Christoph Strawe: Marxismus und Anthroposophie - III. Teil: Geschichte, Gesellschaft und Persönlichkeit

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4. Steiners ökonomische Konzeption und der Marxismus

Die Frage nach dem Wesen des ökonomischen Werts ist für Steiner kein „Scheinproblem“.[1] Preise gelten ihm als bloßer Ausdruck tieferliegender Verhältnisse, auf deren Untersuchung und praktische Beherrschung es volkswirtschaftlich vor allem ankommt. Zwei Prozesse kommen nach Steiner für die Wertbildung in Betracht: 1. die körperliche Arbeit, die sich auf die Natur richtet, die natürlichen Ausgangsmaterialien veredelt und in eine den menschlichen Bedürfnissen dienende Form bringt; 2. die Anwendung von geistigen Anstrengungen auf diese körperliche Arbeit, mit dem Effekt bzw. Ziel, ihren Ertrag zu steigern, sie zu erleichtern, ja womöglich ganz einzusparen, wozu eine immer raffiniertere Arbeitsteilung und -organisation und in Verbindung damit eine immer effektivere Technologie dient. Steiner benutzt für diese Prozesse auch die Kürzel W I und W II.[2]

Die Anwendung von Geist auf Arbeit ist wertvoll, indem sie körperliche Arbeit überflüssig macht, d.h. entwertet. Der Willenstrieb zu solcher Kosteneinsparung verbilligt tendenziell die Güter.[3] Bei der körperlichen Arbeit kommt es vor allem auf die physiologisch-naturhafte, wenn man so will gattungshaft-allgemeine Seite der Arbeit an. Bei der Anwendung von Geist auf Arbeit ist das individuelle Fähigkeitswesen des Menschen von entscheidender Bedeutung, Vorstellungskraft, Geschicklichkeit usw. Im wirklichen Arbeitsprozeß spielen immer beide Momente ineinander, und es kann sich nur um die Frage handeln, welches Moment bei der jeweiligen Tätigkeit, die ein Glied der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit ist, überwiegt. Schon bei einfachen Arbeiten zeigt sich das oben beschriebene Verhältnis: Je geschickter jemand ist, um so „ökonomischer“, mit um so geringerem rein physischen Aufwand wird er arbeiten. Die Entwicklung des Wirtschaftslebens verläuft im Sinne einer immer weitergehenden „Durchgeistigung“, Verwissenschaftlichung der Arbeitsprozesse.

Wenn Marx schreibt, die Arbeit „als Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im physiologischen Sinn“, in der „Eigenschaft gleicher menschlicher Arbeit“[4] bilde den Warenwert (Tauschwert), so betont Steiner die Rolle nicht nur der aufgewendeten, sondern auch der ersparten Arbeit für die Wertbildungs- und Verwertungsvorgänge. Der Aufwand zur Herstellung eines Guts kann in Relation zur Aufwandsersparnis durch den Gebrauch dieses Guts gesetzt werden. Einerseits ist kein Grund erkennbar, warum die geistige Tätigkeit, die solche Ersparnis herbeiführt, nicht als produktiver Beitrag zur gesellschaftlichen Gesamtarbeit eingeschätzt werden soll, andererseits ist es offensichtlich unmöglich, den Wert etwa einer Erfindung in eine sinnvolle Relation zur dafür verausgabten Nervenenergie zu setzen. Die Basis der Arbeitswerttheorie, in der Form, die die  Wertgröße der Ware von der „hineinkristallisierten“ Arbeit abhängig macht, wird daher brüchiger, je mehr die Wissenschaft zur unmittelbaren Produktivkraft wird, ein Problem, das Marx selbst an einer Stelle in den „Grundrissen“ ins Auge faßt, ohne allerdings weitergehende Konsequenzen für seine Wert- und Mehrwerttheorie daraus zu ziehen.[5]

Steiner spricht an anderer Stelle als der eingangs referierten davon, der Wert entstehe nicht „bei dem Hineinkristallisieren der Arbeit in die Ware, nicht bei dem Ersparen der Arbeit durch die Ware“, er sei vielmehr „ein Spannungszustand [...] wenn Sie hier einen elektrischen Konduktor haben [...], der sich hier entladen kann, und hier die Elektrizität aufgefangen wird, so entsteht zwischen den zweien ein Spannungszustand. Er strebt mit einer gewissen Stärke hinüber, um sich zu entladen. Wenn die Spannung nicht groß genug ist, findet keine Entladung statt [...] Auf der einen Seite steht das Gut, die Ware, in ihren Qualitäten und außerdem mit Bezug auf den Ort, an dem sie konsumiert werden kann; [...] Auf der anderen Seite steht das menschliche Bedürfnis“ (das mehr physischer oder mehr geistiger Art sein kann).[6] Diese Sätze können aber offenbar nicht meinen, daß Arbeit bzw. ihre Ersparnis überhaupt keinen Einfluß auf die Wertbildung haben, sondern nur, daß dieser Einfluß ein indirekter ist: Über die Arbeitsproduktivität und die von ihr abhängigen Angebotsmengen bzw. Stückkosten wird natürlich auch die „wertbildende Spannung“ entscheidend beeinflußt.

Umgekehrt scheint Steiner bei Marx eine Abhängigkeit der Wertgröße vom faktischen Arbeitsaufwand anzunehmen, die so nicht vorliegt: Auch bei Marx bildet Arbeit, die auf ein nutzloses Produkt angewandt wurde, keinen Wert, „zählt nicht als Arbeit“; ein Überangebot („zu schwache wertbildende Spannung“) bedeutet, daß ein zu großer Teil der gesellschaftlichen Gesamtarbeitszeit in der betreffenden Produktion angewandt worden ist, und das kommt auf dasselbe hinaus, als wenn der einzelne Produzent mit seiner Produktionszeit über der „gesellschaftlich notwendigen“, so der Marxsche Schlüsselbegriff, liegt.[7]

Wenn man unter „Arbeitswerttheorie“ die Auffassung versteht, daß nur lebendige menschliche Tätigkeit als Quelle der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung gelten darf, obwohl der Augenschein zu lehren scheint, daß auch Grund und Boden, Wertpapiere, Geld usw. auf dem Grundstücks-, Aktien-, Devisenmarkt usw. ihren Preis erzielen, ja „im Wert steigen“, dann ist Steiner als Vertreter der Arbeitswertlehre einzuordnen.[8] Wenn die genannten Dinge, und auch die menschliche Arbeit bzw. Arbeitskraft, wie Waren gehandelt werden und damit ihren Preis erzielen, so gilt Steiner dies als verkehrter Zustand, der die tatsächlichen Verhältnisse objektiv verschleiert, denn in Wirklichkeit findet hier im Sinne der Dreigliederung ein Überlappen des Wirtschaftslebens in das rechtliche Gebiet statt: Was aus den Impulsen des Rechtslebens allein gestaltet werden müßte, wird zum Objekt der Ökonomie, zur verkäuflichen Ware: ein Handel mit Rechten im weitesten Sinne findet statt. Und dieser „desorientiert den gesamten Wirtschaftsprozeß. Denn die Rechte fallen denjenigen zu, die das meiste Geld dafür bieten. Dies sind aber durchaus nicht unbedingt auch diejenigen, die faktisch kompetent sind, das betreffende Recht wahrzunehmen bzw. einen legitimen Anspruch darauf haben.“ So J. Huber, der zugleich feststellt, man hebe aber „die faktische Gültigkeit der Arbeitswertlehre nicht auf, wenn man sie normativ mißachtet“.[9]

