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Nur wer Frieden stiftet,
kann den Terrorismus schlagen

Christoph Strawe

Es waren Bilder, die die Welt erschütterten. Fassungslosigkeit, Angst und Schrecken verbreiteten sich, aber auch Wellen des Mitgefühls mit den Opfern und ihren Angehörigen und Freunden. Die Ungeheuerlichkeit des Geschehens machte den Gedanken an den Tod plötzlich unverdrängbar. Die Verletzlichkeit der so sicher scheinenden, auf hochgezüchteter Technik bauenden Lebensgrundlagen der entwickelten Länder wurde plötzlich deutlich. Unter den sich jagenden Meldungen war auch die, dass Baden-Württembergs Umweltministerium Atomkraftwerke nicht für sicher genug hält, einen Anschlag durch zielgerichtet abstürzende Flugzeuge auszuhalten. Diese eine Meldung genügt schon, um in den Ereignissen eine Aufforderung zum Abschied von Illusionen und zur Bereitschaft zu Veränderungen zu erkennen. Diese Erkenntnis ergibt sich aber nicht von selbst aus den Ereignissen, sondern hängt an der Aktivität und Verantwortungskraft eines jeden einzelnen.

Es ist in vielen Kommentaren angemerkt worden, dass die Anschläge die Symbole des globalen Finanzsystems und der es schützenden militärischen Macht getroffen haben. Gerade diejenigen, welche dieses System für zutiefst problematisch halten, sollten jedoch jeder Faszination der Bilder widerstehen. Zerstörung und kaltblütiger Massenmord tragen nichts dazu bei, jene Ordnung, die in den zerstörten Turmbauten verbildlicht war, durch etwas Besseres zu ersetzen. Ganz im Gegenteil: sie sind ein Schlag gegen alle Bestrebungen zu einer zeitgemäßen Wirtschafts- und Sozialgestaltung.

Dass man in Amerika vor dem Terror nicht kapitulieren will, ist verständlich. Es kann schließlich keinem Zweifel unterliegen, dass die Staaten und die internationale Staatengemeinschaft das Recht haben, wirksame Maßnahmen zum Schutz vor Terrorakten zu ergreifen. Aber eine Katastrophe wie diese müsste eben zugleich auch zur Selbstbesinnung führen. Nur aus ihr heraus wird man zu Maßnahmen kommen, die nicht nur eine Eskalation der Gewalt verhindern, sondern ihre Ursachen angehen, indem sie zu einer weltweiten Ordnung des Friedens beitragen.

Zu einer solchen Selbstbesinnung aber scheint das offizielle Amerika im Moment nicht fähig. Amerika werde angegriffen, so sein Präsident, weil es „das strahlendste Leuchtfeuer der Freiheit und der Chancen in der Welt“ sei. Es handele sich um einen „monumentalen Kampf des Guten gegen das Böse“, in dem das Gute siegen werde. Nicht, dass es sich bei den Hintermännern der Anschläge nicht um finsterste Mächte, Feinde der Freiheit der Individualität handelte. Das entschuldigt jedoch nicht die Selbstgerechtigkeit. Jene Eigenschaft, nur gesteigert, ist es ja eben auch, welche den Kamikazefliegern die Überzeugung verleiht, ein Gottesgericht an dem großen Teufel Amerika zu vollstrecken und als Märtyrer ins Paradies einzugehen. Mit der Formel „Gut gegen Böse“ provoziert man den „Zusammenprall der Kulturen“ (Samuel Huntington), statt ihre Koexistenz zu fördern, durch welche zugleich die Fanatiker in jeder Kultur am ehesten isolierbar sind.

Die klammheimliche oder offen zur Schau gestellte Freude über den Erfolg der Anschläge ist verabscheuungswürdig. Doch darf deshalb übersehen werden, dass es auch solche Ursachen für antiamerikanische Emotionen in vielen Erdteilen gibt, die in der Rolle begründet sind, welche die USA bisher in der Welt gespielt haben, ökonomisch und politisch, z.B. durch Zweckbündnisse mit brutalen Unterdrückern ihrer Völker?

Umso größer wird unter den genannten Bedingungen die Verantwortung Europas, mit eigenen politischen Initiativen friedensstiftend in der Welt wirksam zu werden und eine innere Friedensordnung zu schaffen, welche die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in gegliederten gesellschaftlichen Verhältnissen umsetzt. Um die Globalisierung gestalten zu können, um eine Koexistenz der Kulturen zu ermöglichen, bedarf es neuer Paradigmen. Die Eskalation der Gewalt ist schließlich nur das Ende von Entwicklungen, die erst dadurch entstanden sind, dass die Fragen einer modernen Sozialgestaltung nicht in der notwendigen Weise angegangen worden sind. Der entscheidende Schlag gegen den Terrorismus würde geführt, wenn es endlich gelänge, im Nahen Osten und in anderen Regionen der Erde Frieden zu stiften. Der Gewaltbereitschaft wird Boden entzogen, wenn es gelingt, Wege in eine Weltwirtschaftsform zu bahnen, durch welche immer neu soziale Gerechtigkeit erreicht werden kann.

 

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