
Privateigentums, nicht ein Konzept, das Freiheit in ihrem menschlichen
Kern erfaßt.[13]
Tarifauseinandersetzungen des heutigen Typs -
auf die natürlich unter den heutigen Bedingungen nicht
verzichtet werden kann - und
auch „konzertierte Aktionen“ jeglicher Art sind noch keine Überwindung
des Kapitalismus, sondern seine Institutionalisierung. Sie nötigen
den Gewerkschaften die Rolle auf, um den „Preis“ menschlicher Fähigkeiten
schachern zu müssen, den die Unternehmerverbände möglichst zu ,,drücken“
bestrebt sind, und sich damit an der Perpetuierung eines real-falschen
Zustandes zu beteiligen. Notgedrungen, aber auch mit der Tendenz,
diese Rolle zu verinnerlichen. Volksaktien ändern nichts an der
Wirtschaftsmacht der Großaktionäre, perpetuieren den Handel mit
Rechten, und die Vermögensbildungskonzepte sollen letztlich nur die
Masse der Arbeitenden an ein System binden, das nicht auf Sozialität,
sondern auf universellem Egoismus aufgebaut ist. Die Rolle der
nationalen Zusammenhänge neben den klassenmäßigen schätzt Steiner
zwar höher ein als Marx, doch ist er ein erklärter Gegner von
Nationalismus, Chauvinismus und Rassismus, in denen er Relikte überholter
und gemeingefährlich gewordener Bewußtseinsverfassungen erblickt.
Die ursprünglichen Menschengemeinschaften werden durch Blutsbande
zusammengehalten. Ein erster entscheidender Schritt zuf Auflösung
dieser sippenhaften Verhältnisse ist der Übergang von der Nahehe zur
Fernehe. Heute ist die Menschheit in die Epoche der Freiheit
eingetreten, sie differenziert sich mehr in Einzelpersönlichkeiten
als in Nationen und Rassen. Das Ziel ist eine Gemeinschaft der
Menschen, begründet auf allgemeiner Menschenliebe, unabhängig von
Naturbanden. Der entscheidende Einschlag, der die Entwicklung zu
diesem Ziel veranlagt, ist für Steiner der Christus-Impuls. Das
Urchristentum ist es, das zum ersten Mal den Gedanken der Gleichheit
aller Menschen als Kinder Gottes, unabhängig von Hautfarbe und
Sozialstatus verwirklicht. Durch nichts, so Steiner, werde die
Menschheit heute mehr in den Niedergang hineingezogen als durch das
wie immer idealistisch verbrämte ,,Pochen auf Stammes-, Volks- und
Rassenzusammenhänge“[14]
- eine Prognose,
die sich durch den nazistischen Rassen-, Blut- und Bodenkult in
furchtbarer Weise erfüllen sollte. Steiner kommt früh mit dem
Nazismus in gegnerische Berührung. Er entgeht 1922 nur knapp einem
Attentat ,,völkischer“ Studenten, seine Vortragstätigkeit in
Deutschland wird unmöglich gemacht. Schon der junge Steiner zeigt
sich angewidert vom Antisemitismus in der österreichischen
Studentenschaft, in dem er eine Anschauung sieht, die bei ihren Trägern
,,auf Inferiorität des Geistes, auf mangelhaftes ethisches
Urteilsvermögen und auf Abgeschmacktheit deutet“.[15] Trotz dieses erklärten
Anti-Nationalismus ist er ein beredter Verfechter legitimer nationaler
Interessen, der mit Vehemenz die These von der deutschen Alleinschuld
am Ersten Weltkrieg bekämpft. Dieser Krieg ist für ihn ein
imperialistischer, hinter dem sowohl die Weltherrschaftsambitionen führender
angelsächsischer Kreise stehen als auch mitteleuropäische
Finanzkreise, ,,die eigentlich schon durch mehrere Jahre es gern
gesehen hätten, wenn sie ihrer Wirtschaft durch einen Krieg hätten
aufhelfen können [...] Die eigentlichen Kriegsveranlasser waren auf
keinem Boden die Regierenden, sondern solche Mächte, die
dahinterstanden.“[16]
Die Machenschaften jener Mächte, die schon damals auf die
Zerstörung der europäischen Mitte als Weltfaktor abzielten, die
Rolle eines politisch mißbrauchten Freimaurertums dabei, hat Steiner
immer wieder im Detail beschrieben, zuweilen, etwa in Zusammenhang mit
dem Sarajewo-Attentat, mit fast kriminalistisch anmutender Akribie.[17] Steiners Stellung zur
nationalen Frage muß man vor dem Hintergrund seiner Volksseelenkunde
betrachten. Er knüpft mit ihr an die Weimarer Klassik an, die, z.B.