Daß allein Arbeit wertvoll sei, dafür spricht der sogenannte „analytische Beweis“ der Arbeitswerttheorie: „arbeitstechnisch gesehen lösen sich alle Waren ad infinitum auf in das Werk menschlicher Arbeit; finanztechnisch gesehen, lösen sich alle Preise ad infinitum auf in Personalkosten.“[10] Doch sagt dieses Daß noch nichts aus über das Wie der Bewertung. Was diese zweite Seite angeht, so spielen bei Steiner normative Gesichtspunkte eine weit größere Rolle als bei Marx. Das Wie der Wertbemessung hat immer auch etwas mit Verhandeln, mit Kompromiß- und Konsensfindung zu tun, wobei deren Spielraum natürlich von faktischen ökonomischen Gegebenheiten abhängig ist. Die Volkswirtschaftslehre kann sich der Frage nach den (objektiven) Kriterien einer der volkswirtschaftlich richtigen (gerechten) Preisbildung nicht entziehen: Steiner stellt gerade sie in den Mittelpunkt seines ,Nationalökonomischen Kurses‘. Nicht nur, was die Einschätzung der faktischen Verhältnisse angeht, auch unter dem normativen Gesichtspunkt ist die Auffassung von der Arbeit als einziger Quelle des Werts durchaus nicht notwendig zu verbinden mit der anderen Auffassung, daß deshalb Arbeitszeit als Maß der Werte fungieren muß, obwohl in der Geschichte der Arbeitswerttheorie dieses „Junktim“ eine Rolle gespielt hat. Gemäß dem Doppelcharakter der Ökonomie als theoretische und praktische Wissenschaft hat nämlich diese Theorie nicht nur den Charakter einer Erklärung des faktischen Zustandekommens der langfristigen Gleichgewichtspreise, sondern häufig auch die einer Formel des gerechten oder „natürlichen“ Preises gehabt, die besagen will, daß die richtigste Preisbemessung sich am Arbeitsaufwand orientiert, also Produkte, in denen gleichviel Arbeit steckt, gleichwertig sind bzw. sein sollen.[11]

Ein richtiger Preis ist nach Steiner dann vorhanden, wenn jemand für sein Erzeugnis so viel als Gegenwert erhält, daß er davon mit den von ihm abhängigen Angehörigen solange existieren kann, bis er ein gleiches Erzeugnis hergestellt hat. Diese „Lohnformel“ sei erschöpfend, so abstrakt sie sei. Es handelt sich wohlgemerkt nicht um eine ethische Maxime, sondern um die Beschreibung einer objektiven volkswirtschaftlichen Notwendigkeit, die sich bei Verletzung der Norm als faktisch eintretende Schädigung sozialorganischer Prozesse auswirkt. Bei der „Lohnformel“ gilt: „Wenn jemand ein Paar Stiefel verkauft, so ist die Zeit, in der er sie verfertigt hat, durchaus nicht maßgebend, sondern maßgebend ist die Zeit, in der er das nächste Paar Stiefel verfertigt haben wird.“[12] Vernünftigerweise müssen Preise verlangt werden, die die künftigen Betriebskosten decken: alles ökonomische Handeln ist zukunftsbezogen.

Die Herausbildung eines richtigen Preises darf aber nicht dem Walten der anonymen Marktkräfte überlassen werden, die dann im Sinne der volkswirtschaftlichen Theorie von Adam Smith hinter dem Rücken der Produzenten, die alle nur ihre eigensüchtigen Interessen ohne Rücksicht auf das Ganze verfolgen, wie durch eine unsichtbare Hand das allgemeine Wohl hervorbringen. Die bedarfsgerechten Proportionen der Volkswirtschaft, dies ist ein gemeinsamer Zug bei Marx und Steiner, sind bewußt zu bewirken.

Der Ausdruck ,Lohnformel‘ könnte die Mißdeutung provozieren, daß es sich hierbei schließlich doch um einen Ausdruck des „Preises der Arbeitskraft“ handelt, sozusagen um ihren gerechten Preis. „Geradeso wie sich die Nachfolger von Plato und Aristoteles entschließen mußten zu sagen: Der Mensch als Sklave darf nicht Ware sein -, so müssen eben die Nachfolger der heutigen Menschheit sagen lernen: Auf keinen Fall darf die Arbeitskraft Ware sein -, sondern durch andere Impulse muß der Mensch zum Dienen, zum Arbeiten für seine Mitmenschen getrieben werden [...]“[13]. Zu arbeiten und ein Einkommen zu erzielen, sind, Steiners sozialem Hauptgesetz zufolge, zwei ganz verschiedene Dinge. Wenn heute jedermann des „Erwerbs“ wegen arbeitet bzw. arbeiten muß, so ist dies ein Anachronismus in einer durch die Arbeitsteilung objektiv altruistisch verfaßten Wirtschaft. Der Akzent liegt denn auch bei der Steinerschen Formel weniger darauf, welche Preise zu verlangen, als darauf, welche zu zahlen sind: Die Triebfeder der Produktion soll werden der Bedarf des jeweils anderen, der Gesichtspunkt der „Entlohnung“ der Dienste des anderen über den Preis soll sein die Existenzsicherung dieses anderen. So verlangt es das „soziale Hauptgesetz“ als Ausdruck der Lebensbedingungen der Ökonomie einer humanen Gesellschaft. Man könnte es deshalb auch Steiners „ökonomisches Grundgesetz des Sozialismus“ nennen, das er dem kapitalistischen Gesetz - Jagd nach Mehrwert oder Plusmacherei - entgegenhält.

Steiner kritisiert wie Marx den falschen Schein vom Lohn als Preis der Arbeit, wie den anderen vom Profit als ,Unternehmerlohn‘. Er geht aber noch einen Schritt über Marx hinaus: Die Rede vom Preis der Arbeitskraft ist für ihn nicht weniger eine Mystifikation als die Rede vom Preis der Arbeit. Einen Wert und Preis können in Wahrheit nur die erzeugten Güter und Dienste haben, darunter die Waren, die Elemente der Lebensmittel des Arbeitenden bilden. Wenn der Kapitalist sein Produktionsmittelmonopol ausnutzt, um die Löhne auf das Existenzminimum und seine Profite damit auf ein Maximum zu bringen, so unterwirft er zwar die Arbeitskraft Angebot und Nachfrage, der „Kauf“ der Arbeitskraft bleibt aber immer ein Scheingeschäft, freilich für das Kapital ein sehr profitliches. In Wirklichkeit gibt es unter den Bedingungen hochentwickelter Arbeitsteilung gar keine objektive Methode, „um den Anteil irgendeines Menschen am Bruttosozialprodukt festzulegen, und das bedeutet gleichzeitig, daß es kein objektives Verfahren gibt, um Arbeit zu entlohnen“.[14]

Die vorgenannten Überlegungen führen Steiner zu einem Begriff der Ausbeutung, der zwar ebenso objektiv-funktional sein will wie der Marxsche, aber doch eine deutlich unterschiedliche Nuancierung aufweist: Ausbeutung besteht demnach im Erwerb von „Dingen, die nicht genügend bezahlt werden.“ Sie hat damit zu tun, „daß unsere Einrichtungen oder die uns umgebenden Verhältnisse auf den persönlichen Eigennutz aufgebaut sind“, und zwar im Sinne jenes soeben beschriebenen Anachronismus.[15] Wer Güter und Dienstleistungen so billig wie möglich erwerben will, läßt sich nicht vom Gesichtspunkt der Existenzsicherung des Produzenten (Lohnformel), sondern von Gedanken an den eigenen Profit leiten. Objektiv ist es dabei nicht entscheidend, ob er großer oder kleiner Verbraucher ist, wenn man auch den Ärmeren, den die Knappheit seiner Mittel zum Billigkauf treibt, subjektiv eher entschuldigen wird. Doch ist schließlich der Marxschen Theorie zufolge auch dem Kapitalisten das ausbeuterische Verhalten nicht subjektiv zuzurechnen, da es ihm die Gesetze der Konkurrenz bei Strafe des Untergangs aufzwingen. Um so schärfer stellt sich dann für Steiner die Frage nach der Ersetzung von Verhältnissen und Einrichtungen, denen solche Zwänge innewohnen, und nach der Überwindung von Vorstellungen und Haltungen, die solche Einrichtungen perpetuieren helfen, durch andere und bessere. Nicht eine „Reform der Ausbeutung ist erforderlich, sondern ihre Aufhebung.“[16]

Für Steiner ist das Verhältnis von geistiger und körperlicher Arbeit, von „WI“ und „WII“, ein Springpunkt für das Verständnis der politischen Ökonomie: bei der Bildung von Wirtschaftswerten müssen beide Faktoren zusammenwirken, und die Geringschätzung eines der beiden Faktoren muß in der ökonomischen und sozialen Praxis zu Problemen führen. Mit der Frage des WI-WII-Verhältnisses verbunden, wenn auch nicht vollkommen identisch mit ihr, ist die Problematik des Verhältnisses von produktiver und unproduktiver Arbeit und das Problem der Quelle des „Mehrwerts“.

J. Huber kommt in diesem Zusammenhang zu folgender Einschätzung des Verhältnisses von Marx und Steiner: Während Marx „in materialistisch vereinseitigter Weise“ willkürlich festsetze, nur Handarbeiter seien produktiv, anerkenne Steiner die Produktivität eines jeden, „der zur gesellschaftlichen Gesamtarbeit beiträgt.“ „Beide sehen die Wirtschaft im Zusammenspiel von Arbeits- und Verwertungsprozeß, Ware und Geld, in der Arbeit des Menschen an der Natur einerseits und in der Anleitung dieser Arbeit durch das ,Bewußtsein‘ andererseits. Beide wollen eine Wirtschaft, die von den Lebensbedürfnissen der Menschen gesteuert wird. Jedoch sieht der Materialist Marx im Kapital nichts weiter als einen abstrakten Ausdruck der ,materiellen‘ Arbeitsprozesse. Steiner dagegen sieht das Kapital zugleich auch als eigenständigen Ausdruck des menschlichen Geistes, der die Arbeit anleitet [...]“

Die Position Steiners ist damit präzise getroffen, bei Marx finden sich an manchen Stellen des Werks noch andere Nuancierungen des Begriffs der produktiven Arbeit, obwohl es durchaus auch Stellen gibt, die sich nur im Sinne der oben genannten Einschätzung interpretieren lassen. Eine solche Grenzziehung zwischen produktiv und unproduktiv kann man dann mit einem gewissen Recht als „Ausdruck der Altertümlichkeit der Marxschen Denkwelt“[17] deuten. In diese Kerbe hieb bereits Steiner selbst: „Der geistige Arbeiter ist ja sicher ein Konsument. Ob er auch [...] ein Produzent ist, - darüber ist ja viel diskutiert worden; und die extremsten Marxisten z.B. haben ja immer und immer wiederum den unglückseligen indischen Buchhalter angeführt, der für seine Gemeinde die Bücher zu führen hat, der also nicht die Äcker besorgt oder eine andere produktive Arbeit, nur registriert, und sie sprechen diesem die Fähigkeit ab, irgendetwas zu produzieren. So daß sie konstatieren, daß er lediglich unterhalten wird aus dem Mehrwert, den die Produzenten erarbeiten.“[18]

Immerhin ist bei Marx der mehrwertschöpferische Charakter das letztlich ausschlaggebende Unterscheidungskriterium - deshalb kann u.U. ein Clown im Dienst eines Kapitalisten, der mehr einspielt, als er kostet, produktiv, ein Flickschneider, der zu demselben Kapitalisten ins Haus kommt und aus dessen Gewinn bezahlt werden muß, unproduktiv sein.[19] Auch umfaßt der Marxsche Begriff des „Gesamtarbeiters“ sowohl körperlich als auch geistig Arbeitende, sowohl unmittelbar im Produktionsprozeß stehende als auch „Hilfsfunktionen Ausübende“; und um ein produktiver Arbeiter zu sein, genügt es, einen Teil dieses Gesamtarbeiters zu bilden.[20]  Ja, an einer wenig bekannten Stelle gesteht Marx sogar zu, „als Lenker des Arbeitsprozesses“ könne sogar „der Kapitalist produktive Arbeit verrichten“.[21]

Auch wenn Marx die kritischen Konsequenzen solcher Einsichten für die quantitative Arbeitswertbestimmung nicht zieht, bedeuten die eben angeführten Thesen doch, daß es mehr Berührungspunkte zwischen Steiners und Marx‘ ökonomischer Konzeption gibt, als Steiner seinerzeit aufgrund seiner Quellenkenntnisse überblicken konnte. Steiner unterschätzt keineswegs den (relativen) Unterschied zwischen produktiver und unproduktiver bzw. vorwiegend körperlicher und vorwiegend geistiger Arbeit: Er betont, daß sich die körperlichen Arbeitsleistungen unmittelbar-gegenwärtig in Produkten niederschlagen, während viele geistige Leistungen erst nach einer gewissen Frist ihre Früchte bringen. In dieser Frist müssen ihre Erbringer als „Konsumenten“ - von den unmittelbar produktiv Arbeitenden mitunterhalten werden. Und dieses Verhältnis herrscht auch zwischen dem Wirtschaftsleben als ganzem auf der einen und dem Geistes- und Rechtsleben auf der anderen Seite. Wo die Macht des Geistes und der Wissenschaft dem Handarbeiter in entfremdeter Gestalt, als Instrument von Ausbeutung und Unterdrückung entgegentrat, da mußte dies zu dem Bewußtsein führen, die Handarbeit müsse ihre eigenen Bedrücker und Bedränger mitunterhalten. Zumal die Verbindung von privilegierter Klassenstellung und geistiger Arbeit Dünkel der „Gebildeten“ gegenüber den „bloß“ materiell Arbeitenden schürte. Steiner wendet sich mit Entschiedenheit gegen diese „unselige“ Abwertung und läßt sich in der Anerkennung von Rang und Würde der Handarbeit von Marx nicht übertreffen.[22]

Dieser, auf der anderen Seite, sieht sich genötigt, die Notwendigkeit einer geistigen Arbeitsleitung zumindest partiell anzuerkennen: „Alle unmittelbar gesellschaftliche oder gemeinschaftliche Arbeit auf größerem Maßstab bedarf mehr oder minder einer Direktion, welche die Harmonie der individuellen Tätigkeiten vermittelt und die allgemeinen Funktionen vollzieht, die aus der Bewegung des produktiven Gesamtkörpers im Unterschied von der Bewegung seiner selbständigen Organe entspringen. Ein einzelner Violinspieler dirigiert sich selbst, ein Orchester bedarf des Musikdirektors.“[23] Die Wissenschaft, Entdeckungen und Erfindungen, bezeichnet Marx als „allgemeine Arbeit“[24]. Erfindungen können immer neu genutzt, von einer erworbenen Geschicklichkeit kann immer wieder neu Gebrauch gemacht werden, während die rein körperliche Kraftentfaltung sich einmal im Produkt vergegenständlicht und dann vergangen ist. Von den mathematischen Verfahren, die man für die Berechnung der Tragfähigkeit von Brücken und der Stabilität von Tunneln anwendet, profitieren die Produzenten, obwohl die Erfinder längst tot sind. Aufs Ganze gesehen, zahlt so das Geistesleben dem Wirtschaftsleben, der geistig Produzierende dem Handarbeiter die Unterhaltskosten gewissermaßen zurück.