bei Herder, die Nationalkulturen nicht gegeneinanderstellen und die
Rolle einzelner Nationen nationalistisch überhöhen, sondern jeder
ihre besondere Mission im Rahmen der Weltkultur zuweisen wollte. Die
Volksseele ist für Steiner kein mystisch-nebulöses Ungebilde,
sondern eine in bestimmter Weise aufzufassende Anlage im Denken und
Empfinden der Menschen, die besonders in der Sprache zum Ausdruck
kommt. Die Mission einzelner Völker liegt in der Ausgestaltung ganz
bestimmter seelischer Eigenschaften. Ausgehend von dieser Grundüberlegung
hat z.B. Herbert Hahn, Anregungen Steiners folgend, in seinem ,,Genius
Europas“ eine faszinierende Phänomenologie der meisten europäischen
Sprachen gegeben.[18] So wie das
individuell Psychische für Steiner mit dem Kosmos und dessen
Wesenheiten zusammenhängt, so wirken für ihn auch in das Volkstum
geistige Wesenheiten inspirierend hinein, wodurch die Geschichte der
Nationalkulturen sich als ein Aspekt der geistigen Führung der
Menschheit darstellt. Die Aufgabe der mitteleuropäischen Völker
sieht Steiner als ,,Vermittlungs“aufgabe zwischen Ost und West, in
gewissem Sinne - dieser Aspekt wird durch den heutigen Nord-Süd-Konflikt
verstärkt - auch zwischen Nord und Süd. Eine solche Vermittlerrolle
schließt aber gerade die Verfolgung eigener machtpolitischer
Ambitionen aus. Deutschlands Weg in den wilhelminischen Machtstaat mußte
sich deshalb unheilvoll auswirken. Der Fall in die faschistische
Barbarei gar kann so betrachtet nur als der völlige Verrat der
Deutschen an ihrer eigenen Menschheitsaufgabe und damit an ihrem
wahren Wesen und Volksgeist gewertet werden. Besonders tragisch wirkt
sich dieses Versagen gegenüber dem europäischen
Osten aus: das russische Volk, das seine gewaltige
welthistorische Rolle Steiner zufolge erst noch in der Zukunft zu
spielen hat, entbehrt bis heute der gegenseitig befruchtenden
kulturellen Berührung mit einem blühenden mitteleuropäischen
Geistesleben. Stattdessen mußte Rußland Deutschland als Aggressor
erleben, der 20 Millionen Sowjetbürger massakrierte. Wie wenig bisher
aus dieser Vergangenheit gelernt wurde, mag man daraus ersehen, daß führende
Kreise der Bundesrepublik das Ergreifen einer solchen
Vermittlungsaufgabe, wie sie gegenwärtig z.B. von dem finnischen Volk
mit einer gewissen Konsequenz angegangen wird, als
,,Finnlandisierung“ bezeichnen, vor der es Mitteleuropa zu bewahren
gelte.[19] Die gegenwärtige
Weltlage deutet auf die Notwendigkeit von Volksseelenkunde als
Grundlage der Völkerverständigung. Denn es erweist sich als
unzureichend, nur die Hemmnisse für die Herausbildung einer
Weltfriedensordnung auf politischem und ökonomischem Felde zu berücksichtigen.
Man muß auch die Schichten des seelischen Zusammenlebens der Völker
beachten: Erst durch ein verständnisvolles Eingehen auf die Eigenart
des jeweils anderen Volkes wird ein realer Internationalismus
zustandekommen, zu dem weite Teile der jungen Generation heute drängen
und der sich in der Losung der internationalen Solidarität ausdrückt.
Ein anthroposophischer Beitrag zum praktischen Internationalismus ist
heute z.B. die Waldorfschulbewegung, die sich auf allen Kontinenten
ausbreitet.[20] Für die Lösung der
nationalen Frage erwartet Steiner Entscheidendes von einer
Dreigliederung des sozialen Organismus. Denn die wesentliche Gefahr für
den Frieden und der Drang zur Aufrüstung geht für ihn von der
Verquickung von Kulturnation, Machtstaat und Wirtschaftsinteressen
aus. Nur ihre Entflechtung kann seiner Auffassung nach zu einer
dauerhaften Friedensordnung führen. Das auf der wohlklingenden Losung
des ,,Selbstbestimmungsrechts der Nationen“ basierende
,,Friedensprogramm“ des amerikanischen Präsidenten Wilson hielt er
für desorientierend. Es erwies sich denn auch in der Folgezeit immer
wieder, wie mit dieser Losung annexionistische Ambitionen verschleiert
wurden; die ,,sudetendeutsche Frage“ ist nur das eklatanteste
Beispiel. Die heutige Weltsituation zeigt immer wieder erneut, daß
die nationalen Konflikte (Irland, das Palästinenser-Problem, Libanon,
die Stammeskonflikte in afrikanischen Staaten usw.) nicht zuletzt
wegen der Verknäuelung von politischen, ökonomischen und kulturellen
Strukturen so verworren sind. Die Dreigliederung bietet ganz neue Lösungsmöglichkeiten
und Kompromiß-Angebote, indem sie die Frage der kulturellen Autonomie
eines Volkstums von der der politischen abzukoppeln erlaubt. So ist
denkbar, daß eine Volkstumsminderheit -
oder eine religiöse Minderheit -
ihre eigene Kulturverwaltung (einschließlich eigener
Strafrechtspflege!) haben, während sie zugleich einer größeren
politisch-administrativen Gliederung untersteht. Ebenfalls sind Großwirtschaftsräume
mit eigener Wirtschaftsverwaltung denkbar, ohne daß sich die
politischen Staats- (Administrations-)Grenzen in gleicher Weise vergrößern
müßten. Für die Probleme Mitteleuropas erscheinen heute nur solche
Lösungen gangbar, die die im Gefolge des Zweiten Weltkriegs
entstandenen Grenzen nicht revanchistisch antasten, zugleich aber ihre
trennende Bedeutung aufheben und sie auf Verwaltungsgrenzen
reduzieren. Der Ost-West-Konflikt
in seiner gegenwärtigen Form ist undenkbar ohne die vorausgegangene
Ausschaltung Mitteleuropas als Weltfaktor und seiner potentiellen Brückenfunktion.