Mehr oder weniger idealtypisch betrachtet liegt die Wurzel der Kapitalentstehung immer in der Anwendung von Geist auf Arbeit: nur die vom Geist befruchtete Arbeit produziert über das Existenznotwendigste hinaus, schafft Mehrwert. Steiner im „Nationalökonomischen Kurs“: „Sie werden, wenn Sie suchen wollen, sehen, daß gewissermaßen der Entstehungspunkt des Kapitals immer in der Arbeitsteilung, Arbeitsgliederung liegt [...] jeder solche Vorgang besteht darin, daß der Geist auf die Arbeit angewandt wird, daß die Arbeit durch den Geist in irgendeiner Beziehung durchdrungen wird [...]“ Als „ganz einfaches Beispiel“ führt Steiner einen Mann an, der einen Pferdewagen baut und einsetzt, um Arbeiter aus verschiedenen Ortschaften zu einem Bergwerk zu fahren, das sie früher zu Fuß erreichen mußten. Dafür erhält er einen Obolus.[25] Die Durchdringung von Arbeit durch den Geist ist die Ursache von Einsparungen, Kostensenkungen, die den Wert des Produkts unter den gesellschaftlichen Normalwert senken und über den dadurch ermöglichten Gewinn zur freien Kapitalbildung führen. Eine solche vollzieht sich fortgesetzt im Wirtschaftsprozeß. Als freie kann man sie auch deshalb bezeichnen, weil sie Wertbildung über das zur Lebenserhaltung notwendige Quantum hinaus darstellt und damit für Ziele einsetzbar ist, die nicht von materiellen Notwendigkeiten einfach vorgegeben sind. Es bedeutet dies auch, daß der ursprüngliche Zweck der Produktion, aus der der Gewinn geschlagen wurde, für den Einsatz des Mehrwertes nicht bindend ist: dieser kann vielmehr überall eingesetzt werden. Eine Emanzipation von der Naturgrundlage tritt so durch das Kapital ein, ein „realer Abstraktionsprozeß“ vollzieht sich. Es ist dasselbe Phänomen, das Marx in der Metamorphose der Formel Ware-Geld-Ware zur Formel Geld-Ware-Geld bzw. Mehrgeld untersucht.[26] Geld als der äußerlich ausgedrückte Wert kann beliebig übertragen werden, die persönlichen Abhängigkeiten zwischen den Menschen, wie sie für ältere Wirtschaftsformen typisch waren, verlieren damit an Bedeutung. Der Kapitalist, der selber keine Konzeption für die Anwendung seines überschüssigen Kapitals hat, tritt als Kreditgeber für einen anderen auf, der eine solche Geschäftsidee hat. Das Kapital schwimmt so zu Individuen mit unternehmerischen und innovatorischen Ideen und Fähigkeiten hin, die schließlich zu erneuter freier Kapitalbildung führen. Geld in dieser Funktion ist - so Steiner - realisierter Geist, das Wirkungsinstrument des in der Wirtschaft tätigen Menschengeistes.[27] So kann die Einsparung von körperlicher Arbeit in einem Sektor der Warenproduktion zu neuen Beschäftigungsmöglichkeiten in einem anderen Sektor führen. Dadurch wird einer „zum Kapitalisten, daß er Arbeit erspart; dadurch wird die kapitalistische Wirtschaftsordnung hervorgerufen, daß er soundsoviel Leute beschäftigen kann durch die Arbeit, die er erspart durch sein Gut.“[28]

Marx hatte den Handel als historisch bedingte Erscheinung nicht als Glied der Arbeitsteilung wie die anderen Glieder auffassen wollen, die Arbeit, die die Vermittlung der Zirkulation kostet, nicht als wertbildende Arbeit und deshalb Gewinne im Handel nicht als echte Mehrwertbildung anerkennen wollen. Steiner dagegen erkennt die Funktion des Händlers, soweit er nicht spekulative Gewinne aus dem Handel mit Rechten oder Wuchergewinne macht, als gleichwertiges Glied der Gesamtarbeit: der Handel arbeitet effektiver und ökonomischer, erspart den Warenproduzenten Zeit und erschließt ihnen Märkte, die sie allein nicht zu erschließen vermöchten. Er wirkt daher aufs ganze gesehen verbilligend auf die Produktion zurück, ist an der freien Kapitalbildung beteiligt.[29]

Diese Schilderung der Kapitalentstehung wurde idealtypisch genannt, obwohl Steiner den Begriff nicht dafür verwendet, wegen des ambivalenten Charakters der Antriebe, die die Wirtschaft im kapitalistischen Sinne umwälzen: „Freies Kapital“ kann als Basis sinnvoller Erweiterung von gesellschaftlichem Reichtum und Kultur dienen, kann aber auch das Instrument eines schrankenlosen Egoismus bilden, der den gesellschaftlichen Prozeß dem Fetisch Profit unterwirft. So kehrt sich solche „Freiheit“ gegen die Masse der Arbeitenden, deren Arbeit sie zur Ware macht und als bloßen Kostenfaktor einrechnet. Damit produziert sie Arbeits- und Einkommenslosigkeit, soziale Unsicherheit und Verelendung, statt daß die Einsparung von Arbeit das Los aller erleichterte. Als Gegentendenz ruft sie die Aufblähung der Rolle des Staates hervor, der auf den Plan tritt, diese Freiheit so zu beschränken, daß sie nicht den sozialen Organismus vollends zerstört. Es wäre in der Tat ein „gemütlicher Glaube“[30], die idealtypische Rolle des Kapitals mit der historischen Realität des Kapitalismus einfach zu identifizieren.

Realiter gehen in die Gewinne der Unternehmen bis heute zahlreiche unechte Bestandteile ein: Gewinne aus dem Raubbau an der menschlichen Arbeitskraft, Konjunktur- und Inflationsgewinne, Gewinne aus Grundstücks-, Aktien- und Devisenspekulation, Gewinne durch Ausnutzung monopolistischer bzw. oligopolistischer Marktbeherrschung, während nur die Absonderung von freiem Kapital („Rationalisierungsgewinn“) im „wahren Sinne als Kapital“ gelten darf.[31] Diese Verquickung führt zu sozialen Karzinombildungen, die die sozialorganisch richtigen Kapitalbildungsprozesse durchwuchern. Steiner analysiert z.B. anhand des Verhältnisses von Personal- und Realkredit, wie die Kreditschöpfung, die eigentlich dazu führen soll, daß das Kapital ,zum Klugen schwimmt‘, der aufgrund seiner geistigen Fähigkeiten den bestmöglichen Gebrauch von ihm machen wird (Personalkredit im Vertrauen auf Tüchtigkeit usw.), zu einem Mittel der Stauung von Kapital in Grund und Boden wird, weil Kredit primär jenen gewährt wird, die materielle Sachwerte als Sicherheit zu bieten haben, völlig ungeachtet ihrer persönlichen Tüchtigkeit oder Untüchtigkeit (falsche Dominanz des Realkredits).[32]

Unter solchen Bedingungen ist es klar, daß die Kapitalfunktion - Anwendung von Geist auf Arbeit - und das Kapitaleigentum nicht unmittelbar identisch sein, ja in schreienden Widerspruch zueinander geraten können. Diese Problematik zu sehen, ist sehr wichtig, wenn man in der Debatte über die ökonomischen Konzeptionen von Marxismus und Anthroposophie nicht aneinander vorbeireden will. Wenn Marx nicht ohne Hochachtung von den tatsächlichen Anwendern von Geist auf Arbeit, den Erfindern spricht, von den gewöhnlichen „amis du commerce“ dagegen mit unverhohlener Verachtung, so hat diese unterschiedliche Behandlung durchaus ihr Fundamentum in re. „Die größere oder geringere Anwendung der Teilung der Arbeit“ hat im kapitalistischen Alltag sicher oft „von der Länge der Börse“ abgehangen, nicht „von der Größe des Genies“.[33] Auch mögen oft genug die „viel größeren Kosten, womit überhaupt ein auf neuen Erfindungen beruhendes Etablissement betrieben wird, verglichen mit den späten, auf seinen Ruinen [...] aufsteigenden“ so weit gegangen sein, „daß die ersten Unternehmer meist Bankerott“ machten „und erst die spätern, in deren Hand Gebäude, Maschinerie etc. wohlfeiler kommen, florieren. Es ist daher meist die wertloseste und miserabelste Sorte von Geldkapitalisten, die aus allen neuen Entwicklungen der Arbeit des menschlichen Geistes und ihrer gesellschaftlichen Anwendung durch kombinierte Arbeit den größten Profit ziehen.“[34]