Auf eine solche Funktion zielte Steiners historischer Versuch der
dreifachen Gliederung des sozialen Organismus. Diese wäre
,,gewissermaßen das Vehikel“ gewesen „für die Ausbildung eines
sozialen Bewußtseins in welchem sich individuelle Freiheit (Westen)
mit dem Willen zu weltweiter Brüderlichkeit (Osten) auf der Grundlage
allgemeiner Menschenrechte“ hätte verbinden können.[21]
Steiner hatte zunächst noch versucht, maßgebliche Persönlichkeiten
der Mittelmächte für eine solche Lösung als Basis der Beendigung
des Krieges und eines gerechten Friedens zu gewinnen. Steiners
Hoffnungen darauf lassen an Lassalles ebenfalls vergeblichen Versuch
denken, Bismarck für entschiedene gesellschaftsverändernde Maßnahmen
zu gewinnen. Nach dem Kriegsende setzt Steiner dann mit dem ,,Aufruf
an das deutsche Volk und an die Kulturwelt“ eine Volksbewegung für
die ,,Dreigliederung“ in Gang, die besonders im südwestdeutschen
Raum nicht ohne größere Resonanz blieb, vor allem unter der
Arbeiterschaft, aber letztlich ebenfalls an der Blockierung des Bewußtseins
scheiterte. Den
Geschichtswissenschaftlern gilt es gewöhnlich als müßige
Spekulation, darüber nachzusinnen, wie die Geschichte anders hätte
verlaufen können. Doch kann die nichtgewordene Geschichte nicht nur für
das Verständnis der gewordenen wichtige Gesichtspunkte liefern,
sondern auch in die werdende Geschichte eingreifen, wenn zunächst zurückgedämmte
Impulse und Bestrebungen unter veränderten Voraussetzungen doch noch
zum Zuge kommen. Deshalb ist die in der anthroposophischen Literatur
eine Rolle spielende Frage nicht irrelevant, welche Voraussetzungen für
die Drei-gliederung entstanden wären, wäre jener badische Erbprinz,
dessen Identität mit dem rätselhaften Kaspar Hauser man dabei als
gesichert annimmt, nicht von interessierten Kräften ausgeschaltet
worden. Man wird freilich gegenüber Deutungsmustern skeptisch bleiben
müssen, die die gesamte unheilvolle deutsche Entwicklung bis 1933
bzw. 1945 einzig darauf zurückführen; eine derartige Simplifikation
des Geschichtsbildes kann sich kaum auf Steiner berufen.[22]
Dessen Hoffnungen auf Reformen von oben halten sich durchaus in
Grenzen: Mit dem von Marx und Engels im ,,Kommunistischen Manifest“
ironisierten feudalen Sozialismus hat sein Konzept so wenig zu tun wie
mit dem ,,deutschen oder wahren“. Das bedingt schon Steiners
zeitweilige Nähe zu einem gewaltfreien Anarchismus und ,,AntiEtatismus“. Allerdings steigert
sich dieser Anti-Etatismus nicht bis zur totalen Staatsverneinung. Es
geht Steiner - im
Gefolge Humboldts - um
den ,,Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu
bestimmen“.[23]
Der Staat hat sich nach Steiner auf den rechtlichen Bereich zu
beschränken und das Wirtschaftsleben auf der einen und das
geistig-kulturelle Leben auf der anderen Seite aus seiner Oberhoheit
zu entlassen. Steiner verkennt nicht deren zeitweilige Berechtigung,
ohne die das Kulturleben in dem freier Forschung feindlichen
Machtbereich der kirchlichen Hierarchie verblieben wäre. Aber er
sieht auch, daß die staatliche Oberhoheit zu neuen Abhängigkeiten
geführt, daß die anonyme Allzuständigkeit des Staates komplizierte
Strukturen bürokratischer Omnipotenz geschaffen hat. Demgegenüber muß
es darum gehen, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung in allen
Bereichen zu stärken. Im Ziel gesellschaftlicher Selbstverwaltung
sind Marx und Steiner sich einig. Doch während für Marx staatliche
Organisation und Selbstverwaltung sich ausschließen und der Staat
deshalb gänzlich absterben soll, glaubt Steiner an die Notwendigkeit
einer besonderen rechtlich-staatlichen Sphäre auch jenseits der
Klassengesellschaft. Diese ergibt sich für ihn aus anthropologischen
Gesichtspunkten: Eine solche Sphäre ist die Bedingung der Möglichkeit
eines geordnet-friedlichen Nebeneinander und Miteinander der Menschen.