Was bedeuten aber solche Beobachtungen? Sie bedeuten, daß Geldmachtanhäufungen entstanden sind, die sich von ihrer realen Basis gelöst und ihr gegenüber verselbständigt haben. Hier liegt keine wertschöpferische Funktion vor, sondern eine parasitäre Exploitation sowohl der Hand- wie der Kopfarbeit, der Früchte der Wissenschaft. Diese beiden Ausbeutungsmethoden hat Marx im Auge, wenn er von der Erhöhung des absoluten und des relativen Mehrwerts spricht. Ein gewaltsam von seinen Subsistenzmitteln losgerissener produktionsmittelloser Proletarier steht einem die Produktionsmittel besitzenden Kapitalisten gegenüber, und er muß auf das Scheingeschäft „Arbeit gegen Lohn“ eingehen. Die Anwendung des Geistes auf die Arbeit besteht auf Seiten des Kapitalisten hauptsächlich darin, den Arbeitstag immer mehr zu verlängern und die Arbeit zu überwachen. Große technische Innovationen sind unter diesen Bedingungen überflüssig. Anders wird die Lage, wenn der Kampf der Arbeiter um den Normalarbeitstag der Erhöhung des absoluten Mehrwerts Schranken setzt; nun wird der Einsatz von Maschinerie interessant: „[...] seit Anfang 1825 [...] die Erfindung und Anwendung der Maschinen nur das Resultat des Krieges zwischen Unternehmern und Arbeitern [...]“[35] Nun hat aber der Profithunger noch keine Maschine konstruiert, ohne sich dazu der Leistungen technisch-wissenschaftlicher Intelligenz zu bedienen, die die zweite wirkliche Quelle der Wertbildung - neben der Handarbeit - ist. Trieb unser Kapitalist erst einmal Raubbau an den Kräften des Arbeiters, so versucht er es jetzt mit Raubbau an den Resultaten der allgemeinen Arbeit, sprich Wissenschaft: „Die Wissenschaft kostet dem Kapitalisten überhaupt ,nichts‘, was ihn durchaus nicht hindert, sie zu exploitieren. Die ,fremde‘ Wissenschaft wird dem Kapital einverleibt, wie fremde Arbeit.“[36] Bei der Marxschen Theorie der Ausbeutung ist also ein Kapitalist unterstellt, der das Kapital zwar besitzt, dessen Beitrag zur freien Kapitalbildung aber in keinem Verhältnis zu diesem Besitz und seiner Mehrung steht und dessen Bild daher zurecht negativ gezeichnet wird. Der idealtypische Kapitalist, von dem wir oben sprachen, verfügte über Kapital aufgrund seiner individuellen unternehmerischen Fähigkeiten, die ihn einen Bedarf erkennen, die Mittel zu seiner Befriedigung finden und realisieren ließen. Oder aber er erhielt sein Kapital im Vertrauen auf solche Fähigkeiten geliehen und vermehrte es mit seinen Mitarbeitern zusammen (freie Kapitalbildung). Der Marx vorschwebende Kapitalist ist nicht als Unternehmer zu Kapital, sondern durch Kapital zur Unternehmerrolle gelangt; die Länge seiner Börse vermag in einem gewissen Rahmen sogar gänzlich mangelnde Kompetenz zu kompensieren. An diesem Typus macht sich das vulgärmarxistische Schema vom Unternehmer als dem bösen Klassenfeind fest, der die braven Arbeiter um den Löwenanteil der Früchte ihrer Mühen bringt, vulgär deshalb, weil es mit dem beschriebenen Typus auch diejenige Unternehmerpersönlichkeit trifft, die durch tatsächliche innovatorische und organisatorische Fähigkeiten einen erheblichen Beitrag zur gesellschaftlichen Gesamtarbeit leistet.

Eine Persönlichkeit dieser Art, wenn sie zusätzlich über soziale Gesinnung verfügt, wird aus den Sachzwängen einer profitorientierten Ordnung nicht gänzlich ausbrechen können, also durch das Konkurrenzprinzip daran gehindert sein, „insulär“ eine soziale Neuordnung zu realisieren. Doch werden ihre wirtschaftlichen Entscheidungen nicht allein von Renditegesichtspunkten, sondern auch „von dem Motiv der Sicherheit, von der Verantwortung gegenüber dem Unternehmen und seinen Angestellten“ geleitet sein.[37]

Die Ursache für die Möglichkeit des Aufstiegs der ,miserabelsten und wertlosesten Sorte Geldkapitalisten‘ liegt, wenn man Steiner folgt, nicht im individuellen Verfügungsrecht über Kapital, das in Form von Geldkapital und Produktivkapital vielmehr frei zur Verfügung stehen sollte, um den Einsatz von unternehmerischen menschlichen Fähigkeiten, von sinnvoller wirtschaftlicher Initiative zur Deckung eines berechtigten Bedarfs zu ermöglichen. Sie liegt im Weiterbestehen dieses Verfügungs-(Eigentums-)Rechts, „wenn die Bedingungen aufgehört haben, welche in zweckmäßiger Art individuelle menschliche Fähigkeiten mit dieser Verfügung zusammenbinden“ (wodurch das Problem der „Überleitung des Eigentums von einer Person oder Personengruppe an andere“ entsteht).[38] Und diese Ursache liegt zweitens in der Möglichkeit, nicht nur Grund und Boden, nicht nur Arbeitskraft, sondern auch Produktivkapital bzw. Anteile daran wie eine Ware zu kaufen und zu verkaufen. Damit aber gerade entsteht erst die Möglichkeit jener ausbeuterischen Kapitalakkumulation, die Marx bei seiner Kritik einzig im Auge hat und die gemäß Steiners Diagnose aus dem Überlappen der Gesichtspunkte des wirtschaftlichen Lebens in die aus dem Rechtlichen heraus zu gestaltende Arbeitsordnung und die aus dem Geistigen heraus zu gestaltende Kapitalverwaltung erwächst.

Marx wird des Geistursprungs des Kapitals nicht inne, weil er ihn unter den Überlagerungen, die wir geschildert haben, nicht zu entdecken vermag. Den Fetischismus, der den Sachwerten und dem Geld wertschöpferische Kraft zuerkennt, durchbricht er nur für den WI-Bereich (Anwendung von Arbeit auf Natur), in bezug auf den WII-Bereich (Anwendung des lebendigen geistigen Vermögens auf die Arbeit) kommt er über Ansätze des Begreifens nicht hinaus. Weil er die Deformationen der Kapitalbildungsprozesse mit dem Kapital als solchem identifiziert, neigt er der Auffassung zu, die zukünftige Ökonomie werde überhaupt keine Händlerfunktion, kein Geld, keine Preise usw. mehr kennen, da dann die individuellen Arbeiten nicht mehr auf dem Umweg des Tauschwerts, sondern unmittelbar als Bestandteil der Gesamtarbeit existieren. Für eine Übergangsperiode denkt er an ein Bezugsscheinsystem, während man heute immerhin für diese Übergangsperiode noch der Ware-Geld-Beziehung eine wesentliche, wenn auch gegenüber dem Kapitalismus veränderte Rolle zuerkennt.[39] Joseph Huber urteilt: „Mit der mechanischen Abschaffung des Privateigentums tendiert der Marxismus dazu, wirtschaftliche Initiativen überhaupt zu ersticken, es sei denn, sie gingen von den bürokratischen Zentren aus. Anthroposophen dagegen sehen die Notwendigkeit der Selbstverwaltung, jeweils von der individuellen bis zur gesamtgesellschaftlichen Ebene. Während der Marxismus mit dem Kapitalisten den unternehmerischen Geist überhaupt aus der Welt verbannt [...], sehen Anthroposophen die Notwendigkeit für alle im Wirtschaftsleben tätigen Menschen, ihren Unternehmungsgeist gemeinschaftlich und verantwortlich auszuleben.“[40]

Wie hält es Steiner nun mit dem Mehrwert? Auch wenn Marx sagt, der Mehrwert bestehe aus der unbezahlten Arbeit der Arbeiter, so meint er damit nicht, der gesamte Mehrwert sei als Lohn auszuschütten, vielmehr kritisiert er die Phrase vom Recht auf den „unverkürzten Arbeitsertrag“ im von Lassalleschen Ideen beeinflußten Programm der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands. Ein Teil dieses Ertrags müsse notwendig zum Ersatz der verbrauchten Produktionsmittel und zur Ausdehnung der Produktion, für Verwaltungskosten, Reserve für Notfälle, für Bildungs-, Gesundheits- und andere Sozialfonds verausgabt werden und stehe daher für die individuellen Einkommen nicht zur Verfügung.[41] In Steinerschen Termini bedeutet das schlichtweg, daß ein Teil des Mehrertrags im Wirtschaftsleben verbleiben, ein anderer dem Rechtsleben und dem Geistesleben (zu dem z.B. Bildungs- und Gesundheitswesen gehören) zufließen muß. Dabei hat nur der dem Staat zufließende Teil den Charakter von Steuer, während das Geistesleben durch „Schenkungsgeld“ - Steiner unterscheidet außerdem noch Kaufgeld und Leihgeld - finanziert werden muß.[42]