Spricht der Marxismus von Fähigkeiten und Bedürfnissen nach denen
die Gesellschaft eingerichtet sein sollte, so ergänzt Steiner, daß
menschliche Bedürfnisse ein Wirtschafts-, menschliche Fähigkeiten
ein Geistesleben konstituieren, daß das dritte Vermittelnde zwischen
beiden, das in seiner selbständigen Bedeutung vom Marxismus
unterbelichtete Rechtsleben, aus der menschlichen Gefühlssphäre erwächst,
dem Gespür für das, was recht und billig ist. ,,Die Menschen kommen
durch ihre Gefühle, die sie gegenseitig füreinander entwickeln in
solche Beziehungen, daß sie diese Beziehungen in Rechten festlegen,
festsetzen.“[24]
Mündige Menschen vereinbaren in Verträgen Rechte und
Pflichten, sie stimmen über den rechtlichen Rahmen solcher
Vereinbarungen ab bzw. wählen eine Volksvertretung, die darüber
abstimmt. Sie setzen eine öffentliche Gewalt ein, die über die
Einhaltung der Gesetze wacht und Parlament und Wählern verantwortlich
ist. Die anthropologische Begründung gibt aber nicht nur die
Aufgaben, sondern auch die Grenzen der Demokratie an: Es ,,können nur
über diejenigen Dinge Beschlüsse gefaßt werden, in denen der
einzelne Mensch als gleicher jedem anderen Menschen in Wirklichkeit
gleich ist. Das heißt: Es können nur Beschlüsse gefaßt werden auf
demokratischem Boden, über die jeder mündig gewordene Mensch
dadurch, daß er mündig geworden ist, urteilsfähig ist.“[25] Dieses Konzept
impliziert denn auch, daß die Rechtsprechung -
im Gegensatz zu Gesetzgebung und Verwaltung -
in das dritte Glied des sozialen Organismus, das Geistesleben
integriert wäre.[26]
Das gegenwärtige Rechtsleben ist durch die Hypertrophie
des über seine Aufgaben hinausgreifenden Staates deformiert. Ihm
gegenüber entwickeln die Bürger jene Abhängigkeitsmentalität, die
die Rede vom ,,Vater Staat“ angemessen ausdrückt: So wird die
Demokratie, die die Sphäre der Mündigkeit sein sollte, von vielfältigen
Mechanismen der Entmündigung durchsetzt. Die zunehmende
Verrechtlichung, den Bedürfnissen der aufgeblähten Administration
angemessen, das freie Vereinbaren von Rechten und Pflichten dagegen
erstickend, ist nicht im Sinne der Dreigliederung, die vielmehr der
Allgemeinheit nur die Schaffung des allgemein-rechtlichen Rahmens für
das Zusammenleben übertragen sehen möchte. D.h. auch, daß innerhalb
des staatlich-rechtlichen Gliedes Zentralisierung nur soweit als nötig
erstrebt wird, - Entscheidungen,
von denen eine Basis betroffen ist, sollten auch soweit als möglich,
d.h. soweit nicht übergeordnete Belange tangiert sind, von dieser
Basis getroffen werden, wie es ja auch in der heutigen Bürgerinitiativen-Bewegung
erstrebt wird. In jüngster Zeit wurde aus anthroposophischen
Zusammenhängen heraus der Versuch gemacht, durch die Gründung von Bürgerforen
einen stärkeren und kontinuierlicheren Einfluß der Bürger auf den
politischen Prozeß zu ermöglichen. Im überschaubaren Zusammenhang
kann am ehesten Mündigkeit praktiziert, Demokratie eingeübt werden.
,,Mehr Demokratie“ zu wagen, verlangt gerade die Stärkung der
unteren Entscheidungsebenen. Nur durch die Dreigliederung wird man das
richtige Verhältnis von Mehrheitsentscheidungen und
Minderheitenschutz finden können: es ist z.B. nicht einzusehen, warum
Lehrpläne allgemeingültig und damit für Minderheiten, die andere pädagogische
Konzepte als die Mehrheit für richtig halten, verbindlich sein
sollen. Die Alternative dazu ist jedoch nicht ,,Reprivatisierung“,
sondern Tätigkeit freier Träger in gesellschaftlicher Verantwortung
für öffentliche Aufgaben. Konkret würde das z.B. bedeuten, daß
jedermann ein finanziell (z.B. über einen ,,Bildungsgutschein“)
abgesichertes Recht auf Bildung hat, dieses aber in Einrichtungen
seiner Wahl (oder bei Schülern der der Eltern) wahrnimmt.[27] Die Frage nach den
Grenzen der Wirksamkeit des Staates ist seit Steiners Tod durch die
Erfahrung, daß der Rechtsstaat in den totalen Unrechtsstaat
umschlagen kann, nur drängender geworden, vor allem durch das
NS-Regime mit seiner Staatsvergottung und seinen völkermörderischen
Verbrechen gegen die Menschheit. Daß dieses Regime eine durch
Integration und Terror erzwungene Scheinlegitimation aufrechterhielt,
hat in der Folgezeit dazu geführt, die Frage nach Rechtsstaat und
Demokratie präziser zu stellen und stets nach den realen Sicherungen
und Garantien der Rechtsstaatlichkeit zu fragen. Steiner wußte nur zu
gut, daß nicht einmal die formal gesicherte demokratische Rechtsförmigkeit
schon reale Demokratie garantiert. Er stimmt F. Delaisis Feststellung
zu, daß die parlamentarische Demokratie von finanzkapitalistischen
Kreisen als spanische Wand, ,,hinter welcher sie ihre
Ausbeutungsmethoden verbergen“, und als Verteidigungsmittel ,,gegen
die etwaige Empörung des Volkes“ mißbraucht werden kann.[28]
Steiner macht allerdings im Gegensatz zum Marxismus für eine
reaktionäre Rolle des Staates nicht nur ökonomische Interessen
verantwortlich, sondern sieht in Machtstreben und Herrschsucht relativ
selbständige Motivkonstellationen, sosehr sich diese auch oft mit dem
Motiv der Gewinnsucht verquicken mögen. Wo Marx allenfalls eine relative
Selbständigkeit von Machtverhältnissen zugesteht, da anerkennt
Steiner eine relative Selbständigkeit. Auch in bezug auf die
Staatsformen muß man im Sinne Steiners phänomenologisch vorgehen,
darf nicht etwa davon abstrahieren, wie diese oder jene Verhältnisse
von den Menschen erlebt werden, darf sich nicht etwa den Blick auf die
realen Selbst- und Mitbestimmungsmöglichkeiten durch deklaratorische
Begriffsbildungen wie ,,Macht der Arbeiterklasse“ oder
,,freiheitlich-demokratische Grundordnung“ verstellen lassen. Der
das Bestehende zementierenden Selbstgerechtigkeit, die die Mängel des
je eigenen Systems mit denen des anderen ,,legitimiert“, wird man so
am ehesten entkommen. Solange die Auseinandersetzung zwischen Ost und
West auf der Ebene von pauschalen Qualifizierungen sich bewegt,
dergestalt, daß das westliche System eine Diktatur der 100
Monopolherren, das östliche eine des Politbüros sei und das jeweils
eigene ,,millionenfach demokratischer“ (Lenin)[29]
als das jeweils andere, ist man von sachlichen Dialogen über
gesellschaftliche Systemfragen noch weit entfernt, und damit auch von
einem möglichen rationalen Diskurs über den Wahrheitskern der
jeweils über die andere Seite gefällten pauschalen Urteile. Bei einem solchen
Diskurs würde die eine Seite geltend machen können, daß ihr System
der ,,Checks and Balances“ zwar ökonomische Machtballungen nicht
verhindert hat, aber doch immerhin ein gewisses Maß an
Minderheitenschutz und geistiger Freiheit garantiert und auch, ohne
allerdings das System der Lohnarbeit anzutasten, eine nicht unbeträchtliche
Verbesserung der ökonomischen Lage der arbeitenden Menschen gebracht
hat. Sie würde darauf hinweisen können, daß der Legitimationszwang,
unter den sich die Regierenden durch den Mechanismus der Wahl begeben
müssen, genauso eine Realität darstellt wie die Macht der Monopole,
eine Realität, die jede Partei zwingt, in erheblichem Maß auch den
Interessen der Mehrheit Rechnung zu tragen. Und sie würde erklären können,
daß die Einparteien- bzw. Blockparteiensysteme, die eine echte
Konkurrenz bei den Wahlen nicht kennen, gegenüber der politischen
Demokratie und Kultur des Westens zurückstehen und die
kommunistischen Parteien immer wieder der Gefahr erliegen, sich zum
Vormund der Arbeiter aufzuwerfen. Die andere Seite würde
dagegen darauf pochen können, daß man sich nicht unter Berufung auf
formale Demokratie um die Frage der realen ökonomischen Machtverhältnisse
herumdrücken dürfe. Sie würde darauf hinweisen können, wie weit
die Parteiensysteme des Westens noch von tatsächlicher
,,Volksherrschaft“ entfernt sind. Darauf, daß die
,,Mediatisierung“ des Volkswillens durch diese mächtigen Apparate
mit ihrem Kandidatenauswahlmonopol, ihrer Fraktionsdisziplin und ihrer
weitgehenden Finanzierung aus der Staatskasse den Gedanken der Repräsentativverfassung
ausgehöhlt habe. Sie würde auf das Maß an sozialer Sicherheit,
Gerechtigkeit und Chancengleichheit hindeuten, das ihr sozialistisches
System den ,,Werktätigen“ bietet und auf die Formen