Der echte Mehrwert kann in einem Unternehmen nur im Zusammenwirken des WI- mit dem WII-Bereich geschaffen werden: Handarbeiter, Meister, Ingenieur, kaufmännischer Angestellter, Manager, sie alle sind an seiner Erzeugung beteiligt, aber eben nicht nur sie, sondern auch die längst verstorbenen Erfinder, von deren Entdeckungen die Produzenten mit Vorteil Gebrauch machen.[43] Schon der letzte Gedanke würde ausreichen, um das Konzept einer Einkommensbildung als ,angemessene Honorierung‘ des ,meßbaren‘ Beitrags der Produzenten zur Gesamtarbeit ad absurdum zu führen: Auf welches Konto sollte man denn auch Leibniz, Archimedes oder anderen Geistesgrößen das Honorar überweisen? Die Vorstellung des Einkommens als Bezahlung der eigenen Leistung entstammt selbstversorgerischen Vorstellungen und ergibt allenfalls für Verhältnisse zwischen kleinen Warenproduzenten noch einen nachvollziehbaren Sinn. Der Teilarbeiter arbeitet keine Ware mehr allein fertig, und nur Waren kann man legitimerweise verkaufen. Zustimmend zitiert Marx Th. Hodgskin mit der Bemerkung: „Es gibt aber nichts mehr (unter den Bedingungen der Arbeitsteilung in der Manufaktur, CS), was man als den natürlichen Lohn der Arbeit eines einzelnen bezeichnen könnte. Jeder Arbeiter erzeugt nur einen Teil eines Ganzen, und da jeder Teil für sich allein ohne Wert und Nutzen ist, gibt es nichts, was der Arbeiter nehmen und wovon er sagen könnte: Das ist mein Erzeugnis, das will ich für mich behalten.“[44]

Soweit überhaupt ein Anspruch auf den Mehrwert geltend gemacht werden kann, so weder von den Hand- noch von den Geistesarbeitern als Individuen, sondern allenfalls vom Geistesleben als ganzem. Steiner strebt danach, Formen zu finden, die einen Teil des wirtschaftlichen Ertrages in das Geistesleben fließen lassen, damit er dort Früchte trägt, die schließlich auch der Wirtschaft wieder zugutekommen, statt wie heute üblich ein selbstzweckhaftes und ökologisch bedenkliches Wachstum immer neu anzufachen - wobei der Staat durch Abschöpfung (Zwangsschenkungen an Geistes- und Rechtsleben) die schlimmsten Folgen solchen Raubbaus abzufangen hat, um den Preis der Einschränkung von Freiheitsräumen. Der von Steiner intendierte sozio-kulturelle Wandel würde den Sinn der Produktion für den Menschen und seine allseitige Entwicklung als geistige Individualität statt des Profits in den Mittelpunkt stellen und damit die heute vorherrschende reine kommerzielle Wirtschaftsgesinnung ablösen. An die Stelle der Finanzierung über den Staat träte ein Netz vielgestaltiger Beziehungen zwischen Wirtschafts- und Geistes- bzw. Rechtsleben, bei dem auch Überlegungen für eine Reform der Geldordnung keine geringe Rolle zufällt.[45] Aus dem Rechtsleben heraus können für die Beziehungen der drei Sozialglieder Regeln gefunden werden, die praktische Gestaltung aber obliegt nicht dem Staat, der sich aus der Verantwortung für Wirtschafts- und Kulturleben herauslösen würde. Für das Geistesleben bedeutet das die Chancen, aber natürlich auch die Risiken der Eigenverantwortung: Die „Kulturarbeiter“ müßten um das freie Verständnis für ihre Rolle und ihre Leistungen werben. Steiner will kein freischwebendes Geistesleben, sondern eines, das seiner Verantwortung für die Gesamtgesellschaft aus eigener Initiative, in engem Zusammenwirken mit den beiden anderen Sozialgliedern wahrnimmt.

Aus Steiners ökonomischer Konzeption ergeben sich also Konsequenzen für die Gesellschaftsordnung als ganze. Sie führt zur Einsicht in die Notwendigkeit einer neuen Eigentumsordnung, einer neuen Einkommensordnung und einer neuen Wirtschaftsordnung.

Steiners Alternative zum kapitalistischen Privateigentum besteht in der Neutralisierung des Kapitals, die R. Brüll mit dem folgenden Beispiel veranschaulicht: Gesetzt, es gründet jemand mit ersparten 50.000 DM eine Druckerei, ist durch seine Fähigkeiten in der Lage, den Maschinenpark zu erweitern und immer mehr Mitarbeiter einzustellen, so daß der Betrieb nach 20 Jahren mit einem Gesamtvermögen von 850.000 DM dasteht. Im privatkapitalistischen System hätte der Gründer, wenn er aus Altersgründen Schluß machen will, den Betrieb für diese Summe und den entsprechenden Aufpreis im Hinblick auf zu erwartende Gewinne für vielleicht 1,5-2 Mio. DM veräußern können. Nicht so bei Steiners ökonomischem Konzept. Hat der Gründer während seiner Arbeitszeit ein angemessenes Einkommen erhalten und ist für eine angemessene Rente gesorgt, dann stehen ihm beim Austritt genau die investierten 50.000 DM zu, einschließlich einer gewissen rechtmäßigen Verzinsung (die natürlich beim heutigen wirtschaftlichen Umfeld die Geldentwertung mit kompensieren müßte). Die hinzugekommenen 800.000 DM sind nicht allein das Verdienst des Gründers, sondern ebenso seiner Mitarbeiter und bleiben als neutrales Kapital im Betrieb. Sie gehören sozusagen niemandem mehr, sondern stehen dem Betrieb und seinem neuen Leiter zur Verfügung. Die Vorteile dieses Verfahrens liegen auf der Hand. Denn die 800.000 DM hätte der Betrieb, damit sich der Kauf für den neuen Inhaber rentiert, unter enormem Leistungsdruck erneut erwirtschaften müssen. Nutznießer davon wäre die Bank, die am Kredit des neuen Inhabers verdient, sowie „die Gastronomie von Las Vegas, wo der Alte sein Vermögen verbrasselt“. Die bargeldlose Übergabe hat den weiteren gesellschaftlichen Vorteil, daß der Fähige und nicht der finanziell Potente, der nur ein Renditeobjekt sucht, die Leitung übernehmen wird. Die Produktion bleibt bedarfsorientiert und die Arbeitsplätze erhalten. Der bisherige Inhaber hat aufgrund seiner Erfahrung das Recht, in Absprache mit den Mitarbeitern einen Nachfolger zu bestimmen. Erst wenn auf diese Weise kein Nachfolger gefunden wird, entscheidet ein Organ des Geisteslebens. Der Staat hat die Übergabe und ihre Modalitäten zu garantieren, aber sonst keine Befugnisse. Aufgrund unseres von der römischen Tradition geprägten Eigentumsrechts ist die Kapitalneutralisierung in reintypischer Form heute schwierig. Kompromißformen wie die Übertragung der Gesellschaftsanteile eines Unternehmens an eine gemeinnützige Stiftung o.ä. sind deshalb oft unumgänglich, beseitigen aber natürlich noch nicht das Problem der Verkäuflichkeit der Anteile[46]. Letztlich ist also eine Veränderung der Gesetze unumgänglich: der politische Aspekt kann nicht ausgeklammert werden.