kameradschaftlicher Zusammenarbeit und gegenseitiger Hilfe in einem
nicht vom Profit gesteuerten Wirtschaftssystem. Ganz abgesehen davon,
daß wir von einer solchen Art des Diskurses noch entfernt sind: von
ihm eine Konvergenz der Systeme oder gar eine weltweite
gesellschaftliche Neuordnung zu erwarten, wäre Illusion. Doch könnte
er immerhin zu einem Klima größerer Sachlichkeit, zu mehr
Entspannung, zu einem wirklichkeitsoffeneren sozialen und politischen
Denken verhelfen und damit zu jener friedlichen Koexistenz beitragen,
zu der es im Atomzeitalter keine Alternative gibt. Steiner dürfte sich
nur zu gut darüber im klaren gewesen sein, daß die Chance einer
gesellschaftlichen Neuordnung an Haupt und Gliedern von ganz
bestimmten historischen Konstellationen abhängig ist, die nicht
beliebig wiederholbar sind. Von daher ergeben sich auch heute
realistische Einschätzungen historischer Fristen für die
Durchsetzung des Dreigliederungskonzepts. Man kann in diesem
Zusammenhang weder die Frage umgehen, in welchem Verhältnis
Dreigliederungsgedanke und anthroposophischer Sozialimpuls als ganzer
zueinander stehen, noch die Frage nach den politisehen Aspekten der
Durchsetzung von Dreigliederung. Der anthroposophische
Sozialimpuls, als dessen Nerv Steiner das mitmenschliche Interesse
bezeichnet, ist jeweils hier und heute zu verwirklichen, es gibt
keinen Sinn, die Verwirklichung auszusetzen unter Hinweis darauf, die
Zeit für die große gesellschaftliche Neuordnung im Sinne der
Dreigliederung sei noch nicht reif. Was diese Dreigliederung selbst
angeht, so wird man ebenfalls hier und heute damit beginnen müssen, für
dieses Konzept Vertrauen zu erringen, es weiter auszuarbeiten, und
einzelne Ansätze wie freie Schulen, Krankenhäuser, selbstverwaltete
Betriebe usw. zu schaffen. Was solche Initiativen angeht, so ergibt
sich aus der Praxis immer wieder die Frage der politischen Absicherung
und damit die Notwendigkeit, in die öffentliche Debatte über Schul-,
Arzneimittelgesetze usw. einzugreifen. Schon deshalb ist es
durchaus auch heute relevant, Steiners Verhältnis zum Politischen in
der ,,Dreigliederungszeit“ zu studieren. Der Bund für
Dreigliederung wollte damals Menschen guten Willens ,,aus allen
Berufen, Lebenskreisen und Parteien“ vereinen, lehnte es aber ab,
mit seiner Konzeption ,,auf irgendeinen Parteiboden gestellt zu
werden.“[30]
Steiner steht den Parteien mit Reserve gegenüber. Zu gut weiß
er, daß sie schon aus wahltaktischen Gründen ihr Programm als das
einzig heilsame anpreisen müssen. Dadurch entsteht engstirniges,
formelhaftes Denken ,,stramm in Parteiprogramme eingespannter Köpfe“[31],
wo es um soziale Phantasie und gemeinsame Problemlösungsstrategien
anstelle von Schaukämpfen um die Publikumsgunst ginge. Sowenig
Steiners Alternative dazu ein ,,demokratisch“ verbrämter
Zentralismus ist, sowenig eifert er sektiererisch gegen die Parteien,
mit denen er vielmehr als mit einer Tatsache zu rechnen weiß. Die
Parteien spalten zu wollen oder etwa gar eine neue, eine
Dreigliederungspartei gründen zu wollen, bezeichnet er als ,,das Dümmste“[32]
- vielmehr wendet er sich an die Gutwilligen innerhalb und
außerhalb der Parteien. Auch heute wird man
beachten müssen, daß es im politischen Leben von üblen Karrieristen
bis zu mutigen homines politici alle Schattierungen gibt. Daß die
ersteren mit den letzteren durch Parteidisziplin vereinigt sind und
dadurch immer wieder falsche Fronten entstehen, muß nur umso mehr
dazu veranlassen, nach Formen gleichgerichteten Wirkens der Vernünftigen
über solche Grenzen hinweg zu suchen. Es müssen alle sinnvollen
Impulse, Initiativen usw. gelten: gerade darin besteht recht
verstandener Pluralismus, nicht in der Konkurrenz der Interessen. Das
,,Bündnis aller friedliebenden Kräfte“ im östlichen, die
,,Gemeinsamkeit aller Demokraten“ im westlichen politischen
Selbstverständnis sind Formeln, in denen diese Richtung bereits
anklingt, wenn sie auch ideologischem Mißbrauch ausgesetzt sind. Steiner hat die Frage
,,Ist die Dreigliederung des sozialen Organismus Politik?“ verneint[33]
- in die Statuten der Anthroposophischen Gesellschaft ließ er den
Satz aufnehmen, daß diese die Politik als außerhalb ihrer Aufgaben
liegend ansehe. Doch muß man, um diese Formulierung zu verstehen -
und von manchem braven Anthroposophen ist sie mißverstanden
worden - parteipolitische
Betätigung und gesamtgesellschaftliches Engagement unterscheiden: es
kann keine Rede davon sein, daß die von Steiner gegründete
Gesellschaft nicht für soziale Erneuerung wirken sollte, und noch
absurder wäre die Folgerung aus dem Statut, der einzelne Anthroposoph
habe sich von der Politik und den Parteien fernzuhalten. Politik im
Sinne der Teilnahme am staatsbürgerlichen Leben, am Leben der
,,Polis“, ist nicht gemeint. Steiner ging es gerade um die Überwindung
jener verhängnisvollen Situation, die K. Heyer damit umrissen hat, daß
der Goetheanismus seinerzeit nur von einer kultivierten Oberschicht
getragen war. So wurde der Geist ,,nicht ,politisch‘, und das
politische Leben blieb ideenlos, vom Geiste nicht befruchtet“.[34]
Im Sinne einer solchen Befruchtung hat Steiner durchaus wirken wollen.
Die dergestalt ideenvolle Politik muß allerdings vor allem auch die
Tugend der Selbstbeschränkung lernen: Nicht alle gesellschaftlichen
Fragen dürfen politisch entschieden werden! Und für eine solche
Selbstbeschränkung zu wirken, wäre eine Aufgabe sich geistig
verantwortlich fühlender Politiker in allen Parteien. Es hängt
durchaus von den gesellschaftlichen Verhältnissen ab, welche Fragen
durch Politik und welche anders entschieden werden. Die Studenten- und
Jugendbewegung der 60er Jahre hat leider mit der These, im Grunde hätten
alle Probleme ihre politische Relevanz, so sehr sie damit gegenüber
dem mangelnden Problembewußtsein der ,,Unpolitischen“ im Recht war,
die Chance vergeben, ein Bewußtsein dafür zu schaffen, daß es
Aufgabe der Sozialgestaltung ist, die Grenzen der politisehen Sphäre
festzusetzen, nicht Aufgabe der Politik, die Gesamtgesellschaft nach
ihren spezifischen Verfahrensformen zu reglementieren. Steiner scheint
Optimist genug zu glauben, eine Minderheit, die ihre Privilegien
verteidigt, werde eine Mehrheit, die die Neuordnung ernstlich will,
letztlich auch durch Instrumentalisierung des Staatsapparats nicht
aufhalten können, zumal dieser Instrumentalisierung ohnehin durch die
parlamentarisch-demokratische Entwicklung gewisse Grenzen gesetzt
sind. Er ist aber auch Realist genug, um zu wissen, wie schwer es ist,
eine solche Mehrheit zu gewinnen. Revolutionen hält er nur dann für
unvermeidlich, wenn die Probleme, die revolutionäre Situationen
hervorrufen, nicht vorher auf dem Weg eines gesellschaftlichen
Konsensus gelöst werden können, aber er strebt die Revolution nicht
an. Er will Systemveränderung, aber hält Experimente im Sozialen für
unmenschlich.[35]
Er setzt trotz aller Widrigkeiten auf den Versuch, soziales
Gewissen und Empfinden anzusprechen, weil er weiß, daß da, wo der Überzeugung
nichts mehr zugetraut wird, Sprachlosigkeit um sich greifen muß, die
nur noch die Drohung mit Gewalt oder die Gewaltanwendung übrigläßt.
Revolutionäre Situationen setzen nicht nur Gutes im Menschen frei,
sie setzen auch die Hemmschwelle der Gewaltanwendung herab. Daß es
Verhältnisse gibt, unter denen revolutionäre Gewalt weit eher
gerechtfertigt ist als die reaktionäre Gewalt, gegen die sie sich
richtet, ändert daran nichts. Steiner teilt nicht
Marx‘ optimistischen Glauben, daß Revolution und
,,Vergesellschaftung der Produktionsmittel ausreichen würden, um den
menschlichen Egoismus und jede Ausbeutung zu beseitigen“[36]
In solchen Erwartungen sieht er ein prinzipiell illusorisches
Verständnis der sozialen und antisozialen Triebe im Menschen am Werk:
In Wahrheit stehen die antisozialen Triebe gleichberechtigt neben den
sozialen, denn sie sind das Produkt einer historischen Entwicklung,
die dazu geführt hat, daß der Mensch immer mehr auf sich gestellte
Persönlichkeit geworden ist. Wer sie daher einfach eliminieren will,
muß zugleich das Rad der Weltentwicklung zurückdrehen wollen. Vernünftigerweise
muß dagegen darauf abgezielt werden, die sozialen Strukturen und
Einrichtungen so zu gestalten, daß in ihnen ein ,,Gegengewicht da ist
für dasjenige, was im Inneren des Menschen als antisozialer Trieb
wirkt“.[37] Für Steiner ist der
Krieg nicht die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Den
Clausewitzschen Satz hat er verspottet mit der Bemerkung, er habe
,,ebensoviel Sinn, als wenn man sagt: Die Scheidung ist die
Fortsetzung der Ehe mit anderen Mitteln.“[38]
Über seine Auffassung von der mitteleuropäischen Friedens- und
Entspannungsaufgabe wurde schon gesprochen. Zwar hat er gerechten und
ungerechten Krieg unterschieden, aber er hat auch gewußt, wie jeder
Aggressor seinen Krieg als gerechten zu tarnen versucht und wie unerträglich
auch der gerechte Krieg bei wachsender Vernichtungstechnik ist.