Die Kapitalneutralisierung muß begleitet sein von einer neuen Einkommensordnung und einer weitgehenden Einbeziehung aller Mitarbeiter in die betriebliche Beratung und Selbstverwaltung. Objektiver Altruismus oder „Sozialismus“ ist undenkbar ohne Aufhebung der Lohnarbeit. Steiner stellt die Frage jedoch anders als Marx: Nicht darauf könne das „Bestreben gerichtet sein, den Wirtschaftsprozeß so umzugestalten, daß in ihm die menschliche Arbeitskraft zu ihrem Recht kommt, sondern darauf: wie bringt man diese Arbeitskraft aus dem Wirtschaftsprozeß heraus, um sie von sozialen Kräften bestimmen zu lassen, die ihr den Warencharakter nehmen.“[47] Einkommensbemessung soll nach Gesichtspunkten des Rechtslebens erfolgen, d.h. daß darüber, soweit nicht schon Regelungen durch die Rahmengesetzgebung des betreffenden Staatswesens demokratisch getroffen sind, die „Mitarbeiter innerhalb eines Arbeitszusammenhangs gleichermaßen“ mitsprechen, (was nicht unbedingt heißen soll, daß jeder gleichviel mit nach Hause tragen soll).“

Durch die Trennung von Arbeit und Einkommen soll die Motivation zur Arbeit immer stärker - im Sinne des sozialen Hauptgesetzes - vom Gelderwerb abgekoppelt, andererseits ein Recht auf Einkommen unabhängig von konjunkturbedingter Auslastung der Betriebe etabliert werden. Zeitweiliges Einkommen ohne Arbeit in einem könnte so zeitweilige Arbeit ohne Einkommen in einem anderen Bereich - etwa freiwilligen Einsatz im sozialen Sektor - absichern. Indem die Kosten dieser das bisherige System der Arbeitslosenversicherung ablösenden Einkommenssicherung auf alle Betriebe gerecht umgelegt würden, entfiele der „Anreiz“ zur Einsparung von Arbeitskräften aus Profitgründen. Das Problem der internationalen Konkurrenzfähigkeit begrenzt natürlich den Spielraum der Wirtschaft, solange eine ökonomische Neuordnung nur in einem oder einigen Ländern stattgefunden hat. Die praktischen Ansätze, die es in anthroposophischen Einrichtungen in der Frage der Einkommensordnung bereits gibt, und auch die Meinungsunterschiede unter Anthroposophen über diese Frage können hier nicht behandelt werden.[48]

Entscheidend ist, daß die Verbindung von Kapitalneutralisierung, Einkommensordnung, Beteiligung der Mitarbeiter an Beratung und Selbstverwaltung mit der Realisierung des Prinzips der Assoziation, darauf zielt, im dreigliedrigen sozialen Organismus den Klassenkampf um Lohn und Leistung durch die Beseitigung seiner Ursachen aufzuheben. Denn es würden sich letztlich nicht gegenüberstehen Lohnarbeiter und Kapitalist, sondern einfach „Arbeitsleiter“ und „Arbeitsleister“, wobei gesamtgesellschaftlich sichergestellt sein soll, daß individuelle Fähigkeiten und nicht der väterliche Geldbeutel darüber entscheidet, wer mehr im WI- und wer mehr im WII-Bereich seinen beruflichen Schwerpunkt findet. Arbeitsleiter und Arbeitsleister werden einfach vertraglich festlegen, d.h. aus rechtlichen Gesichtspunkten heraus bestimmen, welcher Teil des gemeinsam Geschaffenen dem individuellen Konsum zufließen und wie der Anteil jedes einzelnen an diesem Teil sein soll. Diese Aufteilung ist kein Tauschgeschäft, daher ist nur die Geltendmachung von Bedürfnissen entscheidend, wobei natürlich der Umfang des überhaupt Verteilbaren darüber entscheidet, was aus der Rangliste der Bedürfnisse Berücksichtigung finden kann und was nicht. Der Arbeitsleiter mag mehr beanspruchen, er muß dies aber im Prinzip ebenfalls vom Bedarf her legitimieren, insofern hat er kein Vorrecht mehr. - Daß in der Praxis unberechtigte Einkommensunterschiede nicht von heute auf morgen abzubauen sind - vor allem nicht überall -, daß materielle Interessiertheit als Arbeitsmotivation nur in einem längeren Prozeß an Bedeutung verlieren kann, daß vor allem die Entwicklung vom Haben- zum Gebenwollen dem einzelnen nicht administrativ verordnet werden darf, dürfte Steiner nur zu bewußt gewesen sein. Vor allem kann der dreigliedrige soziale Organismus nicht allen Unternehmungen ein identisches Modell aufzwingen; er muß es den innerbetrieblichen Willensbildungsprozessen überlassen, in welchem Tempo, welchem Umfang und welcher konkreten Form im einzelnen die Trennung von Arbeit und Einkommen verwirklicht wird.[49]

Insgesamt dürfte sich die Entwicklung in Richtung einer Unternehmensstruktur bewegen, die man mit H. Witzenmann durch den Begriff des Gegenstromprinzips charakterisieren kann. Dieses Prinzip stellt die Steigerung ökonomischer Effektivität des Unternehmens und die Erhöhung der Selbstverwirklichungschancen der Arbeitenden nicht als Gegensätze einander gegenüber, sondern behandelt sie als zwei aufeinander bezogene und immer neu miteinander in Einklang zu bringende Unternehmensziele, wobei die Effektivität kein Selbstzweck ist, sondern der Bedarfsdeckung der Abnehmer dienen soll. Entscheidend für die Entwicklung eines Unternehmens als Organisation ist der soziale und individuelle Lernprozeß, der die Arbeitsmotivation im Sinne des „objektiven Altruismus“ verändert. Man kann von einem Gegenstrommodell sprechen, weil die entscheidende Form der Vermittlung von mehr ausführenden und mehr leitenden Tätigkeiten, von WI und WII, nicht auf dem Wege einer Befehlshierarchie, sondern auf dem Weg der Beratung erfolgt, durch die Probleme und Konflikte immer wieder neu wahrgenommen und frühzeitig bewältigt werden können. Die hiermit angesteuerte Unternehmensverfassung - Götz Rehn hat sie in seinem Buch über Organisationsentwicklung im einzelnen dargestellt - nimmt den Mitarbeiter in seiner geistigen Autonomie ernst, indem sie ihn an Zielfindung und Sinngebung der Unternehmenstätigkeit partizipieren und seiner aus individueller Einsicht erwachsenden Handlungsinitiative freien Raum läßt. Die Fragen des täglichen Miteinanders in der betrieblichen Kooperation und die Rechte und Pflichten der Mitarbeiter sollen im Geist der Gleichberechtigung aller Beteiligten behandelt werden.[50]

So wichtig Einzelinitiativen auch sind, letztlich ist Steiners ökonomische Konzeption in ihren Realisierungschancen davon abhängig, daß es über insuläre Experimente hinaus zu gesamtgesellschaftlichen Effekten, letztlich zu einer neuen Wirtschaftsordnung kommt. Die Frage der konkreten Voraussetzungen dafür kann hier nicht diskutiert werden. Die Geschichte des im ökonomisch gescheiterten Experiments mit der „Kommenden Tag AG“ ware auch unter diesem Gesichtspunkt studierenswert.[51] Das entscheidende Instrument der wirtschaftlichen Neuordnung sieht Steiner in der Assoziation. Durch sie will er von einer primär produktions- bzw. profitorientierten zu einer primär bedarfsorientierten Wirtschaft gelangen. Dabei geht es nicht um Anti-Konsum-Parolen und Nullwachstumsideologie, sondern präzise um die karzinomhafte Verselbständigung des Wachstums, für die Bedürfnisse künstlich über Werbung etc. zugerichtet werden müssen. Eine Initiative der Produktion im Sinne sinnvollen Wachstums wird von Steiners Kritik nicht betroffen. Der Bedarf sei nichts Statisches und werde durch den Kulturprozeß selber erzeugt. Wolle man die Produktion bloß nach dem vorhandenen Bedarf regeln und der Produktion nicht die Initiative geben, bringe man ihn zur Stagnation.[52]

Diese Aussage trägt der „dialektischen“ Wechselbeziehung von Konsumtion und Produktion Rechnung, die durch die Distribution vermittelt wird. Schreibt Marx, auf Hegels Terminologie anspielend, daß „Produktion, Distribution und Konsumtion einen regelrechten Schluß bilden“[53], so zieht Steiner aus diesem Verhältnis die Konsequenz, die Schlüssigkeit der drei Bereiche durch Assoziationen von Produktion, Handel und Konsumenten sicherzustellen.