Kriegsverherrlichung wird man bei ihm nicht finden - in einer Zeit, in
der mancher ,,idealistisch“ Denkende den Krieg noch als Bewährungssituation
pries. Zwar hat er die innerseelischen Dispositionen der
Kriegsbegeisterung und Kriegslust höher bewertet als der Marxismus,
ohne jedoch in eine Psychologisierung des Kriegsgeschehens zu
verfallen und seine allgemeinen gesellschaftlichen und geschichtlichen
Ursachen zu übersehen. Zum ersten Aspekt führt Wolfgang Schad, sich
zugleich gegen die biologistische Kriegsrechtfertigung durch Konrad
Lorenz wendend, aus: ,,Die Kriege sind nach innen zu führen. Wo sie
nicht im Innern der eigenen Brust geführt werden, entstehen äußere
Kriege daraus. Der existentielle Streit zwischen Kommunismus und
Kapitalismus, zwischen verschiedenen Konfessionen (Nordirland),
Religionen (Israel, Islam) und Rassen (die neuerliche Ausrottung der
Indios) hat Platz gegriffen, weil man die Fremdheit des anderen [...]
nicht in sich durchgekämpft hat. Äußere Kriege sind seit Beginn der
Neuzeit die konsequente Folge fehlender innerer Kriege.“[39]
Schief würde diese These dann, wenn vergessen würde, daß
solche Friedensfähigkeit bei den Mächtigen dieser Erde folgenreicher
wäre, als bei den Massen, und auch das Gegenteil dieser Friedensfähigkeit.
Aber ganz zweifellos richtig ist das Postulat der Notwendigkeit des
Abbaus der irrationalen Feindbilder. In diesem Sinne, weil sie am
besten das wirkliche Verständnis zwischen den verschiedenen
Religionen, Kulturen, Rassen und Nationen fördern könne, hat Steiner
die geisteswissenschaftliche Bewegung einmal als die wahre
Friedensbewegung bezeichnet.[40] [1]
Vgl. GA 191, S. 111. [2] Dies arbeitet z.B. Heyer, Bd. 1, besonders anhand der „erzwungenen Einweihungen“ der römischen Cäsaren heraus. [3]
GA 188, S. 204. [4]
GA 186, S. 165. [5] Nach Kugler 1978, S. 211. [6] MEW 3, S. 5. Die „revolutionäre Praxis“ (S. 6) war von Marx als Ausweg aus dem Dilemma konzipiert, wurde aber von ihm eingeholt. Gemeineigentum mit genossenschaftlichen Sektoren hat ja interessanterweise bereits in Form theokratischen Staatseigentums in der „asiatischen Produktionsweise“ existiert. [7]
S. GA 31, S. 255ff. [8] MEW 4, S. 482. Zur Notwendigkeit des Antagonismus z.B. Engels, MEW 20, S. 168. [9] MEW 4, S. 474. [10] Vgl. GA 328, Vortr. 3. 2. 19, und GA 192, Vortr. 1. 5. 19. [11] Adler, in Sandkühler/Vega (Hg.), S. 179f. [12] Wetter 1977, S. 225ff. [13] Vgl. etwa GA 202, Vortr. 11.
12. 20. [14]
GA 177, Vortr. 26. 10. 17. [15]
GA 31, S. 199. [16]
GA 185a, S. 21f. [17] S. GA 173. Zur Geschichte Mitteleuropas vgl. das ausgezeichnete Werk von Riemeck 1969. [18] Vgl. GA 121, H. Hahn 1981. [19] Zur Rolle Finnlands s. Wilenius 1983. [20] Diese Grundgedanken führte Wilenius in einem Vortrag am 28. 10. 83 in Stuttgart aus. [21] Schweppenhäuser 1985, S. 138f. [22] Zu Hauser vgl. Heyer 1983. Tradowski 1981 hat mit der genannten Gefahr zu kämpfen. [23]
Humboldt 1962 (1851). [24]
GA 332a, S. 92. [25]
ibd. S. 94. [26]
Vgl. GA 328, S. 92. [27] Näheres z.B. bei Leber 1978, S. 150ff. [28]
GA 177, S. 247f.; vgl. GA 332 a, S. 19. [29] LW 28, S. 247. [30] Nach Kugler 1978, S. 198. [31] GA 23, S. 22. [32] Über das Parteiwesen, nach Kugler 1978, S. 207. [33] GA 196, Vortr. 31.1.1920. Zum Statut GA 260. [34]
Heyer 1983, S. 120. [35]
Vgl. GA 322, S. 62. [36] Störig 1979, Bd. 2, S. 170. [37] GA 186, Vortr. 12.12.1918. Dort auch die Bemerkung über das Interesse von Mensch zu Mensch als Grundnerv des Sozialen (S. 167 f.). [38] GA 328, S. 98. [39] Schad, Aggression und Frieden, 1982, S. 37. [40] GA 54, Vortr. 12.10.05.
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