Die Assoziationen sollen den heute zwar durch Monopolbildung und Staatsinterventionismus modifizierten, aber immer noch wirksamen Widerspruch zwischen Planmäßigkeit der betrieblichen Organisation und gesamtwirtschaftlicher Anarchie aus wirtschaftlichen Kräften, ohne Staatseinmischung, lösen. Nicht zentralistisch-dirigistische Befehlswirtschaft ist die Lösung, vielmehr soll das, was Marx „vorherbestimmende Kontrolle der Gesellschaft über die Produktion“ genannt hat, aus der gemeinsamen Urteilsbildung der Sachverständigen hervorgehen, die von Produzenten, Handel und Verbrauchern delegiert sind. Es ist naheliegend, dabei zunächst an Branchenassoziationen zu denken, aber da die Produzenten der einen immer auch Verbraucher anderer Branchen sind, ergibt sich eine umfassende Vernetzung, wobei sich der Umfang der Assoziationen nach pragmatischen Gesichtspunkten regeln würde.[54] Aus dem lebendigen Wahrnehmen von ökonomischen Trends, etwa im Bereich der Bedarfsentwicklung, soll unbürokratisch eine flexible Steuerung der Kapazitäten erfolgen und ein Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage bewirkt, sollen Fehlentwicklungen frühzeitig korrigiert und so Vollbeschäftigung und Geldwertstabilität gesichert werden. Freie Assoziationen sind flexibel genug, um auf die unzähligen sich spontan und individuell bildenden Bedürfnisse einzugehen, für die ein zentralistisches System der „Planung und Leitung“, selbst bei Einsatz modernster Plantechnologien doch immer zu weitmaschig bleibt. Die Assoziationen belassen den einzelnen Betrieben ihre Autonomie, auch in der Gestaltung ihrer ,Außenbeziehungen‘. Die Orientierung an den Bedürfnissen ist zwar im marxistisch-leninistischen Selbstverständnis das oberste Ziel des Wirtschaftens im Sozialismus. Aber der staatliche Dirigismus muß einfach dazu führen, daß die Instanzen, die über die Planung entscheiden, sich ein Urteil über die künftigen Bedürfnisse der einzelnen zuschreiben müssen, das sie legitimerweise nicht haben können.

In der Abstimmung von Produktionsquoten, Preisen usw. nimmt die heutige Kartellisierung durchaus Elemente der Assoziation vorweg: Darin ist sie aber nicht die Lösung des Problems, sondern nur der Ausdruck seiner Überreife, der Überlebtheit der traditionellen Wirtschaftsordnung. Sie ist eine Karrikatur auf die Assoziation durch die ruinöse monopolistische Konkurrenz, die die Märkte verstopft und der Tendenz gesamtgesellschaftlicher Regulierung krass widerspricht: sie erwächst aus dem Streben der Großkonzerne nach Maximalprofit. Die Konzentration und Zentralisation des Kapitals zu solch gewaltigen Machtzusammenballungen war nur möglich durch die Form der Aktiengesellschaft. Diese stellt die Unterordnung der Kapital(Leitungs-)funktion unter das Kapitaleigentum äußerlich dar: Sie wird von angestellten Managern geleitet, die aber als Funktionäre der großen Anteilseigner agieren, deren Profitinteressen sie stets im Auge haben müssen. Der Aktionär kann u.U. Einkommen aus Kapital beziehen, ohne einen Finger zu rühren; er kann mit diesem Einkommen über die Arbeit anderer verfügen, ebenso wie es ein Teil der Grundeigentümer vermag. Die Folgen der Herausbildung des Monopolkapitalismus für das Verhältnis von Ökonomie und Politik hat Steiner klar gesehen: er wußte, was es bedeutet, wenn „man die Maschinerie ganzer Reiche in Bewegung setzen kann, um irgendetwas Geschäftliches zu erreichen“ und daß weltpolitische Entscheidungen mehr und mehr unter dem Einfluß der „internationalen Großkapitalmächte, die sich der Reiche als Instrumente bedienen“, fallen.[55] In der Diagnose des Monopolkapitalismus ist er sich mit den Marxisten einig: die Erscheinungen des ,modernen Kapitalismus‘ sind ein Indiz für die Notwendigkeit der Ersetzung des Systems, aus dem sie erwuchsen, durch ein neues, besseres. Auch darin herrscht Übereinstimmung, daß es auf praktische Veränderung ankommt. Unter solchen Bedingungen können die Meinungsunterschiede über das Wie dieser Veränderung nicht einem Dialog zwischen Marxismus und Anthroposophie entgegenstehen, sondern sie machen ihn nur noch mehr zum Erfordernis.



[1] Wie z. B. für Popper 1973, S. 209. Für Steiner verhalten sich die Preise zu den ökonomischen Realitäten wie der Thermometerstand zur Temperatur. Vgl. GA 340, S. 30f.

[2] Vgl. GA 340, S. 21ff.

[3] Wilken 1976, S. 35 f.

[4] MEW 23, S. 61.

[5] Grundrisse, S. 592 f.

[6] GA 188, S. 200f.

[7] S. MEW 23, S. 55, 224 f.; Steiner, a.a.O., S. 24, nennt die Marxsche Betrachtung „kolossalen Unsinn“.

[8] So auch Huber 1979, S. 156.

[9] Huber 1978, S. 145f.

[10] ibd., S. 143.

[11] Vgl. Hagemann u.a. 1975 und das i.ü. sehr problematische Buch von Becker 1972.

[12] GA 340, S. 67f.

[13] GA 188, S. 200.

[14] Löbl, Wirtschaft am Wendepunkt, S. 240f., zit. nach Huber 1978, S. 46.

[15] Geisteswiss. u. soziale Frage, in GA 34, S. 206.

[16] Huber 1979, S. 156. Dort auch das folgende Zitat.

[17] Huber 1978, S. 46.

[18] GA 340, S. 70.

[19] MEW 26. 1., S. 127 f., vgl. MEW 23, S. 532, zum „indischen Buchhalter“ MEW 24, S. 135.

[20] Konstantinow 1972, S. 345; MEW 23, S. 531.

[21] Marx, Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, S. 74. Nachdruck eines 1863/64 entstdn., 1933 vom Moskauer Marx-Engels-Archiv vcröfftl. Mnskr. Zit. n. „Klassen- und Sozialstruktur ...“ 1973, S. 81.

[22] Vgl. z.B. in GA 333 und GA 340.

[23] MEW 23, S. 350.

[24] Vgl. MEW 25, S. 113f.

[25] GA 340, S. 44.

[26] Vgl. MEW 23, S. 161ff.

[27] GA 340, S. 47.

[28] GA 188, S. 194.

[29] Vgl MEW 24, S. 131ff.; MEW 25,S. 278ff., 336; GA 340,S. 35.

[30] MEW 23, S. 385.

[31] Wilken 1976, 45f.

[32] Vgl. in GA 340, besonders im V. Vortrag.

[33] MEW 23, S. 385.

[34] MEW 25, S. 114.

[35] Brief an Annenkow, in MEW 27, S. 455.

[36] MEW 23, Anm. zu S. 407.

[37] Lindenberg 1981, S. 33. In der Wirklichkeit gibt es natürlich zwischen „häßlichem Kapitalisten“ und „Reformunternehmer“ alle möglichen Schattierungen.

[38] GA 23, S. 87. Uber die Modalitäten der Überleitung kann es zu verschiedenen Zeiten ganz unterschiedliche Gesetze geben: Dreigliederung ist keine starre Programmatik. (Ibd. 89)

[39] Vgl. bei Marx MEW 19, S. 19ff.

[40] Huber 1979, S. 157.

[41] MEW 19, S. 19.

[42] Vgl. in GA 340 und GA 28.

[43] Vgl. GA 340, S. 71.

[44] MEW 23, Anm. zu S. 376.

[45] Vgl. GA 340, S. 154 f., GA 28, S. 104f., ferner bei Schweppenhäuser 1982 und Latrille 1985.

[46] R. Brüll 1984.

[47] GA 23, S. 43f.

[48] Näheres z.B. bei Giese (Hg.) 1980. Zum Vorangehenden vgl. Lindenau, Keimkräfte, 1983. Weniger diskutiert wurden bisher solche Fragen wie Arbeitsrecht, Rolle der Gewerkschaften, Fragen der Arbeitszeitverkürzung usw. Zu letzterem vgl. bei Leber 1984 und GA 330, S. 36.

[49] Vgl. GA 23, S. 108.

[50] Vgl. Rehn 1979.

[51] Vgl. bei Kühn 1978 und Leinhaas 1950.

[52] GA 188, S. 243.

[53] Grundrisse, S. 11.

[54] GA 23, S. 14. Zu den pragmatischen Aspekten auch Latrille 1985.

[55] GA 185a, S. 23f.


Marxismus und Anthroposophie
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